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Drittes Rom

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Der Ausdruck „Moskau,Drittes Rom“ (russischМосква - третий РимMoskwa – treti Rim) wird im 16. Jahrhundert in drei Briefen desPhilotheus (Filofei),Starez desPskower Eleazar-Klosters, an den GroßfürstenWassili III., an den Kirchenschreiber Misjur Munechin und anIwan den Schrecklichen geprägt. Seitdem wurde diese Wendung alsvorgebliche Staatstheorie immer wieder aufgegriffen, um den MachtanspruchRusslands zu untermauern.

Inhaltsverzeichnis

Erstes und Zweites Rom

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Das Erste Rom ist die StadtRom als Zentrum desRömischen Reichs. DerUntergang Roms wird mit der Annahme des römisch-katholischen Glaubens gleichgesetzt, als Rom Mittelpunkt derrömisch-katholischen Kirche wurde. Als Zweites bzw. Neues Rom wirdKonstantinopel betrachtet oder dasHeilige Römische Reich als der Nachfolger desWeströmischen Reichs. Vereinzelt zählt auch der päpstlicheKirchenstaat als zweites Rom.

Konzept

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Ursprünglich war das Konzept vom „Dritten Rom“ wenigerimperial als vielmehrapokalyptisch zu verstehen. DasFürstentum Moskau war nach dieser Idee der letzte kleine Rest „in der Wildnis“ von der einstmals großen christlichen Zivilisation, nachdem überall sonst dieHäresie Einzug gehalten hatte. Sowohl derKatholizismus als auch derIslam wurden von vielen Orthodoxen als häretische Seitenzweige des jüdisch-christlichen Stammes gesehen. Moskau wurde verglichen mit jenen siebentausendIsraeliten, die sich nach dem Bericht im biblischen1. Buch der Könige zur Zeit des ProphetenElija geweigert hatten, denBa’al anzubeten. Erst mit der Zeit wandelte sich diese Vorstellung zu einer Großreichsidee.

Entwicklung

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Der Großfürst von KiewWladimir I. heiratete 989 Anna, die Schwester des byzantinischen KaisersBasileios II., und trat zumgriechisch-orthodoxen Glauben über. Mit ihm wurden auch seine russischen Untertanen christianisiert. Seit demFall Konstantinopels 1453 durch dasOsmanische Reich betrachtet dierussisch-orthodoxe Kirche Moskau als das Dritte Rom, d. h. als Zentrum desorthodoxen Christentums. Die Heirat des GroßfürstenIwan III. mitSofia Palaiologa, der Nichte des letztenbyzantinischen Kaisers,Konstantin XI. Palaiologos (1448–1453), unterstrich die Stellung Moskaus.

Entstehung des Begriffs

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Nach demUntergang des Byzantinischen Reiches im Jahre 1453 wurde der Großfürst von Moskau zum führenden Vertreter der orthodoxen Christen. Damit wurde die Machtstellung Moskaus auch ideologisch untermauert. Die Theorie des Dritten Roms entstand daher und wurde unter anderem vom MönchFilofei um 1500 nach den geschichtlichen Ereignissen konstruiert. In dieser Theorie beschreibt Filofei auch den genealogischen Anschluss durch die Heirat Iwans III. mit Sofia Palaiologa. Sofia soll in ihrer Person die byzantinische Tradition verkörpert haben und hat durch griechische und römische Begleiter angeblich die byzantinische Kultur am Moskauer Hof verbreitet. Mit der Eheschließung wurden in Moskau der byzantinische Hofritus sowie das Wappen mit demDoppeladler und der TitelZar als Symbole der orthodoxen Kaisermacht eingeführt.

Problematik des Begriffs

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Diese Theorie wurde erst später (um 1510) von Filofei niedergeschrieben und orientierte sich an den geschichtlichen Ereignissen.

Sofia hatte zwei Brüder (Manuel undAndreas), Iwan III. konnte daher keine Erbansprüche auf den byzantinischen Kaiserthron geltend machen. Ihr Bruder Andreas verkaufte sogar seine byzantinischen Erbansprüche 1483 an einen spanischen Granden und 1494 nochmals an KönigKarl VIII. von Frankreich.

Auch soll man nicht vergessen, dass Sofia nicht griechisch-orthodox war, als sie nach Moskau kam, sondern derUnierten Kirche angehörte. Sie hatte Byzanz nie gesehen, somit ist es eher unwahrscheinlich, dass sie dasbyzantinische Hofzeremoniell nach Moskau brachte. Der Doppeladler taucht erst in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts in Byzanz auf und war nie ein unmittelbares Herrschaftszeichen des byzantinischen Kaisers. Auf Münzen und Siegel befand sich immer der Herrscher. Im Westen hingegen tritt der Doppeladler schon sehr bald auf. Es ist nicht genau festzuhalten, ab wann Iwan III. den Adler in seinem Siegel benutzt. ErstWassili III. hat ihn endgültig verwendet. Der TitelZar für den Moskauer Großfürsten lässt sich schon für frühere Zeiten nachweisen, hatte anfangs aber eher eine stilistische Funktion. Im Bericht über dasKonzil von Florenz wird der Titel fürWassili II. verwendet. Offiziell wird der TitelZar erstmals im 1474 geschlossenen Waffenstillstand mitLivland genannt. Dort werden Iwan III. und sein Sohn als Zaren bezeichnet. Dennoch ändert sich bei der Betitelung Iwans III. etwas, anstatt sich wie zuvorHerr zu nennen, nennt er sich immer häufigerHerrscher.

Die Unterstützer der Idee

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Da die Idee Moskau als Erbe Byzanz und somit als Drittes Rom zu sehen, erst später niedergeschrieben wurde, finden sich vor allem nach der Regentschaft Iwan III. Anhänger dieser Idee. Für Iwan III. und Wassili III. bedeutete Zar nichts anderes als „großer Herrscher“. Iwan III. hat nicht daran gedacht, das universale Erbe des byzantinischen Kaisers anzutreten, sondern vor allem Flüchtlinge aus Byzanz und Serbien sahen den „Hort der Rechtgläubigkeit“ im Moskauer Reich, da es als einziger Vertreter der orthodoxen Kirche frei handeln konnte. Die Ausformung dieser Ideologie stammt aus dem mönchischen Bereich (Filofej vonPskow/Pleskau). Der Erzbischof Feofil war mit der Politik Iwans III. unzufrieden. Die Kirche musste 1478 viele Ländereien an Großfürsten übergeben und 1479 endete der Besuch Iwans III. in Groß-Nowgorod mit der Verhaftung Feofils.

Nach dem Mönch Filofei ist Moskau als Drittes Rom auch das letzte Rom: „... ein Viertes wird es nicht geben“ (...четвёртому не быти), weil das Weltende nahe wäre.

Wirkung

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Die Benennung vonSankt Petersburg 1703 durchPeter den Großen ist in diesen Zusammenhang zu stellen.

Der PolitikwissenschafterJörg Himmelreich wies darauf hin, dass das Verständnis der russischen Geschichte als fortlaufender Teil der Heilsgeschichte die politischen Systeme nicht nur des Zarenreiches, sondern auch derSowjetunion geprägt habe und mit der HerrschaftWladimir Putins stärker denn je das russische Staatsdenken prägt:

„Wie in der jahrhundertelangen Vergangenheit ist die orthodoxe Kirche auch heute wieder Dienerin ihres Herrn. Diese jahrhundertealte Staatsideologie der orthodoxen Kirche ist tief in die russische Herrschaftspsychologie eingraviert […] Selbst der Sowjetkommunismus trug orthodoxe Herrschaftsmerkmale. Er war am Ende nichts anderes als eine ins Weltlich-Politische verwandelte irdische Ideologie der russischen Orthodoxie, so wie sie der Mönch Filofej schon 400 Jahre früher formuliert hatte. Die messianische Heilserwartung des ‚Dritten Rom‘ entspricht dem weltlichen Befreiungsgedanken der kommunistischen Ideologie. Als ‚letztes Rom‘ der Christenheit allein im Besitz der letzten absoluten Wahrheit zu sein, verweist auf den totalitären Anspruch des Sowjetkommunismus. Wie schon seit Wladimirs Taufe 988 die russische Orthodoxie auch dazu diente, Ziele politischer Macht der russischen Herrschaft nur zu verkleiden, so war auch unter Stalin die Ideologie des Sowjetkommunismus nur noch notdürftige moralische Hülle nackter Gewaltausübung. Orthodoxie und Sowjetkommunismus bilden als Zwillingspaar über ein Jahrtausend hinweg die wesentliche Legitimationsquelle russischer Autokratie und russischer Expansion. […] So bildet die historische, orthodoxe Herrschaftsideologie auch heute wieder den Goldgrund für Putins autokratisches Regime und seinen wiederbelebten russischen Expansionismus“

Jörg Himmelreich[1]

Literatur

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in der Reihenfolge des Erscheinens

Siehe auch

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Weblinks

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Wiktionary: Drittes Rom – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
  • Wolfram von Scheliha:Drittes Rom. In: Enzyklopädie des Europäischen Ostens

Einzelnachweise

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  1. Jörg Himmelreich:Putins Dienerin. Die russisch-orthodoxe Kirche und ihre Mission,Neue Zürcher Zeitung, 2. April 2015.
Normdaten (Sachbegriff):GND:4207361-3(lobid,OGND,AKS)
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