Operndaten | |
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Titel: | Boulevard Solitude |
Form: | „Lyrisches Drama“ in sieben Bildern |
Originalsprache: | Deutsch |
Musik: | Hans Werner Henze |
Libretto: | Grete Weil undWalter Jockisch |
Literarische Vorlage: | Antoine-François Prévost:Histoire du Chevalier Des Grieux et de Manon Lescaut |
Uraufführung: | 17. Februar 1952 |
Ort der Uraufführung: | Landestheater Hannover |
Spieldauer: | ca. 1 ½ Stunden[1] |
Ort und Zeit der Handlung: | Frankreich, Gegenwart (um 1950) |
Personen | |
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Boulevard Solitude ist eineOper (Originalbezeichnung: „Lyrisches Drama“) in sieben Bildern vonHans Werner Henze (Musik) mit einemLibretto vonGrete Weil undWalter Jockisch nach derHistoire du Chevalier Des Grieux et de Manon Lescaut vonAntoine-François Prévost. Sie wurde am 17. Februar 1952 amLandestheater Hannover uraufgeführt.
Mitten im Bahnhofstrubel warten der Student Armand des Grieux und sein Freund Francis lesend auf einen Zug. Als dieser angekündigt wird, verabschiedet sich Francis und geht. Manon Lescaut und ihr Bruder erscheinen, und Manon setzt sich zu ihm, während Lescaut an die Bar geht. Armand und Manon unterhalten sich zwanglos. Sie ist auf dem Weg in ein Pensionat in Lausanne; er sehnt sich nach einer Freundin, doch die Mädchen der Großstadt scheinen ihm unerreichbar. Beide stellen fest, dass sie unter ihrer Einsamkeit leiden. Kurz entschlossen gehen sie gemeinsam fort. Lescaut beobachtet das, ohne einzugreifen.
Manon und Armand leben zusammen in einer ärmlichen Wohnung. Sie sind glücklich, doch das Geld geht ihnen aus. Armand hat sein Studium aufgegeben und sein Vater den Unterhalt eingestellt. Er macht sich auf den Weg, um Francis um ein Darlehen zu bitten. Da erscheint Lescaut und erzählt von seiner Begegnung mit dem alten Lilaque, einem reichen Mann, der ein guter Freier für Manon wäre und vor dem Haus warte. Er rät Manon, sich ihre Wünsche rücksichtslos zu erfüllen. Je grausamer sie ihre Verehrer behandle, desto höher werde sie steigen. Nach einigem Zaudern ist Manon einverstanden. Sie gibt Lilaque am Fenster das vereinbarte Zeichen.
In der Wohnung ihres Verehrers schreibt Manon Armand einen Brief und berichtet ihm von ihrem neuen Leben im Reichtum. Sie bedauert, ihn nicht empfangen zu können, doch halte sie jeden Nachmittag im Park aus ihrem Wagen nach ihm Ausschau. Ihr Bruder tritt herein und zerreißt den Brief vorwurfsvoll. Da sie ihm kein Geld geben will, bricht er Lilaques Geldschrank auf, um sich selbst zu bedienen. Er wird jedoch vom Hausherrn ertappt, der daraufhin beide hinauswirft.
Armand und Francis studieren in der Bibliothek. Während Francis von den Büchern fasziniert ist, kann Armand nur an Manon denken. Francis erzählt ihm, dass er sie am Vortag mit einem neuen Verehrer im Café gesehen habe. Armand kann nicht glauben, dass sie in einen Diebstahl verwickelt sein soll. Francis steht auf und geht zu den anderen Studenten. Unterdessen setzt sich Manon neben Armand und liest sein Buch mit – LiebesgedichteCatulls, deren Inhalt ihrer eigenen Situation entspricht. Beide versichern einander ihre Liebe. Als sei nichts geschehen, verlassen sie zusammen die Bibliothek.
Armand flüchtet mit Hilfe von Drogen aus der Realität. Lescaut kommt mit dem jungen Lilaque herein und verkauft ihm Kokain. Lilaque bittet Armand, bei Manon ein gutes Wort für ihn einzulegen. Als Manon erscheint, nimmt Armand sie in seinem Rausch als Tänzerin wahr. Sich selbst hält er fürOrpheus nach dem VerlustEurydikes. Manon versichert ihm, dass sie ihn weiterhin liebe. Lilaque drückt Armand in seinen Stuhl, auf dem dieser einschläft, und geht mit Manon fort. Lescaut folgt ihnen. Ein junges Mädchen überreicht Armand einen Brief, in dem Manon ihn für den nächsten Abend in Lilaques Wohnung einlädt, da dieser auf Reisen gehe. Armand schläft wieder ein.
Die geteilte Szene zeigt ein Vorzimmer mit Telefon und das Schlafzimmer von Lilaque fils mit einem großen Bett. Es ist ein grauer Morgen. Manon und Armand haben die Nacht zusammen verbracht. Lescaut tritt mit einem Diener herein und mahnt zum Aufbruch. Während der Diener aufgebracht am Telefon spricht, rät Lescaut dem Paar, die Hintertreppe zu nutzen, um nicht entdeckt zu werden. Lescaut bewundert ein Bild, dessen Stil ihn an Picasso erinnert, und schneidet es aus dem Rahmen. Die drei werden von Lilaque père ertappt, den der Diener gerufen hatte. Lilaque wundert sich, Manon hier vorzufinden. Seine alte Zuneigung zu ihr erwacht wieder, und er will sie ins Schlafzimmer führen. Manon sucht nach Ausreden. Unterdessen gelingt es dem Diener, ihm durch Zeichen auf Armand und Lescaut aufmerksam zu machen, die sich hinter einem Vorhang versteckt hatten. Lilaque lässt die Polizei rufen und versperrt die Tür. Lescaut gibt Manon einen Revolver. Ein Schuss löst sich, und Lilaque bricht zusammen. Lescaut verlässt mit dem Bild das Haus, während die anderen wie versteinert sind. Lilaque fils kommt herein und beugt sich über seinen toten Vater.
Manon wurde wegen Mordes festgenommen. An einem grauen Wintertag soll sie in ein anderes Gefängnis verlegt werden. Für den verzweifelten Armand ist dies die letzte Gelegenheit, sie noch einmal zu sehen. Während er an die Mauer gelehnt wartet und sich seinen Gefühlen hingibt, werden die Tore geöffnet. Polizisten führen einige gefesselte Mädchen heraus. Der Platz füllt sich mit Passanten und Kindern, die das „Jubilate, exultate“ singen. Auch die beiden Lilaques beobachten die Szene von einem Wagen aus.
Die Verse des Librettos wurden von Grete Weil absichtsvoll „künstlich gereimt“.[3] Es enthält einige Zitate in französischer und lateinischer Sprache, die im sonst deutschsprachigen Text wie Fremdkörper wirken und Armands eigene Entfremdung zur Realität versinnbildlichen.[4]:139f Die Oper ist anders als die Vorlage nicht moralisierend, sondern beschreibt „das Grundgefühl der Einsamkeit in Beziehungen wie in allen gesellschaftlichen Situationen“ (Wulf Konold).[3] Die Handlung wurde an die Gegenwart (der 1950er Jahre) angepasst. So wurde die Kutsche durch eine Eisenbahn ersetzt, die Spielsucht Armands durch Drogensucht, das Kloster durch die Universitätsbibliothek. Der romantisierende Tod Manons in den Armen ihres Geliebten wurde gestrichen. Am Ende der Oper geht sie stumm, ohne ihn anzublicken, an ihm vorbei.[5] Die Figuren sind schemenhaft und distanziert dargestellt. Entsprechend dem Kunstideal der Entstehungszeit sind sie stark versachlicht. Auf jede Form von Erotik im Ausdruck wird verzichtet. Damit steht diese Manon-Fassung im direkten Gegensatz zu den sinnesfreudigen Vertonungen Aubers(Manon Lescaut), Massenets(Manon) oder Puccinis(Manon Lescaut).[2]
Anstelle einer kontinuierlichen dramatischen Entwicklung setzte Henze konsequent auf voneinander unabhängige Einzelepisoden, die er mit Orchesterzwischenspielen verband.[2] Er entsprach damit dem Ideal desEpischen Theaters.[6]
Sowohl szenisch als auch in der Musik reihte Henze bewusst Klischees aneinander. Die Oper enthält beispielsweise Versatzstücke desBelcanto,Ostinato-Formen im StileIgor Strawinskys oder Songs wie vonKurt Weill,[2] ein französisches Volkslied wie auch Anspielungen anJohann Sebastian Bach,Jacques Offenbach,[7]Jean Cocteau, denBig-Band-Jazz einesStan Kenton, denBlues oder die PariserMusic Hall. Eine Akkordfolge ist Puccinis OperLa Bohème entlehnt.[8] Es handelt sich um beschreibende Musik ohne direkte Identifikation mit den Protagonisten.[3] Nur in den Intermezzi finden sich gelegentlich emotionale Ausbrüche.[9] Für die Geräuschkulisse des Bahnhofs am Anfang der Oper imitiert Henze mit dem Schlagzeug, also rein instrumentalen Mitteln, die Methoden derMusique concrète.[6]
Die Einsamkeit („Solitude“) der Charaktere symbolisieren die einige Szenen begleitenden Tänzer.[6] Ballett und Pantomimen gibt es in vier Bildern. Im ersten Bild stellen sie das „geschäftige Treiben von Reisenden, Kellnern, Zigarettenboys“ dar, im vierten die Aktionen der Studenten in der Bibliothek, im fünften die Wirkung des Kokains und im siebten unter anderem Passanten, Pensionatskinder sowie mehrere Manon- und Armand-Figuren als Tänzerinnen bzw.Pierrots.[4]:142 Die musikalische Bandbreite der Chorpartie reicht vonSprechgesang bis zumhomophonen Satz.[9] Ebenfalls distanzierende Wirkung hat der Tausch der traditionellen Stimmlagen von Vater (Tenor) und Sohn Lilaque (Bass).[9]
Die Musik ist vollständig von einer einzigenZwölftonreihe abgeleitet, zeigt dabei aber eine große Bandbreite unterschiedlicher Stile. Die Orchesterstücke bewegen sich frei zwischenTonalität undAtonalität. Die Vokalstücke orientieren sich an den musikalischen Formen des 18. und 19. Jahrhunderts.[10] Zwölftönige Strukturen sind den „unbürgerlichen“ Charakteren zugewiesen. Die Musik der „reaktionär-korrupte[n] Gesellschaft“ ist dagegen eher tonal und konservativ.[6] Henze selbst schrieb dazu:
„Auch dieDodekaphonie wurde von uns wie eine Befreiung und wie eine Hoffnung empfunden und schien uns die Möglichkeit zu geben, menschliche Affekte neu und vertieft darzustellen, weil wir (nicht zu Unrecht) fanden, dass die freie Tonalität sich zum Heute verhält wie andere Errungenschaften unseres Jahrhunderts auch, beispielsweise diePsychoanalyse, das freie Versmass in der Dichtung und seine gegenständliche Materie. Daher ist es nicht verwunderlich, dass die Liebesszenen in ‚Boulevard Solitude‘ zwölftönig komponiert sind, weil meine Dodekaphonie damals eine freie unbürgerliche Welt bezeichnen wollte, wahrend die alte, korrupte Welt sich in der alten Tonalität zu präsentieren hatte.“
Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:[1]
Nachdem Henze im Sommer 1950 die EheleuteGrete Weil undWalter Jockisch kennengelernt hatte, beschlossen sie, eine Ballettoper im Stil von Boris BlachersPreußischem Märchen zu schreiben. Sie sollte wie MassenetsManon und PuccinisManon Lescaut aufAntoine-François Prévosts RomanHistoire du Chevalier Des Grieux et de Manon Lescaut basieren.[2] Ein konkreter Auftrag lag nicht vor.[3] Das Szenarium entwarf Jockisch, und seine Frau verfasste das Libretto. Wenig später begann Henze mit der Vertonung und schloss sie ein Jahr darauf ab. Der Titel ist vonBilly Wilders FilmSunset Boulevard inspiriert, den Henze in Paris sah.[2]
Nachdem Verhandlungen mit München und Hamburg ergebnislos geblieben waren, fand die Uraufführung am 17. Februar 1952 imLandestheater Hannover unter der Regie von Walter Jockisch statt.[3] Bühne und Ausstattung stammten vonJean-Pierre Ponnelle, die Choreografie vonOtto Krüger. Die musikalische Leitung hatteJohannes Schüler.[1] Es sangen Sigrid Klaus (Manon Lescaut), Walter Buckow (Armand des Grieux), Theo Zilliken (Lescaut),Otto Köhler (Francis), Willy Schöneweiss (Lilaque père) und Walter Schneemann (Lilaque fils).[12] Henzes erste abendfüllende Oper erhielt zunächst nur wenig Beachtung.[2] Auf Widerstand stieß bei den ersten Aufführungen vor allem die Verfremdung des bekannten Stoffes.[13] Später erwies sich das Werk jedoch als sehr erfolgreich, und es gab viele weitere Produktionen im In- und Ausland.[3] Eine Liste der Aufführungen findet sich auf der Website vonSchott Music:[14]