Nilometer alsHaus der Nilüberschwemmung (Treppenende, zugehörig zumSatis-Tempel)
Elephantine (auch:Elefantine;arabisch إلفنتين,DMGIlfantīn) ist eineFlussinsel imNil inÄgypten. Sie erstreckt sich unterhalb des erstenKatarakts mit einer Länge von 1.200 Metern in Südwest-Nordost-Richtung und einer Breite bis zu 400 Metern in West-Ost-Richtung zwischen der kleinerenKitchener-Insel und dem östlichen Nilufer. Elephantine ist Teil der hauptsächlich am Ostufer des Nils gelegenen StadtAssuan.
Hier am Mittellauf des Nils unterhalb des ersten Katarakts ebnete sich der Fluss zum fünften Mal durch einGranitmassiv seinen Weg und ließ so eine Granitinsel mit einerSenke entstehen, die ursprünglich die Insel zumindest für einige Wochen während der jährlichenNilflut in zwei Inseln teilte.
Durchklimatische Änderungen sank zwischen Ende des 4. und Anfang des 3. Jahrtausends v. Chr. der Nilwasserpegel und die jährliche Nilfluthöhe um mehr als 5 Meter. Die zuvor erfolgte intensiveSedimentation sowie künstliche Geländeaufschüttungen und die in der Folgezeit konstant niedrigeren Nilfluthöhen haben in Verbindung mit dem einsetzenden Siedlungsbau dazu geführt, dass es seit demAlten Reich im Normalfall keine Überflutungen mehr gab.[2]
Elephantine erhielt durch den klimatisch bedingten neuen Status den Charakter einer „zusammengewachsenen Insel“. Auf Elephantine befinden sich große Vorkommen von prächtigem rotgrauemRosengranit, der im Altertum sehr wertvoll war und denPharaonen und ihren Bauwerken vorbehalten blieb. Auf dem südöstlichen Ende der Insel lag die gleichnamige Stadt.
ImAlten Ägypten alsYebu („Elefant“) bekannt, befand sich Elephantine auf der Grenze zwischen Ägypten undNubien. Sie bildete einen natürlichen Schiffspassagepunkt für den Flusshandel; die Insellage machte sie zu einem wichtigen strategischen Verteidigungsplatz im Altertum.
Relief des widderköpfigen Gottes Chnum in Elephantine
Schon in der Zeit der1. Dynastie wurde auf der östlichen Seite der Insel eine Festung errichtet mit Mauern aus Lehmziegeln, und es entstand eine Siedlung mit den Behausungen derGrenzsoldaten und ihrer Familien. Sie platzte bald aus ihren Nähten, und so musste eine der Festungsmauern wieder eingerissen werden, um Platz zu schaffen. Das haben Schweizer Archäologen inzwischen herausgefunden, die hier ihren ständigen Grabungssitz haben. Die Macht der3. Dynastie (ca. 2707–2639 v. Chr.) wurde durch eine graniteneStufenpyramide (Pyramide von Elephantine) repräsentiert. Der erste Tempel galt der lokalen GöttinSatis, der „Herrin von Elephantine“. Er war zunächst aus Lehmziegeln errichtet.Pepi I. (ca. 2355–2285 v. Chr.), ein König der6. Dynastie, baute der Satis einen steinernen Schrein. DerWidder-GottChnum erhielt zunächst im Satis-Tempel einen „Herrgottswinkel“. Während Satis die „Auslöserin der Nilflut“ war, fungierte Chnum als „ihr Helfer“.
In der Epoche desMittleren Reiches (ca. 2119–1793 v. Chr.) wurden die Lehmziegelbauten größer und regelmäßiger. Sie gruppierten sich um zentrale Höfe oder bildeten ein sogenanntesDreistreifenhaus. In dieser Zeit bekam der Satis-Tempel zunächst eine Versteifung aus Holz, dann ließ PharaoMentuhotep II. (ca. 2046–1995 v. Chr.) ein steinernes Haus bauen, das unterSesostris I. (1956–1911 v. Chr.) noch einmal erneuert wurde. Er ließ auch den ersten eigenen Chnum-Tempel auf dem höchsten Punkt Elephantines errichten.
Während desNeuen Reiches erneuerte und vergrößerteHatschepsut den Tempel der Satis. Daneben ist die Verehrung der nubischen GöttinMiket mehrfach belegt. An der südlichsten Spitze der Insel befinden sich die Ruinen eines späteren Tempels, der in der Spätperiode (30. Dynastie) wieder errichtet wurde. Durch die intensive Bautätigkeit der Jahrtausende entstand ein beträchtlicherSiedlungshügel.
Inpersischer Zeit wurde eine Garnison jüdischer Soldaten auf Elephantine stationiert. Sie bildeten eine eigene jüdische Gemeinde mit eigenem Tempel. In der Neuzeit wurde ein Teil des Hügels abgetragen, der Lehm mit Wasser versetzt und neues Baumaterial daraus geformt. So ging ein Teil der Geschichte zwar verloren, an der Abbruchwand können aber heute die Archäologen die historische Abfolge ausgezeichnet studieren. Bis 1822 befanden sich dort die TempelThutmosis III. undAmenhotep III. in einem relativ intakten Zustand. Sie wurden aber im selben Jahr durch dieOsmanen zerstört und durch die türkischen Gouverneure geplündert.
Elephantine war der südlichste Punkt vonHerodots Reise nach Ägypten um ca. 448 v. Chr.
Auf Grund der Inschriften und Stiftungen ist der Festkalender gut bezeugt. Die besondere Bedeutung von Elephantine alsQuelle derNilflut sowieOrt der Verjüngung war wohl der Anlass eines eigenen Festkalenders, der vom allgemeinen Festkalender des Landes abwich:
Die vonMartin Ziermann durchgeführten neuen Grabungskampagnen belegen das dramatische Absinken der Nilfluthöhen. Während zur Zeit der1. Dynastie dieInselfestung noch auf einem Fundament in etwa 96 Meter überMeereshöhe stand, verringerte sich im weiteren Verlauf die Bebauungsgrenze teilweise auf etwa 91,5 Meter. Ausgrabungen durch dasSchweizerische Institut für Ägyptische Bauforschung und dasDeutsche Archäologische Institut haben zahlreiche Fundstücke zutage gefördert, die heute im Elephantine-Museum ausgestellt sind. Artefakte aus vordynastischer Zeit wurden ebenfalls auf Elephantine gefunden. Ein kleines Heiligtum des aus der 6. Dynastie stammenden LokalheiligenHeka-ib datiert in das Mittlere Reich. Daneben konnten Teile der Stadtmauer aus der 1. Dynastie und Teile der Wohnstadt aller Epochen freigelegt werden.
Gegenüber der Gegenwart herrschten im späten vierten Jahrtausend v. Chr. noch veränderte klimatische Bedingungen, die Nilfluten bis etwa 99 Meter ermöglichten, weshalb die Siedlungen immer wieder neu aufgebaut werden mussten. Durch die Veränderung des Klimas sanken die Nilfluten bis zur 1. Dynastie auf durchschnittlich 94,5 Meter, um sich im weiteren Verlauf des dritten Jahrtausends v. Chr. bei etwa 91 Meter einzupendeln. Mit dieser Entwicklung ging eine zunehmende Besiedlung einher.
Auch dieElephantine-Papyri wurden auf der Insel von Archäologen entdeckt. Sie bilden eine Sammlung von Rechtsdokumenten und Briefen inaramäischer Sprache aufPapyrusrollen. Sie belegen, dass hier verschiedene GarnisonenaramäischsprachigerEthnien während der persischenOkkupation Ägyptens stationiert waren, die hier auch ihrem eigenen Kult nachgingen. Die Dokumente umfassen die Periode von 495–399 v. Chr. Sie enthalten neben zahlreichen Privat- und Wirtschaftstexten (Kauf- und Pachtverträge, Heiratsurkunden, Inventarlisten, Steuerlisten und vieles mehr) unter anderem auch die Archivabschrift eines Briefes an den persischen Statthalter, in dem von der Zerstörung und Plünderung des Tempels im Jahr 410 v. Chr. auf Veranlassung der Priesterschaft des Chnum-Tempels berichtet und um Erlaubnis zum Wiederaufbau gebeten wird,[3] Anweisungen für die Feier einzelner Feste, aber vor allem Verträge und Korrespondenz unter anderem mit der Priesterschaft inJerusalem sowie auch mit den Gouverneuren vonJuda undSamaria.
Die Elephantine-Papyri bezeugen die Existenz einer aramäischsprachigen jüdischen Gemeinschaft unter dem Vorsitz eines gewissen Jedanja oder Jadanja auf der Insel. Die Gemeinde besaß einen Tempel des Gottes Jahu (JHWH), der in den Texten aber stets Jhw oder (selten) Jhh, aber niemals JHWH geschrieben wird.[4] Möglicherweise ist dies auf (nord-)israelitische Tradition zurückzuführen – es lässt sich aber zeigen, dass ihnen auch die Schreibung desTetragramms als JHWH bekannt gewesen sein muss. Über den Zeitpunkt der Gründung der Gemeinde weiß man nur, dass sie bereits existierte, ehe die Perser unterKambyses II. 525 v. Chr. Ägypten eroberten.[5] Die Herkunft dieser Gemeinde ist nicht mehr eindeutig bestimmbar. Ein Teil, vermutlich die Judäer, wanderte vielleicht nach dem UntergangJudas 587 v. Chr. ein, andereAramäer hatten möglicherweise schon an den Feldzügen desassyrischen KönigsAsarhaddon 670 v. Chr. gegen Ägypten teilgenommen.[6] Dass die Papyri in aramäischer Sprache und achämenidisch-aramäischer Kursivschrift geschrieben sind, liegt an der multi-ethnischen und multi-religiösen Zusammensetzung der Militärkolonie und ihrer teilweise internationalen Korrespondenz. Aramäisch war internationaleVerkehrssprache.
Trotz des engen Kontakts nach Jerusalem enthalten die Berichte über den Kult am Jahu-Tempel wenig Parallelen zumTanach. Demnach feierte die Gemeinde zwarSabbat undPessach, kannte aber weder dieVätergeschichten noch denExodus noch dieTora.[7] Es wurde auch keine religiöse Literatur gefunden. Selbst die Existenz eines Tempels für Jhw/JHWH neben Jerusalem nach der Kultreform desJoschija, die laut2 Kön 22-23 EU und2 Chr 34-35 EU bereits um 620 v. Chr., also fast zweihundert Jahre vor der Verfassung der Papyri und möglicherweise auch vor der Gründung der Elephantiner Gemeinde, stattgefunden hatte, verwundert. Außer Jahu nennen die Texte weitere Gottheiten,Anat-Jahu, Anat-Bethel und Aschim-Bethel, die auch aus anderen altorientalischen Quellen bekannt sind. In der Forschung wird daher angenommen, dass die jüdische Gemeinde am Jahu-Tempel nicht ausschließlich Jhw/JHWH verehrte, wie das spätereJudentum, sondern auch andere Gottheiten integrierte. Der wichtigste Text, der diese Namen in Verbindung mit dem Tempel nennt, eine Steuerliste des Tempels, lasse sich, soJoisten-Pruschke, aber auch so deuten, dass es sich bei Anat-Jahu und Aschim-Bethel, die im Gegensatz zu Jahu nicht als Götter bezeichnet werden, um am Tempel angestellte Personen handelte.[8] Freilich sind diese Formen von Personennamen anderswo nicht zu belegen. Auch dass in über 70 % der in den Elephantine-Papyri erwähnten hebräisch-aramäischen Namen eine Form des Gottesnamens Jahu enthalten ist, kann diese These nicht stützen.[9] Die Papyri zeigen auch, dass in der Bevölkerungsynkretistische Praktiken wie der Schwur bei verschiedenen Gottheiten durchaus verbreitet waren. Den wiederholten Klagen der biblischenPropheten zufolge war die Verehrung weiterer Gottheiten, besonders derAnat, auch in der Volksreligion in Judäa weitverbreitet.
Im alltäglichen Leben richtete man sich mehr nach den Gepflogenheiten des Landes als nach den Vorschriften der biblischen Schriften. So räumen die in den Papyri erhaltenen Eheverträge den Frauen sehr viel mehr Rechte ein, als es die alttestamentlichen Texte tun. Beispielsweise hatten beide Ehepartner das Recht, dieScheidung auszusprechen, und auch eine kinderlose Frau besaß im Falle von Scheidung,Verstoßung und Tod des Ehemannes garantierte Besitzansprüche.[10]
410 v. Chr. wurde der Jahu-Tempel zerstört. Die judäische Gemeinde, vertreten durch Jedanja, wandte sich drei Jahre später an den persischen Statthalter von Judäa Bagohi (Bagoas) und die Priester amJerusalemer Tempel mit der Bitte, den Wiederaufbau zu unterstützen. In dem Schreiben beschuldigte Jedanja die Chnum-Priester, die zeitweise Abwesenheit desSatrapenAršam benutzt zu haben, um den persischen Gouverneur(frataraka) Vidranga (Ogdanes) zu bestechen. Vidranga soll daraufhin die Zerstörung des Jahu-Tempels veranlasst haben, die durch ägyptische Soldaten unter dem Kommando seines Sohnes, Oberst Nefayan, erfolgte. Als Jedanja 407 v. Chr. den Brief verfasste, waren die Beteiligten an der Zerstörung, darunter Vidranga und Nefayan, hingerichtet. In dem Schreiben argumentiert Jedanja damit, dass bei der Eroberung Ägyptens durchKambyses (525 v. Chr.) alle ägyptischen Tempel zerstört, der Jahu-Tempel auf Elephantine jedoch verschont wurde. In seiner Antwort befürwortete Bagohi den Wiederaufbau, mit der Einschränkung, dass nur Speiseopfer(mincha) und Räucherung mit Weihrauch durchgeführt werden.[11] DasBrandopfer(ʿola) von Schafen, Rindern und Ziegen war verboten, was möglicherweise damit zu begründen ist, dass das Verbrennen eines Tieres nicht mit der Vorstellung der persischen StaatsreligionZoroastrismus von der Reinheit des heiligen Feuers übereinstimmte[12] oder aber gerade das Opfern von den Ägyptern heiligen Tieren zu den Feindseligkeiten mit den Chnum-Priestern geführt hatte.[11] Nur wenige Jahre später endete die persische Oberherrschaft über Ägypten. Damit verschwinden auch alle Nachrichten über die judäische Gemeinde auf Elephantine.
Außer der archäologischen Fundstätte befinden sich heute auf der Insel dasAssuan-Museum, ein Luxushotel derMövenpickHolding sowie zwei Dörfer mit nubischen Einwohnern.
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