Britisch-Indien


Britisch-Indien (englischBritish India oderBritish Raj, ausHindi [राज]rāj [rɑːdʒ]Listenⓘ/?)[1] bezeichnet im engeren Sinne dasBritische Kolonialreich auf dem indischen Subkontinent zwischen 1858 und 1947. Britisch-Indien entstand nach der Niederschlagung derIndischen Rebellion von 1857, indem die bisherigen Besitzungen derBritischen Ostindien-Kompanie in eineKronkolonie umgewandelt wurden.Zur Zeit seiner größten Expansion umfasste Britisch-Indien nicht nur das Gebiet der heutigen RepublikIndien (gegründet 1947), sondern auch die Gebiete der heutigen StaatenPakistan,Bangladesch,Bhutan,Myanmar und Teile vonKaschmir (unter der gegenwärtigen Kontrolle derVolksrepublik China). Kleinere Gebiete unter der Kontrolle anderer Staaten auf dem indischen Subkontinent warenPortugiesisch-Indien undFranzösisch-Indien.Niederländisch-Indien bezieht sich auf das heutigeIndonesien (sieheNiederländische Besitzungen in Südasien).
Im Jahr 1876 wurde KöniginVictoria von Großbritannien zurKaiserin von Indien ausgerufen, und das Kaiserreich Indien(Indian Empire) galt als das „Kronjuwel des britischen Empire“(the Jewel in the Crown of the British Empire).Eine Besonderheit Britisch-Indiens war, dass nur etwa zwei Drittel seiner Bevölkerung und die Hälfte der Landfläche unter direkter britischer Herrschaft standen. Der Rest befand sich unter der Herrschaft von einheimischen Fürstendynastien, die in einem persönlichen Treueverhältnis zur britischen Krone standen. Es gab insgesamt mehr als 500 solcherFürstenstaaten, die sehr unterschiedlich groß waren. MancheMaharadschas herrschten nur über einige Dörfer, einige dagegen über ausgedehnte Länder mit Millionen Untertanen.Unter der BezeichnungIndien war diese Union Teilnehmer beider Weltkriege, Gründungsmitglied desVölkerbundes, derVereinten Nationen und Teilnehmer derOlympischen Spiele von1900,1920,1928,1932 und1936.
1947 erlangte Britisch-Indien seine Unabhängigkeit und durch dieTeilung Indiens wurde es in zweiDominions aufgespalten, dieIndische Union undPakistan. Die ProvinzBurma (das heutige Myanmar) im Osten Britisch-Indiens war bereits 1937 zu einer eigenständigen Kolonie erklärt worden, die schließlich 1948 die Unabhängigkeit erlangte.[2][3]Bangladesch war bis 1971 alsOst-Pakistan Provinzialstaat von Pakistan und erlangte infolge desBangladesch-Krieges seine Unabhängigkeit.
Geschichte
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]Ausgangssituation
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]Erstmals kamen die Briten zu Beginn des 18. Jahrhunderts als Handelsmacht nach Indien. Vorher hatte es in Indien lediglich kleinere Kolonien wie die der Portugiesen oder Niederländer gegeben. Im frühen 18. Jahrhundert war dieMogul-Herrschaft bereits in einer starken wirtschaftlichen und politischen Krise und deshalb stark ins Schwanken geraten. Währenddessen etablierten sich die Briten als Regionalmacht in Indien, jedoch alles im Namen des Mogulherrschers. Es kam zu keiner direkten Kolonialisierung, jedoch wurde der Einfluss der Briten mit der Zeit immer stärker. Nach dem Zerfall derMogulmacht mit dem TodeAurangzebs im Jahr 1707 stieg das Reich derMarathen (1674–1818, gegründet vonShivaji) in Südwestindien auf. Die Marathen waren die letzte indische Großmacht vor der britischen Herrschaft, die in denMarathenkriegen zwischen 1775 und 1818 besiegt wurden. Neben ihnen spielten noch die Machthaber vonHyderabad undMysore eine Rolle in der indischen Politik, wobei die Fiktion eines weiter bestehenden Mogulreiches bis 1857 aufrechterhalten wurde, weil es den legalen Rahmen jeder Herrschaft bildete.
Die ostindische Kompanie
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts dehnten dieBriten bzw. die Britische Ostindien-Kompanie nach Verdrängung derFranzosen (Karnatische Kriege) undPortugiesen (Goa) ihren Machtbereich in Indien aus.[4] Zunächst sicherten sie unterRobert Clive, 1. Baron Clive nur ihre Handelsinteressen inBengalen ab, doch aus einem reinen Engagement imIndienhandel entwickelten sich handfeste Machtinteressen. Die Kompanie mischte sich in die Streitigkeiten der indischen Fürsten ein (Schlacht bei Plassey 1757) und übernahm von den Mogulkaisern das Steuerprivileg in Bengalen. 1758 hatte es Clive noch abgelehnt, 1765 nahm er es an.

Bald erwiesen sich die Briten als ehrgeizige und flexible Machthaber. 1769 kamWarren Hastings, er wurde 1771 Gouverneur von Bengalen und wies seine Leute an, die Verwaltung zu übernehmen: bis dahin hatte sich die Kompanie hinter der fiktiv aufrechterhaltenen Herrschaft desNawabs versteckt. Er und seine Nachfolger verknüpften indische Soldaten mit europäischer Kriegsführung und britische Handelsgewinne mit indischen Steuern, bekämpften die (bei Indern und Briten gleichermaßen weitverbreitete)Korruption, schlossen Schutzverträge ab und übernahmen immer mehr Landstriche. Wo sie nicht selbst an der Macht waren, dienten Beamte der Ostindien-Kompanie als Berater.
Die Briten konnten dabei mit dem Amt desGeneralgouverneurs und seines Beratungsgremiums (1773, nach 1784 dann ein Aufsichtsrat in London) eine einheitliche Politik organisieren. Auf der Gegenseite stand ein von vielen Konflikten zerrissenes Indien, in dem sich immer eine Partei fand, die bereit war, mit den Briten zu paktieren. Der technologische Vorsprung durch die industrielle Revolution trat hinzu und seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts konnte die Ostindische Kompanie so immer weitere Teile Indiens unter ihre Kontrolle bringen. 1803 fiel Delhi an die Briten, womit auch der Mogulkaiser (nach wie vor der nominelle Herrscher Indiens) deren Kontrolle unterstand.Mit den großen Gebietseroberungen wurde die Kompanie immer desorganisierter. Ihre Angestellten wurden durch Bestechungsgelder von indischen Fürsten und den Privathandel Millionäre,[5] während die Kriegskosten von den Aktionären gedeckt werden mussten und die Kompanie hoch verschuldet war. Mehrere Gesetze wandelten die Ostindische Kompanie daher 1773(Regulating Act), 1784(India Act), 1793, 1813 (weitreichende Abschaffung des Handelsmonopols), 1833/4 (Verwaltungskörperschaft ohne Handelskontore) von einer Handelsgesellschaft schrittweise in eine autonome Verwaltungsorganisation unter Kontrolle der britischen Regierung. Die Handelsangestellten wurden durch Beamte ersetzt und Indien dem britischen Handel geöffnet, womit das Monopol der Gesellschaft gebrochen war.
Anpassungsversuche
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Der Erfolg der Briten war mühsam erkauft, vor allem konnten sie die auseinandergehenden kulturellen Vorstellungen der Verwaltung zunächst nicht verbinden. So ließ Warren Hastings dasislamische Strafrecht bestehen, weil es einfach zu handhaben war. Ab 1774 gab es dann einen Obersten Gerichtshof nach englischem Gesetz, der aber nach einer Festlegung von 1781 nur für Europäer galt. Die grausamsten Strafen des islamischen Gesetzes (Pfählen,Verstümmeln) wurden abgeschafft, aber bis 1861 gab es kein verbindliches Strafgesetzbuch; die Briten verließen sich vielmehr auf einheimische Rechtsexperten. Englisch wurde erst in den 1830er Jahren zur Verwaltungssprache, davor war es das Persische. Alles in allem waren die Briten bis weit ins 19. Jahrhundert hinein nicht in der Lage, die Verwaltung zu ordnen und zu vereinheitlichen: Es gab nicht benötigte Ämter, widersprüchliche Verträge, falsche Interpretationen früherer Rechtspraxis usw. – kurz ein Chaos in allen Besitz-, Steuer-, Amts- und Hoheitsfragen.
Auch bemühte man sich in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts, das altehrwürdigeLandwirtschaftssystem Indiens dem europäischen System des Grundbesitzes anzupassen. Somit wurde eine Verschuldung des Bodens durchSpekulantentum eingeleitet (Boden konnte unter den Briten bei Zahlungsunfähigkeit verkauft werden; 1793 „dauerhafte Verpachtung“ schafft neue Grundeigentümer).
Lord Dalhousie und der Weg zum großen Aufstand 1857
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]Im Laufe des 19. Jahrhunderts traten Beamte (z. B. Justizminister Lord Macaulay), die sich die Umwandlung Indiens im englischen Sinne und die Vermittlung fortschrittlicher, christlicher Werte ins Programm schrieben, an die Stelle der Geschäftsleute, die sich einst um intensive Sprach- und Landeskenntnisse bemühten. Zum Beispiel wurden 1834 die bis dahin üblichen Ehen und gesellschaftlichen Beziehungen mit Indern verboten und eine Trennung zwischen den beiden Gruppierungen eingeführt.Ein wichtiger Schritt war die Kartierung des Subkontinents.George Everest setzte denGreat Trigonometric Survey, begonnen vonLambton 1806, ab 1823 bis 1841 fort. 1832 führte er die ebenfalls von Lambton begonnene indischeMeridiangradmessung,The Great Arc, bis 1841 durch. Dieser umfasst mehr als 21° von der Südspitze Indiens bisNepal nördlich vonDehradun (2,400 km).
Lord Dalhousie übte 1848–1856 das Amt des Generalgouverneurs aus. Er schuf mit großer Energie ein enges Gewebe einer straff organisierten Verwaltung. Die alten Freiräume der Art „Schafft Ordnung im Land, macht die Leute glücklich und sorgt dafür, dass es keinen Spektakel gibt“ gab es für die Beamten (viele davon auch im zivilen Bereich arbeitende Offiziere) nun nicht mehr. Die in Indien gültige Praxis derAdoption von Thronfolgern wurde dem Einspruchsrecht des Generalgouverneurs unterworfen und Lord Dalhousie annektierte so eine Handvoll dieser abhängigenFürstenstaaten (sog.Doctrine of Lapse). Daneben gab es inAvadh (Hauptstadt:Lucknow, heute Teil vonUttar Pradesh) eine wiederholt angeprangerte Misswirtschaft, die ihm zum Vorwand diente, es 1856 ebenfalls zu annektieren (wenn auch diesmal auf Anweisung seiner Direktoren inLondon hin).

Die Klasse der Grundeigentümer war ebenfalls von den Reformen des Lords betroffen. ImDekkan wurden rund 20.000 Grundstücke teils unter zweifelhaften Ansprüchen enteignet, ohne dass man althergebrachte Werte und Sitten respektierte und Ungerechtigkeiten ausglich. (DenJats in der Umgebung von Delhi hatte man ihr Weideland z. B. steuerlich wie Ackerland veranlagt – sie litten unter der Steuer.) In den Gefängnissen wurde die Kastentrennung aufgehoben, indem man alle miteinander essen ließ. DieBrahmanen wurden durch moderne westliche Erziehung um ihre Autorität gebracht.
Die Folgen dieser energischen Politik spürte man imSepoy-Aufstand. Dieser Aufstand wird verschiedentlich als erste Unabhängigkeitsbewegung gegen die Briten gesehen, da er auf dem Widerstand gegen Beschneidung angestammter Rechte und Traditionen beruhte. Es gab nicht nur eine Unzufriedenheit, die sich durch alle Kasten zog, sondern auch die angestammte Führerschaft, für einen Aufstand:Nana Sahib, verantwortlich, für dasMassaker an englischen Frauen und Kindern inKanpur, war z. B. der Adoptivsohn des letztenPeschwasBaji Rao II. und wurde durch Dalhousies Politik um seine Rente gebracht. Er hatte einen fähigen General namensTantia Topi. DieRani vonJhansiLakshmibai, eine legendäre Aufstandsführerin, war um die Nachfolge ihres Adoptivsohnes gebracht worden. Auch der Exkönig von Avadh hatte seine Agitatoren in den Sepoy-Regimentern und viele Sepoys stammten von dort.Die nach europäischem Vorbild ausgebildeten indischen Soldaten (Sepoy) wurden von Briten befehligt und zählten 1830 187.000 Mann gegenüber 16.000 Briten. Inder konnten lediglich bis zum Kompanieführer aufsteigen. Das Kräfteverhältnis am Vorabend des Aufstandes war wie folgt: 277.746 Sepoys gegen 45.522 britische Soldaten. Trotzdem siegten die Briten und im Nachhinein begründete die Politik Dalhousies nicht nur die Zeit des imperialistischen Britisch-Indien, sondern auch den modernen indischen Einheitsstaat.
Nach dem Sepoy-Aufstand
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Nach dem Sepoy-Aufstand 1857/58 endete die Herrschaft der Ostindien-Kompanie, ihre letzten Machtbefugnisse bzw. Sonderrechte wurden an die Krone übertragen.
Dies geschah mit demGovernment of India Act 1858, den das britische Parlament am 2. August 1858 auf Antrag von PremierministerPalmerston verabschiedete. Kernpunkte des Gesetzes waren:
- die Übernahme aller Territorien in Indien von der Ostindien-Kompanie, die zugleich die ihr bisher übertragenen Macht- und Kontrollbefugnisse verlor.
- die Regierung der Besitzungen im Namen der KöniginVictoria alsKronkolonie. Es wurde einSecretary of State for India an die Spitze desIndia Office, das von London aus die behördliche Verwaltung beaufsichtigte, gestellt.
- die Übernahme allen Vermögens der Gesellschaft und das Eintreten der Krone in alle zuvor geschlossenen Verträge und Abmachungen.
Gleichzeitig wurde der letzte MogulkaiserBahadur Shah II. abgesetzt. Von nun an regierte der Rat des Generalgouverneurs, welcher demIndia Office in London unterstand. Den Indern wurden dieselben Rechte wie den Briten zugesagt und auch der Zugang zu allen Regierungsposten. Tatsächlich aber machten es scharfe Aufnahmebedingungen den Indern in der Regel fast unmöglich, höhere Positionen in der Verwaltung zu erlangen. Die Fürstenstaaten konnten wieder durch Adoption weitervererbt werden.
Kaiserreich
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]1876 nahmKönigin Victoria von Großbritannien den Titel „Kaiserin von Indien/Kaisar-i Hind“ an und dokumentierte damit, dass Indien zur Hauptstütze desbritischen Weltreiches geworden war. Der Kaisertitel wurde nicht zuletzt geschaffen, um eine Art legale Basis für die britische Herrschaft zu schaffen: schließlich hatte die Ostindische Kompanie bis zuletzt im Namen des Mogulkaisers regiert. Das „Kaiserreich Indien“ war geteilt in die Gebiete unter direkter Kontrolle (knapp 2/3 des Landes) und in die Gebiete unter einheimischen Fürsten, den sogenanntenFürstenstaaten (Princely States oderNative States). Daher wurde für den Generalgouverneur 1858 der zusätzliche TitelVizekönig eingeführt.
Im 19. Jahrhundert fielBirma nach mehreren Kriegen (1852, 1866 und 1886) unter britische Herrschaft und wurde am 1. Januar 1886 Teil von Britisch-Indien. Der letzte König von Birma wurde mit seiner Familie durch die britische Besatzung ins Exil nach Indien geschickt, wo er auch starb.Auch gab es immer wieder langwierigeKämpfe an der Nordwestgrenze zuAfghanistan, wo auch dem befürchtetenrussischen Vordringen begegnet werden sollte. Eine direkte Kontrolle über Afghanistan erwies sich aber als undurchführbar. 1893 wurde dieDurand-Linie gezogen, die bis heute die Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan bildet.[6]
Verwaltungsgliederung
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An der Spitze der Provinzverwaltungen stand je nach Größe einGouverneur oder(Chief) Commissioner:
- Ajmer-Merwara: 1871 von den Nordwestprovinzen getrennt.
- Belutschistan: Die unter direkter Herrschaft stehenden Teile Belutschistans wurden 1887 als Provinz organisiert, erster Kommissar wurdeRobert Groves Sandeman.
- Bengalen(Bengal): 1765 Präsidentschaft der Britischen Ostindien-Kompanie. Nach den Kriegen gegen die Marathen erweitert. 1858 Provinz, umfasste auch das heutige Bihar. 1874, 1905–1912 geteilt, bei Wiedervereinigung der Kernlande wurdenBihar undOrissa abgetrennt.
- Berar: Territorium desNizam von Hyderabad, ab 1853 unter britischer Verwaltung, 1903 mit den Zentralprovinzen vereinigt.
- Bombay: 1668 Präsidentschaft der Britischen Ostindien-Kompanie. In den Kriegen gegen dieMarathen erweitert. 1858 Provinz.
- Delhi, wurde nach dem Umzug der Regierung von Kalkutta zum 30. September 1912 eigene Provinz(Delhi Imperial Enclave) aus dem Punjab ausgegliedert, das Gebiet 1915 erweitert.
- Madras (amtlichPresidency of Fort St. George): 1640 gegründet, 1652 Präsidentschaft der Britischen Ostindien-Kompanie, Ende des 18. Jahrhunderts stark erweitert. 1858 Provinz.
- Mysore &Coorg: 1869–1881, danach wieder eigene Fürstenstaaten.
- Nagpur: 1853 aus einem annektierten Fürstenstaat geschaffen, 1861 an die Zentralprovinzen angeschlossen.
- Nordwestprovinzen (North-Western Provinces, HauptstadtAgra): 1835 von der Präsidentschaft Bengalen abgetrennt; 1877 gemeinsame Verwaltung mit Oudh; 1902 formelle Vereinigung der beiden Provinzen und Umbenennung inUnited Provinces of Agra & Oudh (‚Vereinigte Provinzen von Agra und Oudh‘).
- Oudh: 1857 annektierter Fürstenstaat, seit 1877 von den Nordwestprovinzen verwaltet.
- Punjab: 1849 aus in denSikh-Kriegen erworbenen Territorien gebildet. 1901 verkleinert, als die North-West Frontier Province (Nordwest-Grenzprovinz) gebildet wurde.
- Zentralprovinzen(Central Provinces): 1861 aus der Vereinigung vonNagpur mit denSaugor- und Nerbudda-Territorien entstanden. Nach dem Anschluss von Berar 1903 inCentral Provinces and Berar umbenannt.
- Randgebiete
- Aden undPersian Gulf Residency: 1932 von der Präsidentschaft Bombay getrennt; Ersteres wurde 1937 eigenständige Kronkolonie.
- Assam: 1874 von Bengalen abgetrennt, 1905 vergrößert und inEastern Bengal & Assam umbenannt.
- Andamanen und Nikobaren: 1872 als eigene Provinz organisiert.
- Birma:Lower Burma (Unter-Birma) 1862 gebildet ausArakan,Pegu undTenasserim, 1886 umUpper Burma (Ober-Birma) erweitert, 1937 vom Kaiserreich Indien abgetrennt und zur eigenständigen Kronkolonie erhoben.
Verwaltung nach 1919
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]Nach den Bestimmungen desGovernment of India Act von 1919 (in Kraft ab dem 1. April 1921) bestanden elf Provinzen unter einem Gouverneur(Governor’s Provinces). Dieser war dem Londoner Parlament verantwortlich und für fünf Jahre ernannt. Beigegeben war ihm einCouncil mit zwei bis vier ernannten Mitgliedern. Sofern Inder gewisse Fragen entscheiden durften, stellten sie zwei bis drei Fachminister. Jede Provinz hatte einLegislative Council, das im dreijährigen Turnus gewählt wurde. 1935 wurden die ProvinzenSindh (HauptstadtKaratschi) undOrissa neu geschaffen. DieNorth-West Frontier Province (NWFP) wurde am 9. November 1901 aus demPunjab ausgegliedert und vonPeschawar aus verwaltet.
Die Provinzen zerfielen weiter inDivisions unter Kommissaren(Commissioner), in Madras wurden sie alsCollectorates bezeichnet. Diese waren wiederum inDistricts (1935: 273) unterteilt, deren gesamte Verwaltung von einemDistrict Officer oderDeputy Commissioner geleitet wurde.Sindh wurde 1936 vonBombay getrennt.Panth-Piploda wurde 1942 vom FürstenstaatJaora abgetreten.
- Volksvertretungen
Provinzen (vor 1935)[7] | Hauptstadt (S: im Sommer) | Abgeordnete imCouncil of State (ernannt/gewählt) | Abgeordnete imLegislative Council (ernannt/gewählt) | Abgeordnete des Provinzparlaments Gesamt (ernannt/gewählt) | Anzahl Fürstenstaaten |
---|---|---|---|---|---|
Madras | Madras, S: Ootacamund | 2 / 5 | 4 / 16 | 132* (34 /098) | — |
Bombay | Bombay, Poona; S: Mahabaleshwar | 2 / 6 | 6 / 16 | 114* (28 /086) | 152 |
Bengalen | Kalkutta, S: Darjeeling | 2 / 6 | 5 / 17 | 140 (26 / 114) | — |
United Provinces of Agra and Oudh | Allahabad, S: Nainital | 2 / 5 | 3 / 11 | 123* (23 / 100) | — |
Punjab | Lahore, S: Shimla | 3 / 3 | 2 / 12 | 094* (23 /071) | 021 |
Bihar & Orissa | Patna, Ranchi | 1 / 4 | 2 / 12 | 103 (27 /076) | 026 |
Central Provinces (mit Berar) | Nagpur, S: Pachmarhi | - / 2 | 3 /06 | 073* (18 /055) | 015 |
Assam | Shillong | - / 1 | 3 /06 | 053 (14 /039) | 016 |
In Birma hatten Frauen zwar 1923 das Wahlrecht erhalten.[8] Dieses war aber, ebenso wie bei Männern, einZensuswahlrecht, das vom Steueraufkommen abhing. Da nur Männern eineKopfsteuer auferlegt wurde und daher wesentlich mehr Männer als Frauen Steuer bezahlten, kann hier nicht von vergleichbaren Kriterien für die Geschlechter gesprochen werden.[9] Frauenwahlrecht mit hoher Einkommensqualifikation bestand auch auf gesamt-indischer Ebene und zu den mit * gekennzeichneten Legislaturen.
Dazu kamen fünf Provinzen, denen ein auf drei Jahre ernannterChief Commissioner vorstand; ohne Volksvertretung unterstanden sie direkt der Zentralregierung:
- Andamanen und Nikobaren mit dem HauptortPort Blair, dessen berüchtigtes GefängnisCircular Jail zur Verbannung politischer Gefangener genutzt wurde. Zu den 28.000 Einwohnern (1937) kamen 6.158 Sträflinge; 1921 waren es 11.500 gewesen
- Ajmer-Merwana mit der SommerhauptstadtMount Abu
- Belutschistan, HauptstadtQuetta; dertahsil Quetta war bis 1879 Teil des StaatesKalat. 1886 kamen Bori, 1887 Khétran, 1889 Zhob und Kakar Khurasan, 1896 Chagai und West-Sinjrani, 1899 Nuski Niabat sowie 1903 Nasirabad hinzu.
- Der Status von Delhi blieb unverändert; es bestand eine Legislatur aus 41 ernannten und 104 gewählten Abgeordneten
- Coorg unterstand seit 1881 dem Residenten von Mysore. Die beratende Versammlung hatte 20 Mitglieder, von denen fünf aus dem Staatsdienst kamen.
Fürstenstaaten
Zu den als Protektorate unter verschiedenenAgencies zusammengefassten Fürstenstaaten (1941: 560, davon 119 mitSalutrecht).
Zeit der Unabhängigkeitsbewegung
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1885 wurde derIndische Nationalkongress (INC) gegründet, der zu Beginn lediglich die Funktion hatte, mit Anfragen und Bitten auf die Kolonialregierung zuzugehen. Es handelte sich zunächst um eine eher elitäre Vereinigung, „die westlich gebildet sowie von europäischem Denken geprägt war und darauf brannte, Regierungsverantwortung zu übernehmen“ (Gita Dharampal-Frick; Manju Ludwig und lima raja: Kolonialisierung und Unabhängigkeit, 153).[10] Im weiteren Verlauf der Geschichte war es dann ebendieser INC, der entscheidend auf die Unabhängigkeit Indiens einwirkte. Wegen des wachsenden Einflusses der Hindus im INC kam es 1906 zur Gründung der rivalisierendenMuslimliga. Der INC und die Muslimliga verfassten 1916 gemeinsam eine Erklärung mit Forderungen nach indischer Unabhängigkeit (Lucknow-Pakt). Diese wurde von der britischen Regierung im August 1917 mit einer politischen Absichtserklärung beantwortet, Indien einen allmählichen Übergang zur Selbstregierung zuzugestehen.
Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem 1,3 Millionen Mann derIndischen Armee auf britischer Seite kämpften, war das weiterhin unter britischer Herrschaft stehende Indien eines der Gründungsmitglieder imVölkerbund. MitMahatma Gandhi kam der INC zu seinem wohl bekanntesten und auch charismatischsten Führer. Er verstand es, eine große Menschenmenge zu bewegen und den Prozess der Unabhängigkeit Indiens auf eine nächste Ebene zu befördern. So kam es in der Zwischenkriegszeit zum gewaltlosen Widerstand gegen die britische Herrschaft. DieSwadeshi-Bewegung (abgeleitet aus dem Sanskrit: „swa“ – selbst, „desh“ – Land: eigenes Land) war eine von Gandhi unterstützte Strömung, die eine Bewegung des Boykotts ausländischer Produkte wie Stoffe, Kleidung und Salz war. Gandhi selbst kleidete sich in ein handgewebtes knielanges Hüfttuch, ein schlichtes Hemd und grobe Sandalen.[11]
Gandhi bemühte sich um die politische Einheit von Hindus und Muslimen, er träumte von einem einheitlichen, ungeteilten Indien. In seinen Bestrebungen um Unabhängigkeit waren religiöse und politische Motivationen auf eine eigentümliche Weise verschränkt. Beispielsweise waren seine politischen Maßnahmen stets „von religiösen Ritualen (Gebete, Fasten, Prozessionen) begleitet“ (Michael Bergunder: Pluralismus und Identität, 162).[12] 1919 fand dasMassaker von Amritsar statt, bei dem mindestens 379 Demonstranten von britischen Soldaten erschossen wurden. Zwischen 1920 und 1922 fand die sogenannteKampagne der Nichtkooperation statt, die von Gandhi initiiert wurde. 1930 fand der berühmteSalzmarsch statt. Doch trotz der großen nationalen wie auch internationalen Resonanz konnten keine weitreichenden Veränderungen in Bezug auf eine Mitregierung oder gar eine Unabhängigkeit erzielt werden. 1935 wurden imGovernment of India Act von 1935 Wahlen zu Provinzparlamenten in die Wege geleitet, die der INC 1937 in sieben von elf Provinzen gewann. Im selben Jahr wurdeBirma zur unabhängigen Kronkolonie erhoben.
Obwohl die indische Öffentlichkeit nicht mit denNationalsozialisten sympathisierte und Großbritanniens Haltung gegenüber Deutschland begrüßte, erklärten die führenden politischen Kräfte Indiens (wieSubhash Bose), nur in denKrieg eintreten zu wollen, wenn Indien im Gegenzug seine Unabhängigkeit erhalten würde. Der britische GeneralgouverneurLord Linlithgow erklärte beim Ausbruch des Zweiten Weltkrieges den Kriegszustand des Indischen Empire mit Deutschland, jedoch ohne die indischen Politiker zu konsultieren. Durch diesen Schritt wurde deutlich, wie wenig die bisher gewonnene Mitregierung im Bezug auf eine Selbstbestimmung bedeutete, sodass die Forderung nach Unabhängigkeit nach Kriegsende durch den INC laut wurde. Diese Forderungen wurden jedoch abgelehnt und die darauf folgenden Aufstände und Unruhen gewaltsam niedergeschlagen. Zu Beginn des Krieges hatte Indien eine Armee von rund 200.000 Mann, bei seinem Ende hatten sich 2,5 Millionen Mann gemeldet, die größteFreiwilligen-Armee im Zweiten Weltkrieg. In diesem Krieg verlor Indien nach offiziellen Zahlen 24.338 Soldaten, 64.354 wurden verwundet und 11.754 blieben vermisst. Aufgrund des kriegsbedingten Nahrungsmangels verhungerten schätzungsweise zwei Millionen Menschen (siehe auchHungersnot in Bengalen 1943).[13]
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es entgegen den Ankündigungen zu Verhandlungen über eine mögliche Unabhängigkeit Indiens. Beteiligt waren neben Mahatma Gandhi auch dessen NachfolgerJawaharlal Nehru als Vertreter des INC und auch Mohammed Ali Jinnah, der Führer der Muslimliga, der die Gründung Pakistans als Ziel verfolgte. Der unterschiedlichen Interessen und Vorstellungen wegen kam es zum Streit und einem plötzlichen Ende der Verhandlungen. Die Folge waren Unruhen zwischen Muslimen und Hindus, und da sich Großbritannien nicht imstande sah, Herr der Lage zu werden, wurde die Unabhängigkeit beider Staaten in Aussicht gestellt. Diese sollte eigentlich erst im Juni 1948 erfolgen, von britischer Seite aus entschied man sich spontan zu einer schnelleren Machtübergabe schon im Juni 1947. Nach derZwei-Nationen-Theorie (siehe auchMountbattenplan) wurde das Land dabei in einen hinduistischen Teil (das heutige Indien) und einen muslimischen Teil (das heutigePakistan)aufgeteilt. Zum damaligen Pakistan gehörte auch das heute unabhängigeBangladesch. Die überstürzte Machtübergabe und unüberlegte Grenzziehungen führten zu schwerwiegenden Konflikten zwischen beiden Staaten.
Dass es überhaupt zu einer Zwei-Nationen-Lösung kam, steht unter anderem in Verbindung mit den religiös-nationalen Interessen Gandhis. Für ihn stellte sich Indien „in erster Linie als eine religiöse Idee“ (Michael Bergunder: Pluralismus und Identität, 162)[14] dar. Den Hinduismus verstand Gandhi als eine inkludierende Religion. Es war für ihn klar, dass auch andere Religionen einen Weg zu Gott darstellten, jedoch galt für Gandhi zugleich, zumindest implizit, das Primat des Hinduismus. Ein Beispiel dafür ist sein Einsatz für die Heiligkeit der Kuh. Diese wollte er indisch-islamischen Gruppierungen gegenüber durchsetzen und machte ihnen so ihre religiösen Überzeugungen streitig. Jinnahs Forderung in den Verhandlungen ab 1945 nach einem muslimischen Pakistan ist als eine Abgrenzung zu Gandhis vereintem Indien zu verstehen, das dieser im Sinne eines umschließenden Hinduismus dachte. Jawaharlal Nehru, der maßgeblich an den späteren Verhandlungen teilnahm, vertrat hingegen eine strikte Trennung von Religion und Politik. Für ihn sollte die Politik Indiens deshalb unter dem Vorzeichen des Säkularismus und nicht eines hindu-nationalen Bewusstseins stehen.
Wirtschaft und Soziales
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]Unter der Herrschaft der Ostindischen Kompanie war Indien immer mehr zum wirtschaftlichen Ausbeutungsobjekt herabgesunken. Die indische Weberei als Industriezweig wurde z. B. durch die beginnende Maschinenproduktion in Europa ruiniert: Der europäische Markt war verschlossen, und zur gleichen Zeit führte Großbritannien Fertigkleidung in Indien ein; Indien wurde zum Absatzmarkt, während die Textilexporte rasch zurückgingen.
Das wirtschaftliche Monopol der Ostindischen Kompanie wurde schon 1813 abgeschafft, sie hatte aber nach wie vor die Verwaltung inne und einige Privilegien. Neben ihr stiegen nun sogenannteAgency Houses auf, die eigene Unternehmungen finanzierten, aber noch keine ausreichende Kapitaldecke besaßen. Die Investitionen hielten sich in engen Grenzen, denn der europäische und amerikanische Markt waren sicherer und hatten bessere logistische Voraussetzungen vorzuweisen. Eine Reihe von Pleiten derAgency Houses und die Einstellung sämtlicher Handelsgeschäfte der Kompanie 1833/4 erlaubte es daher einem Inder einzusteigen:Dwarkanath Tagore (1794–1846). Danach stieg der Einfluss des britischen Kapitals wieder an, beispielsweise im Zusammenhang mit dem Eisenbahnbau. Als Gegenmaßnahmen zur schlechten Infrastruktur begann man 1839 mit dem Ausbau derGrand Trunk Road, einer schon seit der Mogulzeit bestehenden Straße von Delhi ausgehend, die bisKalkutta geführt wurde. Banken wurden eingerichtet, Dampfer auf den Flüssen eingesetzt, und ab 1853 begann man mit dem Bau der ersten (schon in den 1840er Jahren projektierten) Eisenbahnlinie. Allgemein galt Britisch-Indien als das „Kronjuwel des britischen Empire“(the Jewel in the Crown of the British Empire).[15]
Im sozialen Bereich kam es zu weiteren Veränderungen. DieSklaverei wurde abgeschafft und dieWitwenverbrennung wurde 1829 zumindest im Gebiet unter direkter britischer Verwaltung verboten. 1829 ging die Regierung auch gegen dieThugs vor, eine Mördersekte der GöttinKali. Einer der Vorkämpfer einer Art geistiger Erneuerung Indiens war der BrahmanensohnRam Mohan Roy (1772–1833), der sich gegen dasKastenwesen, Witwenverbrennung und Unterdrückung der Frauen wandte. Sein Ziel war es,Hinduismus undChristentum in Einklang zu bringen, denn er ging davon aus, dass beide Glaubensrichtungen im Kern moralisch und rational waren.
Nach dem Sepoy-Aufstand wurden den Indern dieselben Rechte wie Briten zugesagt, und auch (bei entsprechender Befähigung) der Zugang zu allen Regierungsposten. Das hatte den Aufstieg vieler modern ausgebildeter Inder in der Verwaltung zur Folge, auch in höhere Posten bei der Armee. Auch unter direkter britischer Herrschaft fand eine gesteuerte Entwicklung der Kolonie statt, die dem Prinzip folgte, Rohstoffe in der Kolonie zu gewinnen, diese im Heimatland zu verarbeiten und die Kolonie gleichzeitig als Absatzmarkt für Fertigprodukte zu verwenden. Daher wurde Indien kaumindustrialisiert, es fand nur ein Ausbau der Infrastruktur – insbesondere der Eisenbahn – statt. Hauptprodukte der Kolonie warenBaumwolle undTee sowie Jute; auch große Mengen anGetreide (Weizen) wurden nach Großbritannien exportiert.

Die Nutznießer der Modernisierung Indiens (Straßen, Kanäle, Eisenbahnen, Fabriken, Colleges und Universitäten, Zeitungen usw.) waren trotz allem in erster Linie die Briten. Denn letztendlich unterstand die indische Verwaltung der Kontrolle desIndia Office in London und damit dem britischen Parlament, nicht den Indern. Die Sprache der Oberschicht warEnglisch. Die Gesetze galten zwar für alle, wurden jedoch von den Briten gemacht, und die wirtschaftlichen Gewinner waren zunächst sie, dann erst die entstehende indische Mittelschicht.Technische Errungenschaften wie etwa der Buchdruck wurden von den Indern selbst aufgenommen, und es entstand eine lebhafte indische Presse.
An der Masse der Bauern (oft ungebildet und verschuldet) und Handwerker ging die Modernisierung vorbei, sie war für sie ein Fremdgut ohne Beziehung zur eigenen Tradition. Dafür verschärften die Umstellung auf den Anbau von Exportprodukten wieBaumwolle anstelle von Grundnahrungsmitteln und die hohe Steuerbelastung dieArmut auf dem Land.Dürre undHochwasser verursachten immer wiederHungersnöte mit Millionen Opfern. Entsprechend ihrerLaissez-faire-Wirtschaftspolitik unternahmen die Briten wenig, um den Hungernden beizustehen. Der Wirtschaftsanthropologe Jason Hickel und sein Co-Autor Dylan Sullivan schätzen, dass Indien eine Übersterblichkeit von 165 Millionen Menschen aufgrund des britischen Kolonialismus zwischen 1880 und 1920 erlitten hat.[16]
Staatsfinanzen
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]Besonders die zahlreichen Kolonialkriege und der Unterhalt der Armee verursachten massive Ausgaben. Als 1858 die Krone die direkte Herrschaft übernahm, übernahm sie nicht nur die Schulden der Ostindischen Kompanie, sondern entschädigte auch deren Anteilseigner großzügig, was zu einer vergleichsweise hohen Staatsschuld(India Debt) führte. DieStaatsfinanzen waren meist defizitär, was durch einen Exportüberschuss ausgeglichen werden musste und so durch permanenten Geldabfluss(drain) zur dauerhaften Verarmung des Landes führte. Bei den im Folgenden gegebenen Zahlen ist die Inflation zu berücksichtigen: Preisindex 1873 = 100, 1913 = 143, 1920 = 281, bezogen auf ganz Indien,[17] die im Zweiten Weltkrieg einen weiteren Schub erhielt.
Einnahmenseite
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]Die wichtigste Einnahmequelle war und blieb die Grundsteuer(land revenue), obwohl ihr Anteil im Laufe der Zeit insgesamt abnahm.[18] Mit demPermanent Settlement (1793) war eine dem britischen System nachempfundene Struktur geschaffen worden. Großgrundbesitzer(zamindar) waren indirekt für das Eintreiben der Steuer verantwortlich. Die Einkünfte der Mittelsmänner aus der Landpacht stiegen zwischen 1793 und 1872 um das Siebenfache, es wurde jedoch nur etwas mehr als die doppelte Steuer abgeliefert. Im Süden war eine direktere Form der Steuerzahlung, dasRyotwari-System, üblich. Zwischen 1881 und 1901 stiegen die Einnahmen um weitere 22 %[19] Auf lokaler Ebene wurde von den Dörfern noch eine Steuer zur Bezahlung der Dorfvorsteher(chaukidar) erhoben. Etliche Zamindar erfanden ihre eigenen Abgaben, etwa für den Unterhalt ihrer Elefanten. Die Steuereintreibung wurde vielfach durch Erpressung, Zwangsvollstreckung, aber auch häufig Gewalt betrieben.
Die Einführung von Gebühren auf die Nutzung von Wäldern und Weiden(forest revenue) durch die Briten, traf besonders dieTribals, die traditionell Wälder als Allmende genutzt hatten, und führte im 19. Jahrhundert zu zahlreichenAufständen, die sämtlich blutig niedergeschlagen wurden.
Pläne zur Einführung einerEinkommensteuer wurden seit 1860 entworfen, zu ihrer Einführung kam es erst 1886, um die hohen Kriegskosten der Vorjahre zu decken. Die Steuerbasis wurde 1917 stark erweitert.Die Umsatzsteuer(sales tax) war regressiv gestaltet und wurde 1888 stark erhöht. Verbrauchssteuern z. B. auf Alkohol gewannen an Bedeutung (1882: 6 Mio. Rs., 1920: 54 Mio.). DieSalzsteuer, die besonders das einfache Volk betraf, war vom Gesamtbetrag nie bedeutend. Zur Erlaubnis eines Geschäftsbetriebs war eine Gebühr für die Konzession(license fee) fällig.Die Zölle wurden aus politischen Gründen niedrig gehalten, um die Einfuhr von Fertiggüter aus dem Mutterland, besonders Stoffe, nicht zu beeinträchtigen. Für das Tätigwerden von Behörden und Gerichten wurden Schreibgebühren(stamp duty) in Form von Gebührenmarken verlangt.
Ausgabenseite
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]Der größte Posten im indischen Staatshaushalt waren immer dieKosten der Armee. Dazu zählten nicht nur Aufwendungen in Indien, auch ein Großteil der britischen Kriegskosten 1885–86 gegen denMahdi und beimBoxeraufstand (1900/01) wurde von Indien getragen, weiterhin die Kosten aller überseestationierten indischen Einheiten. Der Anteil am Haushalt stieg von 41,9 % 1881 auf 45,4 % 1891 und bis 1904 auf 51,9 %. Ein Drittel der Armee hatte nach demSepoy-Aufstand aus europäischen Soldaten zu bestehen, die etwa den dreifachen Sold eines Inders erhielten.
Nach 1873 kam es zu einer schleichendenEntwertung der Rupie, die auf dem Silberstandard basierte, gegenüber dem goldgedeckten Pfund.[20] Dies war insbesondere für die Zahlung derHome Charges bedeutsam. Bei diesen handelte es sich um in Pfund abgerechnete Ausgaben, die an das Mutterland abgeführt wurden. Sie betrugen 1901 £ 17,3 Mio., wovon 6,4 Mio. Zinsen auf verbürgte Schuldverschreibungen aus dem Eisenbahnbau waren, weitere drei Millionen zur Bedienung der allgemeinen Staatsschuld dienten. £ 4,3 Mio. dienten zum Unterhalt der britischen Truppen nur £ 1,9 Mio. dienten dem Kauf von Material. Darin enthalten waren auch Pensionen für ehemalige Angehörige desIndian Civil Service (ICS) und britische Offiziere, zusammen £ 1,3 Mio. Auch die Kosten desIndia Office in London wurden hieraus bezahlt.[21]
Siehe auch
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]- Joachim K. Bautze:Das koloniale Indien. Photographien von 1855 bis 1910. Fackelträger, Köln 2007,ISBN 978-3-7716-4347-8.
- Sabyasachi Bhattacharyya:Financial Foundations of the British Raj. Menand Ideas in the post-mutiny Period of Reconstruction of Indian Public Finance, 1858–1872. Indian Institute of Advanced Study, Simla 1971.
- Ulbe Bosma:Emigration: Colonial circuits between Europe and Asia in the 19th and early 20th century. 2011. Auf:Europäische Geschichte Online. Zugriff am: 17. November 2015.
- Lawrence James:Raj. The Making and Unmaking of British India. Little, Brown and Co, London 1997,ISBN 0-316-64072-7.
- Denis Judd:The Lion and the Tiger. The Rise and Fall of the British Raj, 1600–1947. Oxford University Press, Oxford u. a. 2004,ISBN 0-19-280358-1.
- Yasmin Khan:The Raj at War. A People’s History of India’s Second World War. The Bodley Head, London 2015,ISBN 978-1-84792-120-8.
- Dharma Kumar, Tapan Raychaudhuri (Hrsg.):The Cambridge economic history of India. Band 2: Dharma Kumar, Meghnad Desai (Hrsg.):C. 1757 – c. 1970. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 1983,ISBN 0-521-22802-6.
- Bernd Lemke,Martin Rink:Britisch-Indien. Vom Beginn der europäischen Expansion bis zur Entstehung Pakistans. In:Bernhard Chiari,Conrad Schetter (Hrsg.):Pakistan (=Wegweiser zur Geschichte.). Im Auftrag desMilitärgeschichtlichen Forschungsamtes herausgegeben. Schöningh, Paderborn u. a. 2010,ISBN 978-3-506-76908-4, S. 2–15.
- Joseph E. Schwartzberg (Hrsg.):A historical atlas of South Asia (=Association for Asian Studies. Reference Series. 2). 2nd impression, with additional material. Oxford Univ. Press, New York, NY u. a. 1992,ISBN 0-19-506869-6.
- Philip J. Stern:The Company-State. Corporate Sovereignty And The Early Modern Foundations Of The British Empire In India. Oxford University Press, Oxford u. a. 2011,ISBN 0-19-539373-2.
Weblinks
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]- Literatur von und über Britisch-Indien im Katalog derDeutschen Nationalbibliothek
- L'Inde britannique ou « le joyau de la Couronne » par Claude Markovits, sur le site de Clio
- Imperial Gazetteer of India
Anmerkungen
[Bearbeiten |Quelltext bearbeiten]- ↑raj, n. In:Oxford English Dictionary. Online-Ausgabe (2001), „Etymologie: < Hindirāj Staat, Regierung < Sanskritrājya Königtum, Reich, Staat < dieselbe Basis wierājan König“.
- ↑Robert H. Taylor:Colonial Forces in British Burma: A National Army postponed. In: Karl Hack, Tobias Rettig (Hrsg.):Colonial Armies in Southeast Asia (=Routledge Studies in the Modern History of Asia. 33). Routledge, London u. a. 2006,ISBN 0-415-33413-6, S. 195–209, hier S. 207.
- ↑Michael W. Charney:A History of Modern Burma. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 2009,ISBN 978-0-521-85211-1, S. 46–72.
- ↑William Dalrymple:The Anarchy. The Relentless Rise of the East India Company. London u. a. 2019.
- ↑Die Angestellten wurden zumindest bis zur Zeit vonCornwallis (reg. 1786–93) schlecht bezahlt. Sie durften aber auf eigene Faust Handel treiben und dafür auch eine gewisse Quote des Frachtraums der Gesellschaft beanspruchen.
- ↑Durand Line Agreement, 12. November 1893, abgerufen am 1. November 2022.
- ↑ohne Birma
- ↑Jad Adams:Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014,ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 437.
- ↑Jad Adams:Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014,ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 440.
- ↑Gita Dharampal-Frick, Manju Ludwig:Die Kolonialisierung Indiens und der Weg in die Unabhängigkeit. In: Lpb, Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.):Indien (=Der Bürger im Staat. Jg. 59, Heft 3/4,ISSN 0007-3121). Weinmann, Filderstadt 2009, S. 157–173.
- ↑Bernard Imhasly:Radikal einfach: Gandhis Gewand war ein Statement. Neue Zürcher Zeitung, 1. Oktober 2019, abgerufen am 18. August 2023.
- ↑Michael Bergunder:Religiöser Pluralismus und nationale Identität. Der Konflikt um politische Legitimierung des indischen Staates. In: Michael Bergunder (Hrsg.):Religiöser Pluralismus und das Christentum. Festgabe für Helmut Obst zum 60. Geburtstag (=Kirche – Konfession – Religion. Bd. 43). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001,ISBN 3-525-56547-X, S. 157–173.
- ↑Johannes H. Voigt:Indien im Zweiten Weltkrieg (=Studien zur Zeitgeschichte. Bd. 11). Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1978,ISBN 3-421-01852-9, S. 304 (zugleich: Stuttgart, Universität, Habilitations-Schrift, 1973).
- ↑Michael Bergunder:Religiöser Pluralismus und nationale Identität. Der Konflikt um politische Legitimierung des indischen Staates. In: Michael Bergunder (Hrsg.):Religiöser Pluralismus und das Christentum. Festgabe für Helmut Obst zum 60. Geburtstag (=Kirche – Konfession – Religion. Bd. 43). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2001,ISBN 3-525-56547-X, S. 157–173.
- ↑The British Empire. Abgerufen am 20. September 2016 (englisch).
- ↑Jason Hickel und Dylan Sullivan: Capitalism and extreme poverty: A global analysis of real wages, human height, and mortality since the long 16th century. In: World Development. ELSEVIER, Januar 2023, S. Volume 161, January 2023, 106026, abgerufen am 27. Dezember 2022 (englisch).
- ↑Judith M. Brown:Gandhi’s Rise to Power. Indian Politics 1915–1922 (=Cambridge South Asian Studies. 11). Cambridge University Press, London u. a. 1974,ISBN 0-521-08353-2, S. 125.
- ↑Sumit Sarkar:Modern India. 1885–1947. Macmillan, Delhi u. a. 1983,ISBN 0-333-90425-7, S. 17 f: gesamt: 1881: 42 %, 1901: 39 %;Madras Presidency: 1880: 57 %, 1920: 28 %
- ↑Sumit Sarkar:Modern India. 1885–1947. Macmillan, Delhi u. a. 1983,ISBN 0-333-90425-7, S. 17: 1881: 19,67crore Rs., 1901 (nach Jahren verheerender Hungersnot): 23,99 crores Rs.
- ↑Sumit Sarkar:Modern India. 1885–1947. Macmillan, Delhi u. a. 1983,ISBN 0-333-90425-7, S. 17: 1873: 1 R. = 2'; 1893: 1 R. = 1' 2d, d. h. −42 %
- ↑alle Zahlen nach: Sumit Sarkar:Modern India. 1885–1947. Macmillan, Delhi u. a. 1983,ISBN 0-333-90425-7, besonders Kapitel II:Political and Economic Structure.