
DerDeutsche Nationalpreis für Kunst und Wissenschaft war einEhrenpreis und die höchste Friedensauszeichnung desnationalsozialistischen Deutschen Reiches. Er wurde 1937 durchAdolf Hitler gestiftet und sollte an die Stelle desNobelpreises treten, den anzunehmen Hitler – als Reaktion auf die Verleihung desFriedensnobelpreises anCarl von Ossietzky 1936 – „für alle Zukunft Deutschen“ untersagte. Der Preis wurde nur 1937 und 1938 verliehen.
Der JournalistCarl von Ossietzky war im November 1931 im aufsehenerregendenWeltbühne-Prozess vomReichsgericht wegenLandesverrats zu 18 Monaten Zuchthaus verurteilt worden, weil er aufdeckte, dass dieReichswehr entgegen den Bestimmungen desFriedensvertrages von Versailles den heimlichen Aufbau einer Luftwaffe betrieb. Ein Gnadengesuch lehnte ReichspräsidentPaul von Hindenburg ab. Im Februar 1933 wurde der engagierte Pazifist und Demokrat von den Nationalsozialisten erneut interniert und in einKonzentrationslager verschleppt.
Am 25. Juni 1936 sprach dasNobelpreiskomitee des norwegischen Parlaments dem nach wie vor inhaftierten Ossietzky denFriedensnobelpreis zu. DieReichsregierung protestierte gegen den Beschluss; am 26. November äußerte sie ihr „äußerstes Befremden“ darüber und erklärte, sich „alle Schlussfolgerungen aus dem Vorfall vorbehalten“ zu wollen.[3][4]
Am 30. Januar 1937 stiftete Adolf Hitler schließlich den Deutschen Nationalpreis für Kunst und Wissenschaft:
„Um für alle Zukunft beschämenden Vorgängen vorzubeugen, verfüge ich mit dem heutigen Tage die Stiftung eines Deutschen Nationalpreises für Kunst und Wissenschaft. Dieser Nationalpreis wird jährlich an drei verdiente Deutsche in der Höhe von je 100 000Reichsmark zur Verteilung gelangen. Die Annahme des Nobelpreises wird damit für alle Zukunft Deutschen untersagt. […]“[3][4][5]
DieDurchführungsbestimmungen wurden vonPropagandaministerJoseph Goebbels erlassen. Die Verleihung sollte demnach jährlich in einem feierlichen Akt auf demReichsparteitag derNSDAP stattfinden. Organisation und Durchführung des Festaktes oblag demReichspropagandaleiter im Einvernehmen mit dem ReichsorganisationsleiterRobert Ley.[3][4][6]
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Die Auszeichnung beinhaltete neben der eigentlichenOrdensdekoration, dem Bruststern, eine prächtigeSchärpe mitAgraffe, eine aufwändig gearbeiteteOrdenskassette mit vergoldeten Eckbeschlägen in Adlerform und eine Urkundenmappe aus terrabraunem genarbtem Leder.Am 7. Dezember 1937 notierte Goebbels: „Urkunden zum Nationalpreis fertig. Sehr gut geworden. Frau Troost zeigt sie. Meisterstück!“[7]
Es wurden verschiedene Mustervorlagen des Bruststerns angefertigt, unter anderem vonRichard Klein undHerbert Zeitner, die jedoch von Hitler verworfen wurden, möglicherweise weil ihm ihr Symbolgehalt bezüglich der Begriffe „Kunst“ und „Wissenschaft“ zu schwach ausgeprägt war. Die endgültige Fassung der Dekoration basiert auf einem Entwurf des Bildhauers Hermann Müller.[7]
Der gegossene und polierte Sternenkorpus besitzt einen Durchmesser von 95 mm und besteht aus Platin. Aufgelegt sind vier 20 × 22 mm große Adler aus 18-karätigem Gold. Das Medaillon zeigt auf rotemailliertem Grund den nach links gewandten Kopf derPallas Athene. Der Schriftring trägt auf elfenbeinfarbig emailliertem Grund die handgesägte und polierte umlaufende Zweckinschrift: „FÜR * KUNST * UND * WISSENSCHAFT“ und wird umgeben von einem Medaillonring, besetzt mit 40 Diamanten in 8/8-Schliff mit facettierter Tafel. Um denBrillanten Licht zu geben, ist der Medaillonring nach hinten offen segmentiert. Das Gesamtgewicht der Dekoration beträgt je nach Version 205,0 (1937) oder 210,47 (1938) Gramm. Goebbels notierte am 15. Dezember: „Der Orden zum Nationalpreis ist nun fertig. Der Führer ist begeistert davon.“[7][2]
Mit der Ausführung wurde der Juwelier Wilhelm Hülse in Berlin betraut. Die Beauftragung des relativ unbekannten Juweliers erfolgte entweder durch Goebbels selbst oder durch eine seiner Dienststellen.[7]
Anlässlich der „Ersten Deutschen Architektur- und Kunsthandwerkausstellung“ vom 22. Januar bis 18. April 1938 in München wurde imHaus der Deutschen Kunst das Exemplar vonPaul Ludwig Troost ausgestellt. Im Auftrag vonHeinrich Doehle wurden Fotos davon für diePräsidialkanzlei gemacht, die er als Vorlage für seine Publikationen zurOrdenskunde gebrauchte.[7]
Pallas Athene gilt in dergriechischen Mythologie als die jungfräuliche Göttin der Weisheit, Künste und Wissenschaften, Schirmherrin der Städte und Patronin des Handwerks. DerAdler auf Agraffe, Schatulle und Bruststern ist der des Reiches, blickt also nach heraldisch rechts, zu seiner rechten Schwinge – der Parteiadler blickte nach heraldisch links – und trägt einHakenkreuz in seinen Klauen. Der Adler ist frei gestaltet und entspricht keinem der gängigen Typen von Staat oder Partei. Auf der Tagung derReichsfilmkammer, 1935 imBerliner Schillertheater, war ein derartiger Adler im Großformat an der Stirnwand des Festsaales angebracht, was dafür spricht, dass die Form vom Propagandaministerium vorgegeben wurde.[7]
§ 2 der Durchführungsbestimmungen regelte die Vorschlagsberechtigungen:
„Die Vorschläge für die Verleihung des Deutschen Nationalpreises für Kunst und Wissenschaft werden auf dem Gebiet der Kunst von den Präsidenten der Einzelkammern innerhalb derReichskulturkammer und auf dem Gebiet der Wissenschaft vom Reichs- und PreußischenMinister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung gemacht.“
Ferner waren vorschlagsberechtigt:
Die Vorlage der Vorschläge erfolgte jeweils am 1. Juli eines jeden Jahres. Über die endgültige Vergabe entschied Adolf Hitler persönlich.[3][8]
Die Vorschlagsliste vom 31. August 1937 enthielt 26 Namen:[9]
| Name | Anmerkung | Vorgeschlagen von: |
|---|---|---|
| Adolf Bartels | Literaturprofessor, „Kämpfer für die Sauberkeit im Deutschen Schrifttum“. | Baldur von Schirach |
| Carl Bosch | Chemiker, Vorsitzender derI.G. Farben, Nobelpreisträger 1931. | Hermann Göring |
| Hermann Burte | Literarisches Pseudonym desvölkischen Schriftstellers Hermann Strübe. | Göring |
| Ludwig Dürr | Zeppelinkonstrukteur. Geehrt werden sollte die Idee des lenkbaren Luftschiffes. | Göring |
| Edwin Erich Dwinger | Schriftsteller, Mitglied des Reichskultursenats. | Göring |
| Wilhelm Filchner | Major a. D., Forschungsreisender, Leiter derZweiten Deutschen Antarktisexpedition. | Göring |
| Franz Fischer | Chemiker, Entwickler derFischer-Tropsch-Synthese zur künstlichen Herstellung von Treibstoffen. | Göring |
| Leo Frobenius | Völkerkundler, Begründer derKulturkreislehre. | Göring |
| Wilhelm Furtwängler | Generalmusikdirektor, Dirigent desBerliner Philharmonischen Orchesters. | Göring |
| Fritz Hoffmann | Chemiker, Direktor des schlesischen Kohleforschungsinstituts derKaiser-Wilhelm-Instituts für Kohlenforschung in Breslau. Pionier auf dem Gebiet der Kautschuksynthese. | Göring |
| Hanns Johst | Präsident derReichsschrifttumskammer, Mitarbeiter desVölkischen Beobachters. | Heinrich Himmler |
| Eberhard Wolfgang Möller | Schriftsteller, Referent im Propagandaministerium. | von Schirach |
| Hans Pfitzner | Generalmusikdirektor, Opernkomponist, Mitglied des Reichskultursenats. | von Schirach |
| Ludwig Prandtl | Physiker, Universitätsprofessor, Ordinarius der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät Göttingen. Grundlagenforschung überStrömungsmechanik und Entwickler derGrenzschichttheorie. | Bernhard Rust |
| Alfred Rosenberg | Reichsleiter, Beauftragter für die gesamte weltanschauliche Erziehung in der NSDAP, Leiter des außenpolitischen Amtes der NSDAP, Verfasser vonDer Mythus des 20. Jahrhunderts. | Rust |
| Ernst Sagebiel | Architekt, Ministerialrat imReichsluftfahrtministerium, Erbauer des Reichsluftfahrtministeriums, Planer der Flughäfen München und Stuttgart. | Göring |
| Ferdinand Sauerbruch | Chirurg,Preußischer Staatsrat, Direktor der chirurgischen Universitätsklinik derCharité. Pionier bei der Entwicklung muskelgesteuerter Prothesen. | Göring |
| Albert Speer | Architekt und Schöpfer zahlreicher Bauten des Dritten Reiches, Mitglied des Reichskultursenats und Generalbauinspekteur der Reichshauptstadt. | Göring |
| Hermann Stegemann | Publizist, „Vorkämpfer eines nationalen Deutschlands gegen die Siegerdiktatur von Versailles“. | Göring |
| Hermann Stehr | Dichter und „literarischer Führer des schlesischen Bauerntums“, Mitglied des Reichskultursenats. | Göring |
| Emil Strauß | Dichter und Erzähler, Mitglied des Reichskultursenats. | Göring |
| Gustav Tammann | Chemiker, Direktor des physikalisch-chemischen Instituts in Göttingen, Pionier derMetallurgie bei der Entwicklung industrieller Großverfahren. | Göring |
| Josef Thorak | Bildhauer, Schöpfer zahlreicher Büsten und Monumentaldenkmäler (Hindenburg, Hitler, Mussolini, Atatürk, Piłsudski, Schah von Persien etc.). | Philipp Bouhler |
| Paul Ludwig Troost | Architekt, seinneoklassizistischer Stil prägte dieHerrschaftsarchitektur des Dritten Reiches. | Bouhler |
| Josef Wackerle | Bildhauer, Arbeiten amReichssportfeld, imBraunen Haus und imCecilienhof, Designer zahlreicher Münzen und Plaketten. Mitglied des Reichskultursenats. | Bouhler |
| Winifred Wagner | SchwiegertochterRichard Wagners und Leiterin derBayreuther Festspiele. | Bouhler |
Der spätere PreisträgerAugust Bier stand ursprünglich nicht auf der Vorschlagsliste, noch war er überhaupt dafür im Gespräch. Die Verleihung an Bier ist offenbar die Folge massiven Protestes durchGerhard Wagner, Reichsärzteführer und Leiter desAmtes für Volksgesundheit in der Reichsleitung der NSDAP, gegen die Nominierung Sauerbruchs. Aufschlussreiche Einzelheiten dazu enthalten Goebbels’ Tagebucheinträge von 1937:[10]
Sauerbruch selbst hatte auf eine vorherige Anfrage der Reichsregierung, welcher Arzt den Nationalpreis erhalten solle, erklärt, dass nur August Bier dafür in Frage komme. Bier hingegen schlug auf die gleichlautende Frage Sauerbruch vor.[10][11]
Auch 1938 gab es Unstimmigkeiten bei der Nominierung. Die Verleihung an Heinkel war heftig umstritten, da dieser in ständigem Kleinkrieg mit GauleiterFriedrich Hildebrandt lag.Martin Bormann, zu diesem Zeitpunkt nochRudolf Heß unterstellt, hatte über diesen versucht, Heinkel aus dem Preis zu drängen, aber Göring und Hitler sprachen sich für ihn aus.[12]
Der Deutsche Nationalpreis wurde insgesamt an neun Personen vergeben.
Die Preisverkündung fand am 7. September 1937 im„Nürnberger Opernhaus“[13] statt, die Übergabe der Preise erfolgte am 30. Januar 1938 durch Adolf Hitler in derReichskanzlei. Die fünf ersten Preisträger waren:[14]
Die Preisverkündung erfolgte am 6. September 1938, die Übergabe am 30. Januar 1939 durch Adolf Hitler in der Reichskanzlei. Die Preisträger dieses zweiten Jahrgangs waren:[12]
Das Tragen der Dekoration ist nach demGesetz über Titel, Orden und Ehrenzeichen vom 26. Juli 1957 in keiner Form zulässig.[15]