
DasExtended-Range-Full-Bore-Geschoss (ERFB) ist einArtilleriegeschoss mit erhöhter Reichweite. Die Reichweitensteigerung wird primär durch eine verbesserteaerodynamische Form des Geschosses erreicht.
Das ERFB-Geschoss (reichweitegesteigertes Vollkalibergeschoss) wurde von der kanadischen FirmaSpace Research Corporation vonGerald Bull entwickelt.[1] Anfang der 1970er-Jahre arbeitete man dort an dem155-mm-ArtilleriegeschützGC-45, mit welchem man bislang unerreicht große Schussweiten erzielen wollte. Seit demZweiten Weltkrieg erfuhren die 155-mm-Artilleriegeschosse nur geringfügige Anpassungen an der Form und dieaerodynamischen Werte blieben nahezu unverändert.[2] Für eine geplante Reichweitensteigerung musste u. a. auch ein neuartiges Artilleriegeschoss entwickelt werden. Während US-Entwickler zur Reichweitensteigerung Artilleriegeschosse mit zusätzlichemRaketenantrieb entwickelten, verfolgte Gerald Bull einen anderen Weg. Er wollte eine Reichweitensteigerung ohne Raketenantrieb erreichen. Bei Artilleriegeschossen mit Raketenantrieb erhöht sich dieStreuung massiv und ebenso der Preis für ein Geschoss. Weiter reduziert sich dieSprengstoffmenge im Geschoss, da in dessen Geschossboden der Raketenantrieb untergebracht werden muss. Gerald Bull wollte ein Geschoss mit großer Reichweite ohne diese Nachteile entwickeln. Dazu untersuchten die Entwickler bei SRC die deutsche21-cm-Kanone 12 (E) aus dem Zweiten Weltkrieg.[2] Insbesondere analysierten sie die verwendeten Geschosse und deren Flugbahnen. Daraus schlossen die Entwickler, dass sich mit einer Kombination aus einem langenGeschützrohr und aerodynamisch optimal geformten Geschossen, welche mit einer hohenMündungsgeschwindigkeit verschossen werden, sehr große Schussdistanzen erzielen ließen.[1] So wurden zusammen mit derGC-45-Feldhaubitze das erste serienreife ERFB-Geschoss mit der Bezeichnung Mk 10 entwickelt.[2] Danach wurden weitere ERFB-Geschosstypen beiPoudreries réunies de Belgique (PRB) und SOMCHEM /Armscor hergestellt und exportiert. Seit Mitte der 1990er Jahre wird der Geschosstyp auch von verschiedenen anderen Herstellern produziert.[3][4][5]
ERFB-Geschosse werden primär für dasKaliber 155 mm produziert. Daneben existieren auch Modelle im Kaliber 105 mm, 130 mm, 152 mm und 201 mm.[2]

Gegenüber dem 155-mm-NATO-StandardgeschossM107 verfügen ERFB-Geschosse über eine deutlich bessereaerodynamische und schlankere Form.[2] Während normale 155-mm-Geschosse einenballistischen Koeffizienten von 0,47–0,52 aufweisen, liegt dieser Wert bei ERFB-Geschossen mit 0,28–0,38 deutlich niedriger.[7] Ebenso haben ERFB-Geschosse einen deutlich längeren Geschosskörper von 900–980 mm.[8] ERFB-Geschosse verfügen über ein spitzes und stromlinienförmiges Profil, bei dem sich die zur Geschossspitze zulaufendeOgive nahezu über die gesamte Geschosslänge erstreckt. Das Geschossende ist gegen den hohl ausgebildeten Geschossboden mit 2–5°konisch zulaufend.[8] Die Geschosskörper werden in einem Stück ausAHSS-Schmiedestahl (AISI-9260) gefertigt.[9] An der Geschossspitze ist eine Vertiefung mit einemGewinde angebracht. In dieser ist bei der Auslieferung aus dem Werk eineRingschraube bzw. Transportöse eingeschraubt. Vor dem Einsatz wird diese entfernt und durch denZünder ersetzt. Dahinter im Geschosskörper befindet sich dieSprengstofffüllung. In Abhängigkeit vom Geschosstyp beträgt das Gewicht zwischen 42 und 48 kg.[9] Unten am Geschosskörper ist der hohle Heckkonus angebracht. Dieser kann gegen einen Base-Bleed-Glimmsatz für Gaswirbel ausgetauscht werden.[2] Durch die langgezogene ogive Geschossform schließt nur der unterste Teil des Geschosses formschlüssig an die Rohrwandung an.[1] Zur Geschossführung im Geschützrohr sind auf mittlerer Höhe, auf der Geschossoberfläche 4–6 geschwungene Noppen (ähnlich wieKeilwelle) angebracht, welche bündig an die Rohrwandung anschließen. Während des Geschossfluges streicht die Zugluft über die aerodynamisch geschwungenen Noppen und erzeugt so einenGeschossdrall. Bei den ersten ERFB-Geschossen waren diese Noppen für einen erhöhten Rohrverschleiß verantwortlich. Zur Abdichtung des Verbrennungsraumes zwischen Rohrwand und Geschoss sind oberhalb des konischen Geschossbodens 2–4Führungsbänder angebracht.[1] Dadurch, dass ERFB-Geschosse nicht wie herkömmliche Artilleriegeschosse konstruiert sind, welche minimal überkalibrig ausgeführt sind (um so in dieZüge gepresst zu werden), erreichen sie gegenüber diesen eine deutlich höhereMündungsgeschwindigkeit von bis zu über 1000 m/s.[6][10] Während bei den ersten ERFB-Geschossen der beim Abschuss maximal zulässigeGasdruck 3500 bar betrug, liegt dieser bei neueren Modellen bei rund 4500 bar.[9]
Mit ERFB-Geschossen ist eine Reichweitensteigerung um ca. 30 % gegenüber herkömmlichen Artilleriegeschossen möglich.[11] Folgende Schussdistanzen werden erzielt:[1][9]
| Geschosstyp | Beschreibung | Kaliberlänge L/39 | Kaliberlänge L/45 |
|---|---|---|---|
| ERFB-HB | Extended Range Full Bore-Hollow Base Mit Hohlboden am Geschossende. | 25,9 km | 30,1 km |
| ERFB-BB | Extended Range Full Bore-Base Bleed Mit Base-Bleed-Glimmsatz am Geschossende. | 32,2 km | 39,6 km |
Weiter erreicht ein ERFB-RA/BB-Geschoss (mit Raketenantrieb), verschossen aus einem 155-mm-Geschütz mit 45 Kaliberlängen (L/45), eine Schussweite von rund 55 km. Um diese Schussweite zurückzulegen, benötigt das Geschoss rund 130 Sekunden und erreicht dabei eine Flughöhe von knapp 22.000 m.
Seit Anfang der 2000er-Jahre wird von Denel undRheinmetall Denel Munition die 155-mm-MunitionspaletteAssegai mit Extended-Range-Full-Bore-Geschossen der Serie2xxx eingeführt.[6] Die Assegai-Geschosse erfüllen die Vorgaben desJoint Ballistics Memorandum of Understanding (JBMoU) der NATO. Diese Munitionspalette beinhaltet auch einV-LAP-Geschoss (Velocity-enhanced Long-range Artillery Projectile). Dies ist ein ERFB-BB-Geschoss mit zusätzlichemRaketenantrieb. Seit 2014 bietet das obengenannte Herstellerkonsortium die verbesserten Geschosse der Assegai-Munitionspalette der Serie9xxx an. Diese Serie beinhaltet auch ein verbessertes V-LAP-Geschoss mit der BezeichnungM9703. Die ERFB-Geschosse der9xxx-Serie zählen zu den weltweit leistungsstärksten Geschossen ihrer Art.[12] Folgende Schussdistanzen werden mit 155-mm-ERFB-Geschossen der Assegai-Serie, mit einem Geschütz mit 45 Kaliberlängen (L/45) sowie einer 23-Liter-Brennkammer erzielt:
| Geschosstyp | Beschreibung | V0 | Schussdistanz |
|---|---|---|---|
| ERFB-BT | Extended Range Full Bore-Boat Tail Mit Hohlboden am Geschossende. | 911 m/s | 31,6 km |
| ERFB-BB | Extended Range Full Bore-Base Bleed Mit Base-Bleed-Glimmsatz am Geschossende. | 908 m/s | 40,5 km |
| V-LAP | Velocity-enhanced Long-range Artillery Projectile ERFB-BB-Geschoss mit zusätzlichemRaketenantrieb. | 912 m/s | 54 km |
Technische Daten aus[6][10][13]
Folgende Schussdistanzen werden mit 155-mm-ERFB-Geschossen der Assegai-Serie, mit einem Geschütz mit 52 Kaliberlängen (L/52) sowie einer 25-Liter-Brennkammer erzielt:
| Geschosstyp | Beschreibung | V0 | Schussdistanz |
|---|---|---|---|
| ERFB-BT | Extended Range Full Bore-Boat Tail Mit Hohlboden am Geschossende. | 995 m/s | 38,4 km |
| ERFB-BB | Extended Range Full Bore-Base Bleed Mit Base-Bleed-Glimmsatz am Geschossende. | 1.015 m/s | 50,1 km |
| V-LAP | Velocity-enhanced Long-range Artillery Projectile ERFB-BB-Geschoss mit zusätzlichem Raketenantrieb. | 1.013 m/s | 76,3 km |
Technische Daten aus[6][10][14]
Wie bei herkömmlichen Artilleriegeschossen verringert sich auch bei ERFB-Geschossen mit zunehmender Schussdistanz die Zielgenauigkeit und dieStreuung nimmt zu.[8] Gegenüber herkömmlichen Artilleriegeschossen zeigten frühe ERFB-Geschosse, auch bei kurzen Schussdistanzen, eine geringere Zielgenauigkeit auf.[15] Bei modernen ERFB-Geschossen mit ebenso modernen Geschützen liegt die Zielabweichung (unter optimalen Bedingungen) bei 0,35–0,4 % in der Schussdistanz sowie bei rund 0,1 % imAzimut.[6][9] Bei reichweitegesteigerten ERFB-BB-Geschossen liegt die Streuung bei 0,48–0,5 % in der Schussdistanz.[9] Diese Werte beziehen sich auf 75 % der max. Schussdistanz, der optimalen Schussweite der Artillerie. Bei einem ERFB-BB-Geschoss, welches mit einem Geschütz L/45 auf eine maximale Distanz von 40.000 m verschossen werden kann, liegt die Abweichung bei einer Schussdistanz von 30.000 m somit bei rund 144 m in der Distanz und bei rund 30 m im Azimut. Bei ERFB-Geschossen mit Raketenantrieb verringert sich die Zielgenauigkeit auf große Schussdistanzen zusätzlich.[6] Generell erreichen ERFB-BT/HB-Geschosse eine größere Zielgenauigkeit als ERFB-BB-Geschosse, besitzen aber eine geringere Reichweite.
Als Füllung für ERFB-Geschosse kommt wie bei Standard-Artilleriegeschossen Sprengstoff (fürSprenggeschosse),Weißer Phosphor undRoter Phosphor (fürNebelgeschosse) sowie 42–72 Bomblets (fürStreumunition) zum Einsatz.[2][10] Weiter existierenLeuchtgeschosse, Agitationsgeschosse mitFlugblättern sowie Exerzier- und Übungsgeschosse. ERFB-Sprenggeschosse enthalten 8,2–8,6 kg Sprengstoff der SortenComposition B oderTNT.[2] Bei derDetonation erzeugt ein solches Geschoss 4.750–12.000 Splitter.[2][12] ERFB-Geschosse können wie herkömmliche Artilleriegeschosse mit einemAufschlagzünder,Abstandszünder,Verzögerungszünder oderZeitzünder bestückt werden.[10][6]
ERFB-Geschosse gehören zur Sorte der getrennt geladenen Munition mit modularenTreibladungsbeuteln (Zonenladungen).[8] Das heißt, das Geschoss und die Treibladungen werden nacheinander geladen. Verwendet werden können z. B. NATO-Standard-Treibladungen wieM3A1 (Zonen 3, 4 und 5),M4A2 (Zonen 3, 4, 5, 6 und 7),M119A1 (Zone 8),M203 (Zone 9) oderM11 (Zone 10). Letztere kann nur bei Geschützen ab 45 Kaliberlängen (L/45) eingesetzt werden.[2]