Boogie-Woogie ist ein Solo-Klavierstil, der im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts in denUSA entstand. Vorläufer war das sogenannteBarrelhouse Piano, ein einfacher ländlicher Klavierstil, in dem bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts schwarzeBluesmusiker ihren Stil von derGitarre auf das Klavier übertrugen.
Bereits vor 1900 taucht der Begriff dreimal in den Archiven derLibrary of Congress auf. LautOxford English Dictionary handelt es sich um die Verdoppelung des Wortsboogie, einer familiären Bezeichnung für eine Hausparty. AufHausa undMandinka bedeutetbug oderbuga „(Trommel) schlagen“; in anderen afrikanischen Sprachen gibt es ein ähnliches Wort für „tanzen“. John Tennison, der die Geschichte des Boogie-Woogie dokumentierte, sieht seine Entstehung im engen Zusammenhang mit dem Eisenbahnbau inTexas, wo er zuerst in denBarrelhouses der afroamerikanischen Eisenbahnarbeiter in den 1870er Jahren gespielt wurde. Sein Rhythmus sei von den stampfenden Geräuschen der Dampflokomotiven derSouthern Pacific Railroad geprägt, die 1871 in derTexas and Pacific Railway aufging. Tennison geht so weit, einzelne Maschinen der Eisenbahngesellschaft als Urheber des Rhythmus zu identifizieren. Als Geburtsstätte des Boogie-Woogie gilt auch offiziellMarshall (Texas), der damalige Hauptsitz der Texas and Pacific, wo der bekannte afroamerikanische Pianist „Blind Tom“ um 1875 mehrfach auftrat.[1] Das wird auch von dem Schriftsteller und JournalistenEliott Paul[2] bestätigt. Der Stil wurde zunächst auchfast blues genannt. In Nordost-Texas adaptierte der jungeLeadbelly um 1900 den Boogie-Woogie für den Bass.

Der harmonische Ablauf entspricht im Wesentlichen dem Blues-Schema. Spieltechnisch stellt der Boogie-Woogie den rollenden Bässen der linken Hand (oft in kurzen, ständig wiederholtenRiffs meistens in punktiertem Rhythmus, auch unter Einbeziehung derBlue Notes) melodische, ebenfalls bluesorientierteOff-Beat-Figuren der rechten Hand entgegen, die von Trillern und Tremoli durchsetzt sind.
DasPedal des Klaviers wird typischerweise nicht benutzt. Das Tempo ist im Vergleich zum Blues erheblich höher und erfordert einige technische Fähigkeiten. Bei aufrecht stehenden Klavieren (upright pianos) ist es zumeist üblich, die vordere Wand des Instruments während des Spiels zu entfernen, so dass die Sicht auf Saiten und Hammermechanik frei wird.
Mit der ZuwanderungSchwarzer in den Norden der USA (great migration) gelangte auch deren Musik dorthin. Insbesonderein Chicago wurde der Boogie-Woogie in den1920er Jahren sehr populär. Dabei blieb er meist ein Solo-Klavierstil; nur sporadisch wurde er auch in größeren Besetzungen gespielt.
Besonders starke Verbreitung fand der Boogie-Woogie durch die so genanntenHouse-Rent-Partys: Der Wohnungsinhaber organisierte einige Flaschen Alkohol (von 1920 bis 1933 herrschte in den USAProhibition) und einen Musiker und finanzierte mit dem Eintrittsgeld, das er den Gästen abverlangte, seine Miete.
In den späten 1920er Jahren entwickelte sich der Boogie-Woogie-Stil weiter und Pianisten wieClarence ‚Pinetop‘ Smith undJimmy Yancey schufen die Basis dafür, dass diese Musik in den 1930er und 1940er Jahren über eine gewisse Zeit regelrecht zur Popmusik wurde. Auch der MusikproduzentJohn Hammond trug als Organisator von Konzerten mit Boogie-Woogie-Pianisten zu diesem Boom bei. Berühmt wurden zunächst vor allem drei Musiker:Albert Ammons,Pete Johnson undMeade Lux Lewis. Als legendär gilt ein Konzert dieser drei Pianisten in derCarnegie Hall in New York 1938, das die Zuhörer derart in Ekstase versetzte, dass sogar die Legende geht, dass die Türsteher am Ende einige Teilnehmer von den Kronleuchtern herunterbitten mussten, auf die sie vor lauter guter Laune geklettert sein sollen.
Erst einige Jahre später wurden im Zuge der allgemeinen Boogie-Woogie-Welle auch die eigentlichen Vorreiter bekannter, zum Beispiel die Boogie-PianistenBlind John Davis,Champion Jack Dupree,Jay McShann,Sippie Wallace,Little Willie Littlefield undDorothy Donegan. Popularität in den amerikanischen Medien erfuhr auch das WunderkindFrankie „Sugar Chile“ Robinson u. a. mitCaldonia.
Pianisten wieVince Weber,Axel Zwingenberger,Joja Wendt,Jörg Hegemann,Bob Hall,Ray Skjelbred,Martin Pyrker,Michael Pewny undJean-Paul Amouroux sind aufgrund ihrer Vorliebe für diesen Stil anerkannt; ebenso die SchweizerLadyva,Che Peyer,Nico Brina undSilvan Zingg.
In derHamburger „Fabrik“ findet seit 1988 an jedem 8. August ein Konzert alsThe Hamburg Boogie Woogie Connection statt, bei dem sich deutsche und internationale Stars des Boogie-Woogie treffen. Dieses Event gilt in der Boogie-Szene als weltweit einmalig.[3]