DerEvangelikalismus ist eintheologischer Sammelbegriff für mehrere Frömmigkeits- und Reformbewegungen innerhalb desProtestantismus, die stark beeinflusst sind vom deutschenPietismus, vom britischenPuritanismus, vom englischenMethodismus sowie von den amerikanischenErweckungsbewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts. Der Evangelikalismus breitete sich konfessionsübergreifend aus. Anhänger dieser Strömungen werden heute als „Evangelikale“ bezeichnet.
Die Glaubenshaltung der Evangelikalen besteht in einer „persönlichen Beziehung“ zu Gott als ihrem Vater sowie zuJesus Christus als ihrem „Herrn und Erlöser“. Initiiert werde diese Gottesbeziehung durchgeistliche Erfahrungen, die zurBekehrung führen. Es folgt eine persönliche, oft auch öffentlich gemachte Glaubensentscheidung, künftig in derNachfolge Jesu leben zu wollen. In den meisten Freikirchen ist diese Entscheidung auch mit der sogenanntenGläubigentaufe verbunden.
Zentral für Glauben und Leben ist im Evangelikalismus die Berufung auf die alszuverlässig bezeichnete Lehrautorität derBibel. Hier gilt die Überzeugung: „Die Bibel lebt, denn Gott redet durch sie.“[1]
Die im Deutschen relativ junge Bezeichnungevangelikal bedeutet „auf dasEvangelium zurückgehend“. Heute versteht man darunter eine Form des Christentums, das sich umfassend an der Bibel orientieren möchte und daher auch „bibeltreu“ genannt wird. Daraus folgt eine Distanz gegenüber dem jeweiligenZeitgeist sowie einerliberalen Theologie im weiten Sinn, womit bestimmte Tendenzen eineshistorisch-kritischen Umgangs mit der Bibel gemeint sind.[6]
Die Geschichte des Begriffes beginnt in England, wo er bereits vor derReformation verwendet wurde.[7] Im England des 16. Jahrhunderts dienteevangelical als Bezeichnung für Protestanten innerhalb desAnglikanismus und bedeutete zunächst nichts anderes als die deutsche Bezeichnungevangelisch. Der Begriff wurde hier später durch die Bezeichnungprotestantisch verdrängt.[8]
Mitte des 18. Jahrhunderts tauchte der Ausdruckevangelical wieder auf. Er diente jetzt als Attribut für die Vertreter der methodistischen Erweckungsbewegung.Methodists undEvangelicals wurden als austauschbare Bezeichnungen verwendet.[9] Mit der Gründung derEvangelischen Allianz (englisch:Evangelical Alliance) wurde der verdrängte Begriff erneut aufgenommen. Diese Gründung erfolgte 1846 bei einer Konferenz in London. Es nahmen 921 internationale Vertreter teil, vor allem aus Großbritannien und den USA aus verschiedenen protestantischen Kirchen. Die Gründungsväter der Allianz repräsentierten nur jenen Teil des Protestantismus, der imPietismus sowie in der Erweckungs- undEvangelisationsbewegung wurzelte. Deshalb nannten sie ihr Bündnis nichtProtestant Alliance, sondern in Abgrenzung dazuEvangelical Alliance.[10]
In denUSA wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts versucht, den Begriffevangelical neu zu definieren, allerdings zunächst vor einem anderen kirchlichen Hintergrund als in England. So unterschied zum Beispiel Robert Baird in seinem BuchReligion in America (1844) zwischenevangelical undunevangelical. Mitevangelical bezeichnete er alle Protestanten, die an der Bibel als verbindlicher Richtschnur festhielten.Unevangelicals waren für ihn dieKatholiken,Unitarier,Swedenborgianer,Juden,Atheisten und Sozialisten. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, als innerhalb des amerikanischen Protestantismus die Auseinandersetzung mit dem theologischen Liberalismus aufbrach, verwandelte sich auch hier der Begriffevangelical von der protestantischen Sammelbezeichnung hin zum „Markennamen“ einer besonderen Richtung innerhalb des Protestantismus.[11]
In Deutschland wurde der Begriffevangelikal erst in den 1970er Jahren eingeführt. Bis dahin stellte der englische Begriffevangelical seit dem 16. Jahrhundert einfach die Übersetzung des deutschen Begriffsevangelisch dar. Seit den 1970er Jahren bezeichnet der Begriff „evangelikal“ im deutschen Sprachraum zunehmend Erweckungsbewegungen und pietistische, reformatorisch-bekennende Bewegungen innerhalb von evangelischen Landes- und Freikirchen.[12]
Im deutschen Sprachraum konnte man die wörtliche Rückübersetzungevangelisch für den gleichen Begriff nicht verwenden, da der Begriff bereits seit der Reformation im 16. Jahrhundert besetzt ist. Daher kam es zurWortschöpfungevangelikal, vor allem nach dem Missionskongress in Berlin 1966. Evangelikale Christen sehen sich in der Regel auch als evangelisch (im Sinne von „sich auf dasEvangelium berufend“). Da aufgrund der geistlichen Liberalität des größten Teils der den Landeskirchen verbundenen Menschenevangelisch eher in der Ausnahme auch gleichzeitig „bibeltreu“ bedeutet, verwendet man den Begriffevangelikal zur Abgrenzung von nichtbibeltreuen Richtungen.[13]
Im Englischen hatevangelical gegenwärtig zwei Bedeutungen:
Zum einen wird es mitevangelikal gleichgesetzt,
zum anderen (seltener) einfach mitevangelisch, wie beispielsweise in der „Evangelical Lutheran Church in America“ (ELCA), der evangelisch-lutherischen Kirche der USA, die keineswegs „evangelikal“ ist.
Der Begriff hat sich gegenüber ähnlichen Begriffen wiebibeltreu oderpietistisch durchgesetzt, da er vom Wort her die Verbindung sowohl zum Evangelium als auch zu einer internationalen Bewegung stark bibelorientierter Protestanten herstellt.
Nach dem vom britischen HistorikerDavid Bebbington geprägten „Bebbington-Quadrilateral“ können Evangelikale anhand von vier Grundüberzeugungen beschrieben werden:
ihrer Betonung der Vertrauenswürdigkeit der Bibel
der Zentralität des Versöhnungswerks Christi am Kreuz
der Notwendigkeit einer persönlichen Bekehrung
dem aktiven Einsatz zur Ausbreitung des Evangeliums.[14]
Jürgen Werth, ehemaliger Vorsitzender derEvangelischen Allianz in Deutschland (EAD), charakterisiert die evangelikalen Christen gemeinsam mitFritz Laubach folgendermaßen: „Sie sammeln sich um Bibel und Gebet und betonen die Notwendigkeit einer bewussten Glaubensentscheidung. Leben im Glauben bedeutet für sie gemeinsames missionarisches Zeugnis und soziales Engagement. Kritischen Anfragen an den christlichen Glauben und das kirchliche Bekenntnis stehen sie offen gegenüber, sind aber nicht bereit, beim Fragen stehen zu bleiben, sondern wollen zu konstruktiven Antworten kommen. Sie halten an der Vertrauenswürdigkeit der Bibel und am Bekenntnis fest.“ Er definiert weiter evangelikal als evangelisch im Ursprungssinne desSola fide,sola scriptura,sola gratia,solus Christus.[15] Diese Punkte eignen sich aber nur bedingt zur Unterscheidung von anderen Christen, denn sie sind gut evangelisch. Das Charakteristische sei eher, wie diese Punkte gefüllt, betont und miteinander verbunden werden.[16]
Der TheologeJoel Edwards, ehemaliger Leiter der britischenEvangelical Alliance, spricht sich für eine Rehabilitierung des Begriffesevangelikal als „gute Nachricht“ aus: Es gebe kein passendes Synonym dafür; vielmehr gehe es darum, den Begriff positiv mit Inhalten zu füllen.[17]
Fundamentalismus kann grundsätzlich auf verschiedene religiöse Richtungen und Weltanschauungen bezogen werden.[18] In der medialen Berichterstattung beziehungsweise der öffentlichen Debatte in Deutschland wird Evangelikalismus häufig mit Pietismus,Biblizismus undchristlichem Fundamentalismus gleichgesetzt.[19][20]
Der ehemalige EKD-RatsvorsitzendeWolfgang Huber hält es indes für falsch, Evangelikalismus und Fundamentalismus gleichzusetzen bzw. den Evangelikalismus für einen Neuimport aus Amerika zu halten:
„Was man heute evangelikal nennt, ist vor allem im Pietismus verankert. Der Pietismus ist eine landeskirchliche Bewegung, die von uns ausdrücklich bejaht wird.“[23]
Nach Annette Kick, der Beauftragten für Weltanschauungsfragen derWürttembergischen Landeskirche, ist zwischen evangelikalen und fundamentalistischen Christen zu differenzieren. Fundamentalismus lebe vom Gegensatz und verwerfe Fremdes.[24] Jürgen Werth sieht einen wichtigen Unterschied darin, dass evangelikale Christen kritischen Anfragen offen gegenüber stünden.[24] Der evangelische TheologeReinhard Hempelmann betont, dass Evangelikalismus und protestantischer Fundamentalismus unterschiedliche historische Wurzeln hätten, dass der (deutsche) Evangelikalismus sich in Deutschland nicht, wie die amerikanischen Evangelikalen oder die fundamentalistischePartei Bibeltreuer Christen, politisch betätige und der Begriff Fundamentalismus „wertend und kritisch auf die Schattenseiten und Fehlentwicklungen protestantischer Erweckungsfrömmigkeit“ hinweise.[25]
Die nicht-evangelikale KulturwissenschaftlerinMarcia Pally weist in einer Studie über die „neuen“ Evangelikalen auf die Offenheit und Lernbereitschaft der evangelikalen Bewegung hin, die sich deutlich vom Fundamentalismus abgrenze. Laut Pally könne ein gleichermaßen bibelbezogener wie weltzugewandter Glaube und das gesellschaftliche Engagement „dieser frommen, weder fundamentalistischen noch fanatischen Gruppierung“ demokratische Gesellschaften stärken und biete Freiheitsgewinne für moderne, pluralistische Gesellschaften, also auch für den europäischen Kontext.[26]
Donald Bloesch fasst das Verhältnis von Evangelikalismus und Fundamentalismus so zusammen: Evangelikalismus steht offen zu den Grundlagen(fundamentals) des christlichen Glaubens, übersteigt und korrigiert aber die defensive und sektiererische Mentalität, die gewöhnlich mit Fundamentalismus verbunden wird.[27]
InFour Views on the Spectrum of Evangelicalism setzen sich drei US-evangelikale Theologen (Albert Mohler, John G. Stackhouse, Roger E. Olson) und ein selbsterklärter fundamentalistischer Theologe (Kevin T. Bauder) mit den beiden Bezeichnungen auseinander. Sie stimmen überein, dass es in Lehrfragen keinen wesentlichen Unterschied zwischen Fundamentalismus undkonservativem Evangelikalismus gebe. Die vier Autoren sehen den wesentlichen Unterschied in der sekundären Trennung: Fundamentalisten gingen nicht nur gegenüber denen auf Distanz, die sie als Irrlehrer sehen, sondern auch gegenüber denen, die mit solchen Irrlehrern zusammenarbeiten und die dadurch nach fundamentalistischer Einschätzung die christliche Lehre kompromittieren. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts habe der „Lackmustest“ für christliche Fundamentalisten in den USA darin bestanden, ob jemand mit dem evangelikalen PredigerBilly Graham (der zusammen mit Katholiken und Mainstream-Kirchen evangelisierte) zusammenarbeitete oder nicht.[28]
Ähnlich wie beim Begriff „Fundamentalismus“ kommt es in den letzten Jahrzehnten insbesondere in den USA auch zu einer Politisierung des Begriffs „evangelikal“. Gleichzeitig löst sich dabei der eigentlich religiöse Gehalt auf.
Unter Evangelikalen verbreitet ist die bedingungslose Unterstützung derJuden als „Gottes auserwähltes Volk“ und seines vom alttestamentlichen Gott versprochenen StaatesIsrael. Neben dieser Sichtweise einer andauerndenVorzugsstellung Israels gibt es bei vielen Evangelikalen die alternative Sichtweise einerGleichstellung Israels mit anderen Völkern.Franz Graf-Stuhlhofer unterscheidet diese zwei Richtungen derEvangelikalen Israeltheologie.[29] Die Vorzugsstellung wird vertreten vonchristlichen Zionisten, etwa in Organisationen wie derInternationalen Christlichen Botschaft Jerusalem (ICEJ); sie unterstützen die „Alija“, also die Migration von Juden nach Israel, sowie die AnerkennungJerusalems als unteilbarer Hauptstadt des jüdischen Staates. Während Volkskirchen den „interreligiösen Dialog“ betonen und die „Judenmission“ ablehnen, sehen sich die meisten „messianischen Juden“ als Teil des evangelikalen Christentums.[30]
Der Begriff „evangelikal“ kann im politischen Bereich gezielt verwendet werden. Aber auch ohne eine solche Absicht kann dieser Begriff eine politische Verbindung bekommen, indem sich Evangelikale politisch engagieren.
Die Evangelikalen sind eine Bewegung und nicht eine Kirche mit klar definierten Dogmen, aber die hier aufgeführten Punkte werden von den meisten Evangelikalen bejaht. Individuelle Abweichungen oder Abweichungen von einzelnen Gruppen in einzelnen Punkten kommen häufig vor, wenn auch die Mehrzahl der Individuen und Gruppen in der Mehrzahl dieser Merkmale übereinstimmen. Evangelikale Theologie versteht sich als Gegenentwurf zurLiberalen Theologie.[31]
Eine erste Aufstellung einer evangelikalen Glaubensbasis ist die Glaubensbasis der Evangelischen Allianz von 1846.[32]
Die Bibel: Evangelikale sehen die Bibel als Gottes Wort, von Menschen aufgeschrieben, aber von Gottes Geist inspiriert. Über das genaue Verständnis der Inspiration besteht keine Einigkeit. Nicht alle Evangelikalen glauben beispielsweise an die Irrtumslosigkeit der Bibel und dieVerbalinspiration. Die Bibel sei der verbindliche Maßstab des Glaubens und der Lebensführung, an dem sich alles andere messen müsse. Evangelikale sind sich bewusst, dass die Bibel ausgelegt werden muss, sind aber der Überzeugung, dass auch Nichttheologen die Bibel richtig verstehen können. Wörterbücher,Konkordanzen und Kommentare werden oft verwendet, und bestimmte Kommentare sind für manche evangelikale Richtungen weithin maßgeblich, zum Beispiel die derScofield-Bibel für Teile desDispensationalismus.
Sündhaftigkeit und Schuld setzen den Menschen Gottes Zorn und Verdammnis aus. Die Erlösung hieraus könne nur durch einen Gnadenakt Gottes erfolgen und setze den Glauben an Jesus Christus, seinen stellvertretenden Opfertod und seine Auferstehung sowie die Bekehrung und Wiedergeburt durch denHeiligen Geist voraus.
Die persönliche Glaubensentscheidung: Christentum basiert für Evangelikale auf einer persönlichen, bewussten Entscheidung für den christlichen Glauben und einer persönlichen Beziehung zu Jesus Christus, die auch im Alltag Auswirkungen auf das persönliche Handeln haben muss. Kirchenmitgliedschaft allein genüge nicht, es bedürfe einer persönlichen Abkehr vom alten Leben und einer Hinwendung zu Jesus Christus (Bekehrung). Diese bewusste Entscheidung wird in Form eines persönlichen Gebets vollzogen, das als Lebensübergabe bezeichnet wird. Aufgrund der Vorstellung einer persönlichen Beziehung zu Gott rechnen Evangelikale mit dem direkten Eingreifen Gottes in ihr Leben.Wunder halten sie für möglich oder zumindest nicht ausgeschlossen, entdecken aber Gottes Wirken auch in alltäglichen Begebenheiten. DieGläubigentaufe für Erwachsene wird in manchen Bewegungen als symbolische Bestätigung der Hinwendung zum „Reich Gottes“ praktiziert.
DasPriestertum aller Gläubigen spielt bei Evangelikalen eine wesentliche Rolle. Jeder Einzelne soll persönlich mit der Bibel umgehen, sie privat und in Kleingruppen studieren, auslegen und auf sich wirken lassen. Daher finden sich unter Evangelikalen vieleLaien mit beträchtlicher Bibelkenntnis. Für Leitungs- und Schulungsaufgaben ist eine formelle theologische Ausbildung nicht unbedingt erforderlich. Die mit dem allgemeinen Priestertum verknüpfte Frage, inwieweit Frauen an Leitungsaufgaben und geistlichen Ämtern innerhalb der Gemeinde beteiligt werden sollen, wird unter Evangelikalen sehr unterschiedlich beantwortet.
Kirche und Konfession sind oft von untergeordneter Bedeutung. Die meisten Evangelikalen sehen sich als Teil der weltweiten Christenheit und fühlen sich ungeachtet ihrer Kirchen- oder Gemeindezugehörigkeit mit anderen Evangelikalen verbunden. Jedoch stehen Evangelikale derökumenischen Bewegung häufig distanziert gegenüber, insbesondere dierömisch-katholische Kirche wird als irrend abgelehnt,[33] ebenso orthodoxe Kirchen, aber auch der liberale Protestantismus. Nicht-evangelikale Christen werden von manchen Strömungen als „Namenschristen“ abgewertet, die neu evangelisiert werden müssten.
Absolutheitsanspruch: Mit Ausnahme desJudentums, das bei manchen Evangelikalen einen Sonderstatus genießt, werden andere Religionen (zum BeispielIslam,Buddhismus) als Irrwege abgelehnt. EinInterreligiöser Dialog findet meist nur unter missionarischem Gesichtspunkt statt.
Mission: Evangelikale sehen es als wichtig an, ihren Glauben gegenüber allen Nicht-Christen in ihrem Sinne zu bezeugen und die biblische Erlösungsbotschaft zu verbreiten. Evangelikale und Pfingstkirchen beteiligten sich 2007 erstmals an einer Konsultation über Bekehrung im Rahmen des gemeinsamen Studienprozesses von Vatikan und Ökumenischem Rat der Kirchen. Die Konsultation in Toulouse vollzog damit einen weiteren Schritt hin zu dem Ziel eines gemeinsamen Verhaltenskodex für Bemühungen, Menschen zum Christentum zu bekehren.[34] Eine weltumspannende Initiative ist in diesem Zusammenhang dasJoshua Project, eine Datenbank zur Identifikation der Anzahl von Christen und Nicht-Christen in allenEthnien der Erde. Ziel ist der Anstoß missionarischer Bemühungen, insbesondere, um Anhängerschriftloser „Stammesreligionen“ dauerhaft zu gewinnen.
Ein Meilenstein bei der Herausbildung der evangelikalen Bewegung war derInternationale Kongress für Weltevangelisation 1974 in Lausanne. Die darauf zurückgehendeLausanner Verpflichtung stellt eine einflussreiche Glaubensbasis dar. Die dort gehaltenen Vorträge vertiefen einzelne Aspekte. In deutscher Sprache wurden sie in zwei umfangreichen Bänden unter dem TitelAlle Welt soll Sein Wort hören veröffentlicht.[35] Dadurch konnten sich weite Kreise damit beschäftigen. Es folgten weitere Kongresse (Lausanner Bewegung).[36]
Im Gefolge dieses Kongresses initiierte der anglikanische TheologeJohn Stott ein Zusammentreffen, das zur Gründung derFellowship of European Evangelical Theologians (FEET) führte. In Deutschland entstand derArbeitskreis für evangelikale Theologie (AfeT). Dieser gab ab 1987 dasJahrbuch für Evangelikale Theologie heraus.[37] Neben mehreren Aufsätzen enthielt jeder Band auch einen umfangreichen Rezensionsteil, der ab 2017 nicht mehr in gedruckter Form, sondern online erscheint.[38]
In der evangelikalen Theologie sind das Vereinigte Königreich und die USA führend; siehe auch untenLiteratur undPersönlichkeiten. John Stott hat zusammenfassend eine Theologie festgehalten.[39] Eine europäische evangelikale theologische Zeitschrift ist dasEuropean Journal of Theology ab 1992.[40]
Während es im späten 20. Jahrhundert noch eine starke Abhängigkeit vom Englischen gab, änderte sich das. 1982 erschien in den USA das umfangreiche BuchOld Testament Survey. Dieses wurde ins Deutsche übersetzt und bearbeitet.[41] 2023 erschien eine umfangreiche AT-Einleitung, an der sich insgesamt 31 Autoren beteiligten, zu einem großen Teil aus dem deutschen Sprachraum.[42] Darin zeigt sich eine zunehmende Eigenständigkeit europäischer evangelikaler Theologie. An dieser Entwicklung dürften zwei Faktoren beteiligt sein: Erstens die zunehmende Akademisierung in der Gesellschaft, wodurch auch die evangelikale Welt beeinflusst wird (Bibelschulen ohne Abschluss verlieren an Bedeutung); zweitens die Einsicht, dass eine einfache Ablehnung der Einschätzungen von Universitätstheologen nicht ausreicht, sondern eine fundierte Auseinandersetzung mit theologischen Fragen nötig ist (nun werden finanzielle Mittel aufgebracht, um evangelikale Theologen zu unterstützen, damit diese auch für Forschung Zeit widmen können).
Aus Kreisen des AfeT entstand das mehrbändigeEvangelische Lexikon für Theologie und Gemeinde. Die erste Auflage erschien ab 1992, eine völlige Neubearbeitung erscheint seit 2017. Hier liegt ein besonderes Augenmerk auf Anliegen und Ergebnisse des von Pietismus, Erweckungs- und evangelikaler Bewegung geprägten Protestantismus.[43] Im Vergleich mit anderen theologischen Lexika werden hier die Freikirchen sowie die Charismatische Bewegung weit stärker berücksichtigt.
Während sich die meisten Evangelikalen mit den Grundsätzen der Lausanner Bewegung einig sind, gibt es zu Einzelfragen derFundamentaltheologie, derSeelsorge und derKirchenverfassung innerhalb der Bewegung ein breites Spektrum mit teilweise sehr unterschiedlichen Meinungen, die jedoch von den meisten Evangelikalen als Teil der evangelikalen Bewegung gesehen werden. Beispiele solcher Einzelfragen sind:
Taufe (Kindertaufe, Gläubigentaufe, Taufe durch Besprengen oderUntertauchen)
Der Zondervan-Verlag gibt die SerienCounterpoints: Bible and Theology (18 Bände)und Counterpoints: Church Life (4 Bände) heraus, in der solche Fragen jeweils von drei bis sechs evangelikalen Theologen kontradiktorisch behandelt werden. Jeder stellt seine Sichtweise dar und kommentiert aus seiner Sicht die Stellungnahmen der übrigen Autoren.
Die Evangelikalen sind in weiten Teilen der Erde verbreitet und, wenn man diePfingstbewegung dazuzählt, eine der am schnellsten wachsenden Bewegungen. Nach aktuellen Statistiken gibt es derzeit 329 Millionen evangelikale Christen weltweit.[44] Der evangelische Theologieprofessor Werner Ustorf, selbst einem liberalen Protestantismus verpflichtet, schätzt die Evangelikalen einschließlich der pfingstlerischen und charismatischen Kirchen auf „27,7 per cent of organised global Christianity“.[45] Auch der ZeitgeschichtlerMartin Greschat hält diese Zahlen für zutreffend.[46] InAsien,Afrika,Südamerika und denUSA ist die Bewegung im Wachstum begriffen, teilweise auf Kosten liberaler und traditioneller Kirchen.[47][48]
International haben sich viele Evangelikale in derWeltweiten Evangelischen Allianz zusammengeschlossen, die als Dachverband für nationale und regionale Allianzen sowie internationale Organisationen fungiert.
Regierungsstellen, wie etwa das nationale Statistikamt (United States Census Bureau), dürfen keine Erhebungen über die Religionszugehörigkeit der Bevölkerung der Vereinigten Staaten durchführen, so dass offizielle Angaben über die Zahl der Evangelikalen nicht verfügbar sind.
Von 1988 bis 2003 stieg der Anteil derjenigen Protestanten, die sich selber als Evangelikale definierten, innerhalb des gesamten Protestantismus von 41 auf 51 Prozent.[49]
Laut Untersuchungen derBarna Group gibt es in den USA 20 Millionen Evangelikale.[50] DasHartford Institute of Religion gibt für die USA 17 % Evangelikale an, bezogen auf die evangelikale Lehre, und 26 % bezogen auf die Mitgliedschaft in einer Kirche in evangelikaler Tradition.[51] Andere Quellen kommen auf höhere Zahlen. So nennt eineArte-Dokumentation aus dem Herbst 2007 70 Millionen.[52] Eine im Juni 2008 veröffentlichte Studie desPew Forum on Religion & Public Life beziffert den Anteil der Evangelikalen an der amerikanischen Bevölkerung auf 26,3 % (ca. 80 Millionen). Die Evangelikalen stellen demnach noch vor den Katholiken (23,9 %) und den Anhängern der protestantischen „Mainline Churches“ (18,1 %) die größte der in der Studie unterschiedenen religiösen Gruppierungen dar.[53] In den BundesstaatenAlabama,Arkansas,Kentucky,Mississippi,Oklahoma,South Carolina undTennessee bezeichnen sich jeweils mehr als 44 % der Bevölkerung als Anhänger evangelikaler Kirchen oder Bewegungen.[54][55]
Evangelikale finden sich sowohl in theologisch konservativen Kirchen wie beispielsweise derSouthern Baptist Convention, denGemeinden Christi, den meistenMegachurches und vielen Pfingstgemeinden als auch inMainline-Kirchen, wo sie zwar weniger in der Geistlichkeit und an den Universitäten vertreten sind, sich aber an der Basis in den letzten Jahren mehr und mehr im neo-evangelikalenConfessing Movement organisieren. Diese Bewegung, die vonOckenga (1905–1985) gegründet wurde, grenzt sich sowohl von der liberalen Theologie als auch vomFundamentalismus und dessen sozialkonservativen Einstellungen ab.
In Großbritannien sind Evangelikale in verschiedenen Bewegungen aktiv. In derKirche von England gibt es Bewegungen wieFulcrum, das die moderat Evangelikalen(Open Evangelicals) vertritt, während Bewegungen wieReform für das konservativ-evangelikale Spektrum sprechen. Repräsentative Kirchen sindAll Souls, Langham Place,St. Helen’s Bishopsgate undHoly Trinity Brompton, alle jeweils inLondon. Außerhalb der Kirche von England sind Evangelikale in Freikirchen vertreten. Bekannte englischsprachige Theologen evangelikaler Prägung sindJohn Stott,Charles Simeon undJ. I. Packer,Alister McGrath undKlaus Bockmühl, die teilweise auch in Kanada lehrten. Wichtige überkirchliche Organisationen sind dieUniversities and Colleges Christian Fellowship und der britische Flügel der Evangelischen Allianz.
Nach Schätzungen machen Evangelikale in Deutschland etwa ein bis drei Prozent der Bevölkerung aus. Sie finden sich sowohl inLandes- als auch inFreikirchen. Ein großer Teil der evangelikalen Christen ist in bestimmtenInstitutionen und Werken der evangelikalen Bewegung organisiert. Die bedeutendste Vereinigung ist dieDeutsche Evangelische Allianz, die nach eigenen Angaben rund 1,3 Millionen Evangelikale vertritt.[57]Mit der Öffnung der Deutschen Evangelischen Allianz zur charismatischen Bewegung durch die Kasseler Erklärung von 1996 entfremdeten sich konservative Teile der Evangelikalen von der Evangelischen Allianz. Hier kam es Anfang des neuen Jahrtausends zur Gründung einer alternativen losen Bekenntnisallianz in Form des Maleachi-Kreises.[58]
Es wird gemeinhin davon ausgegangen, dass innerhalb der evangelikalen Bewegung die landeskirchlich organisierten Christen gegenüber den freikirchlichen in der Mehrheit sind. Beispielsweise geht Wolfgang Huber, der ehemalige Ratsvorsitzende derEvangelischen Kirchen (EKD), davon aus, dass sich evangelikale Christen zum großen Teil in den Landeskirchen engagieren.[59] Die Evangelikalen in den evangelischen Landeskirchen zählen nach Klöcker/Tworuschka zu den treuesten Gottesdienstbesuchern. Viele evangelikale Christen innerhalb der Landeskirche sind in Form von sogenannten „landeskirchlichen Gemeinschaften“ organisiert, manchmal auch in eigenständigen Parallelstrukturen zur örtlichen Kirchengemeinde, da sie in den meisten landeskirchlichen Strukturen für ihre Haltungen keine Mehrheit finden.[60] Diese eigenständigen Gemeinden innerhalb der EKD gehören oft den regional unterschiedlichen Verbänden derGemeinschaftsbewegung an, die großteils unter dem DachverbandEvangelischer Gnadauer Gemeinschaftsverband zusammengeschlossen sind.
In der Württembergischen Landeskirche, in der die Synodalen von der Basis gewählt werden, gehören 39 von 90 gewählten Synodalen dem Gesprächskreis „Lebendige Gemeinde“ an, der das konservativ-evangelikale und pietistische Spektrum vertritt (Stand Frühjahr 2014).[61]
In Österreich gibt es einen Bund, welcher den Begriff „evangelikal“ im Namen trägt, nämlich denBund Evangelikaler Gemeinden (BEG). Diesem gehören über 60 Gemeinden an.[63] Bei der Volkszählung 2001 gaben etwa 5000 Einwohner an, evangelikal zu sein.[64] Der BEG und vier weitere Bünde (u. a. Pfingstgemeinden, Baptisten), die man ebenfalls als evangelikal einstufen kann, schlossen sich zu denFreikirchen in Österreich zusammen und wurden 2013 gemeinsam eine gesetzlich anerkannte Kirche.[65]
Darstellungen der Geschichte des Protestantismus in Österreich berücksichtigen auch die Täuferbewegung des 16. Jahrhunderts, jedoch kaum die Entstehung freikirchlicher Gemeinden ab dem späten 19. Jahrhundert.Eckdaten zur Geschichte österreichischer Freikirchen wurden 2021 zusammengestellt.[66]
Für die Schweiz gibtPatrick Johnstone vier Prozent Evangelikale an, davon knapp drei Prozent in den reformierten Landeskirchen und der Rest in Freikirchen. Die 3,5 % Charismatiker verteilen sich auf katholische und reformierte Landeskirchen und Freikirchen. Der Anteil an Evangelikalen ist regional extrem unterschiedlich, in derZentralschweiz, imWallis undTessin sind sie kaum vertreten, imEmmental undFrutigland jedoch mit über 40 % der Bevölkerung.[47]
Obwohl in Asien nur fünf Staaten (Armenien, Georgien, Philippinen, Osttimor, Russland) christliche Mehrheiten haben, gibt es dort in absoluten Zahlen mehr Evangelikale als auf jedem anderen Kontinent. Auf den ganzen Kontinent gerechnet, sind schätzungsweise sieben Prozent der Bevölkerung evangelikal und charismatisch. In China gibt es nach verschiedenen Schätzungen zwischen 60 und 120 Millionen Evangelikale, die mehrheitlich der indigenen Hauskirchenbewegung angehören. In Südkorea sind etwa neun Millionen, 18 % der Bevölkerung, evangelikal und charismatisch. Auch die mehrheitlich katholischen Philippinen haben zehn Prozent Evangelikale, die Mehrheit von ihnen in einheimischen Pfingstgemeinden.[47]
Für Afrika gibt Johnstone 25 % oder 190 Millionen Evangelikale und Charismatiker an, die sich größtenteils südlich der Sahara befinden.[47] Die Mehrheit von ihnen gehört den afrikanischen indigenen Kirchen an, die insgesamt mehr Mitglieder haben als die weltweite Pfingstbewegung.[67]
Durch intensiveMission, insbesondere aus den Vereinigten Staaten, ist ein zunehmender Anteil derlateinamerikanischen Bevölkerung, die ehemals traditionellrömisch-katholisch war oder indigenen Religionen angehörte, zu einer evangelikal geprägten Form des Protestantismus übergetreten. Patrick Johnston gibt für das Jahr 2000 für ganz Lateinamerika 55 Millionen Evangelikale und 85 Millionen Charismatiker (einschließlich Pfingstgemeinden) an. Für Argentinien gibt er 28 % Evangelikale und Charismatiker an, für Kolumbien 21 %, für Chile 30 %, für Nicaragua 33 % und für Brasilien, die weltweit größte katholische Nation, 35 % Evangelikale und Charismatiker (nach anderen Angaben 30 %). Beim brasilianischen Zensus 2010 waren es noch 22 %.[68]
Auch in Peru, Venezuela, Guatemala (das 2015–2019 mitJimmy Morales einen evangelikalen Präsidenten hatte), Honduras, Costa Rica und der Dominikanischen Republik ist der Einfluss der Evangelikalen sehr groß. In Costa Rica gewann 2018 ein evangelikaler Prediger den ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen mit fast einem Viertel der Stimmen und kam in die Stichwahl. In Venezuela kam 2018 der Chef der Maranatha-Kirche mit knapp elf Prozent auf den dritten Platz.[69]
Den größten Block der Evangelikalen in Lateinamerika umfasst dabei mit 32 Millionen Anhängern die Pfingstbewegung, womit 28 % der Pfingstler weltweit in Lateinamerika beheimatet sind.[47][70][71] Diese Größenordnung wird auch aus katholischen Quellen bestätigt.[72]
Die evangelikalen Kirchen sind weit davon entfernt, komplizierte theologische Diskussionen zu führen; sie treten irdischer und „samaritanischer“ auf als die katholische Kirche. Sie widmen sich den häuslichen Problemen ihrer meist wenig gebildeten Mitglieder, insbesondere den beiden Gruppen, deren Probleme lange Zeit ignoriert wurden; nämlich denIndigenen und den Frauen. Gerade im Amazonasbereich setzen sich evangelikale Missionare über bestehende Gesetze zum Schutz der Indigenen hinweg und betreiben einen rücksichtslosenProselytismus, oft mit verheerenden Folgen für indigene Gemeinschaften. Die katholische Kirche habe geduldet, dass Frauen von ihren trinkenden und untreuen Ehemännern misshandelt wurden. Die „reduktionistische“ Theologie der Evangelikalen integriere den Gedanken der Taufe im Heiligen Geist mit protestantischer Arbeitsethik, der Verheißung ökonomischen Erfolgs und einer konservativen Familien- und Sexualmoral. Dadurch erhalten die Gedemütigten einen Raum emotionaler Befriedigung, aber es werden auch erfolgreich politische und neoliberale Ziele transportiert: Evangelikale Parteien, die von theologischen Laien geleitet werden, versuchen, ihresynkretistischen politisch-wirtschaftlichen und moralisch-theologischen Ziele in Wahlprogramme einfließen zu lassen.[73] Zugleich lässt sich aber auch ein Vordringen der Pfingstbewegung in die Mittelschichten verzeichnen.[74][75] Dabei bringen die Pfingstkirchen der Mittelschicht eigene religiöse Stile und theologische Diskurse hervor, die sich von jenen der Unterschicht unterscheiden.[76][77] Die OrganisationBrot für die Welt sieht in dem Erstarken der Evangelikalen einen Rückschritt für die Frauenrechte in der Region. So werden Aktivisten durch Evangelikale als „Gender-Ideologen“ diffamiert und eingeschüchtert.[78]
Die evangelikalen Kirchen in vielen Ländern Lateinamerikas haben ihre ursprüngliche Philosophie der Weltflucht aufgegeben und erobern nun den politischen Raum. Allerdings sind sie nach wie vor stark zersplittert.
Trotz der vielen Gemeinsamkeiten sind die Evangelikalen keine homogene Gruppe. Im deutschen Sprachraum lassen sie sich grob in drei Hauptrichtungen einteilen:
Die Bekenntnis-Evangelikalen, denen die Autorität traditioneller kirchlicherBekenntnisse wichtig ist. Sie finden sich in konservativen Kreisen der Landeskirchen, beispielsweise in derBekenntnisbewegung Kein anderes Evangelium und derKonferenz bekennender Gemeinschaften.
Diecharismatischen Evangelikalen, hauptsächlich in charismatischen Kreisen der Landeskirchen und in den Gemeinden derPfingstbewegung.
Die Evangelikalen inpietistischer Tradition, hauptsächlich im landeskirchlichen Pietismus, in traditionellen Freikirchen und in den oft von russlanddeutschen Aussiedlern gegründetenMennonitischen Brüdergemeinden.
Seit den 1990er Jahren sind neben diesen Richtungen unabhängige evangelikale Gruppen entstanden, die zwar eine strenge evangelikale Lehre vertreten, sich aber keiner dieser Richtungen zugehörig fühlen. Dazu gehören etwa Teile der russlanddeutschen Aussiedlergemeinden wie dieEvangeliums-Christen (deren Gründung jedoch auch mit der russischen Variante des Pietismus, demStundismus in Verbindung steht) und dieKonferenz für Gemeindegründung.
Ebenso unterscheiden sich Evangelikale stark bezüglich ihrer Offenheit gegenüber Andersdenkenden:
Separatistische Evangelikale (Fundamentalisten): Biblisch-konservative Kreise, die sich betont gegen alle Gruppierungen abgrenzen, die ihre spezifische Sicht des Christentums nicht teilen. Sie halten streng an der Irrtumslosigkeit der Bibel fest, haben oft gruppenspezifische Auslegungen oder einen gruppenspezifischen Lebensstil. Im deutschen Sprachraum sind es eher kleine Gruppen, beispielsweise dieGemeinde für Christus, die Freunde konkordanter Wortverkündigung, die Gemeinschaft Adullam (Wattwil, Schweiz) oder der „geschlossene“ Flügel derBrüderbewegung.[79]
Konservative Evangelikale: Sie halten an der Irrtumslosigkeit der Bibel fest, die einige, aber nicht alle, gemäß derChicago-Erklärungen definieren, sind aber offen im Kontakt mit Andersdenkenden. Diese Richtung wird von den meistenBibelschulen, derFreien Theologischen Hochschule inGießen[80] oder auch derStaatsunabhängigen Theologischen Hochschule in Basel (Schweiz) vertreten. Unter den Freikirchen sind die Brüdergemeinden und viele unabhängige freikirchliche Gemeinden hier einzuordnen. Angehörige dieser Richtung finden sich aber auch in vielen Freikirchen sowohl pietistischer als auch baptistischer und charismatischer Richtung, weniger in den Landeskirchen.
Während der deutsche Begriff „evangelikal“ noch recht jung ist, blickt die Bewegung selbst bereits auf eine über dreihundertjährige Geschichte zurück. Den Auslöser bildete die Erstarrung derReformation zur „lutherischen Orthodoxie“ im Zuge derkonfessionellen Grabenkämpfe im 17. Jahrhundert. Im Gegensatz zu deren oftmals „verkopftem“ Festhalten an der „rechten Lehre“ (im Gegensatz zur „falschen Lehre“ der konfessionellen Gegenüber) bildeten ab dem frühen 17. Jahrhundert Erbauungsbücher den Nährboden für eine Renaissance der persönlichen Frömmigkeit. Zu nennen sind hier vor allemJohann ArndtsVier Bücher vom wahren Christentum, aber auch aus dem Englischen übersetzte Literatur desPuritanismus wie beispielsweiseLewis Baylys „Practice of Piety“.
Die Wurzeln der gegenwärtigen evangelikalen Bewegung liegen imPietismus und denErweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts. Sie ist, insbesondere auch über die Betonung der Bibel und den Glauben an Jesus Christus, verbunden mit den reformatorischen Umwälzungen des 16. Jahrhunderts.[8]
MitPhilipp Jacob Speners Programmschrift „Pia desideria“ (1675) beginnt derPietismus alsReformbewegung von Frömmigkeit und Kirche. Das intensive Studium von SchriftenMartin Luthers und der oben genannten Erbauungsliteratur, aber auch der Kontakt mitJean de Labadie, dem späteren Vater des niederländischen Pietismus hatten ihn von der Notwendigkeit einer Erneuerung der Volkskirche überzeugt. Einem Vorschlag Luthers folgend, sammelte er die, „die mit Ernst Christen sein wollten“, in „Konventikeln“ (Vorläufer vonHauskreisen) zur besonderen Förderung unter anderem durchBibellektüre undGebet.[81][82]
Sein SchülerAugust Hermann Francke (1663–1727) erlebte 1687 nach tagelangen inneren Kämpfen eine plötzlicheBekehrung, die ihn der Existenz Gottes und seiner eigenenWiedergeburt gewiss machte und sein ganzes Leben bestimmte.[83][84] Das einmalige, datierbareBekehrungserlebnis wurde durch ihn gleichsam zum Markenzeichen des Pietismus. Die von Spener angeregte und von Francke inHalle (Saale) durchgeführte Reform des Theologiestudiums, dieExegese, persönliche Frömmigkeit und Predigtpraxis in den Mittelpunkt rückte, sowie die pädagogischen Reformen in seinen„Francke’schen Anstalten“ nahmen als Armenschule und Priester- und Glaubensausbildungsstätte auch Bildungsanliegen derAufklärung auf. Das „Hallesche Waisenhaus“ zeigt Franckessozialdiakonisches Bewusstsein. Die Gründung dergleichnamigen Stiftung war Zentrum dieses theologischen Ansatzes und praktischen Wirkens, diemissionarisch wirkte, so durchHenry Melchior Muhlenberg.
Mit der wirtschaftlich überaus erfolgreichenCansteinschen Bibelanstalt finanzierte er die Anstalten und machte preisgünstigeBibeln breit verfügbar. Die „Weltverwandlung durch Menschenverwandlung“ sollte auch andere Nationen mit einschließen: 1706 wurdenBartholomäus Ziegenbalg undHeinrich Plütschau von der „Dänisch-Hallischen Mission“ als die erstenMissionare überhaupt nach Indien ausgesandt.[83] Fast alle Spezifika moderner evangelikaler Frömmigkeit (hervorgehoben) finden sich hier bereits angelegt.
Der Pietismus verbreitete sich (nicht zuletzt dank der hohen wissenschaftlichen Qualität seiner Ausbildung) innerhalb von 50 Jahren in fast allen deutschen Ländern. In Württemberg fand er in dem ExegetenJohann Albrecht Bengel[85] und dem grüblerischenFriedrich Christoph Oetinger besonders prägende Repräsentanten (vgl.Württembergischer Pietismus). Am (reformiert geprägten) Niederrhein istGerhard Tersteegen die größte (und eigenartigste) Persönlichkeit. Die gesamte Bewegung vollzog sich innerhalb der evangelischen Kirchen, lediglich die vonNikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf gegründete „Brüdergemeine“ inHerrnhut bildete eine Sonderkirche. Der Pietismus expandierte unter anderem durch Zinzendorfs Reisen bis nach England und Amerika, konnte beachtliche wissenschaftliche Leistungen vorweisen, stand jedoch hier und da auch unter dem Ruf „frommer Heuchelei“ und erlahmte unter dem gesellschaftlichen Druck der Aufklärung gegen Ende des 18. Jahrhunderts.[86][87]
Ab dem 19. Jahrhundert kam es in den deutschsprachigen Ländern (teilweise auch in anderen europäischen Ländern und in den USA) zu einerErweckungsbewegung. Sie entstand auf den Grundlagen desPietismus, der für die damalige Zeit umgeformt wurde. Allgemein wird angenommen, dass die Bewegung keinen einheitlichen Ursprung hatte, da sie gerade im deutschsprachigen Raum dezentral und zugleich lokal zu verorten ist.[88] Zu ihren Vorbereitern zählen unter anderem die von Basel ausgehende „Deutsche Christentumsgesellschaft“, dieJohann August Urlsperger 1780 gegründet hatte, um die christliche Lehre gegenDeismus undRationalismus zu verteidigen. Hohe Bedeutung kam den christlichen AufklärungskritikernJohann Georg Hamann undMatthias Claudius zu.[88] Aber auch die methodistische Erweckung unterJohn Wesley in England (s. u.) war (insbesondere was die Predigtweise anging) eine Inspirationsquelle, genauso wie die in der Spätzeit ins Deutsche übersetzen PredigtenCharles Haddon Spurgeons.
Übereinen der (mannigfaltigen) Auslöser der Erweckung besteht in der Forschung Übereinstimmung: Es handelt sich umFriedrich Schleiermachers „Reden über die Religion“ (1799)[88] – eine Streitschrift im Zuge der beginnendenRomantik gegen denRationalismus der Aufklärung. Das Wesen der Religion, so sagt er, bestehe weder zuerst in Verstand noch in Moral, sondern in einerErfahrung, der „schlechthinnigen Abhängigkeit von Gott“.[89] Dieser unmittelbare Erlebnischarakter des Glaubens verband sich bei seinen Rezipienten (zum Beispiel dem Holsteinischen ErweckungspredigerClaus Harms) mit der Haltung des Pietismus:Gott, Jesus, der Heilige Geist, auch die Annahmen des Christentums wie Bekehrung,Vergebung der Sünden undWiedergeburt würden sich – davon wird ausgegangen –erfahren lassen.[90] Derselbe Harms drückte wiederum mit den Worten „Der mich zeugte, hatte kein Brot für mich“[91] exemplarisch die baldige Distanznahme der Erweckungsbewegung von ihrem (Mit-)Initiator aus.[88] Charakteristisch wurde stattdessen die Konzentration auf die Bibel und die „alte Dogmatik“, wie sie sich etwa in den reformatorischenBekenntnisschriften findet. Für die Anhänger der Erweckungsbewegung stellte sie die Ebnung eines neuen, existentiellen Zugangs zu beidem dar. Dies markiert auch den inhaltlichen Konflikt mit der zeitgenössischen Theologie (zum BeispielJohann Salomo Semlers „Neologie“), die den „Kern“ der Religionjenseits der zeitbedingten „Schale“ von Bibel und Bekenntnis finden wollte.
Nach dem KirchengeschichtlerJohannes Wallmann erlebte die Erweckungsbewegung drei Phasen.[88] Die ersten ca. fünfzehn Jahre nach Schleiermachers Veröffentlichung waren vor allem geprägt durch ihre ökumenische Offenheit. Der gelebte Glaube an Christus zählte mehr als konfessionelle Grenzen. Die zweite Phase (1815–1830) war die Hauptphase, vor allem gekennzeichnet durch hohen zahlenmäßigen Zulauf zu Erweckungspredigern und -versammlungen inner- und außerhalb der Kirchen in ganz Deutschland. Sie brachte eine große Menge an Literatur und Traktaten sowie zahlreiche Bibel- und Missionsgesellschaften hervor. Sowohl diekonfessionellen als auch die theologischen Grenzsetzungen (vor allem gegenüber Hegel und Schleiermacher) erlangten mehr an Bedeutung. In der dritten Phase (bis 1848) verlangsamte sich die Bewegung, gewann aber an Beständigkeit und vor allem an kirchenpolitischer Wirksamkeit. Die eigene Konfession nahm an Bedeutung zu (bis hin zum Konfessionalismus). Von der bürgerlichen Revolution (1848) an konsolidierte sich die Erweckungsbewegung, erlangte aber, von kleinen lokalen Ereignissen abgesehen, keinen groß-schwunghaften Zuwachs mehr.
Diebayrisch-fränkische Erweckung, ausgehend vonChristian Krafft (1784–1845) undKarl Georg von Raumer (1783–1865), erfasste von Nürnberg aus das ganze Frankenland und brachte mit derErlanger Theologie einen besonderen, der Glaubenserfahrung verpflichteten und je länger, desto mehr betontlutherischen Wissenschaftstypus hervor. Eine der wissenschaftlichen Leistungen war die erste textkritische Luther-Gesamtausgabe.
Diemärkisch-pommersche Erweckung mit ihrem InitiatorHans Ernst von Kottwitz (1757–1843) war eng mit dempreußischenAdel verbunden.August Tholuck wurde im Laufe der Zeit einer der sie universitär Lehrenden und Verbreitenden. Er hatte effektiven Einfluss auf die unterrichteten Nachwuchspfarrer und war ein Parteiorgan in Form der vonErnst Wilhelm Hengstenberg gegründeten „Evangelischen Kirchenzeitung“. Sie hatte den Anspruch, die Frommen zu sammeln und im Sinne der „Erweckung“ die christliche, in Bibel und Bekenntnis verbürgte, Lehre gegen den Rationalismus zu verteidigen, verfehlte dabei aber (zum Beispiel beim „Hallischen Kirchenstreit“ 1830) gelegentlich ihr Ziel.
Diewürttembergische Erweckung brachte in dem früh verstorbenenLudwig Hofacker den klassischsten Erweckungsprediger angelsächsischer Provenienz hervor, der mit seiner aufSünde undGnade,Buße und Bekehrung zielenden Predigt die Menschen aus weitem Umkreis anzog. Hier führte die Erweckungsbewegung aber nicht nur zu neuer Konventikel- und Gemeinschafts-, sondern auch zur Freikirchenbildung. Weitere Repräsentanten warenJohann Michael Hahn und diefrühcharismatischen Blumhardts (Vater undSohn), letzterer wurde erster Pfarrer und Sozialdemokrat im Stuttgarter Landtag.
Im Gegensatz zum Pietismus, der sich als innerkirchliche Reformbewegung verstand, wuchs unter einigen Anhängern der Erweckungsbewegung (vor allem wenn ein intensiverer Kontakt nach England vorlag) die Skepsis gegenüber den verfassten Kirchen. So gründeteJohann Gerhard Oncken 1834 in Hamburg die ersteBaptistengemeinde, die zur Keimzelle vieler kontinentaleuropäischer Baptistenkirchen wurde.Methodistische Glaubensgemeinschaften, die es schon seit dem 18. Jahrhundert im angloamerikanischen Raum gegeben hatte, entstanden in Mitteleuropa ab der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Von gesellschaftlicher Bedeutung war die apokalyptische Stimmung angesichts einer BerechnungJohann Albrecht Bengels für die Wiederkunft Christi im Jahr 1836. Seit 1800 wuchs eine Aufbruchsstimmung, die eine Auswanderung nach Russland und Amerika befürwortete, um „dem Herrn entgegenzugehen“. So wanderten Anhänger der Erweckungsbewegung umJohann Georg Rapp (später „Rappisten“ genannt) nachPennsylvania aus, wo sie die Siedlung „Harmony“ gründeten und zeigten, dass das wörtliche Bibelverständnis (Apg 3,32–37 LUT) zu Sozialformen führen konnte, die sich in mancher Hinsicht mit Vorstellungen der Frühsozialisten deckten, was später unter anderem von dem Barmer PietistensohnFriedrich Engels angesprochen wurde.
Die Niederlage der politischen Freiheitsbewegung in der „Bürgerlichen Revolution“ von 1848 brach den Aufschwung der Erweckungsbewegung. Eine umfangreiche Emigration in die USA umfasste auch Anhänger der Erweckungsbewegung. Wachstum erlangte der neue Arbeitsbereich der „Inneren Mission“ unter Armen und Leidenden.Johann Hinrich Wichern undFriedrich von Bodelschwingh standen mit ihren Werken für die praktizierte christliche Nächstenliebe, die sich an wörtlicher Schriftauslegung orientierte und den Grundstein für den kirchlichen Arbeitsbereich derDiakonie legte. Des Weiteren entstanden teils international vernetzte Strukturen, um in Gemeinschaftskreisen die Errungenschaften der Erweckungsbewegung zu erhalten. Auf die vielbeachtete Gründung derEvangelical Alliance 1846 in London hin kam es in Deutschland 1857–1886 zur Gründung lokaler Zweige derEvangelischen Allianz. 1888 konstituierte sich derGnadauer Gemeinschaftsverband. In derGemeinschaftsbewegung kam es dann in größerem Stil zu einer Internationalisierung insofern, dass Gedanken und Methoden aus demMethodismus und derOxfordbewegung aufgenommen wurden. Vor der Jahrhundertwende (zum 20. Jahrhundert) trug dieHeiligungsbewegung zu großen Teilen die Expansion der Bewegung.[93]
Der Beginn des 20. Jahrhunderts brachte für die Nach-Erweckungsbewegung den ersten namhaft zu machenden Einfluss aus den USA, der zunächst in eine Spaltung hineinführte: DiePfingstbewegung.[94]Charles F. Parham hatte 1901 in Topeka (Kansas) mit einem Kreis von Bibelschülern unter anderem inApg 3 EU dasZungenreden als Merkmal derGeistestaufe entdeckt und nach intensivem Gebet als Gabe empfangen. 1907 brachten zwei Norwegerinnen die Zungenrede nach Kassel. In einer Folge von Erweckungsversammlungen begannen viele Teilnehmer in Zungen zu reden. Als die Erscheinung aber immer ekstatischere Formen annahm, drängte die Polizei auf Abbruch der Veranstaltungen. Nach langem Ringen kam man daraufhin in Gemeinschaften und Freikirchen mehrheitlich zu der Überzeugung, dass die Zungenrede nicht „von oben“, sondern „von unten“ sei.[95] DieBerliner Erklärung von 1909 nahm mit ihrer eindeutigen (und bis heute kontrovers diskutierten) Grenzziehung den pfingstlich Erweckten ihre Heimat in Gemeinschaften und Freikirchen. So kam es zur Gründung freikirchlicher Pfingstgemeinden, des „Christlichen Gemeinschaftsverbandes Mülheim (Ruhr)“ sowie mehrerer weiterer Verbände, die seither als „Pfingstbewegung“ ein (zunächst) selbständiges Dasein führten.[96]
Die Stellung der von Pietismus und Erweckung Beeinflussten während desZweiten Weltkriegs lässt sich nicht systematisieren. Einerseits wurde der von Wicherns volksmissionarischen Ideen motivierte HofpredigerAdolf Stoecker († 1909) im Kaiserreich zu einem der führendenAntisemiten, andererseits brachte die Erweckung tragende Kräfte derBekennenden Kirche, wieJochen Klepper undPaul Schneider hervor;Dietrich Bonhoeffer gilt als gemeinsame Integrationsfigur. Einerseits konnten die zur „Erlanger Theologie“ zählenden ProfessorenWerner Elert undPaul Althaus dieBarmer Theologische Erklärung zurückweisen und imAnsbacher Ratschlag den nationalsozialistischen Staat als göttliche Ordnung verstehen. Andererseits distanzierte sich derGnadauer Verband unter Führung seines VorsitzendenWalter Michaelis bereits ein halbes Jahr vor derBekennenden Kirche scharf von denDeutschen Christen. Er schloss sich (um die Eigenständigkeit nicht zu verlieren) zwar nicht der „Bekennenden Kirche“ selbst an, dafür aber der ihr nahestehenden „Arbeitsgemeinschaft der missionarischen und diakonischen Werke“, trug die „Barmer Erklärung“ inhaltlich mit (es gibt eine weitläufige Deckung mit der eigenen „Salzuflener Erklärung“) und wurde seitens der „Bekennenden Kirche“ mit hoher Anerkennung bedacht.[97] Dietrich Bonhoeffers BuchNachfolge und die Lebensberichte der niederländischen WiderstandskämpferinCorrie ten Boom gehören zu den von Evangelikalen meistgelesenen Werken. Auch die TheologieKarl Barths wurde trotz seiner zum Teil harschen Pietismus-Kritik von Evangelikalen weitläufig rezipiert.
In engem Schulterschluss starteten Volkskirche und Pietismus bzw. Gemeinschaftsbewegung in die Nachkriegsära.[98] Erst allmählich brachen die theologischen Unterschiede innerhalb der ehemaligen „Bekennenden Kirche“ auf, die der gemeinsame Widerstand gegen das NS-Regime überdeckt hatte. Zwei Vorgänge sind dabei hier von Bedeutung:
Den entscheidenden Impuls für die evangelikale Bewegung der Nachkriegszeit bildeten dieMassenevangelisationen vonBilly Graham in Deutschland seit 1953. Sie stießen im entkirchlichten Deutschland auf großen Widerhall. Inhaltlich knüpften sie an den „roten Faden“ des Pietismus und der Erweckungsbewegung an, brachten aber sowohl methodisch als auch inhaltlich neue Gesichtspunkte aus den USA mit nach Deutschland. Dass diese in der deutschen Evangelischen Allianz z. T. durchaus kritisch betrachtet wurden, zeigt die Tatsache, dass ihr Beitritt zur (mit Graham eng verbundenen) „World Evangelical Fellowship“[99] (WEF, seit 2001 WEA[100]) 1952 klar abgelehnt wurde und erst 1968 im zweiten Anlauf zustande kam.[101] Dennoch gewann die Allianzarbeit in diesen Jahren eine neue Dynamik. Besondere Schwerpunkte bilden das Ruhrgebiet (zum Beispiel dasWeigle-Haus des JugendpfarrersWilhelm Busch), Baden (DekanFriedrich Hauß) und andere. 1965 wird die neue Bewegung (unter Eindeutschung des englischen Begriffes „evangelical“) erstmals als „Evangelikale“ bezeichnet.[102] Auf dem 1966 in Berlin von amerikanischen Evangelikalen durchgeführten „Weltkongress für Weltevangelisation“ setzte sich der Begriff durch. Dieser begrifflichen Erkenntnis der eigenen Zusammengehörigkeit korrespondiert eine scharfe Grenzziehung zur zeitgenössischen Theologie im Rahmen des bereits seit mehreren Jahren andauernden Konflikts mit derBultmann-Schule.
Bereits kurz nach der Kriegszeit war die Zweckgemeinschaft der „Bekennenden Kirche“ zerfallen. Das Entmythologisierungsprogramm ihres MitgliedsRudolf Bultmann ging davon aus, dass das Weltbild des Neuen Testaments mythologischer Natur sei; die biblischen Inhalte wie Wunder, Sühnetod, Auferstehung, Himmelfahrt und Jesu Wiederkunft seien dem modernen Menschen nicht zugänglich zu machen. Sein Programm einer „Entmythologisierung“, im Zuge derer das biblische Existenzverständnis als das Eigentliche der Texte aus ihrer Einkleidung herausgeschält werden müsse, führte zu einer Neuauflage des alten Konflikts zwischen Erweckungs- undliberaler Theologie. Die Evangelikalen reagierten zunächst mit Besorgnis und dann mit teils energischem Widerstand, da sie die (für sie unaufgebbare) Biblizität (welche ihnen noch kurz vorher, in der Kriegszeit, die entscheidende Hilfe bei der Auseinandersetzung mit den Deutschen Christen gewesen war) und mit ihr essentielle Glaubensinhalte in Gefahr sahen. Aus einem Gesprächskreis Bultmann-kritischer Theologen (u. a.Hellmuth Frey,Paul Deitenbeck,Rudolf Bäumer) entstand 1961 der „Bethel-Kreis“ und später – nach einer Großkundgebung in Dortmund mit 24.000 Teilnehmern – die „Bekenntnisbewegung Kein anderes Evangelium“Gal 1,6 EU.[103] In zahlreichen Publikationen (zum Beispiel „Alarm um die Bibel“ vonGerhard Bergmann) formulierten sie ihren Einspruch gegen die Bultmann-Schule. Durch ihre rein apologetische Grundausrichtung repräsentierte die Bekenntnisbewegung nur einen Teil der Evangelikalen, hauptsächlich solche, die in der Landeskirche beheimatet waren, nicht dagegen Freikirchen und die meisten Gemeinschaftskreise. Sie stieß jedoch allgemein das Anliegen an, theologisch tragfähige Alternativen zur herrschenden theologischen Schulmeinung zu entwickeln. Zahlreiche Beiträge hierzu, die z. T. ein breit angelegtes Gespräch mit den unterschiedlichen Strömungen der theologischen Wissenschaft führen, besitzen in der Zwischenzeit selbst anerkanntes wissenschaftliches Niveau.[104]
In den 1960er Jahren kam es erneut zu einer Aufbruchsbewegung im Zeichen des Heiligen Geistes – dieses Mal jedoch zunächst innerkirchlicher Art.[106] Der lutherische PfarrerArnold Bittlinger hatte in den USA die vonDennis J. Bennett initiierte „Charismatische Bewegung“ kennengelernt. Beeindruckt von ihrer disziplinierten Art, die urchristlichenGeistesgaben (einschließlich der sogenannten „übernatürlichen Gaben“ wieZungenrede (Glossolalie),Prophetie und anderen) zu leben, gründete er zunächst zahlreiche innerkirchliche Hauskreise und dann 1968 gemeinsam mit anderen das „Ökumenische Lebenszentrum für die Einheit der Christen“.[107] Aus dieser Urzelle entstand ab 1976 schrittweise die „Geistliche Gemeinde-Erneuerung“ (GGE) als Bewegunginnerhalb der Evangelischen Kirche, die auch in die Freikirchen ausstrahlte.[108][109] Von ihrer Vorläuferin, der „Pfingstbewegung“, unterscheidet sich die „Charismatische Bewegung“ einerseits durch den weniger ekstatischen Umgang mit den Geistesgaben (wobei es auch hier immer wieder Ausnahmen gibt), andererseits durch deren unterschiedliche Beurteilung: Während die „Geistestaufe“ in der Pfingstbewegung gern als zweite, höhere Stufe der Geistverleihungnach derWiedergeburt und die Zungenrede als ihr Beweis verstanden wird, fällt gemäß der „Charismatischen Bewegung“ beides in Bekehrung und Wiedergeburt zusammen; die Geistesgaben erscheinen dann lediglich als Manifestationen desHeiligen Geistes, ohne dass dabeieiner bestimmten Gabe (wie der Zungenrede) ein Vorrang oder ein Beweischarakter zukäme.[110] Die Stellung der Charismatiker innerhalb der Evangelikalen Bewegung ist in Deutschland dennoch umstritten; Reaktionen vonnichtcharismatischen Evangelikalen hierzulande reichen (je nach Gemeinde und Gruppierung) von Akzeptanz und vorsichtiger Öffnung für charismatische Phänomene bis zu eindeutiger Ablehnung (zum Beispiel durch Teile der „Bekenntnis-Evangelikalen“ und den „Gnadauer Verband“); gelegentlich werden auch Warnungen ausgesprochen (vor allem in Zusammenhang mit Krankenheilungen oder einem stark dualistisch geprägten Geistverständnis). Das spannungsreiche Verhältnis lässt es nicht angemessen erscheinen, charismatische Frömmigkeitsformen ohne weitere Prüfung der Vergleichbarkeit als Beispiele für allgemein evangelikale Glaubensprägung darzustellen.[111]
Die evangelikale Bewegung im eigentlichen Sinn und der protestantische Fundamentalismus entwickelten sich in den Vereinigten Staaten über verschiedene Phasen gemeinsam und trennten sich erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Derek Tidball beschreibt die Entwicklung in drei Phasen:
Erste Phase: Konservative Theologie und Erweckungsbewegung
Durch Erweckungsreisen im angelsächsischen Raum schufen sie die Basis für ein einendes Band. Grundlagen waren konservative Theologie,Supranaturalismus, individuelle Bekehrung, persönlichesGebetsleben, sowie eine wörtlicheBibelauslegung.
Ebenfalls im 19. Jahrhundert kam es zu einer konservativen theologischen Bewegung in führenden amerikanischen Universitäten, die sich von der liberalen Theologie abgrenzte. Führend war dabei die renommierte presbyterianische Universität von Princeton, mitCharles Hodge,Archibald Alexander Hodge undBenjamin Breckinridge Warfield, die biblischen und dogmatischen Grundlagen der evangelikalen Theologie als Reaktion auf die von Europa herüberschwappende liberale Theologie.
Nach 1880 radikalisierten sich verschiedene kirchlich-konservative Strömungen im Kampf für dieProhibition und wandten sich von der Demokratischen Partei ab.[113] Damit wurde eine überkonfessionelle Massenbewegung mit dem Ziel der Hebung der Moralität außerhalb des politischen Systems geschaffen.
Eine wichtige Rolle bei der Vereinigung konservativer Strömungen spielte derPresbyterianerHenry Parsons Crowell, der Begründer derCerealienhandelsgesellschaftOatmeal und ein Marketing-Genie. (Das Markenzeichen „Quaker Oats“ und die Abbildung einesQuäkers auf der damals unüblichen Verpackung sollte Assoziationen von Reinheit –purity – erwecken, obwohl Crowell nichts mit den Quäkern zu tun hatte.) 1904 wurde er Präsident des von der Industrie finanziertenMoody Bible Institute, dessen Arbeit auch gegen die nach 1890 einsetzende politische Radikalisierung breiter Mittelschichten und verarmter Farmer[114] gerichtet war. Diese tief in religiösen Strömungen verankerte Bewegung des Südens und Mittelwestens organisierte sich in derPopulist Party und in derFarmer’s Alliance. Beispielsweise wurde die Bewegung in South Carolina maßgeblich von der Methodist Protestant Church und den Disciples of Christ unterstützt, zwei auf dem Lande verbreiteten Abspaltungen der Methodist Episcopal Church bzw. der Baptisten, die sich gegen die „Tyrannei“ und das „Diktat“ ihrer Kirchenoberen und des Staates wandten.[115] Die Farmer verstanden sich als die Jünger Christi, die ihren Kampf für Reformen und für die Autonomie des Privateigentums unmittelbar auf biblische Postulate gründeten.[116]
Dabei kombinierten die evangelikal-populistischen Bewegungen ihre konservative Theologie auch mit marktliberalen undsozialdarwinistischen Ideen, reformorientierten Selbstverwaltungskonzepten und radikalisierten Varianten vormoderner und rückwärts gewandterIdeologien wie zum Beispiel kommunitären und religiösen Tugend- und Perfektionslehren, Auserwähltheitstopik[117] oder Heilsuniversalismus.[118] Beharrten die Konservativen auf dem Recht und der Pflicht zur individuellen Bibellektüre ohne die Notwendigkeit einer weiteren theologisch-kirchlichen Vermittlung, so konnten sich daraus die unterschiedlichsten radikalen Einsichten und Konsequenzen ergeben – je nachdem, welche Texte gelesen und wie wörtlich ihre Botschaften genommen wurden. Letzteres zeichnete aber die Evangelikalen aus.
Crowell und verschiedene Theologen versuchten daher, die individuelle Erleuchtung durch freie Bibellektüre mit der Aufrechterhaltung einer (freilich fiktiven) gemeinsamen konservativen protestantischen Orthodoxie zu verbinden, um ultraradikale Interpretationen einzudämmen.[119]
Als Grundlagen dienten die vonCyrus I. Scofield 1909 herausgegebeneScofield-Bibel, eine auf demDispensationalismus basierende Studienbibel mit Kettenreferenzen, sowie die vom Moody Bible Institute unterstützte, von den beiden kalifornischen Ölmillionären Lyman und Milton Stewart finanzierte BuchreiheThe Fundamentals. A Testimony to the Truth, eine seit 1910 erschienene zwölfbändige Sammlung von Arbeiten, die mit damals modernen Marketingmethoden beworben wurde und 300.000Subskribenten fand. In ihr verteidigten konservative Theologen aus vielen Konfessionen und aus dem gesamten englischen Sprachraum die konservative Theologie gegen diehistorisch-kritische Exegese. Unter den 64 Kontributoren waren theologische Schwergewichte wieBenjamin Breckinridge Warfield,James Orr, undReuben Archer Torrey.[120]
Aufgrund dieses Namens kam es zur Bezeichnung Fundamentalisten für die Kontributoren, die jedoch nicht dem heutigen Verständnis des Ausdrucks entspricht – heute würden diese Theologen als evangelikal bezeichnet.
Unabhängig davon fiel in diese Zeit auch das rasche Wachstum der Heiligungs- und Pfingstgemeinden, die insbesondere unter den nicht-intellektuellen Einwanderern und den Afroamerikanern Zulauf fanden.
Parallel dazu entwickelten sich auch in der „Basis“ der größeren Kirchen Bewegungen, die innerhalb ihrer jeweiligenKonfession gegen die liberalen odermodernistischen Strömungen protestierten, da diese die Grundlagen des Christentums zugunsten vonagnostischen Prinzipien verlassen hätten. Die „Liberalen“ hätten einesäkulare,humanistische undskeptische Religion gegründet, basierend nicht mehr auf dem Christentum, sondern auf der zunehmendpluralistischen europäischen Kultur, die aus derAufklärung entstanden sei.
Diese Bewegung bekam einen zusätzlichen Impetus von den jährlich stattfindenden Niagara Bible Conferences im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, wo sichbaptistische undpresbyterianische Theologen, aber auch Vertreter derKongregationalisten,Methodisten,Lutheraner undAnglikaner zusammenfanden als Gegenbewegung gegen den theologischen Modernismus. An den Niagara Bible Conferences nahmen zahlreiche renommierte Theologen wieCyrus I. Scofield, undHudson Taylor teil. An verschiedenen dieser Konferenzen wurden überkonfessionelle unverzichtbare Grundlagen des christlichen Glaubens definiert.
Der Beginn der zweiten Periode lässt sich auf die Gründung derWorld’s Christian Fundamentals Association 1919 datieren, in der sich die voneinander unabhängigen konservativen Bewegungen auf der Basis von fünf traditionellen Grundwahrheiten des Christentums zusammenfanden:
die Wiederkunft Christi (Parusie) und damit in Zusammenhang die leiblicheAuferstehung der Toten
Die ersten beiden Punkte gehörten seit derAlten Kirche zu den grundlegenden Lehren des Christentums, der dritte ist in der westlichen (katholischen und protestantischen) konservativen Theologie seit dem Mittelalter unbestritten.
Die beiden letzten Punkte wurden zwar in der konservativen Theologie nie abgelehnt, aber auch nie besonders betont. Hier wurden sie bewusst aufgeführt, um sich einerseits gegen diehistorisch-kritische Exegese und andererseits gegen die Ablehnung der Realität von Wundern abzugrenzen.
Die resultierende Bewegung wurde als Fundamentalismus bezeichnet, umfasste aber neben den eigentlichen Fundamentalisten auch die wesentlich größere Gruppe der heutigen Evangelikalen. Im Fundamentalismus gab es einerseits immer noch theologische Kapazitäten wieJohn Gresham Machen undCornelius Van Til – andererseits aber auch Leute wie Jay Frank Norris von den Southern Baptists oder Billy Sunday, ein ehemaliger Baseballspieler als Evangelist, die sich bestens für eine Karikatur eigneten.
In dieser Periode wurde auch die Kampagne gegen den Unterricht derEvolutionstheorie an den Schulen gestartet. Weltbekannt wurde derAffenprozess 1925 gegen den LehrerJohn Thomas Scopes. Ziel der Kampagne war die Verteidigung biblischer Aussagen gegen die moderne Wissenschaft.
In vielen großen Konfessionen kam es zu Streitigkeiten und zu Abspaltungen der konservativen Gruppen. Dabei entstanden zum Beispiel aus den American Baptists die General Association of Regular Baptist Churches und aus der Northern Presbyterian Church die Orthodox Presbyterian Church.
Ein interkonfessionelles Netzwerk entstand unter Beteiligung von
Das evangelikale Schisma wurde eingeleitet durch einen Prozess des Sich-Einlassens vieler Konfessionen auf dieModerne, mit dem Ziel, diese zu evangelisieren. Diese gründeten 1943 dieNational Association of Evangelicals.
1957 kam es in Nordamerika zur Trennung zwischenEvangelicals undFundamentalists (dabei entspricht das englische WortFundamentalists nicht dem Sprachgebrauch im Deutschen seit ca. 1980, da in diesemFundamentalisten mit Extremisten identifiziert werden, vielmehr bezieht es sich auf die Betonung vonFundamentals, also auf grundlegende biblische Wahrheiten; siehe oben unterKonservative Theologie), als der ErweckungspredigerBilly Graham sich die Kritik derFundamentalists zuzog, die seine Mitarbeit im Ökumenischen Rat der Kirchen als Kompromiss mit den verderblichen Kräften des Modernismus deuteten.Bob Jones beschuldigte ihn der „Aufgabe der Religion“ und des „Opfers des Evangeliums auf dem Altar zeitgemäßer Opportunität“. Graham hielt am Sich-Einlassen fest. Das endgültige Schisma zwischen Evangelikalen undFundamentalists erfolgte 1957, nachdem dieFundamentalists die finanzielle Unterstützung für denNew York City Crusade abgelehnt hatten. Seitdem bezeichnet der Begriff strenggenommen nur mehr den verbliebenen Teil der Fundamentalisten, wenn er auch in weiterem Sinne auf die protestantische Rechte der USA angewandt wird.
Innerhalb der evangelikalen Bewegung gibt es inzwischen viele Menschen, die dem klassischen Evangelikalismus nicht mehr ganz zustimmen wollen. Etliche dieser Leute leben ihren Glauben im Privaten aus, finden aber für sich keinen Platz in den evangelikalen Kreisen. Gründe dafür können sein, dass diese Leute die erlebte Enge und den Dogmatismus nicht teilen. In ihrem Denken sind sie stark von derPostmoderne geprägt. Auch die evangelikaleSubkultur (vor allem in den USA) mit ihren speziellen Gottesdiensten, Kirchenzentren, Musik und Literatur sowie teilweise kommerzialisierten Auswüchsen wird kritisch hinterfragt.
Als Bewegung lässt sich derPost-Evangelikalismus[121] nicht konkret umschreiben. Die Verbindung zwischen post-evangelikal und evangelikal lässt sich sowohl als Kontinuität als auch als Diskontinuität beschreiben. Das Verhältnis spiegelt im Wesentlichen die Entwicklung von derModerne zur Postmoderne wider.
Einen hohen Stellenwert nimmt im Verständnis der Bibel und der Gemeinde dieKultur ein. Die kulturelle Relativität muss sowohl bei derBibelauslegung als auch dem Gemeindebau berücksichtigt werden. Eng verbunden mit dieser Ausrichtung ist die unter Konservativ-Evangelikalen umstritteneEmerging Church, die versucht Gemeinde und Theologie postmodern neu zu entwickeln. Vertreter des Post-Evangelikalismus sind beispielsweiseDave Tomlinson oderStanley Grenz.
In Europa sind Evangelikale meist konservativ orientiert und treten für ein christlich geprägtes Wertesystem ein. So gut wie alle europäischen Evangelikalen tendieren zu einer konservativen Haltung in Fragen wieAbtreibung[122] oderSterbehilfe;[123] in Fragen, die dieSozialpolitik, denUmweltschutz, dieBildungspolitik oder dieAsylgesetzgebung betreffen, stehen aber viele europäische Evangelikale eher links.[124][125] Spätestens seit demIrakkrieg gibt es auch unter den politisch Konservativen eine deutliche Skepsis gegenüber den USA, die teilweise auch bei Evangelisationen thematisiert wird, etwa durchUlrich Parzany; diese Kritik umfasst auch die Einstellung der amerikanischen Evangelikalen zu wirtschaftlich-sozialen Verhältnissen. In vielen Ländern orientieren sich Evangelikale politisch an den etablierten Parteien (in Deutschland vor allem an derCDU) und versuchen, darüber politischen Einfluss auszuüben, entweder direkt oder über besondere Parteiforen, wie etwa dieChristdemokraten für das Leben, die sich gegen Abtreibung aussprechen und Netzwerke auch außerhalb der Politik unterhalten.[126] Daneben wurden auch eigene evangelikale politische Parteien gegründet, wie zum Beispiel dieEvangelische Volkspartei (Schweiz),[127] dieEidgenössisch-Demokratische Union oderBündnis C – Christen für Deutschland (siehe auchEuropäische Christliche Politische Partei#Mitgliedsparteien).
In Nordamerika sind die Evangelikalen gemäß verschiedenen Umfragen politisch in den vergangenen Jahrzehnten mehrheitlich rechtskonservativ und wählen heute zumeist republikanisch. Dabei waren die Evangelikalen über lange Zeit nicht kompromittiert durch Tages- oder Machtpolitik. Allerdings wurde das 1935 gegründetePrayer Breakfast Movement (The Family) besonders zur Zeit desKalten Krieges missionierend in Politik und Militär aktiv und kreierte das militant-antikommunistischeMilitant Liberty-Programm, das von hohen Militärs wie AdmiralArthur W. Radford unterstützt wurde.[128] Zur Überwindung der damaligenWeltwirtschaftskrise forderte die Gruppe anstelle des „New Deals“ eine Rückbesinnung auf „traditionell christliche Werte“ und einen Elite-Fundamentalismus, bei dem die Gesellschaft anstelle einer Demokratie durch „gott-geführte“ Männer kontrolliert wird, die durch die Offenbarungen von Jesus Christus geleitet werden sollen.[129]
Später standen die Evangelikalen als Antiföderalisten der Regierung in Washington und auch der Macht der Banken eher distanziert gegenüber.[130] Viele Evangelikale politisierten sich nach dem Grundsatzurteil zur AbtreibungRoe v. Wade von 1973.Jerry Falwell (1933–2007) gilt gemeinsam mitPaul Weyrich (1942–2008), dem Mitbegründer derHeritage Foundation, als Gründer der politisch-religiösen, den Republikanern nahestehenden BasisbewegungMoral Majority (1979),[131] dieJimmy Carter – selbst ein gläubiger Evangelikaler – erheblich unter Druck setzte und in den Wahlkampf 1980 eingriff. Falwell wetterte als Fernsehprediger gegen Homosexuelle, Liberale, Moslems und Gewerkschaften. Nach der zweiten AmtszeitRonald Reagans sank die Bedeutung der politischen evangelikalen Bewegung, da von vielen Wählern nun keine moralischen Gefahren mehr wahrgenommen wurden. Das Spendenaufkommen ging zurück,Moral Majority löste sich 1989 auf.
Nach der Finanzkrise kritisierten die Evangelikalen eher die staatlichen Rettungsaktionen als die Banken. Nathan Duffy (inThe Federalist) postuliert, dass Christus eine Vorliebe für reiche Steuerzahler habe und verteidigt die wegen ihres Reichtums „Marginalisierten“.[132] Das Eigentum ist für viele populäre Vertreter der Evangelikalen ebenso Privatsache wie die Erlösung; auch größter Reichtum wird als eine persönliche Auszeichnung angesehen, wegen der niemand diskriminiert werden dürfe.[133]
Gelegentlich werden auch christlicheLibertäre zu den Evangelikalen gezählt; beide verbindet die Ablehnung von staatlicher Macht und staatlichen Eingriffen außer im Fall von Mord, Diebstahl oder Betrug. Die Libertären neigen jedoch zu anarchistischen Auffassungen; oft rekrutieren sie sich aus der katholischen Bevölkerung. Ein Think Tank des konservativen, den Republikanern und Evangelikalen nahestehenden Bewegung ist das 1990 von dem früheren Aktivisten der Schwulenbewegung und heutigem katholischen PriesterRobert A. Sirico gegründeteActon Institute for the Study of Religion and Liberty inGrand Rapids (Michigan) undRom.
Eine spezielle Form einer evangelikal geprägten Politik stellt derDominionismus dar, welcher eine Schnittstelle zwischen dem christlichen Fundamentalismus und der Politik markiert. Dominionisten berufen sich aufGenesis 1,26-28 EU und lehnen eineTrennung zwischen Staat und Kirche ab. Das Spektrum reicht von harten Dominionisten, welche einen totalitären Gottesstaat basierend auf denZehn Geboten errichten wollen, bis hin zu weichen Dominionisten, welche lediglich eine Dominanz von „christlichen“, evangelikal-konservativen Werten in den Bereichen Staat, Geschäftswelt, Medien, Kunst und Unterhaltung, Bildung, Familie und Religion anstreben.[134] Zu letzterer Gruppe zählen einflussreiche Politiker wieMichele Bachmann undRick Perry.
Die große Mehrheit der Evangelikalen ist heute gegen die Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs, gegenSäkularisierung und pluralistische Lebensstile, für die Todesstrafe und gegen staatliche Sozialmaßnahmen: Sozialhilfe wird als Aufgabe der Kirchen gesehen. Ihre Einstellung ist nicht rassistisch, sondern vorwiegendethnozentristisch: Einwanderer bedrohen durch ihre fremden Kulturen die amerikanischen Werte. Anhänger islamischen Glaubens werden tendenziell ablehnend betrachtet. Diese Ablehnung verstärkte sich durch die Entwicklung des Irakkrieges und denTerroranschlag in New York, der stellenweise auchapokalyptisch/eschatologisch gedeutet wird/wurde.
Seit den 1990er Jahren kann dieDemokratische Partei, die früher von vielen Anhängern derSouthern Baptists unterstützt wurde, wegen ihrer restriktiven Einstellungen gegenüberSchulgebeten und ihrer liberalen Position gegenüber Abtreibungen und Homosexualität in den Südstaaten mit einem hohen Anteil an ärmeren weißen Evangelikalen, die sie früher gewählt hatten, kaum noch Wahlerfolge erzielen. Das Erstarken der Evangelikalen imBible Belt wird sogar als Reaktion auf die Politik des sog. demokratischen Establishment interpretiert.[54][135] Hinzu kommt das Empfinden vieler Weißer, dass die Sozialgesetzgebung der Demokraten die Schwarzen angeblich unangemessen bevorzuge.[136]
Die christliche neue Rechte der Vereinigten Staaten, die eine einflussreiche politische Position einnimmt, besteht mehrheitlich aus Evangelikalen. Vertreter sind beispielsweiseJames Dobson,Franklin Graham,Pat Robertson,Charles Colson oderGeorge W. Bush. Bei den Präsidentschaftswahlen 2016 stimmten lautABC News 81 Prozent der evangelikalen Wähler für Trump, nur 16 für Clinton. ABC News berichtete, dies sei der größte Vorsprung eines Kandidaten bei den Evangelikalen, seit die Statistik 2004 eingeführt wurde.[137] Zu den Anhängern des sogenanntenProsperity gospel (Biblischer Kapitalismus), die davon ausgehen, dass die Wirtschaftsordnung von Gott ordiniert sei, gehört der ehemalige amerikanische VizepräsidentMike Pence.[138]
Die Kritik der radikalen Evangelikalen in den USA an staatlichen Eingriffen ganz allgemein, insbesondere solchen in das Gesundheits- und Bildungssystem, und vor allem auch ihr Widerstand gegenObamacare werden von dem HistorikerMatthew Sutton aber auch mit den von ihnen seit Ende des 19. Jahrhunderts gehegten apokalyptischen Erwartungen begründet. Danach werden am Ende der Zeiten alle Staaten die Herrschaft einem totalitären politischen Führer übertragen, der sich als derAntichrist erweisen wird.[139] Dieser evangelikale Widerstand gegen staatliche Eingriffe hat sich schon zu Zeiten desNew Deal in den 1930er Jahren artikuliert.[140]
Heute glauben etwa 58 Prozent der weißen Evangelikalen in den USA, dass Jesus bis 2050 wiederkehren werde. Für die afroamerikanischen Evangelikalen tritt der Antichrist jedoch eher in Form rassistischer Politik und Justiz auf, während die weißen Evangelikalen die Bürgerrechtsbewegung als Form endzeitlicher Gesetzlosigkeit ansehen.[141]
In einer repräsentativenGallup-Umfrage von 2008, in der die Haltung der Amerikaner zu verschiedenen Religionen und Konfessionen erfragt wurde, wurden Evangelikale von 39 % der Bevölkerung als positiv, von 16 % als negativ gesehen (im Vergleich dazu Methodisten 49 % positiv, 4 % negativ, Baptisten 45 % positiv, 10 % negativ, Katholiken 45 % positiv, 13 % negativ, Atheisten 13 % positiv, 45 % negativ, Scientologen 7 % positiv, 52 % negativ).[142] Die Antworten von Nichtchristen in der gleichen Umfrage ergaben für Evangelikale 13 % positiv und 52 % negativ.[143]
Laut einer 2007 veröffentlichten Studie derBarna Group berichten 16 Prozent der Nichtchristen in den USA zwischen 16 und 29 Jahren, dass sie mit demChristentum allgemein positive Assoziationen verbinden (gegenüber noch 85 Prozent im Jahr 1996). Das evangelikale Christentum hingegen hat bei lediglich 3 Prozent der gleichen Gruppe ein positives Image. Verglichen mit der vorausgehenden Babyboomer-Generation sei die Unbeliebtheit evangelikaler Christen bei Nichtchristen um ein achtfaches gestiegen.[144] In der Studie fiel auch auf, dass die Definition für als „Evangelikale“ bezeichnete Christen recht unklar ist. Häufig wurden sie für politische Aktivisten gehalten; ihre spezifischen theologischen Anschauungen wurden nicht wahrgenommen.[145]
In den USA sind evangelikale Christen überdurchschnittlich häufig Besitzer vonSchusswaffen und treten besonders stark für dasRecht auf Waffenbesitz ein. Manche Evangelikale sehen das Recht auf Waffenbesitz als gottgegeben an und betrachten Waffen als Werkzeug, um Gottes Auftrag zu erfüllen.[146]
Neben der christlichen Rechten gibt es in den Vereinigten Staaten auch die sogenannte evangelikale Linke. Sie ist weniger organisiert und war in der Vergangenheit politisch weniger einflussreich. In zunehmendem Maße aber gewinnen Linksevangelikale in den Vereinigten Staaten in den letzten Jahren an Einfluss. Zum einen liegt es daran, dass die alte Garde der bekannten rechtskonservativen Prediger alt wird bzw. stirbt. Zum anderen ist dies darin begründet, dass die jüngere Generation der nachwachsenden Theologiestudenten gesellschaftlich offener undtoleranter sind.[147] Diese neue Generation der evangelikalen Theologiestudenten ist eher links orientiert einzustufen.
Als Teil derChristian Left nehmen Linksevangelikale eine Sonderstellung ein: Christen, die anders als liberale Vertreter derChristian Left aufgrund ihrer theologischen Grundüberzeugungen her eher eine evangelikale als eineliberale Theologie vertreten, teils auchwertkonservativ eingestellt sind, aber bei Themen wieSozialpolitik,Friedenspolitik,Menschen- undBürgerrechte eindeutig linke Positionen beziehen und sich sehr aktiv für diese Positionen einsetzen.
Die Evangelikale Umweltbewegung („Evangelical environmentalism“) ist eine Umweltbewegung in den Vereinigten Staaten, die denbiblischen Auftrag zumBebauen und Bewahren derSchöpfung betonen. Die Bewegung zielt zwar auf mehrere Aspekte des Umweltschutzes, wurde aber bekannt für Klimaschutz aufgrund ihrer theologischen Perspektive. DieEvangelical Climate Initiative argumentiert, dass der menschengemachteKlimawandel ernsthafte Konsequenzen haben und die Armen am stärksten treffen wird. Darum ruft sie auf, den Klimawandel zu verlangsamen und die Armen bei der Anpassung an geänderte Klimabedingungen zu unterstützen.[148]
Einer der prominentesten Linksevangelikalen istJim Wallis, Gründer und Leiter einer christlichenKommunität namensSojourners Community, Prediger und Buchautor. Der Titel seines letzten Buchs zeigt deutlich die Ansicht der Linksevangelikalen, dass eine christliche Politik nicht mit der traditionellen Einteilung in „rechts“ und „links“ funktioniert:God’s Politics: Why the Right Gets It Wrong and the Left Doesn’t Get It. Dass Linksevangelikale trotz Differenzen zu anderen Vertretern derChristian Left meist zu dieser gezählt werden und Jim Wallis für einige sogar ein Aushängeschild der religiösen Linken ist, mag daran liegen, dass ihr Engagement gegen Armut und für Themen wie Frieden und Gerechtigkeit im Vordergrund ihrer Aktivitäten steht und sie nicht selten heftig von der religiösen Rechten kritisiert werden.
Aus Enttäuschung über die Vereinnahmung der Evangelikalen durch dieRepublikanische Partei sowie die einseitige Themen-Fokussierung wie etwa auf die Homosexualität sowie den gehässigen Ton von vielen Anführern derChristlichen Rechte haben sich viele bekennende Christen neu orientiert.Marcia Pally geht aufgrund ihrer Untersuchungen und Umfragen vor dem Jahr 2010 davon aus, dass ungefähr je ein Drittel der Evangelikalen in ihrer Sympathie zu den Republikanern, den Demokraten und zu den Unabhängigen gehören. Viele Christen, die bisher die Republikaner gewählt haben, weil sie gegen Abtreibung waren, wählen jetzt Demokraten, weil sie die Armut bekämpfen wollen, welche die hohe Zahl der Abtreibungen begünstigt. Nach Einschätzung von Pally wollen die Neuen Evangelikalen solidarisch sein mit den Zugewanderten und wollen sich für eine legale Aufenthaltsmöglichkeit für sie einsetzen. Sie fordern von ihnen auch keine Assimilation. Der christliche Weg gehe über denGolgota-Hügel und nicht über den als korrupt empfundenenCapitol-Hügel. Derdominionistische Weg werde von den Neuen Evangelikalen abgelehnt, gefragt sei der Weg als christliche Minderheit in der pluralistischen Demokratie. Die Solidarität mit der Gesellschaft und den Armen sei eine logische Konsequenz der unter Evangelikalen stark vorhandenen Überzeugung nachTrennung von Kirche und Staat als Folge der Golgota-Logik. Daher sei es nicht konsequent, sich für dasSchulgebet und denKreationismus-Unterricht an den Schulen einzusetzen, finden vieleNew Evangelicals. Der Evangelikalismus habe sich des nationalistischen und politischen Götzendienstes schuldig gemacht, wird bei Pally ein Reverend aus Minnesota zitiert. Christen müssten seiner Ansicht nach nicht an Gewalthandlungen der Regierung teilnehmen. Zudem ist er gegen Wahlempfehlungen von der Kanzel herab. AuchBill Hybels sprach sich gegen dieIrak-Invasion 2003 aus. Ein Teil der heterogenen Bewegung der Neuen Evangelikalen hat eine Affinität zu den sogenanntenEmerging Churches. Pally macht zwischen der Religiösen Rechten und der Evangelikalen Linken mehrere Zwischen- und Übergangsformen aus.[149] Der evangelikale Autor und Prediger Jim Wallis wendet sich zum Beispiel gegen die Steuersenkungen für Reiche, wie sie viele Evangelikalen fordern.[150]
Nach Angabe vonC. René Padilla, Lindy Scott positionieren sich Evangelikale in Schwellenländern und in derDritten Welt in politischen und sozialen Fragen eher „links“ (sie stehen für soziale Gerechtigkeit, Armutsbekämpfung usw.); bei gesellschaftspolitischen Themen wie Ehegesetzen oder Homosexualität bleiben sie entschieden konservativ.[151] Allerdings vertreten einflussreiche evangelikale Politiker überwiegend, aber nicht ausschließlich, rechts-religiöse bis fundamentalistische Positionen. Obwohl diese damit nicht den evangelikalen Mainstream repräsentieren, gewinnt die religiöse Rechte einen zunehmenden Einfluss in der südlichen Hemisphäre.
Die religiöse Rechte folgt dabei einer weitgehend geschlossenen Ideologie, welche Skepsis gegenüberHomosexualität, Verbot von Abtreibungen, freien Waffenbesitz, völligen Sozialabbau und die Privatisierung von Bildungs- und Gesundheitssystems sowie denKapitalismus als ein von Gott begünstigtes System beinhaltet. Vertreter der evangelikalen Linken engagieren sich dagegen vorwiegend in bestehenden Parteien.
Zur Mobilisierung von Anhängern, zum Beispiel in Brasilien[152] oder den Philippinen[153], wird zunehmend auf die sogenannte „Geistliche Kriegsführung“ (spiritual warfare) zurückgegriffen, einer von demneo-charismatischen TheoretikerC. Peter Wagner entworfenen Verschwörungstheorie, nach welcher bestimmte Orte von „Dämonen“ besessen seinen und diese durch Gebete oder Jesusmärsche vertrieben werden müssten. Als „dämonisch“ werden dabei oft Orte mit geschichtlichem bzw. politischen Hintergrund gewählt, häufig sind dies welche, die den Organisatoren missliebig sind, darunter Kultstätten anderer Religionen, Abtreibungskliniken und Begegnungsstellen Homosexueller, eine einheitliche Definition existiert aber nicht. Trotz der militaristischen Rhetorik handelte es sich dabei um rein spirituelle Märsche, nicht um gewalttätige Ausschreitungen. Die „Geistige Kriegsführung“ dient vor allem der Mobilisierung der eigenen Anhängerschar und wird von den meisten nicht-evangelikalen und vielen evangelikalen Christen abgelehnt.[154][155]
Das Erstarken der Evangelikalen hat in der südlichen Hemisphäre zu einer politischen Destabilisierung einiger Länder geführt. In vielen Regionen Lateinamerikas haben Evangelikale florierende wirtschaftliche Aktivitäten entwickelt und ihr Einfluss auf die Parlamente steigt.
KonservativeMissionare, welche überwiegend der imDeep South der Vereinigten Staaten beheimatetenCharismatischen Bewegung beheimatet waren, wurden ab den 1970er Jahren durch die Vereinigten Staaten, insbesondere währendrepublikanischer Regierungen und durch dieCIA, gezielt gefördert, um den Einfluss linker Katholiken – die Befreiungstheologie war populär unter vielen sozialistischen, teilweise von denSowjets unterstützten Parteien undGuerillas – und moderater, amerikaskeptischerChristdemokraten zu schwächen.[156][157][158] US-PräsidentRichard Nixon befürwortete die Unterstützung der protestantischen Mission, nachdem ein Memorandum von 1969, das der damalige VizepräsidentNelson Rockefeller erhalten hatte, zusammengefasst hatte: „Die katholische Kirche ist kein Verbündeter mehr, dem die USA vertrauen können.“[159] Dies wurde in dem BuchWorld Order and Religion des US-amerikanischen ReligionssoziologenWade Clark Roof bestätigt.[156] Der guatemaltekische ErzbischofPróspero Penados machte die USA auch dafür verantwortlich, den Evangelikalismus in Guatemala zu fördern, da er eher politische als religiöse Gründe vermutete: „Die Verbreitung des Protestantismus in Guatemala ist eher Teil einer wirtschaftlichen und politischen Strategie gegen die katholische Doktrin der sozialen Gerechtigkeit.“[159]
Das Wachstum der Evangelikalen wird von Beobachtern aber auch darauf zurückgeführt, dass die katholische Kirche die Bedeutung des sozialen Wandels der 1960er Jahre nicht erkannt hat, die zur Verelendung breiter Schichten führte, und die darauf reagierendeBefreiungstheologie disqualifiziert und massiv bekämpft hat. Die katholische Kirche habe sich darauf beschränkt, die Hoffnung der Menschen aufrechtzuerhalten, ohne ihre reale Situation zu verändern.[160]
Die massiven Migrationsströme vom Land in die Elendsgürtel der GroßstädteZentralamerikas begünstigten in dieser Situation das Wachstum der Evangelikalen. InGuatemala bot das große Erdbeben vom Februar 1976 eine Eintrittskarte für evangelikale Kirchen aus den USA, die mit Hilfsgütern ins Land kamen.[161] Ähnliches gilt für andere Länder der Region und insbesondere für Haiti, wo nach demErdbeben 2010 zuerst die evangelikalen Kirchengebäude wieder aufgebaut wurden.
Der erste evangelikale Präsident eines lateinamerikanischen Staates war derguatemaltekische DiktatorEfraín Ríos Montt, welcher 1982 durch einen von den USA unterstützten Militärputsch an die Macht kam. In seiner Amtszeit kam es zu blutigen Kriegsverbrechen wie den Massakern und Vergewaltigungen an denIxil, für welcher er am 10. Mai 2013 wegen Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu 80 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.[162][163]
Korruption und Vetternwirtschaft bildeten auch den Leitfaden der Amtszeit des RechtspopulistenJimmy Morales, welchemGeldwäsche und Verbindungen ins Drogenmilieu nachgewiesen wurden.[164][165][166] Des Weiteren wird Morales vorgeworfen, einen Kindesmissbrauchsring im Präsidentenpalast aufgebaut zu haben.[167]
Brasilien
In Zeiten der politischen und wirtschaftlichen Krise seit 2017 in Brasilien versuchen evangelikale Kirchen, Pastoren oder auch nahestehende Parteien Politik zu gestalten. Von den 513 Abgeordneten des brasilianischen Parlaments gehörten 2018 rund 100 der im Jahre 2003 gegründetenbancada evangélica an,[168] ebenso der 2018 gewählte, bis 2022 amtierende PräsidentJair Bolsonaro, der sich 2016 imJordan taufen ließ und glaubte, in einem Kulturkampf gegen das Christentum bedrohenden Kräften zu stehen.
Verschiedene evangelikale Kirchen unterhalten unterschiedliche politische Parteien als Interessensvertreter im Parlament. Der rechtskonservativePartido Social Cristão, geleitet von PastorEveraldo Pereira, gilt als der politische Arm derAssembleias de Deus. Jedoch sind in dieser Partei auch bekennende Katholiken aktiv wie der frühere Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro,Wilson Witzel. Politiker der evangelikalen Rechten in Brasilien sind regelmäßig in Skandale und Gesetzesverstöße verwickelt. PastorMarco Feliciano bezeichneteAfrikaner als einOpfer eines Fluchs ausNoahs Zeiten seien,.[169] was ihm den Vorwurf desRassismus eintrug.[170] Des Weiteren waren er und Everaldo Pereira in Fällesexueller Belästigung und Bestechung involviert.[171]
Zu den wichtigsten evangelikalen Parteien gehört die fundamentalistischePartido Republicano Brasileiro. Diese steht de-fakto unter der Kontrolle des SektengurusEdir Macedo, einem ehemaligen Lotterieangestellten und selbsternannten Wunderheiler und Gründer der neopfingstlerischenIgreja Universal do Reino de Deus (IURD). Diese Partei strebt eine „Re-Christianisierung Brasiliens im Sinne einer rigiden und apokalyptisch bestimmten Ethik“ an.[172][173][174] Ein weiteres bekanntes Gesicht der Partei ist der in wirtschafts- und gesellschaftspolitischer Hinsicht konservativeKreationistMarcelo Crivella, Neffe Macedos und freigestellter Bischof der IURD, zugleich Mitbegründer der Brasilianischen Republikanischen Partei, ehemaliger Senator für den BundesstaatRio de Janeiro und Fischereiminister und seit Anfang 2017 bis Ende 2020 Bürgermeister der StadtRio de Janeiro. Er war in Rio jedoch umstritten, da er den traditionellenKarneval der Stadt als „heidnisch“ bezeichnet und diesem regelmäßig fernbleibt. Crivella war in seiner Zeit als Missionar von extremer religiöser Intoleranz geprägt, so bezeichnete er in seinem BuchEvangelizing Africa Katholiken als dämonisch und behauptete, traditionelleReligionen Afrikas würden „böse Geister“ verehren undHindus Kinderblut trinken, distanziert sich inzwischen nach eigener Aussage von diesen Äußerungen.[175][176]
Typisch ist auch der Aufstieg von Führungsfiguren der Evangelikalen zu Wirtschaftsmagnaten, die sich zusätzlich noch politisch betätigen.[177] Die brasilianischeIgreja Universal do Reino de Deus hat größtenteils durch Spenden ein ökonomisches Imperium aufgebaut; ihr selbsternannter BischofEdir Macedo ist mit einem geschätzten Vermögen von 1,2 Milliarden US-Dollar einer der reichsten Unternehmer Brasiliens.
Einige Gruppen wie die an der Regierung Bolsonaro beteiligte rechtsextreme ParteiPatriota forderten die Beseitigung der bisherigen, säkularen und demokratischen Verfassung und stattdessen die Einführung einerTheokratie.[178] Dadurch erscheint vielen Brasilianern die in der Verfassung festgeschriebene Trennung von Staat und Kirche in Gefahr. Das Oberste Wahlgericht (TSE) muss sich eventuell der Frage annehmen, ob den Kirchen untersagt werden soll, ihre Anziehungskraft auf Gläubige und ihre ökonomischen Mittel für Wahlzwecke zu nutzen.[179] Die evangelikalen Kirchen finanzierten den Wahlkampf Jair Bolsonaros, bekämpfen die von der katholischen Kirche lange geduldeten afrobrasilianischen Kulte und Traditionen und behindern die vom Gesetz vorgeschriebene Berücksichtigung afrobrasilianischer und indigener Themen in der Schule.[180]
In Brasilien hat das „Kapern“ von bestehenden politischen Parteien durch evangelikale Rechte inzwischen eine gewisse Tradition erreicht. So wurde der ursprünglich eher progressivePartido Social Liberal durch den Eintritt desJair Bolsonaro zu einer rechtsextremen Partei mit evangelikaler Prägung umgeformt. Weitere Parteien, welche durch die evangelikale Rechte vereinnahmt wurden, ist der ehemals umweltpolitisch ausgerichtetePartido Nacional Ecológico (heutePatriota), sowiePodemos, die durch den Eintritt von PastorMarco Feliciano ihre linkspopulistische Ausrichtung zugunsten einer wirtschaftsliberalen und einer gemäßigt-religiösen Agenda änderte.
Zu den bekannten evangelikalen Linken in Brasilien zählen die afro-brasilianische Menschenrechtsaktivistin und ehemalige Gouverneurin des Bundesstaates Rio de Janeiro, Benedita da Silva von derPartido dos Trabalhadores, welche sich für die Rechte der Frauen und benachteiligter Bevölkerungsgruppen einsetzt[181] sowie die grüne PolitikerinMarina Silva vonRede, welche bei der Wahl 2014 in Brasilien nur knapp die Stichwahl verpasste. Beide sind bekennende Pfingstler.
Auch in anderen lateinamerikanischen Staaten erscheint der staatliche Laizismus in Gefahr. Bei der Abstimmung über das Friedensabkommen in Kolumbien 2016 gelang es der Regierung nicht, die Bedenken evangelikaler Gruppen gegen manche Aspekte des Abkommens zu zerstreuen, wodurch es zu Fall kam.
ImKongo hat das Erstarken der Pfingstbewegung zuExorzismen und Gräueltaten an Kindern geführt, den sogenanntenHexenkindern. Solche Teufelsaustreibungen waren im christlichen Afrika bisher eher unüblich.
Im südlichen Afrika existieren mit derChristian Democratic Party inSüdafrika und derChristian Democratic Voice Party inNamibia kleinere Parteien mit evangelikal-theokratischer Ausrichtung, welche jedoch trotz eines florierenden Evangelikalismus, insbesondere in denTownships Afrikas, politisch weitgehend bedeutungslos sind und vor allem von den Mitgliedern kleiner, fundamentalistischer Sekten getragen werden.[182][183]
Auch inKenia steigt die Bedeutung der meist pentekostal-evangelikalenafrikanischen Kirchen in der Politik. Wohlstand und politischen Einfluss werden dort als positive Auszeichnung durch Gott gesehen.[184]
In zahlreichen islamischen Ländern wurde die Missionstätigkeit seitens Nichtmuslimen gesetzlich verboten, da sich auch aufgrund evangelikaler Missionare „zu viele“ Muslime dem christlichen Glauben zuwandten. In bestimmten Ländern wird evangelikalen Denominationen die rechtliche Anerkennung verweigert,[185] was mit Diskriminierung von Angehörigen dieser Kirchen verbunden ist (siehe zum BeispielEritrea).
In Südkorea existiert eine große evangelikale Gemeinde mit teils fundamentalistischen Zügen. Seit der PräsidentschaftLee Myung-bak gerät diese Szene stärker in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Professor Son Bong-ho von derGoshin-Universität kritisierte Präsident Lee wegen der Teilnahme an einem nationalen Gebetsmarsch im März 2011 und fürchtete die Gefahr eines zunehmenden evangelikalen Einfluss auf die bisher säkulare koreanische Politik.[186] Zunehmende Feindseligkeiten radikaler protestantischer Christen gegenüber dem Buddhismus und der traditionellen Religion Koreas haben jedoch zu starker Kritik seitens der Öffentlichkeit und einenBacklash gegenüber den protestantische Kirchen geführt. Autor Chan-sik Hong sieht die evangelikale Szene in Korea daher im Rückgang.[187] Andererseits hat die Regierung einen Vorschlag vorgelegt, der die Tätigkeiten koreanischer Missionare im mittleren Osten begrenzen soll.[188]
In derVolksrepublik China wird evangelikalen Denominationen oft die Anerkennung verweigert.
Werner Gitt (* 1937), Professor und Dir. a. D. an der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig (PTB), internationaler Konferenzredner und Autor
Peter Hahne (* 1952), deutscher evangelischer Theologe, Fernsehsprecher und Autor
Heinzpeter Hempelmann (* 1954), deutscher Seminardirektor derLiebenzeller Mission 1995–2006 und evangelischer Theologie- und Philosophieprofessor an der Evangelischen Hochschule Tabor in Marburg
Michael Herbst (* 1955), deutscher evangelischer Theologieprofessor in Greifswald
John Raleigh Mott (1865–1955), US-amerikanischer Erweckungsprediger undCVJM-Sekretär
Mark Noll (* 1946), US-amerikanischer Kirchenhistoriker und Autor
Harold John Ockenga (1905–1985), US-amerikanischer presbyterianischer Pastor, Mitbegründer der National Association of Evangelicals, Fuller Theological Seminary und Christianity Today
Thomas C. Oden (1931–2016), US-amerikanischer methodistischer Theologieprofessor
John Ortberg (* 1957), US-amerikanischer presbyterianischer Pastor und Autor
James Innell Packer (1926–2020), englisch-kanadischer anglikanischer Theologe am Regent College in Vancouver
Ian Paisley (1926–2014), britischer Pfarrer und Politiker, First Minister von Nordirland, Lord Bannside
Phoebe Palmer (1807–1874), US-amerikanische methodistische Predigerin, Frauenrechtlerin und Sozialaktivistin
Mike Pence (* 1959), US-amerikanischer Politiker und Vizepräsident
John Piper (* 1946), US-amerikanischer baptistischer Pastor und Theologieprofessor
Mit der Bibel zum Abitur: Film von Peter Moers und Frank Papenbroock, produziert vomWDR
Jesus Camp: Dokumentation über evangelikale Kinder in den USA, aufNetflix
Evangelikale – Mit Gott an die Macht: Dreiteilige Dokumentationsserie über politischen Evangelikalismus vor allem in den USA, Regie: Thomas Johnson, 2023,Arte.
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↑Collins/Naselli:Four Views on the Spectrum of Evangelicalism. KapitelFundamentalism.
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↑Carol Harris-Shapiro:Messianic Judaism: A Rabbi’s Journey Through Religious Change in America. Beacon Press, Boston 1999,ISBN 0-8070-1040-5, S. 118: „And while many evangelical Churches are openly supportive of Messianic Judaism, they treat it as an ethnic church squarely within evangelical Christianity, rather than as a separate entity.“
↑William Sanford LaSor, David Allan Hubbard, Frederic William Bush:Das Alte Testament. Entstehung - Geschichte - Botschaft, hrsg. vonHelmuth Egelkraut.Brunnen, Gießen 1989; 5. Auflage 2012.
↑Walter Hilbrands, Hendrik J. Koorevaar (Hrsg.):Einleitung in das Alte Testament. Ein historisch-kanonischer Ansatz. Brunnen, Gießen 2023.
↑So erklärt im Vorwort zur Neubearbeitung des ELThG2, Bd. 1. Dieses aufwändige Lexikon erschien beim VerlagR. Brockhaus.
↑Marcia Pally: Die neuen Evangelikalen. Amerikas reaktionärste Christen vollziehen eine linke Wende und entdecken das Christentum für sich. Abgerufen am 11. Februar 2015.
↑In zwei Dokumenten auf der Internetseite der Deutsche Evangelische Allianz e. V. war zu lesen gewesen: „Die Deutsche Evangelische Allianz ist Teil einer weltweiten Bewegung von 380 Millionen evangelikalen Christen in 124 nationalen und 7 regionalen/kontinentalen Evangelischen Allianzen. [Sie] vertritt schätzungsweise ca. 1.300.000 Christen aus vielen Kirchen und Freikirchen in Deutschland.“ Sowie: „Die Allianz vertritt nach eigenen Angaben rund 1,3 Millionen Evangelikale in Landes- und Freikirchen.“ Matthias Oppermann:30. Evangelischer Kirchentag – Erweckung und Wiedergeburt. In:Die Zeit, Nr. 22/2005, S. 10.
↑Nestvogel, in: Maleachi-Kreis (Hrsg.):Gefährliche Stille! 3. Auflage. CLV Verlag, 2013, S. 95 f.
↑Koehrsen, Jens:Middle Class Pentecostalism in Argentina: Inappropriate Spirits. Brill, Boston 2016,ISBN 978-90-04-31014-8 (brill.com [abgerufen am 30. Dezember 2018]).
↑Jens Koehrsen:When Sects Become Middle Class: Impression Management among Middle-Class Pentecostals in Argentina. In:Sociology of Religion.Band78,Nr.3, 1. September 2017,ISSN1069-4404,S.318–339,doi:10.1093/socrel/srx030 (oup.com [abgerufen am 30. Dezember 2018]).
↑Auf Bengel geht die erste textkritische Ausgabe des Neuen Testaments überhaupt zurück (1734).
↑Hier erfuhr er zum Beispiel Unterstützung durch den Francke-SchülerHenry Melchior Muhlenberg, der die ausgewanderten Deutschen kirchlich sammelte.
↑Vgl. zum BeispielGottfried Arnolds „Unparteiische Kirchen- und Ketzerhistorie“, welche – auf der Basis jahrelangen Quellenstudiums – von jeder konfessionellen Parteilichkeit löst, vgl. Johannes Wallmann:Kirchengeschichte Deutschlands seit der Reformation. 4. Auflage. 1993, S. 141 f.
↑abcdeJohannes Wallmann:Kirchengeschichte Deutschlands seit der Reformation. 4. Auflage. 1993, S. 197–200.
↑Friedrich Schleiermacher:Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern. S. (…); Johannes Wallmann:Kirchengeschichte Deutschlands seit der Reformation. 4. Auflage. 1993, S. 185–188.
↑Vgl. Friedrich Wintzer:Claus Harms. Predigt und Theologie. Flensburg 1965, S. 21 f.
↑Friedhelm Jung:Die deutsche evangelikale Bewegung. Bonn ³2001, S. 156–166.
↑Mitstreiter waren der (wie Bittlinger selbst) landeskirchliche PfarrerReiner-Friedemann Edel, die Baptisten Wilhard Becker und Siegfried Großmann und der Katholik Eugen Mederlet (OFM) – Zeichen dafür, dass die Charismatische Bewegung wie seinerzeit die Erweckungsbewegung die Konfessionsgrenzen überwand (Friedhelm Jung:Die deutsche evangelikale Bewegung. Bonn 2001, S. 158 f.)
↑Zu einem Rückschlag kam es 1988, als der amtierende Vorsitzende Wolfram Kopfermann, Pfarrer der Hamburger St.-Petri-Kirche, aus der Landeskirche austrat und die „Freie Ev.-luth. Anskar-Kirche“ gründete.
↑Vgl. Friedhelm Jung: Die deutsche evangelikale Bewegung, Bonn ³2001, S. 158 f.
↑Friedhelm Jung: Die deutsche evangelikale Bewegung, Bonn ³2001, S. 159 ff.
↑Vgl. dazu exemplarisch die „differenzierte Beurteilung von Pfingstlern und Charismatikern“ bei Friedhelm Jung:Die deutsche evangelikale Bewegung. Bonn ³2001, S. 162–166.
↑Meic Pearse:The Age of Reason. Kapitel 14The Great Awakening, 2006 Derek Tidball:Reizwort Evangelikal, KapitelGeschichtliche Wurzeln.
↑Joe L. Coker:Liquor in the Land of the Lost Cause: Southern White Evangelicals and the Prohibition Movement. University Press of Kentucky, Lexington 2007, Kapitel 2:Drying up the South.
↑Ursachen der Verarmung der Farmer waren die durch das Festhalten amGoldstandard verursachteDeflation und eine Kreditklemme. John D. Hicks:The Populist Revolt: A History of the Crusade for Farm Relief. University of Minnesota Press, Minneapolis, MN 1931.
↑Joseph W. Creech Jr.:Righteous Indignation: Religion and the Populist Revolution. University of Illinois Press, Urbana 2006, S. xvi ff.
↑Zur Bedeutung der Auserwähltheit von Staaten, Völkern und Menschen in der amerikanischen Religionsgeschichte vgl.Robert N. Bellah:Zivilreligion in Amerika. In: H. Kleger, A. Müller (Hrsg.):Religion des Bürgers: Zivilreligion in Amerika und Europa (= Religion – Wissen – Kultur 3). München 1986, S. 19–41.
↑Michael Hochgeschwender:Die USA: Ein Imperium im Widerspruch. In: Zeithistorische Forschungen 1/2006, S. 9 (online).
↑Timothy E. W. Gloege:Guaranteed Pure: The Moody Bible Institute, Business, and the Making of Modern Evangelicalism. University of North Carolina Press, 2015.
↑Vgl. Dave Tomlinson:The Post-Evangelical. Society for Promoting Christian Knowledge, London, 2002.
↑John Stott inBasic Christianity (Seitenangabe fehlt); Victoria Combe:Evangelicals say Sorry (Memento vom 31. März 2005 imInternet Archive); in: Daily Telegraph, Ausgabe vom 21. Januar 1998.
↑Rolf Strasser: „Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist die EVP im Kanton Zürich die einzige Partei, welche den Begriff ‚politische Mitte‘ verdient und damit dem Evangelium, wie es zu dieser Zeit in der Schweiz politisch umzusetzen ist, wohl am nächsten kommt.“; aus:Protestantische Parteien und evangelisch-konservative Christen (Memento desOriginals vom 4. Oktober 2018 imInternet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäßAnleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/texte.efb.ch
↑Jeff Sharlet:The Family: The Secret Fundamentalism at the Heart of American Power. HarperCollins, New York 2008,ISBN 978-0-06-055979-3, S. 201–204.
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↑Marcia Pally:Die hintergründige Religion: Der Einfluß des Evangelikalismus auf die US-amerikanische Politik. Berlin University Press, 2008, S. 42 ff.
↑Zur Bewegung der christlichen Rechten um 1980 siehe Sara Diamond:Roads to Dominion: Right-Wing Movements and Political Power in the United States. Guilford Press, New York 1995.
↑Eric C. Miller:Defending the 1 %, the evangelicals ignore greed. Religious Dispatches, University of South Carolina, 22. April 2014,online
↑Amy Julia Becker:God Loves Rich People Too. Christianity Today, 10. April 2014,online
↑Matthew Sutton:American Apocalypse: A History of Modern Evangelicalism. Belknap Press of Harvard University Press 2014.
↑Matthew Sutton:Was FDR the Antichrist? The Birth of Fundamentalist Antiliberalism in a Global Age. In:Journal of American History, Vol. 98, Issue 4, S. 1052–1074. (Anmerkung:FDR = Franklin D. Roosevelt)
↑Daniel Silliman:Why millions of Christians oppose Obamacare and civil rights. In: Salon, 11. Dezember 2014,online
↑Marcia Pally:Die Neuen Evangelikalen. Berlin University Press, Berlin 2010,ISBN 978-3-940432-93-3, S. 116 f., 124 f., 132, 135, 149 f., 160, 166 f, 183.
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