Cultivare sind keineWildpflanzen, sondern in Gartenkultur entstandene oder selektierte Individuen, die merkmalsstabil und untereinander einheitlich sein müssen. Eine einzelne abweichende Pflanze ist also kein Cultivar. Erst wenn ein durchZüchtung,Kreuzung oder gezielte Auswahl gewonnenerGenotypgeschlechtlich odervegetativ identisch vervielfältigt wurde und alle Exemplare ihre typischen Merkmale beibehalten, handelt es sich um ein Cultivar.
Wegen seiner Praktikabilität und internationalen Verbreitung wird der BegriffCultivar zumindest bei den Zierpflanzen immer häufiger alternativ zumSortenbegriff gebraucht. Er ist außerdem als eine von zwei Rangstufen imInternationalen Code der Nomenklatur der Kulturpflanzen (ICNCP) definiert.
Für die Anerkennung neuer Cultivare ist entscheidend, dass es möglich sein muss, sie geschlechtlich oder vegetativ zu vermehren. Oft bilden Cultivare aber keine keimfähigen Samen aus, da die Elternpflanzen genetisch zu weit voneinander entfernt sind. Spontan entstandene Cultivare lassen sich deshalb meist nur auf vegetative Art (Klonen), z. B. durchStecklinge,Steckholz oderVeredlung vermehren.
Die Kategorien Cultivar,Cultivar-Gruppe (engl.cultivar group) und Grex (siehe unten) sind die einzigen Rangstufen, deren Benutzung durch denICNCP geregelt wird.
Alstaxonomische Einheit von Kulturpflanzen ist der Cultivar-Begriff weitgehend unabhängig von den taxonomischen Rangstufen desICBN; Cultivare können also meist nicht mitUnterarten, Varietäten oderFormen gleichgesetzt werden.
Die in der Pflanzenzucht verbreiteten Begriffe „Sorte“ oder auch „Form“ entsprechen in der Regel Cultivaren. Allerdings sind die Namen von Sorten nach demSortenschutz eventuell in ihrer Verwendung rechtlich geschützt. Da der Name von Cultivaren für die entsprechenden Taxa von jedermann frei verwendbar sein muss, gibt es hier in vielen Fällen zwei, einander entsprechende, Namen. Außerdem ist zu beachten, dass nur „samenfeste“ Pflanzensorten, die aus dem Pflanzgut auch weitervermehrbar sind, Cultivaren entsprechen. Die heute ökonomisch sehr bedeutsamenHybridsorten gehören also nicht dazu.
Vegetativ vermehrte Cultivare werden häufig auch alsKlonsorten bezeichnet, da ihre Vermehrung durchVerklonung erfolgt.
Bis in die jüngste Zeit wurde zur Kennzeichnung von Cultivaren die Abkürzung „cv.“ verwendet. Nach denNomenklatur-Regeln des ICNCP gilt diese Schreibweise nicht mehr als korrekt. Stattdessen müssen Cultivarnamen in einfache obere Anführungszeichen hinter den wissenschaftlichen Namen der Art oder Gattung geschrieben werden, zu der sie gehören. Beispiel:Helenium ‘Moerheim Beauty’.
Anstelle von Cultivar-Gruppen wurde bis in jüngste Zeit der auf den russischen BotanikerIgor Sergejewitsch Grebenschtschikow zurückgehende BegriffConvarietät verwendet (lateinischconvarietas, abgekürzt convar.). Dieser Begriff ist für Cultivar-Gruppen in zahlreichen Veröffentlichungen zu finden, er wird teilweise bis heute weiter verwendet. Zum Beispiel wird derKopfkohl, der alle Kohlsorten mit Köpfen wie Weißkohl, Rotkohl, Blumenkohl etc. umfasst,Brassica oleracea convar. capitata genannt.
Ausschließlich für durch Züchter künstlich erzeugteHybriden zwischenOrchideen ist im Artikel 4 des ICNCP als weitere StufeGrex definiert worden. Ein Grex wird ausschließlich durch die Angabe seiner Eltern definiert, die entweder Orchideenarten oder auch andere Grexe sein können.
ISHS (International Society for Horticultural Science) (Hrsg.):International Code of Nomenclature for Cultivated Plants, 7th edition. Acta Horticulturae Bd. 647, 2004,ISBN 90-6605-527-8.