Ausgrabungen in Ebla IAusgrabungen in Ebla IIAusgrabungen in Ebla III
Ebla war eine antikeStadt im NordenSyriens, etwa 55 km südwestlich vonAleppo. Sie hatte während zweier Perioden, gegen Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. und zwischen 1800 und 1650 v. Chr., den Status einesStadtstaates.Der Siedlungshügel der Ausgrabungsstätte, der vor allem für seinArchiv von über 20.000Keilschrift-Tontafeln aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. bekannt ist, heißtTell Mardikh.
1964 begannen italienischeArchäologen derUniversität Rom unter Leitung vonPaolo Matthiae mit Ausgrabungen beiTell Mardikh. 1968 fanden sie eine Statue der GöttinIštar, die den Namen eines Königs von Ebla –Ibbit-Lim – trug. Hierdurch wurde die Stadt, die bereits lange durch ägyptische und akkadische Schriften bekannt war, identifiziert. Im folgenden Jahrzehnt entdeckte das Team einen Palast, denPalast von Ebla, der auf die Zeit zwischen 2500 und 2000 v. Chr. datiert wurde. In den Ruinen fanden sich die oben bereits erwähnten über 20.000 gut erhaltenen Keilschrifttafeln, die aufSumerisch undEblaitisch – einer vorher unbekanntensemitischen Sprache – verfasst sind. Diese Tafeln deuten auf die enge Beziehung der Stadt zum südlichen Mesopotamien hin, wo die Keilschrift entwickelt wurde. Die Tafeln enthielten auch Vokabellisten, die ihre Übersetzung ermöglichten.
Die Übersetzungen zeigten, dass man hier nicht die Palastbibliothek – die möglicherweise noch auf ihre Entdeckung wartet – gefunden hatte, sondern ein Archiv über Steuern und Abgaben, Gesetzestexte, diplomatische und Handelskontakte, und eine Schreibstube, in der Texte kopiert wurden. Die größeren Tafeln waren ursprünglich in Regalen untergebracht, aus denen sie bei der Zerstörung des Palastes herausgefallen waren. Die Fundstellen der Tafeln erlaubten den Ausgräbern eine Rekonstruktion ihrer ehemaligen Position. Es zeigte sich sehr schnell, dass sie entsprechend ihrem Inhalt in den Regalen sortiert gewesen sein mussten.
Der NameEbla bedeutet „weißer Felsen“ und geht auf die Kalkfelsen zurück, auf denen die Stadt erbaut worden war. Die Gegend zeigte Spuren von Besiedlung bereits im 4. Jahrtausend v. Chr., aber der Höhepunkt der Bedeutung der Stadt wurde erst in der zweiten Hälfte des nächsten Jahrtausends erreicht. Eblas erste Blüte liegt zwischen 2400 und 2240 v. Chr. Sein Name wird in akkadischen Texten um 2300 v. Chr. erwähnt.
Die meisten der gefundenen Keilschrifttafeln, die aus dieser Periode datieren, enthalten wirtschaftliche Daten. Sie vermitteln einen guten Eindruck vom täglichen Leben der Stadtbewohner und der kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Situation in Nordsyrien und im nahen Osten um die Mitte des 3. Jahrtausends vor Christus. Sie erwähnen Orte und Völker, die später auch imAlten Testament erwähnt werden, unter anderem findet sich hier die erste Erwähnung vonJerusalem. Über 80 Stadtstaaten erscheinen in diesen Texten (z. B.Ebal,Manuwat,Binasu).
Zu Glanzzeiten war Ebla durch seine strategisch günstige Lage an den Handelswegen zwischenEuphrat undMittelmeer ein wichtiges Wirtschaftszentrum. Die Tafeln zeigen, dass die Bewohner Eblas über 200.000 Tiere (Schafe, Ziegen und Kühe) besaßen. Das wichtigste Handelsgut der Stadt war vermutlich Holz von den nahegelegenen Bergen, eventuell auch aus demLibanon, und Textilien, die in sumerischen Texten des StadtstaatesLagaš erwähnt werden. Haupthandelspartner war wohlMesopotamien, insbesondereKiš, außerdem sind Kontakte mitÄgypten durch Geschenke derPharaonenChephren undPepi I. bekannt. Die Ägypter waren auch Hauptabnehmer des ausAfghanistan stammendenLapislazuli. Handwerkswaren mögen ebenfalls ein wichtiges Exportgut gewesen sein: Exquisite Gegenstände wurden aus den Ruinen geborgen, wieEbenholzmöbel mit Perlmuttintarsien und Statuen aus verschiedenfarbigen Steinen. Der Kunststil von Ebla hat möglicherweise das 2350 bis 2150 v. Chr. nachfolgende akkadische Reich beeinflusst.
Die politische Organisation ist ziemlich unklar, aber die Stadt scheint von einer Handelsaristokratie beherrscht worden zu sein, die einen König wählte und die Verteidigung der Stadt an bezahlte Söldner übertrug. Durch die Keilschrifttafeln wurden die Namen vonKönigen überliefert:
Zu dieser Zeit wurden in Ebla einige bekannte (Dagān,Ištar,Reschef,Kanisch,Hadad) und einige unbekannte (Kura,Nidakul) semitische Gottheiten verehrt, daneben einige sumerische (Enki,Ninki) undhurritische Götter (Aštabi,Ḫebat,Išḫara). Die Hauptgötter von Ebla waren Kura,Utu und Adda (NI-dabbal).Giovanni Pettinato nimmt an, dass Dagan (dBE) der Hauptgott von Ebla war, eventuell sogar ein Obergott (Henotheismus), hier folgten ihm jedoch wenige andere Forscher. Nach Feliu kanndBE nicht sicher mit Dagan identifiziert werden.[1]
Sargon von Akkad und sein EnkelNaram-Sin, die Eroberer großer Teile Mesopotamiens, behaupten beide von sich, Ebla zerstört zu haben; das exakte Datum der Zerstörung ist umstritten, 2240 v. Chr. ist ein möglicher Kandidat. Für die nächsten drei Jahrhunderte blieb Ebla eine kleine Siedlung unter der Kontrolle der nahe gelegenen StadtUrschu.
Einige Jahrhunderte nach der Zerstörung durch die Akkader erreichte Ebla einen Teil seiner Bedeutung wieder und erlebte eine zweite Blüte von etwa 1850 bis 1600 v. Chr. Seine Bewohner wurden alsAmurriter bezeichnet, deren erster KönigIbbit-Lim war.Ebla wird in Texten ausAlalach von etwa 1750 v. Chr. erwähnt. Die Stadt wurde durch denhethitischen KönigMuršili I. oderḪattušili I. in der turbulenten Zeit von 1650 bis 1600 v. Chr. zerstört.
Ebla erholte sich nie wieder von dieser zweiten Zerstörung, war dennoch nachweislich kontinuierlich bis in hellenistische Zeit (Ebla VI B reicht bis ins 1. Jahrhundert v. Chr.) besiedelt. Ein Teil des Hügels war in nachchristlicher Zeit von einem bis ins 7. Jahrhundert existierenden byzantinischen Kloster überbaut. Danach blieb der Ort verlassen.
Seit 2014 wurde Ebla durch Raubgrabungen weiter zerstört, die offenbar der Finanzierung desIS durch Antiquitätenschmuggel dienten.[2] Ein zerstörter Archivraum mit Tausenden Schrifttafeln wurde in rekonstruierter Form im Jahr 2016 imKolosseum in Rom ausgestellt.[3] Ebenso kam es zu Zerstörungen während der Rückeroberung der durch den IS besetzten Gebiete in Idlib durch die Syrisch-Arabische Armee (SAA) im Februar 2020.[4]
Chaim Bermant, Michael Weitzman:Ebla: Neu entdeckte Zivilisation im alten Orient. Umschau, Frankfurt am Main 1979,ISBN 3-524-69014-9.
Afif Bahnassi: Ebla Archives 1993, 2. Auflage.
Paolo Matthiae:Ebla. An Empire Rediscovered. Hodder and Stoughton, London 1980,ISBN 0-340-22974-8.
Georg Gerster:Scherben machen Geschichte. In:Geo-Magazin. Hamburg 1980, 8, S. 40–56. Informativer Erlebnisbericht über die Ausgrabungen von Ebla in Syrien.ISSN0342-8311
Paolo Matthiae:Studies on the Archaeology of Ebla. 1980–2010. Harrassowitz, Wiesbaden 2013,ISBN 978-3-447-06937-3.
Paolo Matthiae, Nicoló Marchetti (Hrsg.):Ebla and Its Landscape. Early State Formation in the Ancient Near East, Routledge, 2013.
↑Lluís Feliu:The God Dagan in Bronze Age Syria (=Culture and History of the ancient Near East Bd. 19). Brill, Leiden u. a. 2003,ISBN 90-04-13158-2 (Zugleich: Barcelona, Universität, Dissertation, 2000).