Boris Jelzin kam als ältester Sohn von Klawdja Wassiljewna, geborene Starygin, und Nikolaj Ignatjewitsch Jelzin im Dorf Butka imUral zur Welt.[1] Die Eltern waren Bauern. Jelzin wuchs mit zwei jüngeren Geschwistern auf.
Aus wirtschaftlicher Not musste die Familie einige Jahre später in die StadtBeresniki ziehen. Um die Familie zu ernähren, arbeitete der Vater als Bauarbeiter, während die Mutter nachts zu Hause nähte. In Beresniki ging Jelzin zur Schule.[2][3][4]
Während der Zeit desZweiten Weltkrieges entwendeten der junge Jelzin und Kameraden zweiRGD-33Handgranaten aus einem Munitionsdepot. Als Jelzin später die Granate auseinandernehmen wollte, um die Funktionsweise zu studieren, explodierte sie. Im Krankenhaus wurden ihm Zeigefinger und Daumen der linken Handamputiert.[5]
Im Jahr 1961 trat Jelzin in dieKPdSU ein, 1963 wurde er Leiter des Wohnungsbaukombinats in Swerdlowsk. Von 1976 bis 1985 war er als erster Sekretär des Gebietskomitees Parteichef von Swerdlowsk. 1977 befahl Jelzin auf Anordnung des MoskauerPolitbüros die Zerstörung desIpatjew-Hauses, in dem 1918 derletzte russische Zar und seine Familie vonBolschewikiumgebracht worden waren. Das Haus wurde am 27. Juli 1977 über Nacht abgerissen.[6]
Ein weiterer Schritt in seiner Parteikarriere war 1981 die Wahl insZentralkomitee der KPdSU, in dem er das Amt des Leiters der Abteilung für Bauangelegenheiten übernahm. Im Oktober 1985 wurde Jelzin zusätzlich 1. Sekretär des Stadtkomitees (Parteichef) vonMoskau und Kandidat (nicht stimmberechtigtes Mitglied) des Politbüros. In Moskau setzte er sich persönlich gegen das Verschieben knapper Lebensmittel ein; er beendete die vorher übliche Praxis, halbfertige Mietskasernen bereits den Mietern zu übergeben, und rettete einige beliebte alte Gebäude vor dem drohenden Abriss. Anfang Mai 1986 berichtete er auf demDKP-Parteitag in Hamburg als erster KPdSU-Politiker im Westen ausführlich über dieNuklearkatastrophe von Tschernobyl.[7]
Er profilierte sich während derPerestroika als Radikalreformer und geriet dadurch sowohl mitMichail Gorbatschow als auch mitstrukturkonservativen Kräften in der KPdSU in Konflikt. Schließlich verlor Jelzin seine bisherigen Ämter. Im November 1987 wurde er als Moskauer Parteichef abgelöst und im Februar 1988 von seinen Pflichten als Kandidat des Politbüros entbunden. Stattdessen war er bis 1989 1. Stellvertretender Vorsitzender der Staatlichen Baubehörde mit dem Rang eines Ministers. Auf demXXVIII. Parteitag der KPdSU gab er am 12. Juli 1990 seinen Austritt aus der Partei bekannt.
Bei den ersten demokratischen Wahlen im März 1989 wurde Jelzin Mitglied desKongresses der Volksdeputierten derSowjetunion. Im Wahlkreis Moskau erhielt er dabei 89 Prozent der Stimmen. Im Mai 1989 zog er auch in denObersten Sowjet ein und bildete dort mit anderen Reformpolitikern die erste parlamentarische Oppositionsgruppe.
Am 12. Juni 1991 wurde Jelzin bei denersten russischen Präsidentschaftswahlen zum Präsidenten der Russischen Teilrepublik (RSFSR) gewählt und war maßgeblich an der Auflösung der Sowjetunion beteiligt. Während desPutschversuchs im August 1991 gegenGorbatschow bezog er öffentlich Stellung gegen die Putschisten und verschanzte sich imWeißen Haus in Moskau, das von der Bevölkerung erfolgreich gegen Angriffe verteidigt wurde. Der Machtverfall der KPdSU und derZerfall der Sowjetunion waren nun nicht mehr aufzuhalten. Im November 1991 erließ Jelzin ein Dekret, das die bisherige Staatspartei auf dem Gebiet der RSFSR verbot.Er und seine AmtskollegenLeonid Krawtschuk (Ukraine) undStanislau Schuschkewitsch (Belarus) erklärten am 8. Dezember 1991 in denBelowescher Vereinbarungen, dass die Sowjetunion „ihre Existenz beendet“ habe[8] und gründeten dieGemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS). Jelzin war nunmehr Präsident eines unabhängigen Russlands.DasParlament der Ukraine hatte diese zuvor am 24. August 1991 für unabhängig erklärt; bei einem am 1. Dezember 1991 abgehaltenen Referendum bestätigte die Mehrheit der Wahlberechtigten diese Entscheidung (sieheGeschichte der Ukraine (seit 1991)).
Im Laufe des Jahres 1991 stellte er ein Team aus Wirtschaftsreformern unter der Leitung vonJegor Gaidar zusammen. Diese entschieden sich, Polens „Schocktherapie“ als Modell für die Umstellung auf den Kapitalismus heranzuziehen.[9] Im Oktober 1991 kündigte Jelzin eine Aufhebung allerPreiskontrollen mit 1. Januar 1992 an.[10] Um die Inflation zu kontrollieren, wurden einAusteritätsregime eingeführt und Staatsausgaben für das Sozialsystem und Förderungen gekürzt. Nach dem Beispiel der Tschechoslowakei wurde eineCoupon-Privatisierung durchgeführt, jedoch gelangten die an alle Bürger ausgegebenen Gutscheine für den Erwerb von Aktien ausgewählter Staatsunternehmen schnell an Zwischenhändler, die sie an dieNomenklatura weiterverkauften.[11] Dies trug wesentlich zum Entstehen der postsowjetischenOligarchie bei.
Früh kam es zu Verwerfungen in Jelzins Regierung. Der nationalistische, der Armee nahestehende VizepräsidentAlexander Ruzkoi kritisierte die Regierung für den „ökonomischen Völkermord“ und forderte ein hartes Vorgehen gegen tschetschenische Separatisten.[12] Jelzin kam zunehmend in Konflikt mit demVolksdeputiertenkongress (dem gewählten Parlament). In derVerfassungskrise 1993 löste er das Parlament, das sich seinen Wirtschaftsreformen widersetzt hatte, ohne Rechtsgrundlage auf. Daraufhin enthob das Parlament Jelzin seines Amtes und ernannte den bisherigen Vizepräsidenten Ruzkoi zum neuen Präsidenten. Jelzin setzte sich mit Hilfe desMilitärs aber durch.
Gegen Ende seiner Regierungszeit geriet Russland in eine schwereWirtschaftskrise, während der sich dasBruttonationaleinkommen halbierte. Ungeachtet aller innenpolitischen Probleme nahm Jelzin als erster russischer Präsident amG-7-Gipfeltreffen der westlichen Industrienationen am 8. Juli 1994 inNeapel teil. Die Wirtschaftsmisere ging weiter, unter anderem wegen des Rückgangs der Rohölpreise während derAsienkrise (1997/1998). Am 17. August 1998 war Russlandzahlungsunfähig, sogar die Guthaben auf Privatkonten wurden eingefroren.
Gerüchte über eineAlkoholkrankheit Jelzins gab es während seiner ganzen Amtszeit.[13] So habe Jelzin 1994 in Berlin ein Orchester, welches anlässlich des Abzugs der russischen Truppen aus Deutschland spielte, in stark alkoholisiertem Zustand „dirigiert“ und sei auch bei öffentlichen Wahlkampfauftritten betrunken gewesen.[14][15]
Am 31. Dezember 1999 erklärte Jelzin seinen Rücktritt, er übergab um 12 UhrMoskauer Zeit die Regierungsgeschäfte an MinisterpräsidentWladimir Putin. Eine der ersten Amtshandlungen Putins garantierte Jelzin und seiner Familie dann die Freiheit vor Strafverfolgung (Amnestie).[16]
Gesundheitlich war Jelzin bereits seit Ende seiner Amtszeit als russischer Präsident stark angeschlagen. MehrereHerzinfarkte hatten in den 1990er JahrenBypassoperationen notwendig gemacht.
Laut dem US-amerikanischen Politikwissenschaftler und US-VizeaußenministerStrobe Talbott erzählte Jelzin vor seinem Tod ihm nahe stehenden Personen, dass es ein großer Fehler gewesen sei, Putin als seinen Nachfolger auszuwählen.[17]
Jelzins Grab auf dem Nowodewitschi-FriedhofMonumentaler Gedenkstein für Jelzin auf dem Friedhof (2008)
Jelzin starb am Nachmittag des 23. April 2007 um 15:45 Uhr im Alter von 76 Jahren imMoskauer Regierungskrankenhaus anHerzinsuffizienz. Mehr als 25.000 Trauernde zogen an seinem in der russisch-orthodoxenChrist-Erlöser-Kathedrale in Moskau aufgebahrten Sarg vorbei und erwiesen dem Toten die letzte Ehre.[18]
Es war das erste Staatsbegräbnis nachrussisch-orthodoxem Ritus seit mehr als 100 Jahren.[20] Auch inJekaterinburg, wo Jelzin studiert hatte, und in seinem westsibirischen HeimatdorfButka wurden Trauerfeiern abgehalten.[21] DieKP-Fraktion im russischen Parlament verweigerte am Tag der Beisetzung eine Schweigeminute für den ersten Präsidenten des postsowjetischen Russlands mit der Begründung, dass man niemals den Zerstörer des Vaterlandes ehren werde.[22]
In späteren Jahren wurde auf dem Friedhof des Neujungfrauenklosters nach Plänen seiner Witwe ein monumentaler Gedenkstein in den russischen Nationalfarben am Hauptweg aufgestellt.
2006 zeichnete ihn die lettische PräsidentinVaira Vīķe-Freiberga mit dem höchsten Orden Lettlands für seine „historische Rolle“ bei der „Befreiung Lettlands“ aus.
In seiner Heimatstadt Jekaterinburg (im Ural) wurden eine Hauptstraße und dieTechnische Universität des Uralgebiets nach Jelzin benannt.[24] In einemBoris-Jelzin-Zentrum des Uralgebiets werden zudem Schriftstücke, Bücher und Fotografien des ersten Präsidenten Russlands ausgestellt, die vor allem mit seinen Regierungsjahren in der Swerdlowsker Region zu tun haben.
Ferner soll in Jekaterinburg dasZentrum des historischen Erbes des ersten russischen Präsidenten Boris Jelzin eröffnet werden mit einer Außenstelle in Moskau. Das Zentrum, dem jährlich ein Budget von 1,225 Milliarden Rubel aus Föderationsgeldern zur Verfügung steht, soll auch ein Museum, eine öffentliche Bibliothek und ein Archiv erhalten.[25]
Jelzin-Statue
Seit 2011 gibt es in Jekaterinburg eineJelzin-Statue. Die Einweihungszeremonie wurde vom damaligen russischen Präsidenten Dmitri Medwedew begangen.[26]
Die Alternative. Demokratie statt Diktatur. Mit weiteren Beiträgen von Ruslan Chasbulatow, Grigori Jawlinski und Viktor Jaroschenko (mit der Rede Jelzins „An die Bürger Rußlands“ vom 19. August 1991), Goldmann, München 1991.
Auf des Messers Schneide. Tagebuch des Präsidenten. Siedler, Berlin 1994,ISBN 3-88680-520-4.
In der frei zugänglichen bibliographischen Internet-DatenbankRussGUS[27] werden zu „Jelzin“ weit über 500 Literaturnachweise angeboten.[28]
Leon Aron:Yeltsin:A Revolutionary Life. St. Martin's Press, New York 2000.ISBN 978-0312251857. Rezension:[29]
Barbara Kerneck-Samson:Boris Jelzin – Ein Porträt. Heyne, München 1991,ISBN 3-453-04451-7.
John Morrison:Boris Jelzin – Retter der Freiheit. Ullstein, Berlin 1991,ISBN 3-550-07510-3.
Wladimir I. Solowjow; Elena Klepikowa:Der Präsident. Boris Jelzin – Eine politische Biographie. Rowohlt, Berlin 1992,ISBN 3-87134-043-X.
Wolfgang Strauß:Drei Tage, die die Welt erschütterten. Vom Untergang des sowjetischen Multikulturalismus – Boris Jelzin und die russische Augustrevolution. Gesamtdeutscher Verlag, Wesseling 1992,ISBN 3-928415-04-2.
Oleg M. Popzow:Boris Jelzin. Der Präsident, der nicht zum Zaren wurde – Russland und der Kreml 1991–1995. Edition Q, Berlin 1995,ISBN 3-86124-226-5.
Ljew Suchanow:Drei Jahre mit Jelzin: Aufzeichnungen des engsten Mitarbeiters. Coppenrath, Münster 1995,ISBN 3-8157-1295-5.
Heiko Pleines:Wirtschaftseliten und Politik im Russland der Jelzin-Ära (1994–1999). LIT, Münster 2003,ISBN 978-3-8258-6561-0.
↑Tobias Straumann:Warum wurde Polen zur Demokratie und Russland zur Diktatur? In:Neue Zürcher Zeitung. 9. Februar 2024,ISSN0376-6829 (nzz.ch [abgerufen am 27. Juli 2024]).
↑David E. Hoffman:The Oligarchs: Wealth and Power in the New Russia. PublicAffairs, New York 2001,ISBN 978-1-58648-001-1,S.177–178, 182, 184.