DerDeterminismus (vonlateinischdeterminare ‚festlegen‘, ‚Grenzen setzen‘, ‚begrenzen‘) ist die Auffassung, dass alle – insbesondere auch zukünftige – Ereignisse durch Vorbedingungen eindeutig festgelegt sind.[1] Die Gegenthese (Indeterminismus) vertritt, dass es bestimmte Ereignisse gibt, die nicht eindeutig durch Vorbedingungen determiniert, sondern indeterminiert (= unbestimmt) sind.
In derNaturphilosophie wird ein allgemeiner Determinismus zumeist durch zwei Annahmen gestützt: erstens, dass sämtliche natürlichen Prozesse durchNaturgesetze bestimmt sind und dass zweitens dieBewegungsgleichungen dazu beim Einsetzen von exakten Werten eine eindeutige Lösung liefern und damit die Ergebnisse festlegen. Ob diese Annahmen durchgängig zutreffen, ist umstritten. Wenn das Weltgeschehen jedenfalls festgelegt ist, scheint dies einen Widerspruch für die Existenz einesfreien Willens zu erzeugen. Ob dieser Widerspruch besteht, ist ebenso umstritten wie die jeweiligen Konsequenzen.
Es gibt keinen einheitlichen Determinismusbegriff, vielmehr gibt es verschiedene Varianten. Nach der klassischen Einteilung vonWilliam James lassen sich die philosophischen Auffassungen in harten und weichen Determinismus einteilen.[2]Paul Edwards macht ferner die Einteilung in ethischen, logischen, theologischen, physikalischen und psychologischen Determinismus.[3]
Determinismus wurde durch griechische Philosophen des 7. und 6. Jahrhunderts vor Christus entwickelt, spezifisch durch die VorsokratikerHeraklit undLeukipp. Später befassten sichDemokrit undAristoteles und vorwiegend dieStoiker damit, in der römischen Antike auchMark Aurel.
Der Determinismus ist eng verwandt mit demMaterialismus, deren Vordenker der Antike nach natürlichen Erklärungen der Wirklichkeit anstelle dermythologischen suchten. Als wesentlicher gedanklicher Vater des Determinismus gilt der antike griechische PhilosophDemokrit. Mit seiner Lehre desatomistischen Materialismus führte er alles Geschehen auf das Zusammenspiel elementarer natürlicher Abläufe zurück und entkoppelte damit die Natur vontranszendenten undmetaphysischen Einflüssen und der damals verbreiteten Auffassung, dass Götter beständig in das Weltgeschehen eingriffen.
Im Zeitalter derAufklärung wurden diese antiken Ideen wieder aufgegriffen und weiterentwickelt. Einen Meilenstein bildet die 1770 veröffentlichte ArbeitSystème de la Nature vonPaul Henri Thiry d’Holbach. Darin beschreibt d’Holbach die Natur als ein geschlossenes System, das sowohl die Naturgesetze wie auch ewige Regeln der Moral umfasst. In der Natur gebe es nichts weiter als Materie, die sich bewegt und dabei in einer konsequenten Abfolge von Ursache und Wirkung eingebunden sei. Insbesondere wendet er sich mit diesermonistischen Auffassung gegen denDualismus und die Position der Zweiteilung der Welt in Materielles und Geistiges.
Mit der Etablierung derklassischen Mechanik und desmechanistischen Weltbildes wurde von Vertretern des mechanistischen Determinismus, insbesondere vonPierre-Simon Laplace gefolgert, dass, wenn die Welt festgelegten physikalischen Gesetzen unterworfen ist und an keiner Stelle Ereignisse ohne Ursache (z. B. durch übernatürliche Phänomene oder durchobjektiven Zufall) auftreten, dann zukünftige Ereignisse unausweichlich determiniert sein müssen. Ferner wurde – zugespitzt imlaplaceschen Dämon – postuliert, dass ein „Weltgeist“, der die Gegenwart mit allen Details kenne, die Zukunft des Weltgeschehens in allen Einzelheiten vorhersagen könne (klassischer Determinismus oderLaplace’scher Determinismus[4]).
Dominosteine verdeutlichen die Kette von Ursache und Wirkung. Bereits mit dem umfallenden ersten Stein ist die Wirkung auch für den letzten Stein festgelegt.Dichtefluktuation des jungen Universums. Der harte Determinismus geht davon aus, dass bereits aus diesem anfänglichen Zustand alle Folgezustände des Universums unabänderlich festgelegt seien.
Aus neueren Disziplinen der Physik (Chaostheorie,Relativitätstheorie,Quantenphysik) haben sich verschiedene, jeweils prinzipielle Einwände gegen eine solche Vorhersagbarkeit ergeben.
Die französischen MathematikerHenri Poincaré undJacques Hadamard haben schon Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt, dass selbst einfache dynamische Systeme wie dasdreier sich anziehender Körper zu sehr komplizierten Bahnkurven führen und dass selbst so elementare physikalische Abläufe wie etwa die Bewegung eines Massenpunktes entlang vonGeodäten bei kleinen Abweichungen im Anfangswinkel zu beliebig großen Änderungen im Ergebnis anwachsen. Ihre Arbeiten bilden heute die Grundlage derChaosforschung.Deterministisches Chaos kann dazu führen, dassdynamische Systeme gar nicht oder nur für kurze Zeiträume vorhersagbar sind. Poincaré unterschied dazu, angesichts der von ihm entdeckten Komplexität der Phasenraumstruktur, zwischenstarkem undschwachem Determinismus.[5]
Deterministische Systeme sind zwar vollständig durch die Anfangsbedingungen festgelegt, aber nur eingeschränkt determiniert;Determiniertheit wird als der Grad der „Vorbestimmtheit“ solcher Systeme definiert, in enger Anlehnung an eineVorhersagbarkeit. Dabei begrenzen sowohl praktische als auch prinzipielle Grenzen hinsichtlich der Genauigkeit der Messungen bzw. der Rechenschritte eine Vorhersage.
Der PhysikerWalter Seifritz zeigt, dass der Verlauf idealer Billardkugeln bereits nach wenigen (etwa 8) Stößen nicht mehr exakt reproduzierbar ist.[6] Er zeigt,’’dass eine sehr kleine Störung, von der man zunächst vermutet, sie sei völlig vernachlässigbar, aufschaukeln und Imponderabilien ins Spiel bringen kann, so dass dieses nicht mehr vollkommen deterministisch beschrieben werden kann.’’
Chaotische Trajektorie eines idealisierten DoppelpendelsPhasenraum eines magnetischen Pendels über drei Magneten
Beispiele für deterministische Systeme, die so stark von Anfangszuständen abhängen, dass sie in der Praxis keine Vorhersage erlauben, seien der Wurf vonSpielwürfeln oder die Ziehung von Kugeln imUrnenmodell – man spricht dabei auch vonZufall. Beispiele für partiell, für kurze Zeiträume vorhersagbare deterministische Systeme seien dasDoppelpendel, dasMagnetpendel, dasWetter oderWirtschaftskreisläufe.
Im mathematischen Modell deterministisch chaotischer Systeme kann derPhasenraum einefraktale Struktur mit unendlicherRauheit aufweisen. Die unendliche Rauheit sagt aus, dass nicht nur kleine Abweichungen des Ausgangszustandes große Auswirkung auf den Ergebniszustand haben – siehe auchSchmetterlingseffekt – sondern, dass dies bereits durch unendlich kleine Abweichungen hervorgerufen wird. Deterministische Systeme können daher entlang fraktaler Phasenraumstrukturen(rippled bassins) nicht-deterministisches Verhalten ausprägen. Aufgrund unvermeidbarenRauschens in praktischen Szenarien kann insbesondere eineon-off intermittency, also der spontane Wechsel zwischen gänzlich unterschiedlichem Systemverhalten auftreten.[7]
MitNorton’s Dome wurde 2003 ein Gedankenexperiment vorgestellt, das ganz ohne Abweichung im Ausgangszustand zu unterschiedlichen Resultaten führt und dabei vollständig konform zur Newtonschen Mechanik bleibt.[8][9]
Es gibt noch eine Reihe weiterer Grenzphänomene, die üblicherweise zur Newtonschen Mechanik hinzugerechnet werden. Sie können die eindeutige Lösbarkeit der Differenzialgleichungen und den daraus abgeleiteten Determinismus zerstören: unendlicher Raum, unbeschränkte Geschwindigkeit, Kontinuität,Punkt-Partikel undSingularitäten.[10]
Daneben werden einige Bereiche der Physik nicht durch deterministische, sondern durch probabilistische Gesetzmäßigkeiten beschrieben.
Konnte man in derklassischen Mechanik das Universum als ein kausales, konsequentes und eindeutiges System betrachten, das also vorhersehbar ist, so ist es mit der Einführung derQuantenmechanik ontologisch nicht mehr möglich, dies als selbstverständlich anzusehen. Einige grundlegende Phänomene der Realität können nur mit Begriffen derWahrscheinlichkeit beschrieben werden. Da das gesamte Universum aus quantenmechanischen Teilchen besteht und daher alle Ereignisse und Phänomene davon beeinflusst sind, erstreckt sich das Prinzip der Unbestimmtheit auf das gesamte menschliche Wissensgebiet und hat tiefgreifende philosophische und theoretische Konsequenzen.[11]
Die Frage des Determinismus in der modernen Physik bleibt jedoch umstritten: Einerseits basiertAlbert Einsteins Relativitätstheorie auf deterministischen Annahmen, andererseits widersetzte sich Einstein der indeterministischen Sicht der Quantenmechanik, was in den berühmten Debatten mitNiels Bohr deutlich wird, die bis zu seinem Tod andauerten.[11]
Außerdem zeigt dieChaos-Theorie, dass selbst in einem deterministischen Rahmen die Fähigkeit, die Entwicklung eines Systems genau vorherzusagen, oft begrenzt ist. Der Determinismus setzt eine strukturalistische Sicht des Universums voraus, die jedoch mit den menschlichen Grenzen des Wissens und des Verständnisses der Realität kollidiert. Selbst wenn das Universum einer strengen deterministischen Ordnung folgte, wäre die menschliche Fähigkeit, jedes Ereignis vorherzusagen und alle zugrunde liegenden Ursachen zu verstehen, aufgrund unserer begrenzten Perspektive und der inhärenten Komplexität der natürlichen Phänomene immer noch eingeschränkt.[11]Die (klassische)Thermodynamik beschäftigt sich mit Systemen aus vielen Teilchen, deren Systemzustand sich durch die Einzelzustände aller Teilchen zwar prinzipiell beschreiben ließe, wegen der Undurchführbarkeit der Messung und Berechnung wird darauf aber verzichtet und es wird in derstatistischen Physik lediglich mit statistischen Mittelwerten gerechnet. So lassen sich, trotz weitgehender Unkenntnis über die mikroskopischen Teilchenzustände, dennoch sehr genaue Vorhersagen auf makroskopischer Ebene machen.
Der Formalismus derQuantenmechanik beschränkt sich ebenfalls aufprobabilistische Aussagen über zukünftige Ereignisse. Wobei die Genauigkeit einer Vorhersage auch mit beliebiger Steigerung der Messgenauigkeit, die durch dieUnschärferelation begrenzt ist, nicht besser als ein bestimmter Wert gemacht werden kann. Viele Physiker, darunter insbesondere die Vertreter derKopenhagener Interpretation, haben dies damit erklärt, dass unsere Welt auf der mikroskopischen Ebene der Quantenmechanik fundamental nicht-deterministisch sei. Daneben gibt es aber auch deterministische Deutungen (De-Broglie-Bohm-Theorie,Ensemble-Interpretation,Viele-Welten-Interpretation). Die Einschätzung, ob unsere Welt in ihren Grundbausteinen deterministisch oder indeterministisch sei, hängt davon ab, welche Interpretation und philosophische Haltung man einnimmt.[12] Dabei basieren diese unterschiedlichenInterpretationen auf demselben mathematischen Formalismus und liefern dieselben Vorhersageergebnisse. DieSchrödingergleichung – die der ungestörten zeitlichen Entwicklung von (nichtrelativistischen) Quantensystemen zugrundeliegende Differentialgleichung – ist vollständig deterministisch, also ihre Lösungen bei Vorgabe von Anfangsbedingungen eindeutig. Erst durch den Messvorgang kommt Indeterminismus in die Quantenwelt, was auch alsMessproblem bezeichnet wird.
Der PhysikerStephen Hawking verwendet den BegriffDeterminismus für alle Interpretationen der Quantenmechanik, auch für die einschlägig alsindeterministisch bezeichneten Varianten. Er begründet diese Wortwahl damit, dass so der mögliche falsche Eindruck der Regellosigkeit vermieden werde. Auch unter der Annahme einer fundamentalen Zufälligkeit der Natur würden statt einer bestimmten Zukunft und Vergangenheit eben die Wahrscheinlichkeiten für verschiedene mögliche Zukünfte und Vergangenheiten durch die Naturgesetze exakt bestimmt, d. h. determiniert.[13]
Der statistische Determinismus geht davon aus, dass, auch wenn individuelle Ereignisse nicht vorhersagbar seien, sich für Gruppen von Ereignissen oft dennoch bestimmte, statistische Zusammenhänge ermitteln und für Prognosen nutzen lassen.Adolphe Quetelet undHenry Thomas Buckle, die als erste soziale Phänomene nach statistischen Methoden untersuchten, gelten als wesentliche Protagonisten des statistischen Determinismus.[14] Sie stießen auf erstaunlich stabile Regularitäten bei der Zahl der Geburten, Sterbefälle, Heiraten, verschiedener Straftaten und bei Selbstmordraten und folgerten, dass dies auf zugrundeliegende Gesetzmäßigkeiten hindeute.
Die von ihnen mitentwickelten statistischen Methoden ähneln denen, die in derGeodäsie oder derMeteorologie eingesetzt werden. Dies geschieht unter Einbezug umfangreicher Datenbestände und dem Bemühen, darin Muster zu finden, die als Gesetzmäßigkeiten identifizierbar sind.[15] Heute ordnet man diese Methoden auch dem Bereich derMustererkennung zu.
Aus der Synergie vonInformationstheorie und Physik entstanden Erklärungsansätze, die versuchen, (scheinbare) Widersprüche zwischen Indeterminismus auf der mikroskopischen Ebene der Quantenteilchen und Determinismus auf der makroskopischen Ebene der Astronomie bzw. des Alltagsgeschehens aufzulösen, sowie auch demfreien Willen zwischen unausweichlichen Gesetzmäßigkeiten, Chaos und reinem Zufall eine Bedeutung zu verleihen. Vor allem der Harvard-WissenschaftlerRobert O. Doyle (* 1936) propagiert dazu den Begriff desadäquaten Determinismus.
Dabei wird davon ausgegangen, dass nicht etwa alle Information (über die Zukunft) seit Anbeginn des Universums bereits vorliegt, sondern (objektiver) Zufall auf Quantenebene für einen beständigen Eintrag von Information sorgt. Durch einen zweistufigen Prozess, Zufall plus Selektion, könne dann Strukturemergieren, die diesen Informationsgehalt trägt.[16] Doyle sieht in dem Prozess der Kreativität „alle Handlungen, die neue Information in das Universum bringt“, sei dies die Entstehung neuer Sterne und Galaxien oder die Komposition eines Musikstückes.[17]
Durch Einträge des quantenmechanischen Zufalls in beobachtbare, makroskopische Objekte wird also Neues kreiert und Information (irreversibel) erzeugt und festgehalten. Laut der informationstheoretischen Interpretation ist Information gleichzusetzen mitNegentropie, also negativerEntropie. An bestimmten Stellen sinkt durch kreative Prozesse die Entropie. Es muss dabei gleichzeitig Entropie in die Umgebung abgegeben werden, damit der2. Hauptsatz der Thermodynamik unverletzt bleibt.
Erwin Schrödinger definiert Leben in seinem BuchWas ist Leben? als etwas, das negative Entropie aufnimmt und speichert. Das bedeutet, dass Leben etwas sei, das Entropie exportiert und seine eigene Entropie niedrig hält: Negentropie-Import ist Entropie-Export.
Da wir in einemexpandierenden Universum leben, nimmt die Menge der möglichen Zustände zu, so dass gleichzeitig die Entropie wie auch die Information im Universum zunehmen kann.
Philosophen und Historiker haben kontrovers diskutiert, ob es gesetzartige Zusammenhänge gibt, die historische Prozesse bestimmen und somit historische Entwicklung festlegen und gegebenenfalls auch eine Vorhersage der Zukunft ermöglichen.[18] Hierzu könnte beispielsweise dieKulturzyklentheorie oderOswald SpenglersGeschichtsmorphologie gezählt werden. Der Vorwurf desHistorizismus wird gegen weite Bereiche derGeschichtsphilosophie erhoben, z. B. vonKarl Popper, der ihn als Irrglauben bezeichnet hat. Darüber hinaus hatTheodor Lessing „Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“[19] kritisiert, insofern sie geschichtliche Faktenteleologisch als Resultat der Geschichte erklärt.
Geodeterminismus (auch Naturdeterminismus, Umweltdeterminismus oder Ökodeterminismus) ist ein Forschungsansatz der Wirtschaftsraumanalyse, der besagt, dass die unterschiedliche Wirtschaftsentwicklung in verschiedenen Teilen der Welt in erster Linie durch die natürliche, ursprüngliche Ausstattung bestimmt ist.
Klimadeterminismus ist ein Unteraspekt des Geodeterminismus und entstammt derHistorischen Klimatologie. Er umfasst Deutungen und Modelle, die Änderungen individueller oder gesellschaftlicher Verhältnisse als Reaktionen aufKlimaänderungen erklären. Andere Umweltfaktoren oder soziale Einflüsse werden dabei ebenso ausgeblendet wie die aktive Rolle des Menschen in der Interaktion mit seiner Umwelt. Beispiele für klimadeterministische Positionen finden sich in antiken Vorstellungen von der Bestimmung von Charakteren durch regionale Witterungsbedingungen (sieheKlima (Historische Geographie)), etwa beiAristoteles, und waren auch im 19. und 20. Jahrhundert noch verbreitet, so beiEllsworth Huntington. Aristoteles begründete eine seiner Meinung nach vorhandene Überlegenheit der Griechen über die Barbarenvölker mit dem in Griechenland herrschenden Klima. Huntington erklärte wirtschaftliches und gesundheitliches Wohlergehen von Gesellschaften und Bürgern mit dem jeweiligen Klima der Region, in der sie beheimatet waren.[20] Kriegsgefahren direkt auf dieglobale Erwärmung zurückzuführen, ohne dabei weitere notwendige Faktoren zu berücksichtigen, wird ebenfalls als deterministisch kritisiert.[21]
Hypothese von Benjamin Lee Whorf, dass die Grammatik und der Wortschatz der Sprachen die Vorstellung der Sprachgemeinschaft von der Welt forme, so dass verschiedene Sprachgemeinschaften die Welt unterschiedlich sehen, und zwar umso verschiedener, je mehr ihre Sprachen sich unterscheiden.
Derbiologische Determinismus vertritt die Auffassung, dass der Mensch ausschließlich oder überwiegend von seiner biologischen Natur bestimmt wird und nicht von seiner sozialen bzw. kulturellen Umwelt.[22]Den Einfluss biologischer Faktoren sehr hoch zu bewerten wird auch alsBiologismus bezeichnet, als Gegenstück zumSoziologismus bzw.Kulturalismus, der soziale bzw. kulturelle Einflussfaktoren als primär maßgeblich einstuft. Entsprechend werden auch die BezeichnungenSozialdeterminismus undKulturdeterminismus verwendet.
Dergenetische Determinismus vertritt die Überzeugung, wonach alle Lebensformen und -vorgänge aus der Anzahl, Anordnung und dem Zusammenwirken von Genen vollständig erklärt werden können bzw. sich die Zelle auf ein Genom reduzieren lässt.[23]
Der logische Determinismus basiert auf zwei Prinzipien:
1.Korrespondenztheorie der Wahrheit
Das erste Prinzip ist dieKorrespondenztheorie der Wahrheit, welche besagt, dass Wahrheit die Übereinstimmung zwischen dem erkennenden Verstand und der Sache ist (lateinisch:Veritas est adaequatio intellectus et rei – „Wahrheit ist die Angleichung des Verstandes und der Sache“). Demnach ist eine Aussage wahr, wenn sie mit der Realität übereinstimmt.
2.Prinzip der Zweiwertigkeit (Bivalenzprinzip)
Das zweite Prinzip ist dasPrinzip der Zweiwertigkeit, welches besagt, dass jede Aussage entweder wahr oder falsch ist und auch nur einer dieser beiden Wahrheitswerte angenommen werden kann.
Aus der Kombination dieser beiden Prinzipien ergibt sich ein starkes Argument für den logischen Determinismus. Wenn wir annehmen, dass jede Aussage entweder wahr oder falsch ist (Bivalenzprinzip bzw. Prinzip der Zweiwertigkeit) und dieser Wahrheitswert mit der Realität übereinstimmen muss (entsprechend der Korrespondenztheorie), wird angenommen das daraus folgt, dass das zukünftige Ereignis, auf das sich die Aussage bezieht, bereits festgelegt sein muss. Ein passendes Beispiel wäre. Die Aussage „Du wirst am 1. Oktober 2525 heiraten“ hat bereits heute einen bestimmten Wahrheitswert – sie ist entweder wahr oder falsch. Wenn wir diesen Wahrheitswert kennen könnten, dann wüssten wir, dass das Ereignis der Heirat entweder eintreten muss oder nicht. Daraus folgt, dass die Zukunft nicht offen, sondern bereits determiniert ist.
Die Wurzeln dieser Problematik finden sich beiAristoteles inDe Interpretatione (Kapitel 9), wo er die Frage diskutiert, ob Aussagen über kontingente zukünftige Ereignisse (also Ereignisse, die möglicherweise eintreten, aber nicht notwendig sind) heute bereits wahr oder falsch sein können. Aristoteles argumentiert, dass solche Aussagen nicht notwendigerweise wahr oder falsch sind, sondern in einem Zustand der Unbestimmtheit verbleiben, bis das Ereignis eintritt. Dies bietet eine Möglichkeit, den logischen Determinismus zu umgehen, indem man die Zweiwertigkeit von Aussagen über die Zukunft infrage stellt.
Theologischer Determinismus ist die Auffassung, dass Gott alle Ereignisse in der Geschichte der Welt festlegt.[24] Grundlage dazu ist die Allmacht und Allwissenheit Gottes. Diese Sichtweise findet sich in vielen monotheistischen Religionen, einschließlich Judentum, Christentum und Islam.
Dies wirft zunächst die Frage auf, wie die göttliche Vorherbestimmung mit Naturgesetzen zu vereinbaren ist und an welchen Stellen überhaupt göttlicher Einflussbereich verbleibt, ohne die Naturgesetze zu verletzen.
Das Vorherbestimmtsein der Wirklichkeit – sei es durch göttliche Allmacht oder durch die Gesetzmäßigkeit der Natur – erzeugt ferner zahlreiche Probleme in verschiedenenreligionsphilosophischen unddogmatischen Bereichen.
Die meisten Religionen und deren Interpreten vertreten einenFreien Willen des Menschen; dietheistischen Religionen lehren, ihren üblichsten Interpretationen zufolge, zudem die Existenz einesallwissenden undallmächtigenGottes. Einigen Philosophen und Theologen zufolge ist es erklärungsbedürftig, ob und wie diese drei Thesen kompatibel sind. Darüber hinaus wird diskutiert, ob und wie Gottes Allmacht mit einem vollständigen Determinismus des Naturablaufs kompatibel ist, wenn Allmacht auch die Fähigkeit zu einem Eingreifen Gottes nach der Schöpfung meint. Eine klassische Lösung besteht darin, dass derewige Gott nicht der Zeit unterliegt, sondern Welt und Zeit hervorbringt und dabei auch diejenigen Ereignisse, welche Menschen als Wunder oder als Ausnahme von Naturgesetzen erscheinen.
Nelson Pike meint, dass Vorherwissen und Vorherbestimmung im Falle eines allwissenden Wesens, das sich nicht irrenkann, enger zusammenhängen.[25]Anthony Kenny weist darauf hin,[26] dass Gleichzeitigkeit eineTransitive Relation sei. Wenn Gottes Wirken mit jedem Augenblick gleichzeitig ist, dann sind alle Ereignisse gleichzeitig. Ersteres lehrt ihm zufolgeThomas von Aquin. Da letzteres absurd sei, müsse ein solcher Gottesbegriff aufgegeben werden.
Inmonotheistischen Theologien wurden unterschiedlich starke Thesen über die objektive oder menschlich einsichtige Planmäßigkeit göttlichen Wirkens und über das Ausmaß des Bewirktwerden des Einzelnen durch Gott vertreten. Eine Extremform ist die These, dass überhaupt nur einzelne Atome für je nur einzelne Zeitmomente von Gott geschaffen werden und es weder eine fortdauernde Substanz noch stabile Naturgesetze gibt – ein sogenannterOkkasionalismus, der u. a. in einigen Schulen des arabischenKalām vertreten wurde und mit einer starken Betonung des göttlichen Willens (sog.Voluntarismus) einhergeht, welchem gegenüber die menschliche Rationalität und die von ihr unterstellten Stabilitäten und Gesetzmäßigkeiten haltlos werden. Dieser Okkasionalismus ist offensichtlich inkompatibel mit einem physikalischen Determinismus.
Je stärker Gottes Wirken als Hervorbringung bzw. Vorherbestimmung von Einzelereignissen verstanden wird, desto erklärungsbedürftiger wird die Vereinbarkeit desÜbels mit dem Verständnis der Güte Gottes, das sogenannteTheodizeeproblem. Wenn es einen durchgängigen Determinismus gäbe, wären alle menschlichen Handlungen, auch die bösen, mittelbar auf Gott zurückzuführen. Dieser könnte von Menschen nicht die Vermeidung des Bösen fordern und wäre sogar selbst nicht vollkommen gut. Da sich nach den Argumenten dernatürlichen Theologie jedoch Gott als existent und vollkommen gut zeigen lässt, kann es keine vollständige Determination der Welt geben.
Weitere theologische Problembereiche sind die Diskussion über eine Vorherbestimmung (Prädestination) einzelner Individuen zu ihrem jeweiligen endzeitlichenHeil bzw. zur Möglichkeit, überhaupt religiös zu glauben oderGnadengaben zu erwerben.
Die Vereinbarkeit von Determinismus und Willensfreiheit wird, unter anderem in derPhilosophie des Geistes, nach wie vor kontrovers debattiert.
ZahlreichePhilosophen vertreten die Auffassung, dass sich Determinismus und Willensfreiheit ausschließen (Inkompatibilismus). Entweder, bei einer deterministischen Deutung der Wirklichkeit, sei die Willensfreiheit eine Illusion (harter Determinismus), oder aber, Willensfreiheit sei real, die Wirklichkeit dann aber nicht deterministisch (Libertarismus). Die Gegenthese lautet, dass auch dann, wenn die Wirklichkeit deterministisch sei, Willensfreiheit real sein könne (Kompatibilismus oder weicher Determinismus). Ein Inkompatibilist hält also, wenn er die Willensfreiheit für real erachtet, den Determinismus für falsch, bzw. umgekehrt. Beide Positionen wurden und werden von Inkompatibilisten vertreten.
Die verschiedenen Positionen bezüglich Determinismus und Willensfreiheit
Eine inkompatibilistische Position wird zumeist begründet durch die Verteidigung einerReduzierbarkeitmentaler Zustände auf natürliche bzw. physikalische Zustände. Denn wenn ein mentaler Zustand identisch ist mit einem Zustand, der mit Termini deterministischer physikalischer Theorien beschrieben wird, dann sind auch mentale Zustände und insbesondere willentliche Entscheidungen determiniert. Einen solchenReduktionismus oder eine Nichtexistenz desGeistigen (sieheMaterialismus undEliminativismus) vertreten insbesondere Theoretiker, die grundsätzlich argumentieren, dass es überhaupt nur natürliche Objekte gibt, sogenannteNaturalisten.
Es wird oft vertreten, dass die Zufälligkeit thermodynamischer oder quantenmechanischer Prozesse irrelevant ist für die Frage, ob Willensfreiheit möglich sei. Dies wird damit begründet, dass unser Freiheitsbegriff eine durch Gründe selbstbestimmte Entscheidung meint und keine durch Zufall bestimmte Ereignisabfolge.
Auch dietheologische Annahme eines Vorherbestimmtseins aller Ereignisse durch Gott (theologischer Determinismus) wirft für einige Theoretiker Probleme für die Realität eines freien Willens auf (siehe oben).
Diephilosophischen PositionenFatalismus undPrädestination zeichnen sich ebenfalls durch Vorherbestimmung aus. Im Detail ist die Besonderheit des Determinismus dieKausalität, also dass der Zustand eines isolierten Systems zur Zeit t+dt durch seinen Zustand zur Zeit t determiniert ist. Bei Fatalismus und Prädestination wird von einem offenen System ausgegangen, dessen zukünftiger Zustand durch den äußeren Eingriff des Schicksals determiniert wird und nicht durch den aktuellen Zustand. Fatalismus und Prädestination unterscheiden sich untereinander wiederum dadurch, dass hypothetische Götter im Fatalismus ebenfalls dem Schicksal unterworfen sind und in der Prädestination das Schicksal durch einen hypothetischen freien Willen steuern.
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