In der Industrie dient es alsLösungsmittel und zur Herstellung vonFluorchlorkohlenwasserstoffen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts war Chloroform eines der ersten in der Medizin verbreitet eingesetztenNarkosemittel. Als solches wird es aber wegen seinerToxizität seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts nicht mehr eingesetzt. Es besteht der Verdacht auf einekrebserregende Wirkung.
Chloroform wurde erstmals 1831 unabhängig voneinander von dem US-AmerikanerSamuel Guthrie,[9] dem DeutschenJustus Liebig[10] inGießen und dem FranzosenEugène Soubeiran inParis hergestellt. Seine physikalischen und chemischen Eigenschaften sowie eine Summenformel („C4H2Cl6“[11] bzw. C2H2Cl6[12]) beschrieb erstmalsJean-Baptiste Dumas 1834. Dumas gab der von Liebig noch als „Chlorkohlenstoff“ bezeichneten Substanz auch den Namen „Chloroform“.[13]
Einen ersten Vorschlag zur praktischen Anwendung der Chloroformnarkose zur chirurgischen Anästhesie hatte zuvor wohl schon Simpsons Freund, der Chirurg und Chemiker David Waldie[16] (* 1813 in Linlithgow)[17] gemacht. Auch der Erlanger MedizinerJohann Ferdinand Heyfelder stellte ab 1847 neben klinischen Versuchen mit Äther auch solche mit Chloroform an und plädierte 1848 für dessen bevorzugte Anwendung[18] als Narkosemittel.
Aufgrund der schneller und für den Patienten angenehmer einsetzenden Wirkung, der tieferen Narkose, der geringeren Reizung der Bronchien und des seltener auftretenden postoperativen Erbrechens verdrängte Chloroform zunächst weitgehend den Äther als Narkosemittel.[19] Der erste dokumentierte Anästhesietodesfall war eine 1848 durchgeführte Chloroformnarkose bei der Patientin Hanna Greener.[20] Einer der Pioniere der Äthernarkose,Horace Wells, hatte sich im Januar 1848, bevor er sich bei seinemSuizid die Pulsadern öffnete, mit Chloroform betäubt.[21]
NachdemJohn Snow 1853 das Chloroform auch erfolgreich bei der KöniginVictoria (Oberhaupt der englischen Staatskirche) zur „Anaesthesie à la reine“[22][23] angewendet hatte, wurde es in Europa zunächst das am meisten verbreiteteNarkosemittel. Auch Joseph T. Clover (1825–1882), ab 1858 „Chloroformist“ in London, verwendete für seinen, ein Luft-Lachgas-Gemisch zuführenden Narkoseapparat auch Chloroform und Äther.[24]John Snow (England, 1858) undFriedrich Trendelenburg (Deutschland, 1871) verwendeten bei Narkosen ein Chloroform-Luft-Gemisch zur Verabreichung über einTracheostoma,William Macewen (Schottland, 1880) und E. Schlechtendahl (Deutschland, 1902) über einen oral eingeführtenEndotrachealtubus.[25][26] Im Jahr 1874 hatte T. G. Hake imPractitioner Forschungsergebnisse vonMoritz Schiff veröffentlicht, die zeigten, dass Versuchstiere, die nach hohen Dosen von Äther bzw. Chloroform einen Herzstillstand erlitten, im Falle von Äther durch künstliche Beatmung wiederbelebt werden konnten, im Falle von Chloroform aber zusätzlich eine direkte Herzmassage dazu benötigten (Schiff selbst veröffentlichte seine Ergebnisse erst 22 Jahre später schriftlich).[27]
Ab etwa 1890 wurde, wegen der unerwünschten Nebenwirkungen mit häufigenanästhesiebedingten Todesfällen[28][29] bei Chloroformnarkosen, jedoch (zunächst in den USA) wieder die Ätheranwendung bevorzugt[30] und ab 1900 löste der Äther in weitem Umfang Chloroform als Narkosemittel ab.[31] Eine tiefe Chloroformnarkose beschrieb E. Schlechtendahl inBarmen jedoch 1902 zur Betäubung vor deroralen Intubation.[32] DurchBernhard Kroenig erfolgte um 1903 eine technische Verbesserung der Äther- und Chloroformnarkose mit demRoth-Draegerschen Mischapparat.[33][34] Krakow und andere kombinierten Chloroform auch mit anderen Narkosemitteln, etwa mitHedonal.[35]
Die geburtshilfliche Schmerzlinderung mit Chloroform geschah gegen den Widerstand deranglikanischen Kirche. Viele Kleriker hielten Qualen der Geburt für die gerechte Strafe für Evas Sündenfall, also für gottgewollt.[36][37] Dem setzteJames Young Simpson, 1847 der Begründer der geburtshilflichen Anästhesie mit Äther bzw. Chloroform in einer 1849 von ihm veröffentlichten Schrift entgegen, dass bei der Erschaffung Evas ebenfalls eine „Anästhesie“ durchgeführt worden sei.[38]
Eine intravenöse Gabe des Chloroforms zur Erzielung einer Narkose, wie sie von dem Würzburger ChirurgenBurkhardt 1909 vorgestellt[39] wurde, hat sich nach schweren Komplikationen nicht durchsetzen können.[40]
Aus England kam 1957 das erste klinisch brauchbare halogenierte Inhalationsnarkotikum nach dem Chloroform, nämlichHalothan.[41]
Dabei reagiert Methan mit Chlor unter Bildung vonChlorwasserstoff zunächst zu Chlormethan, dann weiter zuDichlormethan, Trichlormethan und schließlich zuTetrachlormethan. Das Ergebnis des Prozesses ist eine Mischung der vier Chlormethane, welche durchDestillation getrennt werden können. Industriell hergestelltes Chloroform technischer Reinheit enthält zudem Brom- und Ethanderivate (z. B.Bromchlormethan,Bromdichlormethan,1,2-Dichlorethan) als Verunreinigung[42] sowieEthanol (< 1 %) oderPentene (< 0,1 %), die alsStabilisator künstlich zugefügt werden, um das beim Lagern an Luft und Licht entstehendePhosgen abzufangen.[43]
Trichlormethan ist eine farblose, nicht entflammbare, flüchtige Flüssigkeit von süßlichem Geruch und Geschmack.[1][45] DerSchmelzpunkt liegt bei −63 °C, derSiedepunkt unterNormaldruck bei 61 °C. DieDampfdruckfunktion ergibt sich nachAntoine entsprechend log10(P) = A−(B/(T+C)) (P in bar, T in K) mit A = 4,20772, B = 1233,129 und C = −40,953 im Temperaturbereich von 215 bis 334 K und mit A = 4,56992, B = 1486,455 und C = −8,612 im Temperaturbereich von 334,4 bis 527 K.[46] Es hat eine größereDichte alsWasser und ist nur wenig darin löslich. Die Mischbarkeit mit Wasser ist begrenzt. Mit steigender Temperatur sinkt dieLöslichkeit von Chloroform in Wasser bzw. steigt die Löslichkeit von Wasser in Chloroform.[47]
Chloroform wird durch Sauerstoff unter Lichteinfluss photochemisch zersetzt, dabei entstehenPhosgen,Chlor undChlorwasserstoff. Die Zersetzung kann jedoch auch durch Gammastrahlen sowie Ultraschall in Form einer Kettenreaktion in Gang gebracht werden.[49] Handelsübliches Chloroform enthält 0,5–1,0 % Ethanol alsStabilisator, um entstehendes Phosgen chemisch abzufangen.
Aceton und (das ähnlich riechende) Chloroform dürfen nicht in höheren Konzentrationen gemischt werden, weil es in Gegenwart von Spuren basisch reagierender Stoffe zu einer sehr heftigen Reaktion kommen kann, bei der1,1,1-Trichlor-2-methyl-2-propanol (α,α,α‐Trichlor‐tert‐butanol) entsteht. Auch aus diesem Grund sollen im Labor chlorierte und nicht chlorierte Lösemittelabfälle getrennt gesammelt werden.[50]
Chloroform ist giftig und kann durch Einatmen, Hautkontakt oder Verschlucken leicht aufgenommen werden. Der Geschmack wird als süßlich bezeichnet.[45] Zu den Zielorganen der Toxizität Chloroforms zählenLeber undNieren. Beim Einatmen der flüchtigen Flüssigkeit kommt es zu Reizungen, weiterhin wirkt es auf dasZentralnervensystem. Der Geruch von Chloroform kann ab 200 ppm wahrgenommen werden, ist aber kein zuverlässiger Indikator für die Gefahr. Nach wenigen Minuten bei Exposition zu 1000 ppm zeigen sich Symptome wieKopfschmerz,Müdigkeit undSchwindel bis hin zuÜbelkeit. In höheren Konzentrationen wirkt Chloroformnarkotisch, bei 14.000 ppm (1,4 %) tritt eine Vollnarkose ein. Während dieser kann der Tod durchHerzrhythmusstörungen undHypoventilation eintreten.[1] Bereits Anfang 1848 gab es den ersten Bericht über eine tödlich verlaufene Narkoseeinleitung mit Chloroform. Im Jahr 1850[53] waren mindestens elf Chloroformtodesfälle bekannt.[54] Noch höhere Konzentrationen führen zurErstickung. Es wurden auch Nierenschädigungen und, in tödlichen Fällen, Leberschädigungen beobachtet. Schwere Vergiftungen äußern sich inBewusstlosigkeit undAtemversagen. Dieletale Dosis für einen erwachsenen Menschen bei oraler Aufnahme liegt Schätzungen zufolge bei rund 30 ml bzw. 45 g.[1]
Bei Arbeiten mit Exposition gegenüber Chloroform wurde ab Konzentrationen von 16–32 ppm in der Luft einehepatotoxische Wirkung festgestellt. Bereits bei einer Expositionsdauer von weniger als 4 Monaten wurde vonHepatitiden berichtet. Bei längeren Expositionen von 1–4 Jahren gegenüber 2–202 ppm wurden ebenfalls Leberschädigungen, darunter Hepatitis, beobachtet, weiterhin wurde bei einem Viertel aller Exponierten eineHepatomegalie dokumentiert. Hepatotoxische Wirkungen konnten bei einer Konzentration von 2,6 ppm nicht festgestellt werden, bei 6 ppm oder unterhalb sind solche Effekte unwahrscheinlich.[1]
DieInternationale Agentur für Krebsforschung stuft Chloroform in die Gruppe 2B (möglicherweise krebserregend) ein.[55] Es gibt zwar Anhaltspunkte in Tierversuchen, epidemiologische Daten beim Menschen zurKarzinogenität von Chloroform fehlen allerdings. Bei Einatmen verursachte Chloroform bei männlichen MäusenNierentumore, beim gleichen Expositionsweg wurden bei Ratten allerdings keine solchen Wirkungen festgestellt. Bei oraler Exposition verursachte Chloroform bei Ratten jedochTumoren in den Nieren und in der Schilddrüse, während sich bei MäusenLebertumore häuften. In Hunden wurde bei oraler Gabe keine krebserregende Wirkung festgestellt.[1]
Auch bezüglich derMutagenität von Chloroform sind die Ergebnisse von Studien uneinheitlich, positive Ergebnisse auf eine schwach mutagene undklastogene Wirkung wurden bei hohen Dosierungenin vitro festgestellt. Eineteratogene Wirkung von Chloroform ist vermutlich vorhanden, Versuche an Ratten liefern positive Ergebnisse.[1]
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