Erhard Eppler wurde in Ulm geboren und wuchs inSchwäbisch Hall auf, wo sein Vater, Richard Eppler, Leiter derMergenthaler-Oberschule und seine MutterHildegard Eppler erstes weibliches Stadtratsmitglied war. Von 1943 bis 1945 nahm Eppler alsSoldat amZweiten Weltkrieg teil. Über die Umstände, wie er mit welchen, sein weiteres Leben bestimmenden Gedanken unmittelbar nach dem Weltkrieg wieder zurück nach Hause fand, erzählte Eppler in einem Gespräch mit demPostwachstumsökonomenNiko Paech:
„Damals musste ich von Lüneburg zu Fuß in meine Heimatstadt Schwäbisch Hall laufen, in Lumpen gehüllt, denn ich hatte meine Uniform auf einem Bauernhof umgetauscht. Auf diesem Weg hatte ich viel Zeit zum Nachdenken, und da ist mir klar geworden, dass Politik immer mit Leben und Tod zu tun hat – direkt oder indirekt. Eine schlimme Politik hatte damals einen ganzen Kontinent zerstört und unendlich viele Menschen das Leben gekostet. Das hieß aber für mich auch: Verantwortliche Politik kann dafür sorgen, dass das nicht wieder passiert.“
–Was Sie da vorhaben, wäre ja eine Revolution: Ein Streitgespräch über Wachstum, Politik und eine Ethik des Genug (2016)[1]
Erhard Eppler auf dem Bundesparteitag der SPD in Hannover (1973)Erhard Eppler auf dem SPD-Bundesparteitag 2015 in Berlin
Eppler beantragte am 6. September 1943 im Alter von 16 Jahren die Aufnahme in dieNSDAP und wurde zum 20. April 1944 aufgenommen (Mitgliedsnummer 9.881.748).[7] Später bezeichnete er diesen Schritt als eine „Dummheit“,[8] aber er äußerte auch: „Ich bin nicht gegen meinen Willen auf eine Liste gekommen, sondern habe es akzeptiert. So war das damals.“[9]
1952 trat er in die vonGustav Heinemann undHelene Wessel gegründeteGesamtdeutsche Volkspartei (GVP) ein, wechselte aber, wie die meisten GVP-Mitglieder, 1956 zur SPD. Hier war er von 1970 bis 1991 Mitglied des Bundesvorstandes, von 1973 bis 1989 Präsidiumsmitglied (ausgenommen 1982–1984) sowie von 1973 bis 1992 Vorsitzender derSPD-Grundwertekommission. Seitdem war er Ehrenmitglied der Kommission.
Am 16. Oktober 1968 wurde Erhard Eppler als Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit in die vonBundeskanzlerKurt Georg Kiesinger geführteBundesregierung berufen. Dieses Amt behielt er auch unter BundeskanzlerWilly Brandt. Nach dem Rücktritt Brandts im Mai 1974 gehörte er zunächst auch dem von BundeskanzlerHelmut Schmidt geführtenKabinett an. Wegen erheblicher Kürzungen des für sein Ministerium vorgesehenen Haushalts trat er zurück[10] und wurde am 8. Juli 1974 vonEgon Bahr abgelöst.
Nach seinem Rückzug aus der Bundespolitik widmete Erhard Eppler sich mehr seiner Arbeit in derEvangelischen Kirche in Deutschland. Unter anderem war er von 1981 bis 1983 und von 1989 bis 1991 Kirchentagspräsident.
NachdemAlex Möller, ersterFinanzminister der sozialliberalen Koalition, im Mai 1970 auf dem Saarbrücker Parteitag der SPD eineSteuerreform als ein „Jahrhundertwerk“ angekündigt hatte, dieser Ankündigung aber keine konkreten Schritte folgen ließ, beauftragte der SPD-Parteivorstand im Juni 1970 eine Kommission unter Vorsitz Epplers, damalsEntwicklungshilfeminister, mit der Ausarbeitung eines Programms. Mit diesem Programm befasste sich die Arbeitsgruppe rund ein Jahr, ohne von der Regierung und der Öffentlichkeit beachtet zu werden. Das änderte sich im November 1971 mit dem Steuerparteitag der SPD.[13] Eppler und seine Kommission betrachteten Steuerpolitik als Hebel zu gesellschaftlichen Veränderungen. In der Nachkriegszeit sei, so Eppler, der Wohlstand gewachsen, aber vornehmlich in privaten Händen. Es gelte nun, sich Gemeinschaftsaufgaben zu widmen, wie etwa dem Ausbau von Kindergärten, Schulen, Universitäten, dem Gesundheitswesen oder dem öffentlichen Nahverkehr. Die Investitionen deröffentlichen Hand und dieArbeit kommunaler und staatlicher Institutionen sollten darum – steuerfinanziert – ausgeweitet werden. Der Parteitag forderte eine deutliche Erhöhung desSpitzensteuersatzes auf 60 Prozent sowie eine Erhöhung derKörperschaftsteuer auf 56 Prozent.Karl Schiller, damalsBundesminister für Wirtschaft und Finanzen, blieb auf dem Steuerparteitag mit seiner Kritik an diesen deutlichen Erhöhungsplänen isoliert.[14]
Eppler galt als einer der Exponenten des linken Parteiflügels innerhalb der SPD.Helmut Schmidt kommentierte Epplers Wirken in Bundesregierung und SPD mit dem Verdikt, er sei ein „Mann, der niemals Wahlen gewonnen hat“.[15] Allerdings unterstützte Eppler in derzweiten Amtsperiode Gerhard Schröders die Reform-Projekte der rot-grünen Bundesregierung, etwa dieAgenda 2010.[16] Zudem befürwortete Eppler, der in den 1980er Jahren noch die Friedensbewegung unterstützt und als Hauptbetreiber[17] der SPD-Wende gegen denNATO-Doppelbeschluss den Kanzlersturz von Schmidt (1982) mitverursacht hatte,[18] ausdrücklich den außenpolitischen Kurs der rot-grünen Bundesregierung unter Führung von Gerhard Schröder und billigte dieIntervention 1999 im Kosovo[19] und denAfghanistan-Einsatz der Bundeswehr ab 2001.
Heinrich August Winkler hatte 2007 Epplers Aussage „Verglichen mit Stalins Säuberungen und Hitlers Rassenwahn ist Putinsgelenkte Demokratie höchst human“ zitiert als Beispiel für einen falschen Maßstab.[20] Im März 2014 kritisierte Eppler den Kurs des Westens gegenRussland während derAnnexion der Krim im März 2014. Er wandte sich gegen eine „Verteufelung“ Wladimir Putins. Er meinte, kein russischer Präsident hätte geduldig dabei zugesehen, wie eine „eindeutigantirussische Regierung inKiew die Ukraine in Richtung NATO zu führen“ versuche.[21] Eppler deutete die Annexion der Krim undRusslands Krieg im Donbas als „defensive Antwort auf den erkennbaren Versuch der Nato, sich bis nach Zentralrussland auszudehnen“.[22]
In einer Rede zu den „Weimarer Reden“ 2012 rief Eppler zu mehr Solidarität in Europa auf und erklärte, die EU mit demWettbewerbsprinzip voranzubringen „war und ist eine Schnapsidee“. Wettbewerb zwischen den EU-Nationen führe dazu, „dass die Staaten einander durch immer niedrigereUnternehmenssteuernInvestitionen abjagen“ und begründe stärkeres Misstrauen. Auch wer über Renationalisierung klage, könnte hier einen wichtigen Grund finden.[23][24][25]
1990:Plattform für eine neue Mehrheit. Ein Kommentar zum Berliner Programm der SPD. Dietz, Bonn 1990,ISBN 3-8012-0158-9. (PiT, Bd. 1,DNB017232538).
1992:Kavalleriepferde beim Hornsignal. Die Krise der Politik im Spiegel der Sprache. (Edition Suhrkamp 1788 = NF 788) Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992,ISBN 3-518-11788-2.
1994:Als Wahrheit verordnet wurde. Briefe an meine Enkelin. Insel-Verlag, Leipzig 1994,ISBN 3-458-16640-8.
1996:Komplettes Stückwerk. Erfahrungen aus fünfzig Jahren Politik. (299 S.) Insel-Verlag, Leipzig 1996,ISBN 3-458-16770-6.
1998:Die Wiederkehr der Politik. (310 S.) Insel-Verlag, Leipzig 1998,ISBN 3-458-16925-3.
2000:Privatisierung der politischen Moral? (Edition Suhrkamp, Standpunkte, 2185) Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000,ISBN 3-518-12185-5.
2000:Was braucht der Mensch? Vision: Politik im Dienst der Grundbedürfnisse. (205 S.) Campus, Frankfurt am Main 2000,ISBN 3-593-36041-1.
2002:Vom Gewaltmonopol zum Gewaltmarkt. Die Privatisierung und Kommerzialisierung der Gewalt. Edition Suhrkamp, Frankfurt am Main 2002,ISBN 3-518-12288-6.
2005:Auslaufmodell Staat? (Edition Suhrkamp 2462) Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005,ISBN 3-518-12462-5.[35]
2008:Eine Partei für das zweite Jahrzehnt: die SPD? (90 S.) Vorwärts-Buch, Berlin 2008,ISBN 978-3-86602-175-4.
2009:Der Politik aufs Maul geschaut. Kleines Wörterbuch zum öffentlichen Sprachgebrauch. (193 S.) Dietz, Bonn 2009,ISBN 978-3-8012-0397-9.
2011:Eine solidarische Leistungsgesellschaft. Epochenwechsel nach der Blamage der Marktliberalen. Dietz, Bonn 2011,ISBN 978-3-8012-0422-8.
2015:Links leben. Erinnerungen eines Wertkonservativen. (335 S.) Propyläen-Verlag, 2015,ISBN 3-549-07465-4. Ullstein-eBooks, Berlin 2015,DNB1078018715.
2016: mitNiko Paech:Was Sie da vorhaben, wäre ja eine Revolution. Ein Streitgespräch über Wachstum, Politik und eine Ethik des Genug. oekom, München 2016,ISBN 3-86581-835-8.[36]
2018:Trump – und was tun wir? Der Antipolitiker und die Würde des Politischen. (128 S.) Dietz, Bonn 2018,ISBN 978-3-8012-0529-4.
Kurt E. Becker et al. (Hrsg.):Erhard Eppler. Die Friedensbewegung – ein Gespräch. (Reihe: „Frankenthaler Gespräche“) PVA, Landau 1982,ISBN 3-87629-024-4.
Christine Simon:Erhard Epplers Deutschland- und Ostpolitik. Dissertation, Universität Bonn, 2004,DNB970742177.
Wolfgang Bittner,Mark vom Hofe (Hrsg.):Ich mische mich ein. Markante deutsche Lebensläufe. Erlebte Geschichten. Horlemann, Bad Honnef 2006,ISBN 3-89502-222-5. Darin ab S. 64:Die Heimkehr: Erinnerung an das Kriegsende. Erhard Eppler. Ein WDR(5)-Buch.
Renate Faerber-Husemann:Der Querdenker. Erhard Eppler. Eine Biographie. Dietz, Bonn 2010,ISBN 978-3-8012-0402-0.
Michael Bohnet:Geschichte der deutschen Entwicklungspolitik. Strategien, Innenansichten, Zeitzeugen, Herausforderungen.UVK 2015,ISBN 3-8252-4320-6, S. 65–78.[37]
Lars Tschirschwitz:Kampf um Konsens. Intellektuelle in den Volksparteien der Bundesrepublik Deutschland. Bonn 2017.
Paul Dieterich:Erhard Eppler: Leben, Denken & Wirken: eine Biographie bis zum Wendejahr 1989. denkhaus Verlag, Nürtingen, 2018,ISBN 978-3-930998-67-8.
↑Erhard Eppler und Niko Paech:Was Sie da vorhaben, wäre ja eine Revolution … Ein Streitgespräch über Wachstum, Politik und eine Ethik des Genug. oekom, München 2016,ISBN 978-3-96006-166-3 (Zitat aus Kap. 4 Seite 172).
↑Stefan Reinecke:Der Mann, der klüger als seine Partei war. In:Die Tageszeitung: taz. 21. Oktober 2019,ISSN0931-9085,S.4–5 (taz.de [abgerufen am 28. Mai 2020]).
↑Hans-Peter Ullmann:Das Abgleiten in den Schuldenstaat. Öffentliche Finanzen in der Bundesrepublik von den sechziger bis zu den achtziger Jahren. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2017, S. 154 f,ISBN 978-3-647-30111-2.Torben Lütjen:Karl Schiller (1911 – 1994). „Superminister“ Willy Brandts. Dietz, Bonn 2007, S. 314–319,ISBN 978-3-8012-4172-8.
↑Michael Herkendell:Sozialdemokratische Außen- und Sicherheitspolitik – eine historische Einordnung. In: Ursula Bitzegeio, Rana Deep Islam, Robert Schütte, Lars Winterberg (Hrsg.):Sozial – friedlich – global? Außen- und Sicherheitspolitik heute: Leitperspektiven, Herausforderungen, Lösungswege. Schriftenreihe der Stipendiatinnen und Stipendiaten derFriedrich-Ebert-Stiftung. LIT Verlag, Münster 2014,ISBN 978-3-643-12436-4, S. 43.