DieFäröischeLiteratur entstand Anfang des19. Jahrhunderts mit den ersten schriftlichen Aufzeichnungenfäröischer Balladen (kvæði), die während der Jahrhunderte zuvormündlich überliefert wurden und von unbekannten Autoren stammten.

Durch die Schaffenskraft verschiedener färöischer Schriftsteller Anfang des20. Jahrhunderts konnte sich die kleinste germanische Sprache imfäröischen Sprachstreit bis1938 als anerkannte Bildungssprache durchsetzen.
Heute erscheinen auf denFäröern jährlich mehr Bücher pro Kopf als in jedem anderen Land der Erde. Gemessen an der kleinen Population von weniger als 50.000 Menschen, ist das allgemeine Interesse an muttersprachlicher Literatur außergewöhnlich. DieLandesbibliothek der Färöer wies in ihrer Ausleihstatistik 2000 nach, dass das meist gefragte Buch eine färöische Literaturgeschichte (Band 2: 1876–1939) war. Erst auf Platz zwei folgte ein dänischsprachiges Buch zur Berufsberatung.

Die ersten Zeugnisse geschriebener Sprache auf dem Archipel sind zweiRunensteine. Der Erste wurde1832 inKirkjubøur entdeckt und befindet sich heute imDänischen Nationalmuseum inKopenhagen (sieheKirkjubøstein). Der zweite Runenstein wurde1917 inSandavágur gefunden und steht heute in der Kirche des Ortes (sieheSandavágsstein). Der Kirkjubøstein stammt wahrscheinlich aus derWikingerzeit (spätestens um das Jahr1000) und der Sandavágsstein aus der Zeit um1200.
Ebenjene Wikingerzeit ist Thema derFäringersaga, die inIsland verfasst wurde. Wie die beiden Runensteine ist diese Quelle imAltnordischen verfasst. Erste Hinweise auf eine Herausbildung der altfäröischen Sprache liefert uns derSchafsbrief von1298, der aller Wahrscheinlichkeit nach auf den Färöern von einemFäringer (unterBischofErlendur) geschrieben wurde.
Die damalige bäuerliche Gesellschaft mit etwa 4000 Inselbewohnern produzierte ansonsten keine bekannten Dokumente in schriftlicher Form. DieReformation auf den Färöern im16. Jahrhundert besiegelte die Dominanz derdänischen Sprache als Kirchen- und somit Amtssprache in allen Bereichen. Interessanterweise belegt derFámjinsstein, dass noch kurz nach der Reformation die Runenschrift Verwendung fand. Ab dem17. Jahrhundert sind die Dokumente des färöischen Parlaments, desLøgtings erhalten, allerdings auf Dänisch. Das dänische Gesangbuch vonThomas Kingo beeinflusste die Kirchenmusik lange Zeit; erst 1921 wurde ein färöisches Gesangbuch herausgegeben.
Es wird angenommen, dass die mündliche Tradition derKvæði von einer Bekanntschaft mit derisländischen Literatur zeugt, wie zum Beispiel dieSigurdlieder. Neben denKvæði überlebten die typisch färöischenGenresSagnir (historische Berichte),Ævintýr (Märchen) undTættir (Spottverse) in mündlicher Überlieferung. In der vermutlich spätmittelalterlichen, 1822 erstmals gedruckten BalladeLoka Táttur mischen sich Märchenmotive (wieDas Meerhäschen ausGrimms Kinder- und Hausmärchen) mit Stoffen aus der altnordischen Mythologie.Loki erscheint dabei als listiger Ratgeber – einer der seltenen Hinweise auf nordische Götter in der färöischen Literatur.[1]
Erst dieFranzösische Revolution entwickelte einen Impuls, der auch in den entlegensten Gebieten Europas Auswirkungen haben sollte.Nólsoyar Páll war während derNapoleonischen Kriege der erste Färinger in der Neuzeit, der einen nationalen Freiheitsgedanken in der Muttersprache formulierte. Er gilt bis heute als der Nationalheld, und seinFuglakvæði (Vogelballade, 1805) in 229 vierzeiligen Versen jeweils mit einem Refrain dazwischen, ist das erste wichtige Werk der Neuzeit in färöischer Sprache. Hier wird derAusternfischer (Tjaldur) zum Sinnbild der Nation.
Jens Christian Svabo war der erste Wissenschaftler, der den Wert derkvæði erkannte, aber seine Sammlung wurde zu Lebzeiten nie gedruckt. Er unterstützte aber den dänischen NaturforscherHans Christian Lyngbye während dessen Färöeraufenthalts1817 beim färöischen Spracherwerb, nachdem er sein Interesse an den alten Balladen bekundete.1822 erschien so mit Hilfe vonJohan Henrik Schrøter das erste Buch auf Färöisch:Færøske Kvæder om Sigurd Fofnersbane og hans Æt – damals nach Schrøters phonetischer Orthographie, die sich eng an Svabo orientierte.
Der BauerJens Christian Djurhuus (1773–1853) schrieb eine Reihe weitererKvæði im alten Stil auf, wie sie zuvor über die Jahrhunderte nur durch Gesang und Tanz überdauerten. Er bediente sich dabei der Themen, die wir auch beiSnorri Sturluson finden, dem alten isländischenSkalden. Dabei unterstützte ihnV. U. Hammershaimb, der ihm entsprechende Bücher mit isländischen Sagas zur Verfügung stellte. Bekanntestes Stück istOrmurin Langi, das heute durch die Viking-Metal GruppeTýr bekannt ist.
Jens Christian Djurhuus' SohnJens Hendrik Djurhuus (1799–1892) setzte dieses Werk fort und schrieb Balladen, die heute noch zumfäröischen Kettentanz gesungen werden. (Die Nachfahren aus dieser Familie, die GebrüderJanus Djurhuus undHans A. Djurhuus, werden im 20. Jahrhundert Klassiker – wenn auch mit moderner bzw. volkstümlicher Lyrik.)
Diese Kvæðitradition wurde von Dichtern wieJóannes Patursson (einem Urenkel Nólsoyar Páls),Poul F. Joensen undMikkjal Dánjalsson á Ryggi (1897–1956) ins 20. Jahrhundert gerettet und damit der zukünftigen Generationen zugänglich erhalten.

Diesystematische Festlegung der färöischen Schriftsprache, und damit einer einheitlichen Grammatik, die für alle Dialekte akzeptabel erscheint, fällt dem PfarrerV. U. Hammershaimb zu. Sein Orthographie-Konzept ist heute noch gültig. Der Linguist und AnthropologeJakob Jakobsen leistet ebenso Pionierarbeit, kann sich aber mit seiner einfacherenBroytning-Rechtschreibung nicht durchsetzen. Diesem Umstand verdanken wir unter anderem den BuchstabenÐ, der eine rein etymologische Funktion hat.
Jedenfalls war Hammershaimb maßgeblich daran beteiligt, dass die (ältere) färöische Philologie ihre wissenschaftlichen Grundlagen in dänischer Sprache (als Vermittlungssprache) erhielt. Das so konservierte Kulturerbe war Anknüpfungspunkt derfäröischen Klassiker der Neuzeit.
Jakobsens Verdienst war es, das Färöische zu einer Wissenschaftssprache zu erheben, die sich in allen Bereichen des Lebens durchsetzen konnte, während seine Vorgänger eher an die Rettung alter Sprachdenkmäler dachten. Jakobsens Engagement für dasNorn ist ein Indiz dafür, dass er ein ähnliches Schicksal seiner Muttersprache durch frühe systematischeSprachplanung abwenden wollte.

Im 20. Jahrhundert erlangten färöische Schriftsteller wieWilliam Heinesen undHeðin Brú internationale Beachtung. Ersterer schrieb zwar nur auf Dänisch, ließ sich aber von Letzterem hin und wieder ins Färöische übersetzen, wofür jener wiederum dessen Übersetzungen der Weltliteratur mit eigenen Grafiken illustrierte. Beide waren über lange Jahre Nachbarn in der HauptstadtTórshavn und bildeten dort mit ProfessorChristian Matras ein legendäres Trio (Teir tríggir varðarnir).
Das wichtigste Genre der 1930er bis 1950er Jahre war der realistische Roman. Heðin Brús BildungsromanFeðgar á ferð („Vater und Sohn unterwegs“, deutscher Titel „Des armen Mannes Ehre“) war der erste Roman in färöischer Sprache, der in Weltsprachen übersetzt wurde. Er gilt gleichzeitig als einer der besten färöischen Romane überhaupt.
Jørgen-Frantz Jacobsen wurde nur 37 Jahre alt. Er war ein Zeitgenosse der oben genannten Schriftsteller (gleicher Jahrgang wie sein Cousin William Heinesen). Wie dieser schrieb er auf Dänisch. Sein einziger RomanBarbara (1939) nach der alten Sage der bösen PfarrersfrauBeinta Broberg sollte eines der weltweit erfolgreichsten Bücher von den Färöern werden. Die Verfilmung (Barbara (1997)) war der bis dahin teuerste dänische Spielfilm aller Zeiten.Martin Joensen (1902–1966) schilderte in seinen Romanen das Leben der färöischen Fischer und Seeleute; er war auch Redakteur der ersten Kinder- und JugendzeitungBarnablaðið (1931).
Jens Pauli Heinesen erneuerte den färöischen Roman in den 1950er Jahren durch formale Experimente; später näherte er sich wieder der realistischen Tradition an, wodurch er hohe Popularität gewann.
DerAltphilologeJanus Djurhuus zählt zu den anspruchsvollsten Dichtern der färöischen Literatur. Sein jüngerer BruderHans Andrias Djurhuus erreichte zwar nicht dessen Stellenwert, eroberte dafür mit seinenKinderliedern die Herzen des färöischen Publikums bis in unsere Zeit.Poul F. Joensen wurde durch seine Spottverse(táttur) bekannt und gilt noch heute als einer der beliebtesten Dichter auf den Färöern.
Die seit 1921 erscheinende färöische LiteraturzeitschriftVarðin entwickelte sich unterRikard Long zu einem Forum aller färöischer Autoren bis in die Gegenwart.
Hanus Kamban (* 1942) schrieb Erzählungen und Kurzgeschichten.Carl Jóhan Jensen (* 1957) trat als Lyriker hervor. Der ArchitektGunnar Hoydal (1941–2021) verfasst Lyrik und Künstlerbiographien,Sólrún Michelsen (* 1948) Romane und Erzählungen, auch Kinder- und Jugendbücher.Oddvør Johansen (* 1948) schrieb einen der ersten Frauenromane der Färöer. Als innovativer Punk-Poet wurdeTatióroddur Poulsen (* 1957) bekannt.
Heinesen war 1965 der erste färöische Träger desLiteraturpreis des Nordischen Rates; der zweite war der LyrikerRói Patursson im Jahr 1986. Seite 1958 wird derFäröische Literaturpreis verliehen. Jens Pauli Heinesen erhielt ihn insgesamt vier Mal.