Derinterdisziplinär ausgerichteteStudiengangDigital Humanities (‚digitale Geisteswissenschaften‘) umfasst die systematische Nutzung computergestützter Verfahren und digitaler Ressourcen in denGeistes- undKulturwissenschaften sowie dieReflexion über deren Anwendung.
Für einenBachelor of Science (mit 180ECTS) im Bereich Digital Humanities belegen Absolventen Seminare aus dem Wahlbereichsangebot der Geistes- und Sozialwissenschaften sowie aus dem WahlpflichtbereichInformatik und werden mit den Arbeitsweisen und Methoden beider Bereiche vertraut gemacht.[1]
Anschließend besteht die Möglichkeit, einenMasterstudiengang zu belegen, wobei hier unterschiedliche Profile zur Auswahl stehen; der Studiengang wird entweder ganz oder teilweise auf Englisch angeboten. In Deutschland wird Digital Humanities in der Regel ohneZulassungsbeschränkung angeboten (Stand 2025).[2]
„Digital Humanities“ und „e-Humanities“ sind Begriffe jüngerer Prägung, die beide heute gebräuchlicher sind als die etwas älteren Begriffe „Computing in the Humanities“ und „Humanities Computing“.[3] E-Humanities ist dabei analog zue-Science gebildet und steht für „enhanced“ oder auch „enabled“ Humanities.Unklar bleibt bisher, ob es sich beiDigital Humanities um ein Fach, eine Methode oder eine bestimmte Denkweise handelt,[4] wenn oft allein die Verwendung von Computern bei der Beantwortung geisteswissenschaftlicher Fragestellungen schon dazu führt, diese den Digital Humanities zuzuordnen.
Die erste internationale Fachtagung zum Thema „Literatur und Datenverarbeitung“[5] fand in Deutschland bereits im Juni 1970 an derRWTH Aachen statt. Rund 100 Naturwissenschaftler, Mathematiker, Ingenieure und Geisteswissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen aus sechs Ländern kamen zusammen, um die Relevanz der modernen elektronischen Daten- und Informationsverarbeitung für die Geisteswissenschaften (Humanities) zu diskutieren, die sich in ihren traditionellen Erkenntnisinteressen, Forschungsgegenständen und Methoden zunehmend durch den Einsatz von Computern provoziert und in Frage gestellt sahen.[6] An derEberhard Karls Universität Tübingen fanden ab November 1973 regelmäßigKolloquien zur Anwendung derEDV in den Geisteswissenschaften statt.[7]
Die US-amerikanische FachorganisationThe Association for Computers in the Humanities (ACH), dieEuropean Association for Digital Humanities (EADH) (bis 2011Association for Literary and Linguistic Computing (ALLC)) und die kanadischeSociety for Digital Humanities / Société pour l’étude des médias interactifs (SDH-SEMI) sind in der DachorganisationThe Alliance of Digital Humanities Organizations (ADHO) zusammengefasst. 2013 gründete sich der VerbandDigital Humanities im deutschsprachigen Raum (DHd) als assoziierter Regionalverband der EADH.
Mitglied einer dieser Organisationen wird man durch das Abonnement der ZeitschriftLiterary and Linguistic Computing, die somit die wichtigste Fachzeitschrift in diesem Feld darstellt. Die ADHO organisiert einmal im Jahr die KonferenzDigital Humanities, die abwechselnd in den USA bzw. Kanada stattfindet oder in Europa. Außerdem vergibt die ADHO alle drei Jahre den Busa-Preis für besondere Verdienste in den Digital Humanities.
Seit 1986 gibt es die FachzeitschriftLiterary and Linguistic Computing, weitere Zeitschriften sind über die Jahre hinzugekommen. Seit 1999 gibt es das deutschsprachigeForum Computerphilologie. Weitere einschlägige Fachzeitschriften sind im AbschnittLiteratur angeführt.
CenterNet ist ein internationaler Zusammenschluss von rund 100 Digital Humanities Centers aus 19 Ländern. Die Organisation steht im Dienst der Digital Humanities und benachbarter Fachrichtungen.[8][9]
In den herkömmlichen Geisteswissenschaften galten die Digital Humanities bisweilen als „wunderlich“.[10] Der LiteraturtheoretikerStanley Fish behauptet zudem, dass sie traditionelle Werte der Geisteswissenschaften untergrüben.[11] Den Digital Humanities fehle überdies die theoretische Reflexion und sie neigen angeblich zur unkritischen Affirmation technologischer, gegenstandsferner Konzepte.[12] Gleichzeitig liefern erste DH-Analysen im Bereich kultursoziologischerDiachronie zum Teil verblüffende Resultate, die sowohl einige herrschende Meinungen klar bestätigen, als auch andere deutlich in Frage stellen, wie etwa die These von der zunehmendenÖkonomisierung moderner Gesellschaften.[13]
musiXplora (mXp), Repositorium der Organologie und der Musikwissenschaft der Forschungsstelle DIGITAL ORGANOLOGY am Musikinstrumentenmuseum der Universität Leipzig[24]
ZenMEM –Zentrum Musik-Edition-Medien,[29] Forschungsinstitut der Universität Paderborn im Bereich Digital Humanities/Digitale Musikwissenschaft/Digitale Edition. Das Zentrum ist aus dem BMBF-Zentrum für eHumanities, Verbundprojekt derUniversität Paderborn, TH Ostwestfalen-Lippe, HfM Detmold hervorgegangen.
Susanne Kurz:Digital Humanities. Grundlagen und Technologien für die Praxis. 2. Auflage. Springer Vieweg, Wiesbaden 2016,ISBN 978-3-658-11212-7.
Susan Schreibman, Ray Siemens, John Unsworth (Hrsg.):A New Companion to Digital Humanities. John Unsworth, Chichester 2016 (zuerst 2004)
Dave M. Berry:The Computational Turn: Thinking About the Digital Humanities. In: Culture Machine, Vol 12 (2011), [culturemachine.net/wp-content/uploads/2019/01/10-Computational-Turn-440-893-1-PB.pdf online].
Andreas Aschenbrenner, Tobias Blanke, Stuart Dunn, Martina Kerzel, Andrea Rapp, Andrea Zielinski:Von e-Science zu e-Humanities – Digital vernetzte Wissenschaft als neuer Arbeits- und Kreativbereich für Kunst und Kultur. In:Bibliothek. Forschung und Praxis.Band31,Nr.1, 2007,S.11–21,doi:10.1515/BFUP.2007.11.
Christoph Classen, Susanne Kinnebrock, Maria Löblich:Towards Web History: Sources, Methods, and Challenges in the Digital Age. In:Historical Social Research.Band37,Nr.4, 2012,S.97–188 (web.archive.org).
Oliver Grau:Museum and Archive on the Move: Changing cultural Institutions in the digital Era, Munich: de Gruyter 2017.
Oliver Grau:The Complex and Multifarious Expression of Digital Art & Its Impact on Archives and Humanities. In:A Companion to Digital Art. Edited by Christiane Paul. Wiley-Blackwell, New York 2016, S. 23–45.
Peter Haber:Digital Past. Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter. München 2011.
Adelheid Heftberger:Kollision der Kader. Dziga Vertovs Filme, die Visualisierung ihrer Strukturen und die Digital Humanities. München: edition text + kritik 2016.
Anna Maria Komprecht, Daniel Röwenstrunk:Projektmanagement in digitalen Forschungsprojekten. In:„Ei, dem alten Herrn zoll’ ich Achtung gern“. München, Allitera Verlag, 2016, S. 509–522,ISBN 978-3-86906-842-8,doi:10.25366/2018.33.
Heike Neuroth, Andreas Aschenbrenner, Felix Lohmeier:e-Humanities – eine virtuelle Forschungsumgebung für die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften. In: Bibliothek. Forschung und Praxis 3 (2007), S. 272–279.
Heike Neuroth, Fotis Jannidis, Andrea Rapp, Felix Lohmeier:Virtuelle Forschungsumgebungen für e-Humanities. Maßnahmen zur optimalen Unterstützung von Forschungsprozessen in den Geisteswissenschaften. In: Bibliothek. Forschung und Praxis 2/2009.
Torsten Schrade:Epigraphik im digitalen Umfeld. In: Skriptum 1 (2011), Nr. 1.urn:nbn:de:0289-2011051816.
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Eva-Maria Seng,Reinhard Keil, Gudrun Oevel (Hrsg.):Studiolo. Kooperative Forschungsumgebungen in den eHumanities (=Reflexe der immateriellen und materiellen Kultur. Band 1). de Gruyter, Berlin 2018,ISBN 978-3-11-036464-4.
↑Siehe zu dieser Unterscheidung u. a. David M. Berry: „The Computational Turn: Thinking About the Digital Humanities“, in:Culture Machine 12, 2011, 2-4. URL: [culturemachine.net/wp-content/uploads/2019/01/10-Computational-Turn-440-893-1-PB.pdf] oder Patrik Svensson: Humanities Computing as Digital Humanities, in:DHQ 3.3, 2009.
↑Swantje Dogunke: Glossar: Digital Humanities. In: blog.klassik-stiftung.de. 17. Juni 2015, abgerufen am 13. April 2019.
↑Literatur und Datenverarbeitung. Ein Tagungsbericht, hrsg. vonHelmut Schanze. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 1972,ISBN 3-484-10153-9.
↑Computer und Literatur. Eine Sendung desWDR 3 am 19. Juli 1970 vonBurghard Rieger zur Tagung „Literatur und Datenverarbeitung“ vom 15. bis 17. Juli 1970 an der RWTH Aachen
↑About. In: CenterNet. Abgerufen am 26. Juli 2012.
↑Benjamin Caraco:Les digital humanities et les bibliothèques. In:Le Bulletin des Bibliothèques de France.Band57,Nr.2, 1. Januar 2012 (französisch,enssib.fr [abgerufen am 27. Februar 2022]).
↑Steffen Roth:Fashionable Functions: A Google Ngram View of Trends in Functional Differentiation. In:International Journal of Technology and Human Interaction.Band10,Nr.2, 2014,S.34–58,doi:10.4018/978-1-4666-9461-3.ch010 (englisch).