
Carte de Cassini, auchCarte de France de l’Académie, heißt das ersteKartenwerk, dasFrankreich auf der Basis einer genauengeodätischen Vermessung darstellte. Es ist im Wesentlichen das Werk vonCésar François Cassini de Thury (Cassini III) und seinem SohnJean Dominique Comte de Cassini (Cassini IV). Die Veröffentlichungen begannen 1747 mit einer Übersichtskarte, die Erstellung und Veröffentlichung der Einzelblätter erstreckte sich mit Unterbrechungen bis 1818. Auch heute noch wird sie von Personen mit Interesse an historischen Karten benutzt und ist im französischenGeoportal online einsehbar.[1]
Der Ursprung des Kartenwerkes kann auf KönigLudwig XIV. zurückverfolgt werden. Dessen MinisterJean-Baptiste Colbert hatte dieAcadémie Royale des Sciences im Dezember 1666 gegründet und ihren Mitgliedern 1668 mitgeteilt, er wünsche genauere Karten von Frankreich als die bis dahin gebräuchlichen und bitte, die dazu notwendigen Maßnahmen vorzubereiten.[2]
In den Jahren 1669 und 1670 führteJean Picard deshalb auf demMeridian von Paris eineGradmessung mittelsTriangulation und erstmals mitQuadranten durch, dieMessfernrohre mitFadenkreuzokularen undMikrometer hatten und dadurch eine bis dahin nicht mögliche Präzision erreichten. Diese Messstrecke wurde später als derMeridianbogen Paris–Amiens bezeichnet.[3][4] Daraus und aus astronomischen Ortsbestimmungen, die Picard undPhilippe de La Hire in den Jahren 1679 bis 1682 durchführten[5] sowie aus örtlichen Vermessungen einzelner Küstenabschnitte entstand dieCarte de France corrigée par Ordre du Roy sur les observations de Messieurs de l'Académie des Sciences (Karte Frankreichs, gemäß dem Befehl des Königs entsprechend den Beobachtungen der Herren der Académie des Sciences korrigiert). Sie wurde von La Hire 1682 der Académie und dem König vorgestellt, der daraufhin scherzhaft geäußert habe, dass «ces Messieurs de l'Académie lui avaient enlevé une partie de ses États» (diese Herren der Akademie ihm einen Teil seines Staates weggenommen haben).
Picard hatte schon darauf hingewiesen, dass die notwendige Genauigkeit eine Gradmessung durch ganz Frankreich erfordere.[6] Colbert beauftragte deshalbJean-Dominique Cassini (Cassini I), den südlichen Teil bisPerpignan undPhilippe de la Hire, den nördlichen Teil bisDünkirchen zu vermessen. Diese Gradmessung wurde späterMeridienne de Paris (Meridian von Paris) genannt. Die Arbeiten wurden jedoch infolge von Colberts Tod 1683 beendet. 1700 befahl Ludwig XIV. die Fortsetzung der Arbeiten, bei denen Cassini nun durch seinen SohnJacques Cassini (Cassini II) unterstützt wurde, die aber schon 1701 wieder eingestellt werden mussten, da die verfügbaren Mittel für denSpanischen Erbfolgekrieg benötigt wurden. Nach dem Tod von Cassini I (1712) und von Ludwig XIV. (1715) wurde die Vermessung 1718 unter der Regentschaft desDuc d’Orléans durch Jacques Cassini,Giacomo Filippo Maraldi und La Hires Sohn fortgesetzt und beendet. In Cassinis 1720 veröffentlichter Beschreibung dieser Gradmessung sind detaillierte Karten der Triangulation und eine vollständigeCarte de France enthalten.[7]
1733 wurde Jacques Cassini (Cassini II) von Philibert Orry, Ministre d'État etContrôleur général des finances, beauftragt, die für die genaue Bestimmung dergeographischen Länge erforderliche Quertriangulation vorzunehmen. Er vermaß daher die Strecke von Paris westwärts bis nachGranville undSaint-Malo, die in etwa dem senkrecht zum Meridian von Paris verlaufendenGroßkreis folgte, und im folgenden Jahr die Strecke nachStraßburg.[8][9][10]
Bei diesen Vermessungen tauchte immer wieder das große physikalische Problem der damaligen Zeit auf, ob die Erde an den Polenabgeplattet sei. Deshalb entsandte die Académie 1735 eine Expedition nachPeru unterBouguer,La Condamine undGodin und 1736 eine nachLappland unterMaupertuis. Die Berichte von Maupertuis (1737) und Bouguer (1749) klärten die Frage endgültig im Sinne einer Abplattung.[11]
Währenddessen wurden die Triangulationen in Frankreich fortgesetzt durch nord-südliche Strecken von Saint-Malo nachNantes und durchLyon sowie durch vier west-östliche Strecken auf der Höhe vonAmiens,Orléans, Lyons undBayonne. In den Jahren 1736 bis 1740 wurden außerdem die Küsten und die Landesgrenzen trianguliert.[11][12][13]
Nachdem die Form der Erde endgültig geklärt war, wiederholteCassini de Thury (Cassini III) 1739 abschließend die Messung des Meridian von Paris.[14]
Damit war eine präzise Grundlage aus 400 Dreiecken und 18 Basislinien für die anschließendenkartografischen Werke geschaffen worden.

In den folgenden Jahren führte Cassini de Thury verschiedene ergänzende Triangulationen durch. 1744 erstellte er dieNouvelle Carte Qui Comprend les principaux Triangles qui servent de Fondement à la Description Géométrique de la France Levée par ordre du Roy par Messrs. Maraldi et Cassini de Thury, de l'Académie Royale des Sciences (Neue Karte, die die wesentlichen Dreiecke enthält, die die Grundlage der geometrischen Beschreibung Frankreichs bilden, ausgeführt gemäß der Anordnung des Königs von Herren Maraldi und Cassini de Thury, (Mitglieder) der Académie Royale des Sciences), die er 1745 der Académie vorstellte. Sie fasste erstmals sämtliche Triangulationen zusammen. Ihr Maßstab war ungefähr 1 : 1.799.000. IhreKartusche war nicht datiert und wurde später erneut verwendet, was zu Verwirrungen führt.[11] Sie enthielt nun fast 800 Dreiecke und 19 Basislinien. Dennoch wies sie leere Bereiche auf. Cassini de Thury wollte sie nicht mit anderen, existierenden Kartenwerken füllen, sondern zog es vor, sich auf die mit eigenen Mitteln durch Triangulation ermittelten Ergebnisse zu beschränken.[15]
1747 veröffentlichte Cassini de Thury eine Karte, die nicht mehr nur die Dreiecke enthielt, sondern auch Orte und Flüsse darstellte (Carte qui comprend tous les lieux de la France qui ont été déterminés par les opérations géométriques (Karte, die alle Orte Frankreichs enthält, die mit geometrischen Mitteln erfasst wurden)).[16] Sie bestand aus 18 Blättern von 141 × 126 cm; ihr Maßstab war 1 : 878.000.
Auf ihrer Grundlage veröffentlichtePhilippe Buache, ebenfalls Mitglied der Académie Royale des Sciences, im gleichen Jahr dieCarte de France dressée sur les observations de Mrs de l'Académie Royale des Sciences, in der erstmals ganz Frankreich geographisch korrekt mit Städten und Flüssen dargestellt wurde.
Cassinis Karte von 1747 enthielt auch jene TeileFlanderns, die er während desÖsterreichischen Erbfolgekrieges fürLudwig XV. bzw. für dessen Generäle unter demMarschall von Sachsen kartographiert hatte. Ludwig XV. war vom militärischen Wert dieser Karte und der zugehörigen Detailkarten von den Schlachtfeldern so angetan, dass er Cassini mit der Erstellung eines Kartenwerks für Frankreich im Maßstab1ligne : 100toises bzw.1 : 86.400 (1 toise = 846 lignes) beauftragte. Die Herstellung sollte 20 Jahre dauern, für die Ludwig XV. ein jährliches Budget von 40.000 Livre zusicherte.
Nach demFrieden von Aachen erhielt Cassini die ersten Gelder, mit denen er Vermessungsfachleute für die kleinteilige Aufnahme des Landes, Zeichner, Graveure, Drucker usw. bezahlen konnte. Seine eigentliche Arbeit begann etwa 1750.[11]
Sechs Jahre später präsentierte er dem König im Schloss vonCompiègne die beiden ersten Karten, die von Paris und die nördlich anschließende Karte von Beauvais. Der König war zufrieden, aber eröffnete ihm, dass sein Contrôleur GénéralMachault d’Arnouville wegen desSiebenjährigen Krieges in Zukunft kein Geld mehr für die Karten bereitstellten könne.

Cassini de Thury beschloss darauf – mit des Königs Einverständnis –, die Karten selbst herauszugeben. Dazu gründete er eine Gesellschaft von fünfzig hochrangigen Mitgliedern, darunterMadame de Pompadour, die sich verpflichteten, die zur Fertigstellung der Karten erforderlichen Beiträge zu leisten.[17] Die Gesellschaft wurde ordentlich verwaltet; die Blätter konnten teurer als die damals üblichen Karten verkauft werden. Später, im Jahre 1780, gab es anstatt der Gesellschafter 203Subskribenten. Alle Kartenblätter wurden von der Académie Royale überwacht. Die Originale wurden im Depot desPariser Observatoriums verwahrt.
Die Anfertigung der Kartenblätter ging stetig voran. 1783 veröffentlichte Cassini de Thury eine umfassende Beschreibung der Arbeit.[18]
Cassini de Thury erlebte die Fertigstellung seines großen Werkes allerdings nicht mehr. Als er 1784 an denPocken starb, waren etwa 150 Blätter veröffentlicht. Sein SohnJean Dominique, der schon zehn Jahre lang mitgearbeitet hatte, führte die Arbeit fort.
Die Geländeaufnahme war 1789 abgeschlossen.Savoyen gehörte damals nicht zu Frankreich und wurde daher nicht aufgenommen, auchKorsika und dieÎle d’Yeu wurden nicht berücksichtigt. Die letzten Blätter im Format 75 cm × 105 cm wurden 1815 veröffentlicht.[19] Dass es so lange dauerte, lag auch daran, dass die Karten zu Beginn derKoalitionskriege aus Geheimhaltungsgründen beschlagnahmt und vom Pariser Observatorium in dasDépôt de la Guerre verbracht wurden.
Die Kartenblätter wurden aufKupferplatten in Schwarzweiß gedruckt. Verschiedene Blätter wurden anschließend von Handkoloriert und erfreuten sich großer Beliebtheit.