Die territoriale Situation während der dritten Zwischenzeit, etwa 730 v. Chr., zeigt. Die Herrscher der 22. und 23. Dynastie regierten gleichzeitig zusammen mit libyschen Stammesfürsten, die den größten Teil des Deltas kontrollierten.
In dieser Epoche der ägyptischen Geschichte ist es nicht einfach, die einzelnen Dynastien genau zu trennen. Gerade im Niltal bildeten sich verschiedene Königshäuser heraus, die in den StädtenMemphis,Tanis,Bubastis,Herakleopolis,Hermopolis undLeontopolis residierten. Dazu kamen später die nubischen Einfälle im Süden, wo sich neben der Thebanischen Priesterschaft dienubisch/kuschitischen Herrscher etablierten.
Mit dem Beginn der nubischen Herrschaft endet eigentlich die Dritte Zwischenzeit, die resultierende 25. Dynastie ist aber hier der Vollständigkeit halber komplett integriert.
UnterRamses XI. erreichte der Einfluss derAmunspriester inTheben wohl seinen Höhepunkt. Sie waren Generäle, die mit dem Titel des Amunpriesters ihre Macht legitimierten.
Der erste von ihnen warPianch, dem sein SchwiegersohnHerihor folgte. Herihor tauchte irgendwann zwischen dem 12. und 19. Regierungsjahr von Ramses XI. in Inschriften auf. Er schwang sich zum Vizekönig vonNubien auf und hatte das Amt desWesirs inne. Seine große Machtstellung zeigte sich darin, dass er seinen Namen in einerKartusche schreiben ließ. Zu sehen ist dies an den Tempelwänden desChonstempels inKarnak, den er errichten ließ.
Ägyptologen vermuten, dass seine FrauNodjmet eine Schwester des Ramses XI. war. Dies könnte seinen schleichenden Aufstieg erklären.
Pinudjem I., Herihors Nachfolger, machte sich einen Namen durch dieRestauration von altenKönigsmumien, auf denen sein Name auftaucht. Er war Amunspriester zur Regierungszeit vonSmendes I. Seine größteUsurpation ist wohl sein Name auf der kolossalen Sitzstatue vonRamses II. im Vorhof des Tempels von Karnak. Pinodjem I. war mitHenuttaui, einer Tochter Ramses XI., verheiratet und war Vater mehrerer Söhne und Töchter.Psusennes I., der dritte König der 21. Dynastie, war einer seiner Söhne.Mencheperre undMasaharta, zwei weitere Söhne, wurden die Nachfolger im Priesteramt.
Die 21. Dynastie gilt nach neueren Untersuchungen alslibysche Dynastie. Obwohl in der früheren Literatur erst die 22. Dynastie als die „Libysche“ bezeichnet wird, haben inzwischen mehrere Ägyptologen (u. a.Jansen-Winkeln) auf Quellen hingewiesen, die bezeugen, dass bereits während der 21. Dynastie sowohl das unterägyptische Königshaus als auch die Hohenpriester und Militärführer in Theben (zumindest teilweise) libyscher Abstammung sein müssen. Der ÄgyptologeJan Assmann hat vermerkt, dass der Kulturbruch nicht zwischen der 21. und 22., sondern schon zwischen der 20. und 21. deutlich erkennbar sei.
Im Gegensatz zu denKuschiten passten sich die libyschen Herrscher nicht an die altägyptische Kultur an, weshalb in der Ägyptologie die libyschen Pharaonen auch als „Fremdherrscher“ bezeichnet werden. Die Thronbesteigung desSmendes I. um ca. 1075 v. Chr. kann als Beginn der 21. Dynastie angesehen werden. Über seine direkte Herkunft ist nichts bekannt, aber es ist möglich, dass er seineLegitimation durch die Heirat mit einer der Töchter des Ramses XI. erlangte. Er regierte wohl zumindest eine Zeit lang vonMemphis aus, bevor er seine Residenz nachTanis verlegte.
Der bekannteste König dieser Dynastie ist zweifelsohnePsusennes I., dessen Goldmaske imÄgyptischen Museum inKairo zu sehen ist. Er scheint gute Beziehungen zur thebanischen Priesterschaft gepflegt zu haben, denn sein äußerer Sarkophag gehörte vor ihmMerenptah, dem NachfolgerRamses II.
Die 22. Dynastie wird häufig auchBubastidische Dynastie bezeichnet.Manetho gibt die Königsabstammung mit der Stadt Bubastis im östlichen Nildelta an. Ihr BegründerScheschonq I. kam aus Libyen. Durch geschickte Familienpolitik gelang es ihm, das Reich unter seiner Macht zu vereinen. Scheschonq I. setzte dazu Familienangehörige wie seine Söhne und seinen Bruder in hohe Ämter ein, u. a. in das Priesteramt in Theben.
Scheschonq I. konnte seine Macht bis in dieLevante ausbreiten. In einem Feldzug um 925 v. Chr. nahm er Teile desKönigreichs Juda ein, welches ihm Tribut zahlte.
UnterTakelot II. kam es 839 v. Chr. zu einem Aufstand der thebanischen Priesterschaft, die von ihm gnadenlos niedergeschlagen wurde. Doch einige Jahre später flammte der Aufstand wieder auf, und es dauerte rund zehn Jahre, bis sich die Wogen geglättet hatten.
Nach Takelots II. Tod begann eine recht wirre Zeit, in der sich seine Söhne um den vakanten Thron stritten. Der jüngere erklärte sich zum KönigScheschonq III. und regierte 53 Jahre lang. Sein älterer BruderOsorkon IV. wurde 20 Jahre später als Hohepriester von Theben erwähnt.
Während der Regierungszeit Scheschonq III. begründete der PrinzPetubastis I. im mittleren Nildelta eine neue Dynastie, die in Leontopolis regierte. Die Legitimierung der neuen Dynastie kann darin gesehen werden, dass die Amunpriester in Theben zwei Söhne dieser Dynastie in ihre Dienste aufnahmen. Zudem war die 23. Dynastie wohl auch eng mit der 22. Dynastie verwandt.
Auch die 24. Dynastie regierte gleichzeitig mit der 22. und 23. Dynastie im Nildelta. Ihr bekanntester König istTefnachte ausSais, dem es gelang, mit den anderen Dynastien einen Bund gegen die im Süden vorrückendenNubier zu schließen. Allerdings unterlagen sie um 727 v. Chr. beiHerakleopolis der Streitmacht der Nubier unterPije.Osorkon IV. wurde von den Israeliten um Hilfe gegen die assyrische Bedrohung gebeten (2. Könige 17,4LXX).
Der Kult desAmun hatte sich während des ägyptischenNeuen Reichs auch in Nubien etabliert und eine mächtige Priesterschaft hervorgebracht. Genau wie ihrPendant in Theben begannen sie, ihre Namen in Kartuschen zu schreiben, und herrschten wie die Könige. Es wurde sogar ein offizielles Königreich mit dem NamenNapata gegründet. Das Zentrum des Amunkults in Nubien war der Fels vonGebel Barkal.
Der nubische AmunpriesterPije schwang sich durch Heirat mit der Tochter des 7. Königs von Napata gegen 748 v. Chr. selbst zum Herrscher auf. Durch die unruhigen Zustände inOber- undUnterägypten zog er mit seinerStreitmacht in seinem 21. Regierungsjahr gen Norden, um die Allmacht des Amun wiederherzustellen.
In Theben angekommen, zog er die örtliche Priesterschaft auf seine Seite, indem er dieGöttliche Anbeterin des AmunSchepenupet I. veranlasste, seine Schwester als Nachfolgerin zu adoptieren. Dann feierte er dort dasOpet-Fest.
Schließlich zog er weiter und besiegte bei Herakleopolis die Allianz der anderen Dynastien, die sich ihm unterwarfen. Diese durften aber weiterhin als Statthalter ihre alten Gebiete verwalten.
Als Besonderheit der 25. Dynastie ist die Vorliebe für Pferde hervorzuheben, die insbesondere als Begrüßungsgeschenke oder Tributabgaben von denassyrischen Königen sehr geschätzt waren und dort als Streitwagengespann Verwendung fanden. Ein regelrechter Handel mit eigenen Pferden oder Streitwagen existierte jedoch nicht. Die Erwähnung von über 1.000 ägyptischen Pferden, die nachNinive gelangten, stammen aus der KriegsbeuteAsarhaddons. Bisherige Vermutungen, dass jene Mengenangabe einenPferdehandel belegen, sind daher zwischenzeitlich nicht mehr haltbar.
Die 25. Dynastie regierte das Reich (hauptsächlich Oberägypten) von Napata aus.Schabaka, der Bruder des Pianchi, regierte nach dessen Tod noch 14 Jahre, danach folgten die Söhne PianchisSchebitko undTaharqa. Gerade Taharqas Regierungszeit war immer wieder gekennzeichnet durch die Bedrohung der Assyrer aus dem Osten. 669 v. Chr. fielen die Assyrer unter Asarhaddon massiv in Ägypten ein, eroberten Memphis und nahmen fast die gesamte Königsfamilie gefangen. Taharqa selbst konnte allerdings nach Süden flüchten. Die Assyrer folgten und eroberten in der Folge auch Theben.
Taharqas NachfolgerTanotamun gelang zwar die Rückeroberung Ägyptens bis nach Memphis, doch kurz darauf schlugen die Assyrer unterAssurbanipal entscheidend zurück. Sie drangen bis zur nubischen Grenze vor und verwüsteten bei diesem Feldzug 652 v. Chr. Theben schwer und beraubten es all seiner Schätze. Die 25. Dynastie kennzeichnete sich durch ihre Versuche, an alte Traditionen anzuknüpfen, indem sich die Herrscher nach früheren Pharaonen benannten und sich die Inschriftensprache teilweise stark an das Ägyptisch des Alten Reichs anlehnte.
K. A. Kitchen:The Third Intermediate Period in Egypt. 1100–650 B.C. 4th Edition. Aris & Phillips, Warminster 2009,ISBN 0-85668-768-5, (Das mit 600 Seiten grundlegende Werk zur Dritten Zwischenzeit, streckenweise jedoch sehr kontrovers).
Karl Jansen-Winkeln:Das Ende des Neuen Reiches. In:Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde. Band 119, 1992,ISSN0044-216X, S. 22–37 (Online).
Karl Jansen-Winkeln:Die Inschriften der Spätzeit. Teil II:Die 22.–24. Dynastie. Harrassowitz, Wiesbaden 2007,ISBN 978-3-447-05582-6.