Der Ursprung des deutschen WortsDolch ist ungewiss, es begegnet erst seit dem 15. Jahrhundert, zunächst im oberdeutschen Raum. DasDeutsche Wörterbuch der Brüder Grimm nahm 1860 noch an, dass es sich um ein Lehnwort aus dem Slawischen handele[2]; heute gilt aber als gesichert, dass das Gegenteil der Fall ist und polnisch und tschechischtulich aus dem Deutschen entlehnt wurden. Naheliegend ist ein Zusammenhang mitlateinischdolo bzw.griechisch δόλων (dólōn) „Stilett, Stoßdegen“, wobei sich dieser Begriff möglicherweise mit einheimischem, also germanischem Wortgut, vermischte. In dieser Hinsicht wurde etwaaltnordischdalkr, „Spange,Fibel“ angeführt, ein entsprechendes alt- oder mittelhochdeutsches Wort ist indes nicht überliefert.[3] Denkbar ist auch, dass es sich beimDolch eigentlich um eine mit einem deutschenDiminutivsuffix wie-che(n) oder-ke(n) versehene quasi-makkaronische Verkleinerungsform des lateinisch-griechischendolo(n) handelt.[4]
Im Gegensatz zumMesser, das primär zum Schneiden ausgelegt ist, ist der Dolch als Stichwaffe konzipiert.Bei Dolchen ist der Schneidenwinkel 1,69- bis 2-mal so groß wie bei einem einschneidigen Messer derselben Klingenbreite und -dicke. Aus diesem Grund sind Dolche tendenziell stumpfer als Messer; dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass der Schneidenwinkel kein allein entscheidendes Kriterium für die Schärfe einer Klinge ist.[5]
Bei den Grundformen lassen sich Dolche grundsätzlich in zwei Formen unterscheiden: Zum einen solche mit linsen- oder rautenförmigem Querschnitt (mit oder ohneHohlkehle) und zum anderen Dreikantklingen, jeweils mit, partiellem oder ohneHohlschliff. Die erstgenannten sind noch zum Schneiden geeignet, während die letztgenannten stabiler sind und auch gegen leichtere Rüstungstypen eingesetzt werden konnten.
DieFaustkeile des Altpaläolithikums können als älteste Formen des Dolch-Konzepts (Stoßspitze, zwei Schneiden) angesehen werden. Auch symmetrisch geformteMoustérien-Spitzen weisen beidseitig retuschierte Kanten auf. DieBlattspitzen des späten Mittelpaläolithikums können sowohlFeuersteindolche, quergeschäfteteFaustmesser als auchSpeer- bzw.Lanzenspitzen gewesen sein, was durch die vollständige Zersetzung der organischen Materialien nicht mehr zu erkennen ist. Ähnliche Formen von Blattspitzen gab es erneut im jüngerenGravettien, im südwesteuropäischenSolutréen sowie imMesolithikum undNeolithikum, wobei die mündliche Weitergabe im Gebrauch wegen der großen kulturellen Brüche unwahrscheinlich ist. Die zunehmend asymmetrische Form seit dem Solutréen macht die Griffmontage als Dolch sehr wahrscheinlich (oberes Bild).
ImJungpaläolithikum (speziell im mährischenPavlovien vor ca. 25.000 Jahren) gab es in Dolchform zugespitzte Knochen (Fundplatz Předmostí) sowie Dolche ausGeweih oderElfenbein. InPavlov wurde ein 56 Zentimeter langer und zwei Zentimeter breiter dolchartiger Gegenstand ausMammutelfenbein gefunden.
Dolche aus Feuerstein treten wieder während desMesolithikums auf. Einen mit Bastwicklung erhaltenen Dolch, der aus einer beidseitig spitz retuschierten großenFeuersteinklinge gefertigt ist, gibt es vom Fundplatz Nischneje Veretije in Nordrussland, mitRadiokohlenstoffdaten der Fundschicht um ca. 8000 v. Chr. In der Fundstelle Olenij Ostrov inKarelien wurde ein etwa gleich alter Knochendolch mit eingeklebten Feuersteinklingen gefunden.[6] Auch aus derKongemose-Kultur (Dänemark) gibt es verzierte Knochendolche mit beidseitig eingekitteten Feuersteinsplittern.
Während desSpät- undEndneolithikums waren Dolche aus Feuerstein in Mitteleuropa erneut weit verbreitet. So trug der als Gletschermumie gefundeneÖtzi einen mit Griff versehenen Dolch bei sich. Ein ähnlicher Fund stammt ausAllensbach am Bodensee aus einer Fundstelle derHorgener Kultur. In derneolithischenDolchzeit von 2300–1600 v. Chr. erfuhr der Feuersteindolch als so genannterFischschwanzdolch die höchste Vollendung der Steinbearbeitung.
Bereits in derKupferzeit gab es Dolche ausKupfer, zum Beispiel in derGlockenbecherkultur in Süddeutschland. In der frühbronzezeitlichenAunjetitzer Kultur waren Dolche aus einem StückBronze gegossen einschließlich Griff. Erst im Verlauf derBronzezeit kamen Dolche auf, bei denen Griffschalen aus organischem Material wie Holz, Knochen und Horn gefertigt waren und vernietet wurden.
Dolch aus Luristan, ca. 1000 v. Chr., ca. 31 cm lang
Im Laufe der Zeit entwickelte sich der Dolch von der spitzen Stoßwaffe zum zweischneidigen Gerät mit der möglichen, allerdings eingeschränkten Funktion als Messer und wurde damit etwas vielseitiger verwendbar. Bronzedolche vom Typ Gamov stammen bereits aus dem 9. oder 8. Jahrhundert v. Chr. und wurden von Steppenvölkern benutzt. An Bronzedolchen aus Gräbern der Zeit vor 1550 bis 1250 Jahren v. Chr. wurden Anhaftungen von organischem Material (Knochen, Muskelfasern, Sehnen) nachgewiesen, die auf eine Verwendung der Dolche beim Zerlegen von Jagdbeute zurückgeführt werden.[7]
Zur Ausrüstung römischerLegionäre gehörte vom 2. Jahrhundert vor bis zum 3. Jahrhundert nach der Zeitenwende ein Dolch (Pugio) mit breiter, etwa 30 cm langer Klinge.Julius Caesar wurde der Überlieferung nach mit diversen (23 oder 35) Dolchstichen ermordet.[8]
Der Dolch kam im 12. Jahrhundert als Waffe in den mittelalterlichen Heeren auf. Er war die Weiterentwicklung des allseits gebräuchlichen Allzweckmessers aus dem Mittelalter. Zu Beginn war er wohl als Ergänzung zum Ritterschwert gedacht und sollte als Zweitwaffe bei Schwertbruch oder -verlust zum Einsatz kommen. Zu dieser Zeit wurde auch derPanzerbrecher (Misericordia, Gnadgott) zum Durchstoßen vonKettenrüstungen erfunden.
Um 1300 entwickelte sich in Norditalien eine zweischneidige, stark profilierte Klinge (Basilard). Dieser Dolch verbreitete sich dann um 1400 über die Alpen in den süddeutschen Raum. Anders als das Schwert unterlag der Dolch keinen standesspezifischen Regularien, was wohl an seiner Verbreitung lag. Dass er auch im Krieg eine besondere Rolle hatte, verdeutlicht der Gebrauch durch die Eidgenossen in derSchlacht bei Dornach im Jahre 1499, wo der Sieg über die Landsknechte Maximilians entscheidend vom Einsatz des Dolchs abhing. Dolchformen des Spätmittelalters sind derRingknaufdolch und derScheibendolch, welcher mitunter auch als Scheibenknaufdolch bezeichnet wird.
Ab dem 16. Jahrhundert etablierte sich eine Kampftechnik, bei der einParierdolch zusammen mit dem Schwert genutzt wurde, er sollte dabei feindliche Schwerthiebe parieren. Wurde im Mittelalter der Dolch noch mit der Spitze nach unten geführt, wird er bei dieser Technik mit der Spitze nach oben gehalten. Ebenfalls im 16. Jahrhundert wurde dasStilett als Stichwaffe mit langer, spitzer Klinge entwickelt.
Da ein Dolch, anders als etwaSchwert oderSpeer, verdeckt getragen werden kann, galt er zeitweise als wenig ritterliche (Mord-)Waffe, wie es zum Beispiel in der Wortschöpfung von derDolchstoßlegende zum Ausdruck kommt.
Dolche werden in der Regel als Waffe betrachtet. In Deutschland kann der Besitz (mit Einschränkungen) erlaubt sein, der Transport ist in der Regel nur mit Beschränkungen möglich.[9]
Wendelin Boeheim:Handbuch der Waffenkunde. Das Waffenwesen in seiner historischen Entwickelung vom Beginn des Mittelalters bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. E. A. Seemann, Leipzig 1890,ISBN 3-8262-0212-0 (Textarchiv – Internet Archive – Erstauflage bis 2016 mehrfach nachgedruckt).
David Harding (Hrsg.):Waffenenzyklopädie. 7000 Jahre Waffengeschichte. 1. Auflage. Motorbuchverlag, Stuttgart 2008,ISBN 978-3-613-02894-4 (englisch:Weapons : an international encyclopedia from 5000 B.C. to 2000 A.D. 1990. Übersetzt von Herbert Jäger, Martin Benz).
↑N. N. Gurina:Mesolit Karelij (Das Mesolithikum Kareliens). In: Kolzov (Hrsg.), Mesolit SSSR (Das Mesolithikum der UdSSR). Teil der Reihe:Archaeologia SSSR (Archäologie der UdSSR). Band 2, Tafel 10, S. 217, Nauka, Moskva 1989.
↑Die zeitlich nächste Quelle, Nikolaos von Damaskus24,90, spricht von 35 Wunden. Spätere Texte vermerken, dass Caesar 23-mal getroffen worden sei; siehe Plutarch,Caesar66; Sueton,Divus Iulius82,2; Appian,Bürgerkriege2,117,493.
↑Waffengesetz und Patrick Schulz, Cederic Tiemeshen:Einsatzrecht kompakt – Fälle zum Waffenrecht für die weitere Ausbildung. Richard Boorberg Verlag, Stuttgart 2021,ISBN 978-3-415-07089-9,S.54ff.