
DieGeschichte der Juden in Deutschland ist die einer seit mehr als 1700 Jahren imdeutschen Sprachraum – wie in ganzMitteleuropa – lebenden ethnischen und religiösenMinderheit.
Die sehr unterschiedlich dokumentierten Epochen dieser Geschichte wechselten zwischen Blütezeiten, in denen Toleranz gegenüberJuden herrschte, und Zeitenantijudaistischer Verfolgungen undantisemitischer Gewalt, die im 20. Jahrhundert zumHolocaust führte.
Zwischen 1990 und 2015 wuchs die Zahl der deutschen Juden dank Einwanderern ausOsteuropa undIsrael an.[1] Die größten jüdischen Gemeinden sind heute die inBerlin,München, Düsseldorf undFrankfurt am Main.
Das deutsche Judentum hat sowohl die Kultur der gesamten jüdischen Welt als auch dieDeutschlands in starkem Maße beeinflusst. So entwickelte sich die noch heute verbreitete Bezeichnung füraschkenasische Juden während des 9. Jahrhunderts imRheinland. Zu den bekanntesten Kulturschaffenden deutsch-jüdischer Herkunft zählen u. a.Albert Einstein,Else Lasker-Schüler,Heinrich Heine,Felix Mendelssohn Bartholdy,Hannah Arendt undKarl Marx.
Juden lebten bereits in der Antike in der römischen ProvinzGermania inferior.[2] Für die Berufung in ein städtisches Amt waren hier Grundbesitz und ein ausreichendes Ansehen der Person Bedingungen. Doch auch wenn Juden diese erfüllten, blieb ihnen der Zugang zu öffentlichen Ämtern verwehrt. Ihre Religion war alsreligio licita (erlaubte Religion) anerkannt. Damit waren sie vomKaiserkult und den Opfern an dierömischen Staatsgötter befreit. Diese waren jedoch vorausgesetzt, um ein öffentliches Amt zu bekleiden.[3] Die KaiserSeptimius Severus undCaracalla ließen Juden mit einem Edikt (zwischen 198 und 211[4]) ausdrücklich zu den Ämtern zu und dispensierten sie von Pflichten, die gegen ihren Glauben verstoßen würden.[5] In derSpätantike verweigerte sich jedoch die römische Oberschicht zunehmend diesen kostspieligen Ämtern, sodass die römische Verwaltung in eine Krise geriet. So gilt das an denKölner Stadtrat ergangeneDekret KaiserKonstantins des Jahres 321, das auch Juden die Berufung in diecuria erlaubte bzw. sie auch gegen ihren Willen in die Pflicht nahm,[6] als frühester Beleg für die Existenz einer jüdischen Gemeinde in Köln. Das kaiserliche Dekret ist imCodex Theodosianus überliefert mit folgendem Wortlaut:
“idem a. decurionibus agrippiniensibus. Cunctis ordinibus generali lege concedimus Iudaeos vocari ad curiam. Verum ut aliquid ipsis ad solacium pristinae observationis relinquatur, binos vel ternos privilegio perpeti patimur nullis nominationibus occupari.
dat. iii id. dec. crispo ii et constantino ii cc. conss.”
„Durch reichsweit gültiges Gesetz erlauben wir allen Stadträten, dass Juden in den Stadtrat berufen werden. Damit ihnen [den Juden] selbst aber etwas an Trost verbleibe für die bisherige Regelung, so gestatten wir, dass je zwei oder drei […] aufgrund dauernder Privilegierung mit keinen [solchen] Berufungen belastet werden.“
Ob es in den rheinischen Städten Köln,Trier,Mainz,Worms undSpeyer durchgehend jüdische Siedlungen gab, ist ungewiss. Möglicherweise bestanden nach dem Abzug der Römer und der germanischen Landnahme einige jüdische Siedlungen weiter. Ihre rechtliche Stellung war während der römischen Zeit gesichert und Juden besaßen das volle Bürgerrecht.[8] Auf der germanischen Seite des Rheins und nördlich der Donau lebten dagegen keine Juden; zumindest sind sie in der Antike historisch nicht nachweisbar. Eine kontinuierliche Besiedlung begann wahrscheinlich erst inottonischer Zeit.
Wie Juden nach derVölkerwanderungszeit in die Gebiete rechts des Rheins und nördlich der Donau gelangten, ist weitgehend unerforscht. Erst in den letzten Jahren wird das Material anhand desZentralarchivs zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland untersucht. Für dasOstfrankenreich sind jüdische Gemeinden auf ehemals römischem Boden sicher nachweisbar. Ein bis heute erhaltenes jüdisches Bauwerk aus dieser Zeit ist dieKölner Mikwe, deren erste Bauphase auf das 8. Jahrhundert datiert wird. Der erste namentlich bekannte Jude ist der GroßkaufmannIsaak am Hof KaiserKarls des Großen,[9] den der Kaiser 797 bis 802 in einer Gesandtschaft nachBagdad zum KalifenHārūn ar-Raschīd schickte und der einen Elefanten namensAbul Abbas von dort mitbrachte.
VonLudwig dem Frommen sind um 825 gegebene Privilegien überliefert, die den Juden Vergünstigungen einräumten und unter anderem deren Aktivitäten imSklavenhandel zwischenBöhmen und Spanien regelten. Als Gegner des Judentums, seiner Rechte und Rolle im Frankenreich positionierte sichAgobard, der Erzbischof vonLyon.

Im 10. und 11. Jahrhundert stieg die Zahl der Juden stark an. Betrug sie im 10. Jahrhundert noch um 5.000, hatte sie sich bis ins 11. Jahrhundert auf 20.000 vervierfacht.Im 10./11. Jahrhundert wanderten aus Italien und Südfrankreich jüdische Kaufleute inrheinische Städte ein. Die dortigen jüdischen Gemeinden erlebten ihre Blütezeit. Juden gingen Ende des 10. Jahrhunderts auch weiter ostwärts nachMagdeburg undMerseburg. Überall erhielten sie sehr günstigePrivilegien durch dieottonischen undsalischen Herrscher (z. B. KaiserHeinrich IV.), die ihre Wirtschaftskraft nutzten. Das rheinisch-süddeutsche Gebiet hieß hebräischAschkenas, was bald ganz Deutschland (dt. Sprachraum) bezeichnete. In denSchUM-StädtenSpeyer,Worms,Mainz und inRegensburg wurden auf hohem Niveau jüdische Studien betrieben. Der GelehrteRaschi (1040–1105) absolvierte sein Studium in Mainz und Worms, bevor er seine Lehrtätigkeit inTroyes aufnahm. Das bischöfliche Privileg für die in Speyer aufgenommenen Juden von 1084 übernahm 1090 Kaiser Heinrich IV. für Worms, und es wurde zum weiteren Vorbild: 1157 übertrug es KaiserFriedrich I. auf weitere Fälle. Die erstenSynagogen entstanden inKöln 1012,Worms 1034 undTrier 1066, daneben standen bald Schul- und Lehrhäuser (Jeschiwa). Auch jüdische Friedhöfe wurden angelegt. Der ältestein situ erhaltene ist derHeilige Sand in Worms. Judenquartiere (Judengasse) wuchsen weniger aus Zwang als aus praktischen Gründen (Sabbatgebot,Mikwe). Unter Duldung der christlichen Obrigkeit entstand eine Selbstverwaltung (Kehillah), die sich um Steuern, Kultus und Schule kümmerte und Statuten erlassen durfte. Familien von jüdischen Kaufleuten knüpften Verbindungen bis nach Italien und weiter.
Im 12. Jahrhundert betrieben Juden zunehmend das Kreditgeschäft als Folge des auf Christen beschränktenZinsverbots. Auch sind jüdischeAckerbürger und Handwerker bekannt, die allerdings nicht in die christlichen Zünfte hineinkamen. Das Verhältnis der Juden zum Umfeld war entspannt, einzelneSchutzjuden oder ganze Gemeinden hattenSchutzbriefe des Königs, die allerdings meist nur nach erheblichen Gegenleistungen überwiegend finanzieller Art gewährt wurden und jederzeit und ohne Begründung zurückgenommen werden konnten.[10]
Dies änderte sich nach denPogromen gegen jüdische Gemeinden, die während desErsten Kreuzzugs ab 1096 unter PapstUrban II. stattfanden. Vor Beginn der Kreuzzugspogrome gab es im Reich nur wenig mehr als ein Dutzend jüdischer Gemeinden.[11] Die Juden in den rheinischen Städten fanden nur unzureichenden Schutz vor den Kreuzfahrern bei den bischöflichen Stadtherren wie dem Trierer BischofEngelbert von Rothenburg. Viele zogen den Selbstmord derZwangstaufe vor. Im 1. MainzerReichslandfrieden 1103 wurde Juden unter anderem das Recht, eine Waffe zu tragen, abgesprochen. Sie bildeten nun eine schutzbedürftige Gruppe im Personenstand minderen Rechts. Am Ende stand (zuerst 1236 nach demFuldaer Judenprozess) dieKammerknechtschaft, die die Juden geschlossen als unfreie Kammerknechte des KaisersFriedrich II. definierte. Dies garantierte ihnen zwar Schutz von Leben und Eigentum sowie eine autonome Gerichtsbarkeit in innerjüdischen Angelegenheiten, auf der anderen Seite waren damit der Verlust von persönlicher Freiheit und eine Belastung mit Sondersteuern verbunden. So entstand ein Sonderrecht für eine begrenzte Minderheit. Die Einnahmen aus der Kammerknechtschaft vergab der Kaiser teilweise an Reichsfürsten oder Städte.
Juden lebten in dieser Zeit weniger vom Warenhandel als von kleineren Darlehensgeschäften, auch als Ärzte und Techniker. Sie durften christliche Bedienstete und sogar Sklaven halten.Süßkind von Trimberg gehörte als Jude zu den mittelhochdeutschen Minnesängern. Gleichzeitig radikalisierte sich die kirchliche Haltung gegenüber den Juden, was zum Beispiel im4. Laterankonzil 1215 zum Ausdruck kam. Das Konzil schrieb eine Kennzeichnung von Juden vor (Judenhut/Gelber Fleck), was sich jedoch erst im 14./15. Jahrhundert durchsetzte, und verbot in der Folge derkirchlichen Reformbewegungen des 11. Jahrhunderts Christen die Zinsleihe. Der einflussreiche FranziskanerBerthold von Regensburg nahm die Vorstellung von den Juden alsGottesmörder in die Predigt auf. DerSchwabenspiegel um 1275 forderte bereits eine striktere Trennung im Alltag, die aber bis 1350 nicht üblich wurde.Ritualmordvorwürfe betrafen Juden erstmals 1234/1235 inLauda undFulda. Kaiser Friedrich II. bekämpfte die Legenden um Ritualmorde. Parallel kam der Vorwurf desHostienfrevels auf. Der marodierende verarmte Ritter (?)Rintfleisch zerstörte deshalb 1298 über 140 Gemeinden im mittel- und süddeutschen Sprachraum. 1336–1339 zogen dieArmlederbanden durch Franken und dasElsass und töteten 5000 Juden. InColmar wurden alle umgebracht.

DiePogrome, die dieGroße Pest um 1350 begleiteten, markierten einen tiefen Einschnitt. Sie begannen 1348 in der Schweiz unter dem Vorwurf derBrunnenvergiftung durch die Juden. In 85 von 350 Städten mit jüdischen Einwohnern wurde gemordet (z. B. inStraßburg), fast überall wurden Juden ausgewiesen. Im Elsass wurde mit 29 Orten die Hälfte aller jüdischen Siedlungen ausgelöscht, am Mittelrhein rund 85 von 133 Siedlungen.[12] Ihr Untergang brachte vielen materielle Vorteile, allen voran dem KaiserKarl IV. Nur zu schlechteren Bedingungen wurden Juden wieder aufgenommen, weil Fürsten und Städte letztlich ihrer bedurften. Ihre Aufenthalte waren nun auf wenige Jahre beschränkt und eine Verlängerung war nicht immer selbstverständlich. Diese Aufnahmeprivilegien galten nicht mehr für ganze Gemeinden, sondern nur noch für einzelne Personen mit ihrer Familie (so genannte Einzelprivilegien). Zusätzliche Abgaben wurden auferlegt, so der „Goldene Opferpfennig“ (sieheBeichtgeld). Daneben setzte die Auswanderung nachPolen-Litauen ein, wo dasJiddisch als Mischsprache aus mittelhochdeutschen, hebräischen und slawischen Teilen entstand. Auch inErfurt wurden die Juden 1349 vertrieben. Die ehemaligeAlte Synagoge Erfurt aus dem Jahr 1094 blieb jedoch erhalten und ist heute die älteste Synagoge Europas. 1998 wurde in ihrer Nähe ein 28 Kilogramm umfassenderjüdischer Schatz aus dem 13./14. Jahrhundert gefunden.
Die Feindschaft gegenüber jüdischen Geldverleihern führte immer wieder zu Ausschreitungen, deren Opfer hauptsächlich jüdische Einwohner wurden. Jüdische Geschäftsleute wurden in der spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Gesellschaft in eine Außenseiterrolle gedrängt, weil sie einerseits keinen Zugang zuZünften und somit zu anerkannten Handwerksberufen hatten, andererseits jedoch dasZinsverbot für sie nicht galt. Für viele verschuldete Personen waren die Schulden erdrückend. Zins und Tilgung in Verbindung mit Neid führten zu Feindlichkeit, die dann auf die gesamte jüdische Bevölkerung generalisiert wurde und sich in grausamenJudenpogromen entlud.[13] Der Hass auf den „Judenwucher“ übertraf häufig den auf Klerus und Adel.[13] KönigWenzel führte 1385/1390 eine „Juden-Schuldentilgung“ durch, die Städte und Fürsten entlastete. KaiserSigismund legte den Juden die Kosten für dasKonzil von Konstanz und dasKonzil von Basel auf. Auch entstanden erste christliche Banken, weil das Zinsverbot nicht mehr eingehalten wurde. Am Ende mussten viele jüdischeGeldleiher aufgeben und wanderten ab. Als Erwerb blieben nur die kleine Pfandleihe und der Trödelhandel. Eine Auswanderung konnten sich meist jedoch nur die vermögenderen Juden leisten, wodurch dem Reich zum einen erhebliche Geldquellen verloren gingen und es zum anderen zu einer Verarmung der verbleibenden Juden kam.[14]

Immer fanden sich neue Anlässe zu neuen Morden und Vertreibungen. Während derHussitenkriege wurden die Juden inÖsterreich, Böhmen, Mähren und Schlesien verfolgt. Aus dem StiftTrier wurden sie 1419 für hundert Jahre, aus Köln 1424 (bis 1798) vertrieben, ausKonstanz 1431, ausWürzburg 1434, aus Speyer 1435, ausMünchen und ganz Oberbayern 1442, aus Mainz 1473, ausNürnberg undUlm 1499 und ausRegensburg 1519 endgültig vertrieben.Johannes Capistranos Predigten lösten inBreslau 1453 eine Verbrennung mit 41 Opfern aus. Auch inErfurt predigte Capistrano, hier kündigte der Rat 1453 den Schutz der Juden auf.
1492 starben bei demSternberger Judenpogrom 27 Juden auf demScheiterhaufen. Noch im gleichen Jahr wurden alle Juden ausMecklenburg vertrieben. Daraufhin verhängten diejüdischen Gemeinden außerhalb Mecklenburgs einenBann über das Land. Dieser verbot es den Juden fortan, sich in Mecklenburg niederzulassen. Erst als Anfang des 18. Jahrhunderts der Bann seine Wirkung verloren hatte, siedelten sich wieder jüdische Familien in Mecklenburg an.[15][16]
Am 19. Juli 1510 wurden in Berlin im Ergebnis desBerliner Hostienschänderprozesses 38 Juden auf einem großen Gerüst verbrannt, zwei weitere Juden – diese waren durchTaufe zum Christentum übergetreten – wurden enthauptet. Ihnen war Hostienfrevel und Kindsmord vorgeworfen worden; den Anlass dafür bot der Einbruch in die Kirche vonKnoblauch und der damit verbundene Diebstahl einer vergoldetenMonstranz und zweier geweihterHostien. 60 weitere Juden mussten, nachdem sieUrfehde geleistet hatten, im Laufe des Jahres dieMark Brandenburg verlassen.[17]
Bis 1520 waren Juden weitgehend aus den großen Städten vertrieben worden. Allerdings bot das territorial zersplitterte Reich oft Zuflucht beim nächsten Kleinfürsten, und bald setzte eine Rückwanderung ein. Juden überlebten teilweise auch in Wäldern als Vagabunden und Bettler. InFrankfurt am Main und Worms wurden Ghettos eingerichtet. Die Predigt der Bettelmönche verbreitete antijüdische Vorstellungen, z. B. vom angeblichen Ritualmord am KnabenSimon von Trient. Der Holz- und Buchdruck verbreitete das Bild vom Schwein als Mutter der Juden („Judensau“). Nach dem Untergang derRegensburger Gemeinde 1519 blieb vielen nur noch das Wanderjudentum oder der befristete Aufenthalt in einer Stadt. Neue jüdische Zentren entstanden inPolen undOsteuropa.

Unter den Humanisten war alleinJohannes Reuchlin ein Verteidiger der Juden, als er im Streit mitJohannes Pfefferkorn die geforderte Verbrennung desTalmuds ablehnte. Er bezog dasHebräische in die humanistischen Studien ein.Josel von Rosheim erreichte bei KaiserKarl V. neue Schutzbriefe für die Juden und verteidigte sie auf demAugsburger Reichstag 1530 gegen erfundene Angriffe des übergetretenenAntonius Margaritha.
Auf demReichstag 1544 inSpeyer beklagten sich die Juden des Reiches bei Kaiser Karl V., sie würden misshandelt und ihnen zugestandene Rechte verwehrt.[18] Auslöser für die zunehmende Missachtung der Rechte der Juden waren u. a. judenfeindliche SchriftenMartin Luthers von 1543.
Kaiser Karl erneuerte daher den Schutz der Juden und bestätigte ihre Privilegien. Niemand sollte fortan das Recht haben, ihre Schulen und Synagogen zu schließen, sie daraus zu vertreiben oder sie an ihrem Gebrauch zu hindern. Wer Juden im Widerspruch zum verkündeten kaiserlichenLandfrieden an Leben oder an Hab und Gut schädigte oder sie beraubte, sollte von jeder Obrigkeit bestraft werden. Jeder Jude sollte das Recht haben, seinen Geschäften im Reich nachzugehen, und jede Obrigkeit sollte ihm Geleit gewähren und ihn nicht mehr als bisher mit Zoll oderMaut belasten. Die Juden waren nicht verpflichtet, außerhalb ihrer Wohnorte „judische zeichen“ zu tragen, und kein Jude sollte ohne ausdrückliche Zustimmung des Kaisers von seinem Wohnort vertrieben werden. Da Juden höher besteuert wurden, sie aber weder liegende Güter noch „statliche handtierung, ampter oder handtwerkh“ hatten und die Abgaben nur von dem, „so sy von ieren parrschafften zuwegen bringen“, bestreiten konnten, wurde ihnen gestattet, dass sie „iere paarschafften und zinß … umb sovill desto höcher und etwaß weitters und mehrers, dann den cristen zuegelassen ist, anlegen“. Ohne hinreichende Beweise und Zeugen war jedem untersagt, die Juden des Gebrauchs von Christenblut zu beschuldigen oder sie deswegen gefangen zu nehmen, zu foltern oder hinzurichten, denn diese Verdächtigung wurde bereits durch die Päpste verworfen und durch eine DeklarationKaiser Friedrichs untersagt. Wo solche Beschuldigungen erhoben wurden, waren sie vor den Kaiser zu bringen. Verstöße gegen dieses Privileg sollten mit 50Mark lötigen Goldes geahndet werden, die halb der kaiserlichenHofkammer, halb der geschädigten Judenschaft zukommen sollten.
Um 1600 lebten in Deutschland etwa 8.000 bis 10.000 Juden, davon gut 3.000 in Frankfurt am Main. In einer neuen Periode jüdischer Zuwanderung siedelten sie sich in Städten und Gebieten an, aus denen sie vorher vertrieben worden waren. Seit dieser Zeit bis zu ihrer Emanzipation waren die Juden inLandesjudenschaften organisiert, Gesamtverbänden aller Juden eines Herrschaftsgebietes, die die jüdischen Angelegenheiten wie etwa Steuerverteilung und Gerichtsbarkeit autonom verwalteten. Der Versuch einer reichsweiten Zusammenarbeit scheiterte im Zuge der so genanntenFrankfurter Rabbinerverschwörung. Eine Besonderheit bildete die Ansiedlung portugiesischer Juden (Sephardim) im handelsbewusstenHamburg etwa ab 1600, während dort die deutschen Juden nachAltona ausweichen mussten. Trotz des judenfeindlichenMartin Luther, der das deutsche Luthertumantijudaistisch prägte, entspannte sich das Verhältnis etwas. In den katholischen geistlichen Territorien und einigen Reichsstädten ging es den Juden relativ am besten. Auf dem Lande war die kleine Geldleihe an Bauern eine Verdienstquelle, die aber immer wieder zu Vorwürfen von „Judenwucher“ führte. In den Städten waren dieZunftbürger oft antisemitisch eingestellt, in Frankfurt am Main kam es 1614 zuAufstand und Plünderung unter Anführerschaft des Lebkuchenbäckers Vincenz Fettmilch gegen das Ghetto. Mitunter konnten Juden wichtige Positionen an fürstlichen Höfen erreichen. Doch die damit verbundene Sicherheit alsHofjude blieb vage, insbesondere dann, wenn ein neuer Herrscher den Thron bestieg. So ließ KurfürstJohann Georg am 28. Januar 1578 den ehemaligen jüdischen Hoffinanzier seines VatersJoachim II., den Hofjuden und MünzmeisterLippold aus Prag, mit der Axt vierteilen. Die Hinrichtung erfolgte aufgrund einer Anklage wegen Hexerei und Zauberei, welche erhoben worden war, weil Johann Georg trotz intensiven Suchens keine Unregelmäßigkeiten finden konnte. Am unteren Ende der sozialen Skala standen umherziehendeRäuberbanden, die teilweise oder gänzlich aus völlig verelendeten Juden bestanden, eigentümliche soziale Strukturen aufwiesen und zur geschützten Verständigung dasRotwelsch benutzten.

Erst mit dem Wiederaufbau nach demDreißigjährigen Krieg wendete sich die Lage der Juden zum Besseren. Seit 1648 waren sie den Landesherren unterstellt, die mitJudenordnungen das Zusammenleben regelten. Vor denPogromen des KosakenführersBohdan Chmelnyzkyj (Chmelnyzkyj-Aufstand) flohen einige Juden nachBrandenburg. Eine gewisse Aufnahmebereitschaft zeigte zunächst das noch halbherzige Edikt desGroßen Kurfürsten von 1671 mit dem Titel „Edikt wegen aufgenommenen 50 Familien Schutz-Juden, jedoch daß sie keine Synagogen halten“. Von 1700 bis 1750 folgten vier Judenordnungen, in denen unter anderem die Höchstzahl von Kindern geregelt wurde, die man „ansetzen“ durfte. Erlaubt waren erst drei, später nur noch eins, die übrigen Söhne mussten auswandern. Zu diesen Judenordnungen gehörten dasGeneral-Reglement von 1730 und dasRevidierte General-Privileg von 1750. 1714 wurde die Synagoge in Berlin in Anwesenheit der Königin eröffnet. Zu Vertreibungen kam es inWien 1670, zu Pogromen unter anderem inBamberg 1699. Im zunehmend judenfreundlichenBerlin lebten um 1700 etwa 1.000 Juden, im ganzen Alten Reich um 25.000 Juden. Um die Mitte des 18. Jahrhunderts waren es bereits 60.000 bis 70.000.[19] Eine herausragende Quelle für das jüdische Leben dieser Epoche ist die erste in jiddischer Sprache verfassteAutobiografie der Hamburger KauffrauGlückel von Hameln. DerHoffaktorSüß Oppenheimer inWürttemberg erlebte einen bisher unbekannten Aufstieg aus dem Ghetto, nach dem Tod seines absolutistischen LandesherrnCarl Alexander einen ebenso jähen Absturz und wurde öffentlich hingerichtet.
Die Frage nach der Integration und Gleichberechtigung der Juden, bisher nur unter wirtschaftlichen Aspekten betrachtet, stellte sich in derAufklärung neu. In Preußen galt unterFriedrich II. begrenzte Toleranz gegenüber denSchutzjuden. Bedeutende Intellektuelle wieMoses Mendelssohn beteiligten sich am geistigen Leben in Deutschland, jüdische Frauen (Rahel Varnhagen) gehörten zum Kern der deutschenRomantik. Für die Juden stellte sich wiederum die Frage derAssimilation an die christliche Umwelt. Der JuristChristian Wilhelm Dohm verfasste 1781 die Schrift „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“, die allerdings bis zur Krise Preußens wenig zurjüdischen Emanzipation bewirkte. Dagegen setzte KaiserJoseph II. mit demToleranzpatent 1782 im Habsburgerreich umfangreiche Erleichterungen in Kraft, die jedoch mit einer antijüdischen Erziehungsabsicht einhergingen.
Noch im 18., teilweise sogar im 19. Jahrhundert trugen die Juden im Deutschen Reichjüdische Namen. Gewöhnlich trugen sie als Nachnamen den Namen des Vaters; einePatronymie, wie sie bis in die Neuzeit noch bei manchen slawischen Völkern üblich war und in Island und verschiedenen arabischen Ländern noch ist. Aufgrund der häufigen Kombination aus zwei jüdischen Vornamen waren sie sofort als Juden zu erkennen.
Im 18. Jahrhundert veranlassten in den verschiedenen deutschen Territorien nach und nach Edikte der Landesfürsten die selbstgewählte Annahme von festen Familiennamen.
Im 18. Jahrhundert lag derVieh- undPferdehandel sowie der Geldverleih – beispielsweise für den Kauf von Saatgut – in ländlichen Regionen überwiegend in den Händen von Jüdinnen und Juden.[20] Für den Handel brauchten Jüdinnen undJuden keinenZunftnachweis. Sie hatten viele Handelsbeziehungen und oft genügend Geld, um ihn zu betreiben.[21] Sie unterlagen aber oft zusätzlichen Zöllen.[22]


DieFranzösische Revolution vollzog 1791 die Emanzipation der Juden in Frankreich, undNapoleon I. trug dieses Prinzip mit demCode civil in die besetzten und abhängigen Staaten hinein (z. B. in dasKönigreich Westphalen und imLinken Rheinufer). In denRheinbundstaaten wurden Juden zuerst gleichgestellt, wenn auch unter einigen Einschränkungen. Doch 1808 erließ Napoleon das so genannte „schändliche Dekret“, das ihre Freizügigkeit aufhob und die Gewerbetätigkeit nur mit einem speziellen Patent zuließ.
InPreußen stellte sich nach der völligen Niederlage in derSchlacht bei Jena und Auerstedt 1806 die Frage nach staatlichen Reformen. Mit demPreußischen Judenedikt von 1812 wurden die in Preußen lebenden Juden Inländer und preußische Staatsbürger. Einige wurden Offiziere in der preußischen Armee.[23] Das Edikt enthielt aber empfindliche Einschränkungen und war z. B. in der 1815 hinzugekommenenProvinz Posen, wo die meisten Juden wohnten, nicht gültig, so dass keingleiches und einheitliches Recht entstand. Viele Sonderregelungen machten die Gleichstellung nach 1815 in derRestauration wieder zunichte. Das galt auch für das hinzugewonneneSchwedisch-Pommern mitStralsund, wo später die ersten Kaufhäuser der FamilienWertheim undTietz standen. KönigFriedrich Wilhelm III. verharrte imKonservativismus. Die romantische Lehre vom „christlichen Staat“, derFriedrich Wilhelm IV. anhing, stellte den neuen Status wieder infrage und ließ Juden in Führungspositionen nicht zu. Auch Universitätsprofessuren waren jüdischen Gelehrten wieEduard Gans nicht zugänglich. Die als Juden geborenen SchriftstellerHeinrich Heine undLudwig Börne emigrierten nach Frankreich. Erst 1847 wurde ein einheitlicheresJudengesetz geschaffen.
Auf demWiener Kongress wurde im Artikel 16 derBundesakte den Juden eine Verbesserung in Aussicht gestellt und der Status quo für von den Bundesstaaten erlassene Gesetze bestätigt. Dies bezog sich nicht auf die französischen Besatzungsregelungen, wofür besonders die Hansestädte sich eingesetzt hatten. Die Rechtslage musste neu geregelt werden und wurde sehr unübersichtlich. Der Lübecker AnwaltCarl August Buchholz vertrat etliche deutsche jüdische Gemeinden in dieser Sache sowohl in Wien wie auch 1818 beimAachener Kongress.
Einen großen Rückschritt der Judenemanzipation bedeuteten die antijüdischenHep-Hep-Krawalle, bei denen sich von August bis Oktober 1819 die größten Gewaltexzessen gegen Juden seit dem Mittelalterin etwa 80 Städten und Ortschaften innerhalb desDeutschen Bundes und über seine Grenzen hinaus ereigneten.Würzburg, wo die Krawalle am 2. August 1819 ihren Anfang nahmen,Frankfurt am Main undHamburg befanden sich durch die gewaltsamen Ausschreitungen über mehrere Tage im Ausnahmezustand, bei denen auf Seiten der Juden zwar keine Toten gab (allerdings wurden in Würzburg ein Angreifer und ein Soldat getötet), aber viele Personen verletzt und jüdische Wohn- und Geschäftshäuser zerstört wurden. In vielen Teilstaaten des Deutschen Bundes wurde nach den Krawallen der Prozess der Judenemanzipation gestoppt oder sogar rückgängig gemacht.
Eine wichtige SchriftÜber die Stellung der Bekenner des mosaischen Glaubens in Deutschland steuerte 1831 der jüdische JuristGabriel Riesser zur Judenemanzipation bei, in der er auf eine Debatte in Baden einging. Es ging um das volle Bürgerrecht ohne christliche Taufe als Zugang zur deutschen Nation, den er als Jude für sich beanspruchte.

Anfang des 19. Jahrhunderts regten sich die ersten Bestrebungen des sogenanntenReformjudentums, die derSynagoge das Gepräge ihrer christlichen und deutschen Umwelt geben sollte. Die neue Stellung der Juden als Staatsbürger förderte ihren Wunsch, der christlichen Umwelt etwas weniger fremd zu erscheinen. In dem Maße, wie Juden nähere Bekanntschaft mit der christlich-religiösen Praxis machten, sahen viele in ihr ein Vorbild für alle Religionen im modernen religiösen Rahmen. Eine Reform wurde aber auch angestrebt, weil religiöses Empfinden sich teilweise geändert hatte und alte religiöse Bräuche in den Augen mancher bedeutungsleer geworden waren. Zu den ersten Reformern gehörenDavid Friedländer, der gleich nach dem preußischen Emanzipationsedikt von 1812 Reformvorschläge machte,Israel Jacobson undAbraham Geiger, nach dem dasAbraham-Geiger-Kolleg in Potsdam benannt ist.[24]
Anfänglich umstrittene Änderungen im Gottesdienst betrafen:
In derRevolution 1848 gehörten einige Juden zu den „Märzgefallenen“. Bei den bäuerlichen Unruhen kam es auch zu antijüdischen Exzessen in ungefähr 80 Orten in Süddeutschland und Posen. Doch die baldige jüdische Emanzipation schien gewährleistet, da in den neuen Parlamenten viele namhafte Juden mitarbeiteten, z. B.Johann Jacoby, oder die zum Christentum übergetretenenJohann Gustav Heckscher undEduard von Simson.
In derFrankfurter Paulskirche kam es am 28. August 1848 zu einer Debatte über die Grundrechte und ihre Geltung für Juden, dieMoritz Mohl aus Württemberg wegen ihrer „Fremdstämmigkeit“ bezweifelt hatte. Der bekannteLauenburger AbgeordneteGabriel Riesser wies dies mit Erfolg zurück.
In die Unruhen der Revolution mischten sich weitere antijüdische Exzesse außerhalb Deutschlands, so inPrag,Preßburg undBudapest. Trotz der Niederschlagung der Revolution blieben danach in einigen Staaten Verbesserungen für Juden bestehen.

„Jüdische Soldaten dienten seit den Anfängen der bürgerlichen Gleichstellung in den Armeen der deutschen Teilstaaten und der Armee desKaiserreiches, sie kämpften im FeldzugPreußens und Österreichs gegen Dänemark im Jahre 1864, imPreußisch-Österreichischen Krieg von 1866 und imDeutsch-Französischen Krieg 1870/71. Sie zeichneten sich aus, wurden befördert und ließen ihr Leben auf dem Schlachtfeld.“[26]
Durch Gebietsvergrößerungen wuchs die Zahl der badischen Juden von 2.265 im Jahr 1802 bis 1808 auf 14.200.Karlsruhe undMannheim entwickelten sich seit dem 18. Jahrhundert zu jüdischen Zentren. Im liberalen GroßherzogtumBaden verbesserte das erzieherisch verstandeneKonstitutionsedikt vom 13. Januar 1809 die staatsbürgerliche Stellung der Juden erheblich, beseitigte aber auch die bisherige traditionelle jüdische Gemeindeverfassung. Gleichzeitig wurde derOberrat der Israeliten Badens als Landesverband der jüdischen Bewohner geschaffen. Die staatlicheSchulpflicht betraf auch die jüdischen Kinder, ebenso dieWehrpflicht, erbliche Familiennamen wurden vorgeschrieben. 1815 folgte die Aufhebung der Schutzgelder. Die Verfassung von 1818 machte wieder erhebliche Einschränkungen im Staatsdienst undpassiven Wahlrecht. Zu den antisemitischen Gegnern gehörte der Heidelberger bzw. Jenaer PhilosophJakob Friedrich Fries, dessen Hetzschrift von 1816 die Regierung konfiszieren ließ. DieHep-Hep-Krawalle 1819 erfassten Nordbaden und mussten mit Militäreinsatz beruhigt werden. Trotz vieler Einzelerfolge blieben vor allem die Landjuden, die sich selbst einer Assimilation widersetzten, angefeindet. Als Voraussetzung weiterer Fortschritte forderte die liberale Mehrheit der Volksvertretung, entsprechend der Denkschrift des Heidelberger TheologenHeinrich Eberhard Gottlob Paulus von 1831, eine radikale Kultreform, die u. a. die Verlegung des Sabbats auf den Sonntag, die Aufhebung derSpeisegesetze, den Verzicht auf dieBeschneidung und die Revision des Talmud einschließen sollte. 1848 traten erneut antisemitische Übergriffe besonders imKraichgau undOdenwald auf. Die staatsbürgerliche Emanzipation gelang nach langer Diskussion erst 1849, die fast völlige formalrechtliche Gleichstellung (Beseitigung von Ausnahmen im Armenrecht und der Allmende-Nutzung) als Gemeindebürger 1862 mit einer 10-jährigen Übergangsfrist. Durch die rechtliche Gleichstellung sind allerdings die Vorurteile gegen die Juden nicht verschwunden. Manche behaupteten, dass das Gesetz über die Judenemanzipation durch das jüdische Kapital erkauft sei, auch dafür, dass im wirtschaftlichen Aufschwung nach 1860 die Bauern, kleinen Handwerker und Händler relativ ärmer wurden, machte man die Juden verantwortlich.[27]
Moritz Ellstätter, der 1868 zum Finanzminister ernannt wurde, war als erster Jude und einziger bis 1918 Mitglied einer deutschen Landesregierung.[28]

1816 trat inBayern das drei Jahre zuvor erlasseneJudenedikt in Kraft. Die Juden wurden damit den Christen rechtlich weitgehend gleichgestellt. Das Edikt, ein Meilenstein in der Geschichte derAssimilation der bayerischen Juden, verfügte die Aufhebung der jüdischen Gerichtsbarkeit, erlaubte Juden, Grundbesitz zu erwerben, und öffnete ihnen den Zugang zu allen Universitäten des Landes. In einem „Matrikelparagrafen“ regelte das Edikt jedoch auch die Erfassung wohnberechtigter Juden mit einemSchutzbrief (Matrikel) in Listen. Da für jeden Ort eine Höchstzahl jüdischer Familien festgelegt wurde, die möglichst noch gesenkt werden sollte, beeinträchtigte die Regelung nicht nur dieFreizügigkeit der Juden, sondern auch die Möglichkeiten der Juden, eine Familie zu gründen.
| Jahr | Juden in Bayern |
|---|---|
| 1813 | ca. 30.000 |
| 1840 | >4.100 |
| 1867 | >9.200 |
| 1900 | >23.700 |
Ein vehementer Antisemitismus entlud sich 1819 in denHep-Hep-Krawallen in Würzburg und anderen bayerischen Gebieten.
Mit dem Heranwachsen der nächsten Generation wurde das Problem der Höchstzahl Mitte der 1830er Jahre so drängend, dass die jungen Leute Bayern in großen Zahlen verließen; Tausende wanderten in dieVereinigten Staaten aus. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden die Lebensbedingungen der Juden in Bayern jedoch schrittweise besser: 1848 erhielten sie das aktive und passiveWahlrecht, 1849 wurde mitDavid Morgenstern erstmals ein jüdischer Abgeordneter in den bayerischen Landtag gewählt. 1850 durften Juden sich erstmals wieder inNürnberg, woraus sie 1499 vertrieben worden waren, ansiedeln. 1861 schließlich wurde der Matrikel-Paragraf aufgehoben.
Nachdem der jüdische Siedlungskern zu Beginn des 19. Jahrhunderts imFürther Raum gelegen hatte, zogen im Zuge der Emanzipation und der Urbanisierung bis zum Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr Juden in die GroßstadtMünchen. Die vollständige rechtliche Gleichstellung der Juden in Bayern folgte mit derVerfassung des 1871 gegründetenDeutschen Reiches.[30]
NachdemLübeck von 1811 bis 1813 zum napoleonischen Frankreich gehört hatte, galt hier wie in den anderen Hansestädten die Emanzipation der Juden. Nach dem Wiener Kongress wurden die dort ansässig gewordenen Juden aus der Stadt Lübeck wieder vertrieben, und es bestand ein Ansiedlungsverbot bis 1848. Gleiches gilt fürBremen bis zur Verfassung von 1849. Über die Wahlrechtsreform von 1848, eine Verfassungsrevision und Modernisierung des Staates, wurden alle Juden ausMoisling und Lübeck dauerhaft emanzipiert.[31] InHamburg, wo mit etwa 3000 Juden lange die größte deutsche Gemeinde bestand, führten die neuen Verfassungen von 1849 und endgültig von 1860 die strikteTrennung von Staat und Kirche ein und stellten damit die Juden gleich.[32] Durch die Überseeauswanderung über die Häfen Bremen und Hamburg strömten dorthin neue Mitglieder.

ImKönigreich Hannover, das großenteils zum progressivenKönigreich Westphalen gehört hatte, wurde zunächst das alte Recht derSchutzjuden wiederhergestellt. Erst 1842 erhielten Juden das Bürgerrecht („Gesetz über die Verhältnisse der Juden“).[33]Moritz Stern wurde 1859 zum erstenOrdinarius an einer deutschen Universität ernannt, in Göttingen zum Mathematikprofessor.
Bemerkenswert war die Teilnahme von 26 Juden an denBefreiungskriegen, unter ihnen Löser Cohn[34] ausGüstrow, der seine Memoiren veröffentlichte. Von 1813 bis 1817 galt inMecklenburg-Schwerin die „Landesherrliche Constitution“, die in 19 Paragrafen de facto die Juden rechtlich gleichstellte. Auf Druck der konservativenLandstände hobGroßherzog Friedrich Franz I. sie wieder auf und stellte so die Zustände nach demLandesgrundgesetzlichen Erbvergleich von 1755 wieder her. Dennoch entwickelten sich jüdische Zentren inSchwerin, Güstrow,Parchim undNeustrelitz/Strelitz. Für Handwerker und Schulen traten später auch Verbesserungen in Kraft, jüdische Rechtsanwälte wurden zugelassen. 1839 regelte ein Statut die Gemeindeverfassung, 1840 wurde einLandesrabbiner gewählt. Nur kurzzeitig führte die Revolution 1848 die Gleichstellung ein – bis zur Aufhebung der revolutionären Verfassung 1850.
Erst 1868 wurde sowohl in Mecklenburg–Schwerin als auch inMecklenburg-Strelitz auf Druck desNorddeutschen Bundes die Gleichstellung der Juden ohne Ausnahme durchgeführt. DieFreizügigkeit aller Bürger erstreckte sich nun auch auf die alten HansestädteWismar undRostock. Der linksliberale AbgeordneteMoritz Wiggers brachte 1869 im Norddeutschen Bund gegen den Widerstand beider Mecklenburger Regierungen dasBundesgesetz über die Gleichberechtigung der Konfessionen auf den Weg, das die Rechtsgleichheit definitiv garantierte. Dennoch sank die Zahl der Juden infolge Abwanderung in Industriezentren von 1848 mit 3248 „Israeliten“ bis 1905 auf 1482. Erst durch Zuwanderung aus den durch denVersailler Vertrag an Polen abgetretenen und darüber hinaus annektierten Gebieten stieg sie um 1919 kurzzeitig wieder an.[35]
ImKönigreich Sachsen blieb die rechtliche Situation der Juden fast ebenso lange ungeklärt wie in Hannover. Bereits um 1800 war der Anteil jüdischer Kaufleute hoch unter den Besuchern derLeipziger Messe, vor allem aus Polen. 1814 wurde derisraelitische Friedhof imJohannistal beiLeipzig genehmigt, 1834 entstand die „Israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig“ mit der Wahl eines provisorischen Religionsvorstandes. Erst 1838 erlaubte ein Gesetz, dass Juden sich in den StädtenLeipzig undDresden niederließen. Der Grundstückserwerb wurde teilweise erlaubt und so ein Synagogenbau möglich. 1843 wurde der als Christ erzogeneFelix Mendelssohn Bartholdy Ehrenbürger Leipzigs. Selbst dort blieben ihre Bürgerrechte eingeschränkt; außerhalb dieser beiden Städte wurden Juden nicht geduldet. 1855 wurde die LeipzigerGroße Gemeindesynagoge („Tempel“) eingeweiht. 1874 zogMoritz Kohner als erster jüdischer Abgeordneter in den Stadtrat von Leipzig ein.
1871 lebten in Sachsen 3357 Juden (insgesamt 2,5 Mio. Einwohner).[36][37]
InWürttemberg, wo von 1498 bis 1805 keine Juden dauerhaft wohnen und arbeiten durften, wurde 1828 dasGesetz in Betreff der öffentlichen Verhältnisse der israelitischen Glaubensgenossen erlassen, das vor allem durch seine erzieherische Absicht, den Juden den „Schacherhandel“ zu erschweren, gekennzeichnet war. Es stellte auch das religiöse Leben unter staatliche Aufsicht. InLudwigsburg und inStuttgart entstanden daraufhin jüdische Gemeinden, die mit den großen jüdischen Zentren der Zeit – wieBreslau,Hamburg oderBerlin – jedoch nicht vergleichbar waren.Karoline Kaulla, Stammmutter der UnternehmerfamilieKaulla, gründete 1802 dieWürttembergische Hofbank. DieJudenemanzipation derRevolution 1848 wurde wieder rückgängig gemacht, doch 1861 fanden ihre bürgerlichen Rechte endlich Anerkennung. Die bürgerliche Gleichstellung der Juden auf lokaler Ebene wurde in Württemberg erst 1864 gesetzlich verankert.[38]

Mit dem im Juli 1869 von Bismarck unterzeichneten „Gesetz betreffend die Gleichberechtigung der Konfessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung“ erwirkte der JuristMoritz Wiggers imNorddeutschen Bund die Gleichstellung der Juden – es bildete die Grundlage derReichsverfassung von 1871: Sie machte alle deutschen Juden zu gleichberechtigten Bürgern. Dennoch war der gesellschaftliche Antisemitismus nicht überwunden, der besonders in Wirtschaftskrisen zurückkehrte.
Einige Juden rückten in hohe Positionen auf: Bekannt ist der jüdischeBankier Bismarcks,Gerson von Bleichröder. DerReederAlbert Ballin gehörte zum engen Kreis umWilhelm II., der auch nach 1918 antisemitische Vorwürfe äußerte. Es gab jüdische Gelehrte an Universitäten, wenn auch nur in geringer Zahl als ordentliche Professoren. Der HistorikerHeinrich von Treitschke löste 1879 mit dem Ausruf „Die Juden sind unser Unglück“ denBerliner Antisemitismusstreit aus. Die freien Berufe wurden ein Tätigkeitsfeld für akademisch gebildete Juden, während Armee und Justizämter verwehrt blieben. Daneben entwickelte sich ein Mittelstand von kleinen Geschäftsinhabern und Industriellen. Ingroß- undkleinbürgerlichen Kreisen nahm im 19. Jahrhundert in zahlreichen Seebädern – auch außerhalb Deutschlands – der so genannteBäder-Antisemitismus zu. In manchen Badeorten an Nord- und Ostsee (Borkum oderZinnowitz) waren Juden als Gäste unerwünscht.
Ab dem 25. März 1873 hielten antisemitische Ausschreitungen, der „Stuttgarter Massenkrawall“ bzw. dasStuttgarterPogrom von 1873 die Hauptstadt desKönigreichs Württemberg drei Tage lang in Atem; es war der erste und einer der schwersten antijüdischen Pogrome im Deutschen Kaiserreich, und er war vom gleichen Jagd- und Hetzgeschrei wie bereits dieHep-Hep-Krawalle imDeutschen Bund 1819 begleitet.[39][40][41]

Aus den preußischen Ostprovinzen und Osteuropa wanderten viele Juden als Arbeitskräfte in die dynamischen Industriezentren (z. B. Berlin, Stettin) ein. Die Zahl der jüdischen Almosenempfänger nahm stark ab.
Die jüdischen Gemeinden blühten auf, viele Synagogen wurden gebaut. Unter den jüdischen Verbänden traten einander widerstrebende Richtungen auf, die einerseits für Zuwendung zur modernen Gesellschaft und starke Assimilation eintraten, andererseits die Traditionen des Glaubens zu konservieren suchten. Eine Dachorganisation war derCentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens ab 1893, der die Assimilation an die deutsche Gesellschaft vertrat. Daneben kam derZionismus nachTheodor Herzl auf, vertreten durch dieZionistische Vereinigung für Deutschland.
Die deutsche Gesellschaft reagierte zunächst nur in geringem Maß, als erste antisemitische Parteien gegründet wurden. Der Berliner HofpredigerAdolf Stoecker betrieb seit 1878 aus christlichem Antijudaismus dieChristlich-soziale Partei.

Daneben kam mit demSozialdarwinismus eine neue rassistische Begründung des Antisemitismus (zuerst:Gobineau) auf, die von deutschen Rassisten wie dem PhilosophenEugen Dühring 1881 aufgegriffen wurde. Im „Tivoli-Programm“ (Forderung: „christliche Obrigkeit und christliche Lehrer“) derDeutschkonservativen Partei ist 1892 erstmals eine der großen Parteien auf diese Linie eingeschwenkt. Dahinter steckten traditionell christliche Vorbehalte, aber auch bürgerliche Ängste vor Konkurrenz und Fremden.
ImErsten Weltkrieg dienten rund 100.000 Juden im deutschen Heer, davon wurden ca. 1.500 mit demEisernen Kreuz erster Klasse ausgezeichnet, etwa 12.000 fielen.[42] Zu Beginn des Krieges hat das deutsche Heer nur einen aktiven Offizier jüdischer Abstammung, im Oktober 1914 dienen aber bereits 150 jüdische Offiziere in den verschiedenen Truppengattungen.[43] Aufgrund der gesellschaftlichen Diskriminierung rückten allerdings nur wenige deutsch-jüdische Soldaten zum Reserveoffizier auf. Im Laufe des Krieges waren in den deutschen Streitkräften auch 45 jüdischeFeldgeistliche im Einsatz (Feldrabbiner und Feldhilfsrabbiner), neben der eigentlichen religiösen Seelsorge nahmen sie auch die Aufgabe der Verteilung von religiöser Lektüre und „Liebesgaben“ aus der Heimat sowie die Durchführung von Unterhaltungsabenden und Vorträgen und den Dienst in Lazaretten wahr.[44]
Die antijüdischen Vorbehalte verstärkten sich zur Mitte des Krieges wieder, was in der Gründung der antisemitischenDeutschen Vaterlandspartei zum Ausdruck kam. 1916 belegte eine „Judenzählung“ im Heer, obwohl unvollständig und lückenhaft, den Kriegsbeitrag der deutschen Juden. Ihre Ergebnisse wurden nicht publiziert. Hinter der Aktion hatte unverkennbar die Absicht gestanden, Juden als „Drückeberger“ zu entlarven. Nach dem Weltkrieg bildete sich ein „Reichsbund jüdischer Frontsoldaten“ mit über 50.000 Mitgliedern.
Entscheidend wurde die Diffamierung der Juden als Träger der Revolution von 1918/1919, die den deutschen Sieg hintertrieben hätten („Dolchstoßlegende“). Ebenso wurde ihnen häufig dieRussische Revolution (1917) zugeschrieben. Die Antisemiten identifizierten die linken Parteien („Novemberverbrecher“) mit einer „jüdischen Verschwörung“ gegen dieMittelmächte. Die erste deutsche Demokratie wurde pauschal als „Judenrepublik“ abgetan, obwohl von ihren etwa 200 Reichsministern ganze fünf jüdisch waren.

Inrechtsextremen Kreisen bis zurDNVP wurde Antisemitismus gesellschaftsfähig. Das vielfach gebilligte Attentat aufWalther Rathenau (1922) erhielt Unterstützung mehrerer Terrororganisationen aus dem Untergrund, wie derOrganisation Consul und demDeutschvölkischen Schutz- und Trutzbund. Das Verbot dieses Schutz- und Trutzbundes führte zur Stärkung derDeutsch-völkischen Freiheitspartei, die mit derNSDAP zusammen bei derReichstagswahl Mai 1924 6,6 Prozent der Stimmen errang.
Dennoch brachte die Weimarer Republik eine Reihe von Verbesserungen für die Juden. Alle Karrieren und Schulen standen nun im Prinzip offen, die mittelständische Sozialstruktur blieb gleich. Die Gemeinden wurden Körperschaften öffentlichen Rechtes. Berlin wurde zum Zentrum, wo ein Drittel der Juden wohnte. Insgesamt sank ihre Zahl trotz Zuwanderung vonOstjuden ins Reich aber von 615.000 (1910) über 560.000 (1925) auf ca. 500.000 (1933).[45] Das lag zum einen an den Gebietsabtretungen, zum anderen an einem Geburtenrückgang, verursacht durch zunehmende Überalterung und Verstädterung jüdischer Familien wie auch an Übertritten zum Christentum. In gemischtkonfessionellen Ehen wurden die Kinder oft nicht als Juden erzogen.
Es gab bekannte Privatbankiers wie dieFamilie Warburg. Auch in Wissenschaft, Kunst und Literatur leisteten Juden häufig Bedeutendes. Deren politische Orientierung richtete sich auf dieDDP und zum Teil auf dieSPD, die beide auch jüdische Abgeordnete aufstellten.Hugo Preuß (DDP) entwarf die Weimarer Reichsverfassung von 1919. Bekannte Intellektuelle, die sich mit dem Judentum positiv identifizierten und gedanklich auseinandersetzten, waren, unter anderem,Martin Buber,Franz Rosenzweig,Leo Baeck undGershom Scholem.


Mit derMachtergreifung derNationalsozialisten – eingeleitet durch die ErnennungAdolf Hitlers zumReichskanzler am 30. Januar 1933 – begann die systematischeJudenverfolgung imDeutschen Reich. Die Juden – wer imDeutschen Reich ab 1935 als „Jude“ galt, definierte dieErste Verordnung zum Reichsbürgergesetz – waren Antisemitismus und Antijudaismus in immer bedrohlicherer Form ausgesetzt. Ziel war die Vertreibung und Vernichtung der deutschen Juden, gestützt auf dasGewaltmonopol des Staates. In derZeit des Nationalsozialismus wurden etwa 2000 antijüdischeGesetze undVerordnungen erlassen.[46] Begründet wurden zunehmendeDiskriminierung und systematisch praktizierterTerror gegen die jüdische Bevölkerung vor allem mitVerschwörungstheorien über dasWeltjudentum wie zum Beispiel in den gefälschtenProtokollen der Weisen von Zion. Durch dieRassenlehre wurde die These von der Überlegenheit derarischen Rasse verbreitet.
Entrechtung und Ausgrenzung – Anfang April 1933 führte das NS-Regime denJudenboykott durch. Schon einige Tage später verloren viele Juden durch dasBerufsbeamtengesetz ihre Stelle, allerdings bot dasFrontkämpferprivileg in einigen Fällen noch einen gewissen Schutz. Ab September 1935 wurden deutsche Juden durch dieNürnberger Gesetze mit dem Blutschutzgesetz weiter ausgegrenzt und mit demReichsbürgergesetz ihrer Bürgerrechte beraubt. Um als jüdisch erkannt zu werden, mussten auf Basis derNamensänderungsverordnung vom 17. August 1938 alle weiblichen Personen, die nicht bereits einen erkennbar jüdischen Vornamen trugen, den ZusatzvornamenSara annehmen und angeben. Männer mussten entsprechend den ZusatzvornamenIsrael annehmen und angeben.
Enteignung, Verfolgung und Vertreibung – Im November 1938 wurden in derReichspogromnacht Synagogen und jüdische Geschäfte zerstört und die Juden durcheinschlägige Verordnungen aus dem Wirtschaftsleben ausgeschaltet. Zahlreiche Juden sahen sich deshalb gezwungen,aus Deutschland zu fliehen.
Im Jahr 1933 hatten etwa 500.000 Juden in Deutschland gelebt – ca. 0,77 % der Wohnbevölkerung.[47] Nach der Machtergreifung begaben sich viele von ihnen insExil. Nach Angaben derBundeszentrale für politische Bildung emigrierten 37.000 Juden im Jahr 1933 aus Deutschland, dann 23.000 (1934), 21.000 (1935), 25.000 (1936), 23.000 (1937), 40.000 (1938) und 78.000 (1939).[47] Bis zum endgültigen Ausreiseverbot am 23. Oktober 1941 verließen weitere 23.000 das Land, bis Kriegsende konnten danach noch 8.500 Juden aus Deutschland fliehen.[48] Anlässlich derKonferenz von Évian im Juli 1938 bekräftigten viele Länder ihre ablehnende Haltung gegenüber der Aufnahme flüchtender Juden aus Deutschland, die durch Repressalien wie dieReichsfluchtsteuer und andere Verordnungen, die u. a. darauf zielten, Juden völlig verarmt ins Ausland zu schicken, verstärkt wurde.[49][50] So fiel mit der11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. November 1941 das Vermögen aller im Ausland lebenden Juden an den Staat.[51] Auch manche „jüdische Mischlinge“ versuchten auszureisen. Jüdische Flüchtlinge, die versuchten, dem Holocaust zu entfliehen, hatten mit strengen Grenzkontrollen zu kämpfen. Nach Verhandlungen mit der Schweiz wurde 1938 der sogenannteJudenstempel eingeführt. Diese Markierung jüdischer Pässe vereinfachte die Abweisung von Flüchtlingen an der Grenze, was in vielen Fällen einem Todesurteil gleichkam. Der J-Stempel war auch für Flüchtlinge nach Schweden ein besonderes Hindernis.[52]
Deportation und Ermordung – Mit dem deutschenÜberfall auf Polen begann im September 1939 derZweite Weltkrieg, der in Polen sofort zu zahlreichen antijüdischen Massakern durchEinsatzgruppen führte. Bald wurden alle auffindbaren Juden zur „Endlösung der Judenfrage“ erst innationalsozialistische Ghettos in Osteuropa, später inKonzentrationslagerdeportiert und systematisch, auf industrielle Weise inVernichtungslagern umgebracht. Viele mussten zuvorZwangsarbeit verrichten. ImHolocaust wurden Juden nicht nur imGroßdeutschen Reich, sondern auch in allenvon Deutschland besetzten Ländern umgebracht (siehe hierzu:Gesamtzahlen jüdischer Opfer).
Erst durch den Sieg derAlliierten und diebedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht im Mai 1945 konnten der Holocaust gestoppt und die Überlebenden in den Arbeits- und Vernichtungslagern befreit werden.Raul Hilberg beschrieb 1955 erstmals als Geschichtswissenschaftler derZeitgeschichte anhand der Akten, wie der gesamte Vernichtungsprozess in dieser Zeit ablief.[53]
| Jahr | Mitglieder zum 31.12. | Zugänge aus ehem. SU-Staaten[55] |
|---|---|---|
| 1955 | 15.920 | k. A. |
| 1960 | 21.755 | k. A. |
| 1965 | 25.132 | k. A. |
| 1970 | 26.354 | k. A. |
| 1975 | 27.933 | k. A. |
| 1980 | 28.173 | k. A. |
| 1985 | 27.561 | k. A. |
Wegmarken jüdischen Lebens in derBundesrepublik Deutschland waren:[56]
Für dieDDR sind folgende Ereignisse und Charakteristika wichtig:[58]
Noch während des Zweiten Weltkriegs beschlossen die Siegermächte, Juden, die den Holocaust überleben würden, nach Deutschland verschleppt worden waren oder vor osteuropäischen Pogromen nach Kriegsende dorthin flohen, wie alle anderenDisplaced Persons („entwurzelte Personen“) nach einer Übergangszeit in ihre Herkunftsländer zurückzubringen, mit Ausnahme überlebender aus Deutschland stammender Juden. Diese sollten von anderen Ländern aufgenommen werden, da man nach dem Holocaust nicht mit einer Erneuerung des deutschen Judentums rechnete.
Etwa 400.000 Juden hatten das Deutsche Reich in der NS-Zeit rechtzeitig verlassen. Ungefähr 15.000 deutsche Juden hatten in Konzentrationslagern, im Untergrund oder als Ehepartner von Nichtjuden überlebt. Nach Kriegsende verbrachten über 200.000 osteuropäische Juden zwei bis drei Jahre in Deutschland. Sie waren ausKonzentrationslagern oder als Zwangsarbeiter befreit worden oder flohen vor neuen Pogromen nach Deutschland. Die zionistische FluchtorganisationBrichah förderte den Massenexodus aus Polen, vorwiegend in die amerikanische Besatzungszone. Zum einen war der Antisemitismus der Nachkriegszeit in Polen (Pogrom von Kielce 1946) und anderen Ländern Osteuropas unerträglich, zum anderen gab es keine Möglichkeit, aus diesen Ländern auszuwandern. Als Displaced Persons waren sie nun zwar „befreit, aber nicht frei“. Die amerikanische Armee und dieUNRRA richteten vor allem in Bayern große Lager ein, in denen diese Menschen hinter Stacheldraht und mit uniformierter Bewachung lebten. Der überwiegende Teil strömte in die amerikanische Besatzungszone, in der britischen waren in der Höchstphase 15.000 jüdische DPs untergebracht, in der französischen nur etwa 1000. Die Auswanderung in das von Großbritannien verwaltete Mandatsgebiet Palästina war nur auf illegalem Weg (Alija Bet) möglich, und die USA blieben ihnen durch eine restriktive Immigrationspolitik zunächst ebenfalls verschlossen. In den ersten Nachkriegsjahren entstand daher eine Vielzahl sozialer und politischer jüdischer Organisationen in Deutschland. Es waren aber kaum noch deutsche Juden unter denen, die nun in Lagern und in wiederbegründeten Gemeinden lebten.
Mit derGründung des StaatesIsrael im Mai 1948 verließen die meisten von ihnen Deutschland. Bis September 1948 war ihre Zahl bereits auf 30.000 geschrumpft, es blieben lediglich 10.000 bis 15.000.[60] Ein Teil von ihnen war zu schwach oder zu krank, um weiterzuwandern, ein Teil hatte in der langen Wartezeit eine berufliche Existenz gründen können oder einen deutschen Ehepartner geheiratet. 1950 wurde das Büro derJewish Agency, die in Deutschland für die Auswanderung von Juden nach Israel zuständig war, geschlossen. 1953 schloss auch das israelische Konsulat in München, das ebenfalls vor allem für die Auswanderung errichtet worden war. Konsul Chaim Yachil ging davon aus, dass die in Deutschland verbliebenen jüdischen Gemeinden sich innerhalb weniger Jahre selbst auflösen würden; ihre Liquidation sei angesichts ihrer kleinen Mitgliederzahl und ihrer Überalterung nicht aufzuhalten.
Die meisten der – zumeist aus Osteuropa gekommenen – Juden, die in Deutschland blieben, erhielten den Status als „Heimatlose Ausländer“, der ihnen zahlreiche Rechte zusicherte, oder erhielten einen deutschenFremdenpass, aber bliebenstaatenlos. So war zwar 1938 zahlreichen aus Polen emigrierten Juden aufgrund desGesetzes über den Entzug der Staatsbürgerschaft die polnische Staatsbürgerschaft entzogen worden,[61] jedoch legten sie auf eine Wiedererlangung in Anbetracht des auch in Polen herrschenden Antisemitismus keinen Wert. Gleichzeitig lehnten sie es aber auch ab, im Nachkriegsdeutschland die deutsche Staatsbürgerschaft im Schatten des Nationalsozialismus anzunehmen. Die meisten betrachteten ihren Aufenthalt nur als Zwischenstopp zurEmigration, vorwiegend in dieUSA und nachKanada. Sie saßen auf „gepackten Koffern“.
Israel betrachtete Deutschland damals als Tabuzone, mit der bis zumLuxemburger Abkommen von 1952 kein Dialog vorgesehen war. Wer im Besitz eines israelischen Passes war, durfte damit nicht nach Deutschland einreisen. Im Pass stand der Vermerk „not valid for travel to or in Germany“ (dt.: „nicht gültig für Reisen nach und in Deutschland“) und die deutschen Behörden waren angewiesen, keine Genehmigungen zur Einreise zu erteilen. Manche Juden umgingen dies, indem sie andere Pässe vorzeigten oder aus anderen europäischen Ländern mit Hilfe vonFluchthelfern über die „grüne Grenze“ nach Deutschland illegal einreisten. Später gaben sie an, ihre Ausweisdokumente in den Kriegswirren verloren zu haben.
Neben den wenigen deutsch-jüdischen Überlebenden hielten sich nach 1945 wesentlich mehr Überlebende aus Osteuropa, vor allem aus Polen, in der amerikanischen Besatzungszone auf. Hier stellten sie auch nach der Abwanderung der meisten DPs um 1950 die große Mehrheit in den jüdischen Gemeinden.[62] Es gab eine kleine Zuwanderung von Juden vor allem aus demOstblock (Polen, Ungarn, Rumänien). Trotzdem lebten in Westdeutschland bis 1989 nicht mehr als 30.000 Juden, obwohl darunter schon zwei neue Generationen waren. Außerdem kamenpersische Juden alsMigranten oderFlüchtlinge aus demIran.

Bereits kurz nach Kriegsende kehrten aus Deutschland stammende Juden aus demExil zurück, vorwiegend aus politischen Gründen. Der PhilosophErnst Bloch (1885–1977) kam 1949 zurück (nach Leipzig, wo er den ihm angebotenen Lehrstuhl für Philosophie übernahm), der KomponistHanns Eisler (1898–1962) kehrte 1948 nach Wien zurück und übersiedelte im Juni 1949 von Zürich nach Ostberlin, der KarikaturistJohn Heartfield (1891–1968) kehrte 1950 zurück (nach Leipzig), die LiteraturhistorikerHans Mayer (1945) undAlfred Kantorowicz (1946), die SchriftstellerinAnna Seghers (1947),Stefan Heym (1945) undArnold Zweig (1948) sowie die beiden späteren Mitglieder des Zentralkomitees der SEDGerhart Eisler undAlbert Norden gingen in dieSowjetische Besatzungszone bzw. die DDR. Die meisten der Genannten traten allerdings keiner jüdischen Gemeinde bei, weil der religiöse und der nationale Aspekt des Judentums mit der Parteilinie derSED schwer vereinbar waren. Viele der Rückkehrer verstanden sich alsantifaschistische Kommunisten und spielten eine wichtige Rolle beim Aufbau der DDR.
Auch in den westlichen Teil Deutschlands kamen prominente Juden zurück, so die PolitikwissenschaftlerErnst Fraenkel (1951) undRichard Löwenthal (1948), die beide Professoren an derFreien Universität Berlin wurden. Die Stadt Frankfurt bewirkte die Rückkehr vonMax Horkheimer (1895–1973) undTheodor Adorno (1903–1969) und ermöglichte die Wiedereröffnung desInstituts für Sozialforschung im Jahre 1950. Weitere prominente Namen sind der SoziologeRené König (1906–1992) und der HistorikerHans-Joachim Schoeps (1909–1980). Manche kamen als alliierte Soldaten in Uniform, zum BeispielArno Hamburger (1923–2013). In den Westen kam eine größere Zahl von Rückkehrern als in den Osten.
Am 23. Mai 1949 trat dasGrundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland in Kraft. MitArt. 116 Abs. 2 versuchte der Verfassungsgesetzgeber das nationalsozialistische Unrecht rückgängig zu machen, das in der Ausbürgerung von Juden, meist gegen ihren Willen, besteht.Der Absatz lautet:
„Frühere deutsche Staatsangehörige, denen zwischen dem 30. Januar 1933 und dem 8. Mai 1945 die Staatsangehörigkeit aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen entzogen worden ist, und ihre Abkömmlinge sind auf Antrag wieder einzubürgern. Sie gelten als nicht ausgebürgert, sofern sie nach dem 8. Mai 1945 ihren Wohnsitz in Deutschland genommen haben und nicht einen entgegengesetzten Willen zum Ausdruck gebracht haben.“[63]
Art. 116 Abs. 2 GG ist auch auf diejenigen Juden anwendbar, die Deutschland nie verlassen, sondern die gesamte Kriegszeit im Untergrund in Deutschland verbracht hatten und die Opfer eines pauschalen Entzugs der deutschen Staatsangehörigkeit geworden waren, sowie auf deren Abkömmlinge. Zum Begriff „deutsche Juden“ äußerteAndreas Nachama, Rabbiner und Leiter der Gedenkstätte „Topographie des Terrors“ im Dezember 2015: „Meine Mutter ist ja Berliner Jüdin, die in den 20er-Jahren in Berlin geboren ist, hier aufgewachsen ist, hier versteckt war, den Holocaust überlebt hat und mich hier groß gezogen hat. Also ich gehöre ja sozusagen – wenn Sie so wollen – zu dieser Gruppe tatsächlich der deutschen Juden. Andere, deren Familien erst nach dem Holocaust als displaced persons vielleicht aus Ungarn, aus Polen, aus Rumänien, hierhergekommen sind, die würden sich sicherlich nicht als deutsche Juden bezeichnen. Da saßen die Eltern sozusagen auf gepackten Koffern und wollten wieder weg aus Deutschland, sind sie dann vielleicht nicht. Bei den deutschen Juden war das schon anders, die sind hier geblieben, weil sie Hitlers Testament nicht erfüllen wollten“[64]. Für Hitler sei der Begriff „deutscher Jude“ ein Widerspruch in sich gewesen.
Das Land der Täter bewusst meidende jüdische Holocaust-Überlebende mit einer zwischen 1933 und 1945 von den Nationalsozialisten gegen ihren Willen entzogenen deutschen Staatsbürgerschaft machten ab 1949 überwiegend keinen Gebrauch von dem Angebot, als deutsche Staatsbürger aus dem Ausland nach Deutschland zurückzukehren. Einige ehemalige „deutsche Juden“ feierten sogar jahrzehntelang den Jahrestag ihrer Ausbürgerung als Ausdruck ihrer anhaltenden Verachtung Deutschlands.[65] Anderen Berichten zufolge betrachteten es ausgebürgerte ehemalige deutsche Staatsangehörige noch in den 2020er Jahren mit Genugtuung, wenn sie sogar noch in hohem Alter das Angebot erhielten, wieder deutsche Staatsangehörige werden zu können.[66]
Eine relativ kleine Anzahl in Deutschland geborener und aufgewachsener Juden bemühten sich nach 1949 unter Berufung auf ihre illegal entzogene deutsche Staatsbürgerschaft darum, innerhalb der jüdischen Gemeinden Privilegien gegenüber solchen zugewanderten Juden zu erhalten, die vor 1945 nie freiwillig ihren gewöhnlichen Aufenthalt in Deutschland gehabt hatten.[67]
Die Zunahme der Anträge auf Erhalt der deutschen Staatsangehörigkeit durch in Israel lebende Juden am Anfang der 2000er Jahre lag nicht unbedingt an einer gestiegenen Attraktivität Deutschlands als dauerhaften Wohnsitzes. Doppelstaatler unter den Juden in Israel mussten aufgrund von Entscheidungen deutscher Gerichte verstärkt damit rechnen, dass in Israel ihre Pässe nicht verlängert wurden, wenn sie sich nicht dazu bereit erklärten, ihre israelische Staatsbürgerschaft aufzugeben. Bereits in den 2000er Jahren galt für Israelis eineEU-Staatsbürgerschaft, also auch eine deutsche Staatsbürgerschaft, in Zeiten der bedrohten Sicherheitslage im Nahen Osten als Rückversicherung, da sie im Gegensatz zu den israelischen Papieren bis heute viele visafreie Reisemöglichkeiten eröffnet.[68][69]
Durch das am 20. August 2021 in Kraft getretene Vierte Gesetz zur Änderung des Staatsangehörigkeitsgesetzes wurde ein neuer gesetzlicher Anspruch auf Wiedereinbürgerung für Personen geschaffen, die aufgrund von NS-Verfolgungsmaßnahmen die deutsche Staatsangehörigkeit verloren oder gar nicht erst erhalten haben, und die nicht bereits einen Anspruch nach Art. 116 Absatz 2 Grundgesetz besaßen (§ 15 StAG). Der Einbürgerungsanspruch gilt auch für alle Abkömmlinge der Betroffenen.[70] Die Regelung ist nicht nur auf Juden anwendbar, geschweige denn nur auf solche Juden, die in Israel leben.
DasMinisterium des Innern des Landes Nordrhein-Westfalen stellte am 31. Juli 2024 klar, dass „[n]ach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 6. Dezember 1983 – BVerwGE 68, 220 – […] davon auszugehen“ sei, „dass als Abkömmling i.S. des Artikels 116 Abs. 2 GG Kinder eines ‚Ausgebürgerten’ anzusehen sind, denen er – ohne die Ausbürgerung – nach den für den Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit durch Geburt oder Legitimation maßgebenden Grundsätzen die deutsche Staatsangehörigkeit vermittelt hätte. Das Urteil sagt nichts darüber aus, ob auch Enkel als ‚Abkömmlinge‘ gelten können. Da es indes um den vom Grundgesetz verwendeten Abkömmlingsbegriff geht, der nach überwiegender Auffassung auch Enkel einschließt, kann es nicht Aufgabe der Verwaltung sein, das Wiedergutmachungsrecht auf Kinder zu begrenzen, wenn dies der höchstrichterlichen Rechtsprechung nicht zu entnehmen ist.“[71]
Viele Kinder und/oder Enkel derjenigen, auf die Art. 116 Abs. 2 GG anwendbar ist (hier konkret: ehemaliger „deutscher Juden“ im engeren Wortsinn), nutzten im 21. Jahrhundert die Option, diedeutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten (und in Deutschland Wohnsitz zu nehmen).[72] Juden wurden vom sogenannten „Generationenschnitt“ ausgenommen. Dieser sieht vor, dass ein deutscher Staatsangehöriger, der im Ausland geboren wurde, innerhalb eines Jahres nach der Geburt eines Kindes beim zuständigen Standesamt in Deutschland oder bei der zuständigen deutschen Auslandsvertretung eine Beurkundung der Geburt dieses Kindes im Geburtenregister veranlassen muss, damit das Kind aktuell als deutscher Staatsangehöriger anerkannt werden kann.[73]
Für die jüdischen Rückkehrer wurden in Westdeutschland nach dem Krieg zunächst soziale Einrichtungen errichtet: Krankenstationen, Pflegeheime, Altersheime, Küchen für die Versorgung Bedürftiger. Die jüdischen Nachkriegsgemeinden sahen sich als Provisorien auf Zeit und wollten bis zu ihrer Auflösung karitativ tätig sein. Sie verstanden sich nicht als Erben der früheren deutsch-jüdischen Gemeinden, die von 1933 bis 1941 vernichtet worden waren. Deren Mitglieder waren ausgewandert oder ermordet worden. In diesem Zusammenhang kursierte die Redewendung, Juden in Deutschland säßen „auf gepackten Koffern“.[74]
Das erbenlose jüdische Privatvermögen sowie das Vermögen der aufgelösten jüdischen Organisationen und Institutionen wurde an neugegründete Treuhandorganisationen wie dieJRSO restituiert, die sich in Konkurrenz zu den neugegründeten deutschen jüdischen Gemeinden befanden. Als 1949 die Bundesrepublik gegründet wurde, sahen die inzwischen schon konsolidierten jüdischen Gemeinden die Notwendigkeit, sich eine überregionale Organisation zu schaffen, um ihre Interessen selbst zu vertreten. Delegierte von Gemeinden und Landesverbänden gründeten 1950 denZentralrat der Juden in Deutschland als Dachorganisation. Zu dieser Zeit hatten die jüdischen Gemeinden der Bundesrepublik eine Gesamtzahl von 15.000 Mitgliedern. Die jüdischen Gemeinden in Westdeutschland wurden erst seit dem BesuchNahum Goldmanns vomJüdischen Weltkongress (WJC) 1953 von jüdischen Weltorganisationen anerkannt. So durften sie ihre Synagogen und Gemeindehäuser nach demLuxemburger Abkommen zurWiedergutmachung behalten und mussten sie nicht zum Verkauf freigeben. Trotzdem wurden die in Deutschland lebenden Juden von jüdischen Institutionen und Gemeinschaften in Israel und Amerika als Juden zweiter Klasse behandelt. Man verstand nicht, warum sie in Deutschland blieben, und nahm sie nicht als Teil derjüdischen Diaspora wahr.
Nach der Eroberung Berlins 1945 bewohnten nur noch wenige tausend Juden dieSowjetische Besatzungszone: Sie hatten sich versteckt, waren mit Nichtjuden verheiratet gewesen oder aus den Ostgebieten geflohen. Einige wanderten nun aus politischen Gründen ein, um an der Schaffung eines sozialistischen Deutschlands mitzuwirken. Ihre Situation verschlechterte sich jedoch ab 1948, als einige Juden als „Konterrevolutionäre“ und „zionistische Agenten“ bezichtigt und verfolgt wurden. In vielen Staaten des entstehenden Ostblocks wurde Juden eineKooperation mit denNationalsozialisten oder den Westalliierten vorgeworfen. In der DDR kam es in der Folge des stalinistischenSlánský-Prozesses in Prag 1952/53 zu einer Verfolgung von Juden, die als „Wurzellose Kosmopoliten“ der Spionage oder desZionismus bezichtigt wurden. Betroffen waren vor allem diejenigen, die während der NS-Zeit in westlichen Ländern im Exil gelebt hatten. Sie wurden nun teilweise einer Zusammenarbeit mit dem Westen verdächtigt und als Werkzeuge des Imperialismus bezeichnet. Das ZK-MitgliedPaul Merker wurde als zionistischer Agent verhaftet, die Büros der jüdischen Gemeinden durchsucht. Im Januar 1953 flüchteteJulius Meyer, Mitglied derSED, Abgeordneter derVolkskammer und Präsident des Verbands der jüdischen Gemeinden in der DDR, zusammen mit fünf der acht Gemeindevorsitzenden nach Westdeutschland. Julius Meyer hatte die Lager Auschwitz und Ravensbrück überlebt und leitete seit 1949 gemeinsam mitHeinz Galinski die Jüdische Gemeinde Berlins. Daraufhin verließen viele Juden die DDR Richtung Westen.[75]
Nach dem TodJosef Stalins am 5. März 1953 endeten in der „Tauwetter-Periode“ auch in der DDR dieRepressionen gegen die dort lebenden Juden. Polizeiaktionen undVerfolgungen wurden beendet, imGefängnis sitzende Juden wurden entlassen und ehemalige jüdische SED-Parteimitglieder wurden dazu eingeladen, wieder der SED beizutreten. Der Staat investierte zudem etwas in dieRenovierung vonSynagogen, in ein jüdischesAltersheim, einekoschere Metzgerei sowie in die Instandhaltung desjüdischen Friedhofs von Berlin-Weißensee. Bis zumMauerbau 1961 schrumpfte die Zahl der in den Gemeinden registrierten Juden auf etwa 1500. Ab 1961 erschien dasNachrichtenblatt als „Informationsorgan“ der jüdischen Gemeinde. Durch Sterbefälle schrumpfte die Zahl weiter, ein religiöses Leben war kaum noch möglich, weil es keine Rabbiner gab. Gegen Ende desKalten Krieges lebten in der DDR etwa 400 Juden, mit 250 über die Hälfte davon in Ostberlin.
In der DDR wurden verfolgte Juden zwar als „Verfolgte des Naziregimes“ anerkannt und erhielten eine kleine Staatspension sowie andere Vergünstigungen, standen aber in der öffentlichen Wertschätzung hinter den meist aus derKPD stammendenKämpfern gegen den Faschismus zurück. In der Bundesrepublik konnten sie wegen derWiedergutmachung auf eine Entschädigung hoffen. Die DDR weigerte sich, diese zu leisten, weil sie eine Mitverantwortung der DDR an den Verbrechen des NS-Staates ablehnte. Erst nach demMauerfall wurde im April 1990 von der demokratisch gewähltenVolkskammer ein offenes Bekenntnis „zur Mitverantwortung für Demütigung, Vertreibung und Ermordung jüdischer Frauen, Männer und Kinder“ abgelegt.[76] Als Zeichen der Wiedergutmachung gewährte die Regierung noch im Frühling 1990 auf Initiative desZentralen Runden Tisches der DDR jüdischen Auswanderern aus der Sowjetunion humanitäres Asyl in der DDR. Zu den Ersten, die diese Regelung nutzten, gehörte der SchriftstellerWladimir Kaminer.[77]
ImZentralrat der Juden in Deutschland sind 104 jüdische Gemeinden in 23Landesverbänden zusammengeschlossen, denen etwa 95.000 Juden angehören (Stand: 2020).[78][79] Sie stellen 95 Prozent aller organisierten deutschen Juden. Die übrigen fünf Prozent verteilen sich auf etwa 40 jüdische Kulturvereine (zum Beispiel bis 2009Jüdischer Kulturverein Berlin) und liberale Gemeinden, von denen etwa 20 in derUnion progressiver Juden in Deutschland organisiert sind. Den Zentralrat lehnen sie entgegen dessen Selbstverständnis als orthodox gelenkt ab. Die gesamte Anzahl der Juden im weiteren Sinne nach Familienherkunft in Deutschland wurde 2019 auf etwa 225.000 geschätzt.[80][81]
2020 waren 93.695 Mitglieder in derZentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland organisiert.[82] Der Zentralrat mischt sich nicht in das Eigenleben der Gemeinden ein. Die größten Stadtgemeinden – Berlin mit etwa 11.000, München mit 8.600 und Düsseldorf mit 7.100 Mitgliedern – sindEinheitsgemeinden, unter deren Dach unterschiedliche religiöse Ausrichtungen existieren. Die Gemeinden errichten neue Zentren, bilden Jugendgruppen und Kulturorganisationen; es gibt (oft scharfe) Konflikte zwischen den Zuwanderern und den „alteingesessenen“ Gemeindemitgliedern. Im Trend entwickelt sich ein religiöser Pluralismus (liberale Gemeinden, weibliche Rabbiner[83]).

2006 wurden drei Absolventen desAbraham-Geiger-Kollegs Potsdam in Dresden zu Rabbinernordiniert. Sie sind die ersten Rabbiner, die nach 1945 in der Bundesrepublik Deutschland ausgebildet wurden. 2010 folgte die erste Rabbinerin.[83]
Nach 2015 formierte sich eine vornehmlich jüngere jüdische Generation, die sich für eine Abkehr von stereotypischen Zuschreibungen einsetzte, die durch die vorherrschende bundesdeutsche Gesellschaft etabliert wurden.[84]
Anlässlich des 1700-jährigen Jubiläums des Dekrets des römische Kaisers Konstantin im Jahr 321, welches erstmals Juden in Deutschland erwähnte, hatte der Verein „1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland“ gemeinsam mit der Bundesregierung beschlossen, dieses Ereignis mit Projekten und Festlichkeiten zu würdigen. Insgesamt gab es über 2400 Veranstaltungen in ganz Deutschland.[85]
| Jahr | Mitglieder zum 31.12. | Zugänge aus ehem. SU-Staaten[55] |
|---|---|---|
| 1990 | 29.089 | 1.008 |
| 1991 | 33.692 | 12.583 |
| 1992 | 36.804 | 15.879 |
| 1993 | 40.917 | 16.597 |
| 1994 | 45.559 | 8.811 |
| 1995 | 53.797 | 15.184 |
| 1996 | 61.203 | 15.959 |
| 1997 | 67.471 | 19.437 |
| 1998 | 74.289 | 17.788 |
| 1999 | 81.739 | 18.205 |
| 2000 | 87.756 | 16.538 |
| 2001 | 93.326 | 16.711 |
| 2002 | 98.335 | 19.262 |
| 2003 | 102.472 | 15.442 |
| 2004 | 105.733 | 11.208 |
| 2005 | 107.677 | 3.124 |
| 2006 | 107.794 | 1.971 |
| 2007 | 107.330 | 1.296 |
| 2008 | 106.435 | 862 |
| 2009 | 104.241 | 704 |
| 2010 | 104.024 | 667 |
| 2011 | 102.797 | 636 |
| 2012 | 102.135 | 481 |
| 2013 | 101.338 | 467 |
| 2014 | 100.437 | 365 |
| 2015 | 99.695 | 473 |
| 2016 | 98.594 | 359 |
| 2017 | 97.791 | 760 |
| 2018 | 96.325 | 343 |
| 2019 | 94.771 | 272 |
| 2020 | 93.695 | 180 |
Bis zurPerestroika (sie begann 1985 nach Gorbatschows Amtsantritt) wurde nur einigen wenigen Juden die Ausreise aus derSowjetunion gestattet. Um eine Genehmigung zur Ausreise alsSpätaussiedler in dieBundesrepublik Deutschland zu erhalten, mussten die Antragsteller einen Bezug zur deutschen Kultur nachweisen. Sie erreichten Deutschland meist über dasDurchgangslager Friedland.
Unter derletzten Volkskammer der DDR wurde ab April 1990 ein vereinfachtes Verfahren zur Einreise jüdischer Bürger der Sowjetunion angewandt.[86] Damit wollte die Nachwende-Regierung der DDR dem Unrecht Rechnung tragen, dass sich dasSED-Regime gegenüber dem Judentum jeglicher Verantwortung zur Wiedergutmachung entzogen hatte. Die im Frühjahr 1990 in der DDR für sowjetische Juden geschaffene Möglichkeit, humanitäres Asyl zu erhalten, sollte nach Plänen der Bundesregierung mit der Wiedervereinigung wieder abgeschafft werden. Schon 1988 hatte der damalige KPdSU-GeneralsekretärMichail Gorbatschow in einer Vereinbarung mit BundeskanzlerHelmut Kohl seine Bereitschaft erklärt, jüdische Sowjetbürger nach Deutschland ausreisen zu lassen.[87] Nach deutlichen Protesten sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland seitens jüdischer Gemeinden, Oppositionspolitiker, aber auch Kirchen und Gewerkschaften einigten sich die Innenminister von Bund und Ländern am 9. Januar 1991 darauf, im vereinigten Deutschland Juden aus der Sowjetunion einreisen zu lassen.[77] DasGesetz über Maßnahmen für im Rahmen humanitärer Hilfsaktionen aufgenommene Flüchtlinge (HumHAG) wird seither auch auf jüdische Emigranten aus den ehemaligenGUS-Staaten angewandt.[88]
In den folgenden Jahren wurden diese jüdischenKontingentflüchtlinge auf Bundesländer und Landkreise in Deutschland verteilt. Die Zuwanderung jüdischer Emigranten stieg nach demZerfall der Sowjetunion stark an, ist jedoch seit dem Jahr 2000 wieder rückläufig. Von 1991 bis zur Verschärfung der Bedingungen 2004 wanderten rund 220.000 Juden aus der GUS ein und mit ihnen Familienmitglieder ausinterkonfessionellen Ehen.[55] Im Jahr 2004 waren 85 % aller Zuwanderer aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters und geringer deutscher Sprachkenntnisse dauerhafte Bezieher vonSozialhilfe.[89]
Von den 190.000 Juden, die in den 1990er Jahren aus der GUS eingewandert sind, schlossen sich etwa 83.000 einer jüdischen Gemeinde in Deutschland an. In dieser Zeit wuchs die Zahl der Mitglieder jüdischer Gemeinden in Deutschland von 1990 bis zum Höchststand 2006 von 29.089 auf 107.794.[54] Ohne die Zuwanderer aus der GUS wäre die Mitgliederzahl bereits bis zum Jahr 2000 auf 17.902 gesunken. Somit erhöhte sich vielerorts der Bedarf an jüdischer Infrastruktur (Synagogen, Freizeiteinrichtungen usw.).
Die Zahl der Mitglieder jüdischer Gemeinden schwankt jedoch oft durch den Wegzug von Familien, die dies den jüdischen Gemeinden nicht bekannt geben (wollen). Ebenso gibt es Fälle, dass Juden, sobald sie die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten haben, aus der jüdischen Gemeinschaft austreten. Viele haben auch zur jüdischen Religion keine Beziehung. Auch wenn sie durch die matriarchale Linie als Juden anerkannt sind, lernten sie in der Sowjetunion wegen des staatlich verordnetenAtheismus kein öffentlich praktiziertes religiöses Leben kennen.
In den 2010er Jahren war eine deutliche Zuwanderung von israelischen Juden nach Deutschland festzustellen. Als Hintergründe wurden die politische und wirtschaftliche Situation in Israel und die in Deutschland niedrigerenLebenshaltungskosten angegeben. Die vor allem jüngeren Leute zieht es in erster Linie in die Metropolen. Einen besonderen Anziehungspunkt bildet aufgrund seiner empfundenenWeltoffenheit dabei Berlin.[90] Im Jahr 2013 zogen nach Angaben desStatistischen Bundesamtes 2762 Menschen aus Israel nach Deutschland, was einen Höchstwert darstellte. 2012 waren es 2579 Israelis gewesen, die in die Bundesrepublik übersiedelten. Einen ähnlich hohen Wert gab es lediglich im Jahr 1991 während desZweiten Golfkriegs. Dem gegenüber stand eine Zahl von 1931 im Jahr 2013 und 1746 im Jahr 2012, die den umgekehrten Weg von Deutschland nach Israel gingen, so dass die Zuwanderung deutlich überwog.[91]
Im Jahr 2005 lebten in Israel 60.000 Juden mit deutscher Staatsangehörigkeit. Anfang des Jahres 2002 verzeichneten die deutschen Behörden einen enormen Anstieg der Anträge auf Staatsbürgerschaft von deutschstämmigen Juden.

Im Jahr 2021 brach eine Debatte in der jüdischen Gemeinschaft Deutschlands darüber aus, wen man zur Menge der Juden zählen dürfe. DieHalacha definiert Menschen als Juden, die von einer jüdischen Mutter geboren wurden oder nach jüdischem Recht zum Judentum übergetreten sind. Menschen mit jüdischen Vätern und nichtjüdischen Müttern (sogenannteVaterjuden) gelten daher für orthodoxe Rabbiner nicht als Juden.[92]
In derSowjetunion war die Praxis üblich, den Nationalitäteneintrag „Jude“ vorzunehmen, wenn der Vater der betreffenden Person ebenfalls auf diese Weise als Jude markiert worden war. Solche „Juden“ wurden gemäß der Halacha oftmals nicht als Juden anerkannt, weil allein aus dem Pass nicht hervorging, ob die Mutter den Status einer Jüdin im Sinne der Halacha besaß. Obwohl solche Menschen von jüdischen Gemeinden in Deutschland nicht anerkannt wurden, erlaubte ihnen Deutschland, als Kontingentflüchtlinge in Deutschland heimisch zu werden.[93]

2013 erwies es sich als schwierig, „objektiv“ anzugeben, was den „Wesenskern des Judentums“ ausmache, der es erlaube, einen bestimmten Menschen in die Menge der Juden einzubeziehen. In einer Befragung 2013 bei über 300 Frauen und Männern jüdischer Herkunft zwischen 20 und 40 Jahren definierten 51 Prozent das Judentum über dieethnische Zugehörigkeit, 23,9 Prozent bezeichneten es alskulturelle Gemeinschaft und nur 13,1 Prozent alsReligionsgemeinschaft. 40,8 Prozent gehören einerEinheitsgemeinde an, 20 Prozent sind Mitglieder anderer Gemeinden, 2,2 Prozent haben eine andere Religionsgemeinschaft gewählt und 37,1 Prozent sind keiner Gemeinde angeschlossen.[94]
Durch die unterschiedlichen Definitionen der Kategorie „Jude-Sein“ ist es schwierig anzugeben, wie viele Juden es ab 1949 in der Bundesrepublik Deutschland gegeben hat. Nach der Halacha kann niemand, den diese als „Jude“ kategorisiert hat, aufhören, Jude zu sein, auch nicht Atheisten und die Konvertiten in eine andere Religion.
Im Jahr 2022 konvertierten 66 Personen in Deutschland zum Judentum.[95] Durch den Staat Israel werden Konvertiten aller jüdischen Strömungen als Juden anerkannt[96], das israelische Oberrabbinat erkennt jedoch nur Übertritte zertifizierter rabbinischer Gerichtshöfe an. Die Übertritte durch das rabbinische Gericht der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland werden durch das Oberrabbinat des Staates Israel anerkannt.
Nach dem 7. Oktober 2023, dem Tag desTerrorangriffs der Hamas auf israelisches Staatsgebiet und den darauffolgenden kriegerischen Auseinandersetzungen waren auch die jüdischen Gemeinschaften in Deutschland mit den gesellschaftlichen Folgeerscheinungen konfrontiert.[97]
Seit dem 7. Oktober 2023 registrierte der Bundesverband derRecherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) 2023 doppelt so viele als antisemitisch eingestufte Vorfälle in Deutschland wie 2022. Der Großteil entfiel dabei auf die Zeit ab dem 7. Oktober.[98] DasStatistische Bundesamt übernahm eine Statistik der RIAS.[99]
Marina Chernivski und Friederike Lorenz-Sinai zufolge wird der Terrorangriff in Israel von den meisten Juden in Deutschland als historische Zäsur bewertet.[100] Es gibt auch Kritiker, die bezweifeln, dass die Lage von Juden in Deutschland eine völlig andere sei als davor. Diese berufen sich u. a. aufMichael Wolffsohn, der darlegt, dass der rassistische Antisemitismus und auf diesem basierende Gewalttaten gegen Juden seit dem 19. Jahrhundert in Deutschland immer Anhänger gehabt hätten.