Pascal stammte aus einer alten, in zweiter Generationamtsadeligen Familie derAuvergne. Sein VaterÉtienne Pascal (1588–1651) hatte in Paris Jura studiert und etwas später das Amt des zweiten Vorsitzenden Richters am Obersten Steuergerichtshof,Cour des Aides der Auvergne inClermont-Ferrand gekauft. Die Mutter, Antoinette Begon, kam aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, die ebenfalls in den Amtsadel strebte.
Pascal hatte zwei Schwestern, die drei Jahre ältereGilberte (die später seine Nachlassverwalterin und erste Biographin wurde) sowie die zwei Jahre jüngereJacqueline, von deren Geburt sich die Mutter nicht erholte, so dass Pascal mit drei JahrenHalbwaise wurde. Als er acht war, zog die Familie samt Kinderfrau nach Paris, weil der Vater den Kindern, d. h. vor allem dem sichtlich hochbegabten Jungen, bessere Entfaltungsmöglichkeiten schaffen wollte. Sein Richteramt verkaufte er an einen Bruder und legte sein Vermögen in Staatsanleihen an.
Pascal war von Kindheit an kränklich. Er wurde deshalb von seinem hochgebildeten und naturkundlich interessierten Vater selbst sowie von Hauslehrern unterrichtet. Bereits mit zwölf Jahren bewies er sein hervorragendes mathematisches Talent und fand danach durch seinen Vater, der in Pariser Gelehrten- und Literatenzirkeln verkehrte, Anschluss an den Kreis von Mathematikern und Naturforschern um den MathematikerPère Mersenne, wo er als 16-Jähriger mit einerArbeit überKegelschnitte beeindruckte.
1639 wurde der Vater verdächtigt, Mitorganisator eines Protests von Betroffenen gegen Zinsmanipulationen des Staates zu sein. Er zog es vor, unterzutauchen und aus Paris zu flüchten. Ende 1639 wurde er jedoch dank der Fürsprache hochstehender Personen vonRichelieu begnadigt und durfte diesem sogar seinen Sohn vorstellen.
1640 wurde der Vater zum königlichen Kommissar und obersten Steuereinnehmer für dieNormandie inRouen ernannt. Hier erfand Pascal 1642 für ihn eine mechanischeRechenmaschine, die späterPascaline genannt wurde und als eine der ältesten Rechenmaschinen gilt. Sie ermöglichte zunächst nur Additionen, wurde im Lauf der nächsten zehn Jahre aber ständig verbessert und konnte schließlich auch subtrahieren (Zweispeziesrechner). Die Maschine arbeitete auf der Basis von Zahnrädern. Pascal erhielt ein Patent auf sie, doch der Reichtum, den er sich von der Erfindung und einer eigenen kleinen Firma erhoffte, blieb aus. Die mühsam einzeln handgefertigten Maschinen (neun von ca. fünfzig Exemplaren sind noch vorhanden) waren zu teuer, um größeren Absatz zu finden.
In Rouen, einer Universitätsstadt mitAppellationsgericht und reicher Kaufmannschaft, zählte die Familie Pascal zurguten Gesellschaft, auch wenn sich der Vater mit seiner unnachgiebigen Amtsausübung nicht immer Freunde machte. In diesem Milieu bewegten sich Pascal und seine literarisch begabte jüngere Schwester Jacqueline, deren dichterische Versuche von dem DramatikerPierre Corneille gefördert wurden, mit selbstbewusster Eleganz. Die Schwester Gilberte heiratete 1641 einen jungen Verwandten,Florin Périer, den sich ihr Vater als Assistent aus Clermont-Ferrand geholt hatte.
1646, während derRekonvaleszenz des Vaters nach einem Unfall, kam die bis dahin nur schwach religiöse Familie in Kontakt mit den Lehren des holländischen ReformbischofsJansenius, der innerhalb der katholischen Kirche eine anAugustinus orientierte,Calvins Vorstellungen ähnelnde Gnadenlehre vertrat. Vater, Sohn und Töchter wurden fromm. Jacqueline beschloss sogar, Nonne zu werden. Pascal, der unter Lähmungserscheinungen an den Beinen und ständigen Schmerzen litt, interpretierte seine Krankheit als ein Zeichen Gottes und begann, einasketisches Leben zu führen.Anfang 1647 demonstrierte er den Eifer seiner neuen Frömmigkeit, als er den Erzbischof von Rouen nötigte, einen Priesterkandidaten zu maßregeln, der vor ihm und Freunden eine rationalistische Sicht der Religion vertreten hatte.
Pascal führte weiterhin naturwissenschaftlich-mathematische Studien. So wiederholte er noch 1646 erfolgreich die schon 1643 vonEvangelista Torricelli angestellten Versuche zum Nachweis desVakuums, dessen Existenz man bis dahin für unmöglich gehalten hatte, und publizierte 1647 seine Ergebnisse in der AbhandlungTraité sur le vide (siehe auchLeere in der Leere).
Ab Mai 1647 lebte er mit Jacqueline und wenig später auch mit dem Vater überwiegend wieder in Paris, wo er führendeJansenisten kontaktierte, aber auch seine Forschungen weiterführte. Angesichts des Widerstandes vieler Philosophen und Naturforscher, unter anderem vonDescartes, den er Ende September 1647 mehrfach in Paris traf, diskutierte er die Frage desVakuums (siehe auchÄther) aber nur noch indirekt, so in einer Abhandlung über denLuftdruck. 1648 maß sein Schwager Périer auf dem 1465 Meter hohen BergPuy de Dôme in Pascals Auftrag den Luftdruck, um dessen Abhängigkeit von der Höhe zu beweisen. 1648 begründete Pascal in einer weiteren Abhandlung das Gesetz derkommunizierenden Röhren.
Als im Frühjahr 1649 die Wirren derFronde das Leben in Paris erschwerten, wichen die Pascals bis Herbst 1650 zu den Périers in die Auvergne aus.
Im Herbst 1651 starb Pascals Vater. Jacqueline ging kurz danach, gegen den Wunsch des Verstorbenen und auch ihres Bruders, in das streng jansenistische KlosterPort Royal in Paris.
Pascal war nun zum ersten Mal auf sich allein gestellt. Da er, wenn auch nicht reich, so doch wohlhabend und adelig war, begann er als junger Mann von Welt in der Pariser Gesellschaft zu verkehren und befreundete sich mit dem philosophisch interessierten jungenDuc de Roannez. Dieser nahm ihn 1652, zusammen mit einigen seiner freidenkerischen Freunde, darunter derChevalier de Méré, zu einer längeren Reise mit, auf der Pascal in die neuere Philosophie eingeführt wurde, aber auch in die Kunst geselliger Konversation. Dank seines Verkehrs im schöngeistigen Salon derMadame de Sablé befasste er sich auch eingehend mit derbelletristischen Literatur seiner Zeit. Er dachte kurz sogar an den Kauf eines Amtes und ans Heiraten. Ein ihm lange zugeschriebener, weil gewissermaßen in diese mondäne Lebensphase passender anonymerDiscours sur les passions de l’amour („Abhandlung über die Leidenschaften der Liebe“) stammt aber nicht von ihm.
1653 verfasste er eine Abhandlung über den Luftdruck, in der zum ersten Mal in der Wissenschaftsgeschichte dieHydrostatik umfassend behandelt wird.
Mit seinen neuen Bekannten, besonders dem Chevalier de Méré, führte Pascal auch Diskussionen über die Gewinnchancen imGlücksspiel, einem typisch adeligen Zeitvertreib. Dies brachte ihn 1653 dazu, sich derWahrscheinlichkeitsrechnung zuzuwenden, die er 1654 im brieflichen Austausch mit demToulouser Richter und großen MathematikerPierre de Fermat vorantrieb. Sie untersuchten vorwiegendWürfelspiele. Zugleich beschäftigte er sich mit weiteren mathematischen Problemen und publizierte 1654 verschiedene Abhandlungen: denTraité du triangle arithmétique über dasPascalsche Dreieck und dieBinomialkoeffizienten, worin er auch erstmals das Beweisprinzip dervollständigen Induktion explizit formulierte,[1] denTraité des ordres numériques über Zahlenordnungen und dieCombinaisons über Zahlenkombinationen.
Im Herbst 1654 wurde Pascal von einer depressiven Verstimmung erfasst. Er näherte sich Jacqueline wieder an, besuchte sie häufig im Kloster und zog in ein anderes Viertel, um sich seinen mondänen Freunden zu entziehen. Immerhin arbeitete er weiter an mathematischen und anderen wissenschaftlichen Fragestellungen. Am 23. November (möglicherweise nach einem Unfall mit seiner Kutsche, der aber nicht verlässlich bezeugt ist) hatte er ein religiöses Erweckungserlebnis, das er noch nachts auf einem erhaltenen Blatt Papier, demMémorial, aufzuzeichnen versuchte.
Hiernach zog er sich aus der Pariser Gesellschaft zurück, um sich ganz seiner Frömmigkeit hinzugeben. Seinen einzigen Umgang stellten nunmehr diejansenistischen „Einsiedler“ (franz.solitaires) dar. Das waren Gelehrte und Theologen, die sich im Umkreis des KlostersPort-Royal des Champs niedergelassen hatten und die er häufig besuchte. Um 1655 führte er hier das legendäre Gespräch mit seinem neuen BeichtvaterLouis-Isaac Lemaistre de Sacy (1613–1684)Entretien avec M. de Saci sur Épictète et Montaigne (1655), worin er zwischen den beiden Polen dermontaigneschen Skepsis und derstoischen EthikEpiktets schon eine Skizze derAnthropologie bietet, die er später in denPensées entwickeln sollte.
Die 1656 erfolgte Heilung seiner NichteMarguerite Périer, die nach einem Besuch in Port Royal von einem Geschwür am Auge befreit worden war, bestärkte Pascals Glauben zusätzlich. Zugleich begann er, im gelehrten Dialog mit densolitaires, insbesondereAntoine Arnauld oderPierre Nicole, religiös und theologisch motivierte Schriften zu verfassen. Nebenher befasste er sich auch weiterhin mit praktischen Fragen, so 1655 mit der Didaktik des Erstlesens für die Schule, die diesolitaires betrieben.
Mit seiner sogenannten „zweiten Bekehrung“ (vgl. dasMémorial) war er in eine Situation eingetreten, in der die orthodox frommen und rigoros moralischen Jansenisten den laxeren und konzilianteren, aber auch machtbewusstenJesuiten ein Ärgernis geworden waren. Als es 1655 zum offenen Streit kam, weil Arnauld als Jansenist aus der theologischen Fakultät der PariserSorbonne ausgeschlossen wurde, mischte Pascal sich ein und verfasste1656/57 achtzehn anonyme satirisch-polemischeSendbriefe. Diese waren sehr erfolgreich und wurden 1657 in Holland unter dem TitelProvinciales, ou Lettres de Louis de Montalte à un provincial de ses amis et aux R. R. PP. Jésuites sur la morale et la politique de ces pères („Provinzlerbriefe, oder Briefe von L. de M. an einen befreundeten Provinzler sowie an die Jesuiten über die Moral und die Politik dieser Patres“) auch als Buch gedruckt. Es handelt sich um Briefe eines fiktiven Paris-Reisenden namens Montalte, von denen die ersten zehn an einen fiktiven Freund in der heimatlichen Provinz gerichtet sind, die nächsten sechs an die Pariser Jesuitenpatres insgesamt und die letzten beiden speziell an den Beichtvater des Königs. In diesen Briefen beschreibt Montalte zunächst in der Rolle eines theologisch unbeschlagenen und naiven jungen Adeligen, wie Jesuiten ihm altklug und herablassend ihre Theologie erklären; später, nachdem er quasi seine Lektion gelernt hat, beginnt er mit ihnen zu diskutieren und so scharfsinnig wie witzig ihre Lehren ad absurdum zu führen. Pascal persiflierte und attackierte so die zwar gewissermaßen verbraucherfreundliche, aber tendenziell opportunistische und oft spitzfindige Theologie – die berühmteKasuistik – der Jesuiten und entlarvte ihren sehr weltlichen Machthunger. DieLettres provinciales hatten, obwohl sie nach der Nr. 5 verboten wurden, bei Erscheinen der Buchausgabe auf den Index kamen und 1660 sogar vom Henker verbrannt wurden, großen und langandauernden Erfolg und bedeuteten längerfristig den Anfang vom Ende der Allmacht der Jesuiten, zumindest in Frankreich. Wegen ihrer Klarheit und Präzision gelten sie als ein Meisterwerk der französischen Prosa, das ihrem Autor einen Platz unter den Klassikern der französischen Literaturgeschichte verschaffte.
Weniger bekannt wurden die vier bissigen Streitschriften, mit denen sich Pascal 1658 (neben Arnauld und Nicole) in eine Fehde zwischen jansenistisch orientierten Pariser Pfarrern und den Jesuiten einschaltete.
Blaise Pascal
Kurzfristig behielten allerdings die Jesuiten mit Hilfe von König und Papst die Oberhand, was die nächsten Jahre Pascals verdüsterte. Denn während viele seiner Gesinnungsfreunde unter dem Druck der obrigkeitlichen Schikanen einknickten oder taktierten, blieb er unbeugsam.
In dieser Situation begann Pascal 1658 damit, systematischer an einer großen Apologie der christlichen Religion zu arbeiten, für die er bereits 1656 erste Notizen angelegt hatte.Ein wichtiger theologischer Bezugspunkt sind die unvollendeten Écrits sur la grâce (1657). In ihnen verteidigt Pascal – im Anschluss an Cornelius Jansen und Augustinus – eine strikt monergistische Gnadenlehre.Dabei grenzt er sich sowohl von der calvinistischen Konzeption einer unwiderstehlichen Gnade als auch von der jesuitischen Synergismus-Lehre ab.Für Pascal ist der menschliche Wille durch die Erbsünde so geschwächt, dass der Mensch das Heil ohne die wirksame Gnade Gottes nicht ergreifen kann. Jede echte Zustimmung des Menschen zur Gnade gilt ihm selbst bereits als Wirkung dieser Gnade.Zugleich betont Pascal den augustinischen Grundsatz, dass Gott den Menschen nicht gegen dessen Willen rettet („Jener, der uns ohne uns geschaffen hat, rettet uns nicht ohne uns“). Dieses ‚mit uns‘ verweist jedoch nicht auf eine autonome Mitwirkung des Menschen, sondern auf die von der Gnade hervorgebrachte freiwillige Zustimmung.
Neben seiner Arbeit an denPensées betrieb Pascal immer wieder mathematische Studien. So berechnete er 1658 die Fläche unter derZykloide mit den Methoden vonCavalieri sowie das Volumen desRotationskörpers, der bei Drehung der Zykloide um diex-Achse entsteht. Nachdem er selbst die Lösung gefunden hatte, veranstaltete er ein Preisausschreiben zu dem Problem, was ihm viele (unzureichende) Vorschläge und eine heftige Polemik mit einem Unzufriedenen eintrug.
1659 erschienen seine SchriftTraité des sinus des quarts de cercle (Abhandlung über den Sinus des Viertelkreises). Als 1673Gottfried Wilhelm Leibniz diese Arbeit in Paris las, empfing er eine entscheidende Anregung zur Entwicklung derDifferential- und Integralrechnung durch die Betrachtung der speziellen Gedanken Pascals, die Leibniz allgemeiner verwendete, indem er Pascals Kreis als Krümmungskreis an die einzelnen Punkte einer beliebigen Funktion oder Funktionskurve auffasste. Leibniz sagt, er habe darin ein Licht gesehen, das der Autor nicht bemerkt habe.[2] Daher stammt der Begriffcharakteristisches Dreieck.
Mit seiner ohnehin schlechten Gesundheit ging es in diesen Jahren immer rascher bergab, vermutlich auch aufgrund seiner äußerst asketischen, ihn zusätzlich schwächenden Lebensweise. So konnte er 1659 viele Wochen nicht arbeiten. Trotzdem war er im selben Jahr Mitglied eines Komitees, das eine neue Bibelübersetzung zu initiieren versuchte. 1660 verbrachte er mehrere Monate als Rekonvaleszent auf einem Schlösschen seiner älteren Schwester und seines Schwagers bei Clermont.
Anfang 1662 gründete er zusammen mit seinem Freund Roannez und weiteren Unternehmern ein Droschkenunternehmen („Les carrosses à cinq sous“ – „Fünfgroschenkutschen“), das den Beginn des öffentlichen Nahverkehrs weltweit markierte, jedoch nach wenigen Jahren scheiterte.[3]
Am 4. Oktober 1661 starb Pascals jüngere Schwester Jacqueline. Nach ihrem Tod verschlimmerte sich seine Krankheit und sein emotionaler Zustand litt stark. Im Sommer 1662 ließ er seinen recht ansehnlichen Hausstand zugunsten mildtätiger Zwecke verkaufen. Am 18. August 1662 wand er sich in Krämpfen und empfing dieKrankensalbung. Er starb am nächsten Morgen im Alter von nur 39 Jahren und 2 Monaten im Pariser Haus der Périers. Seine letzten Worte sollen „Möge Gott mich niemals verlassen“ gewesen sein.
In seinem Mantelsaum fand man eingenäht ein Stück Papier, das als dasMémorial des Blaise Pascal berühmt geworden ist. Darin versuchte er in Ausrufen und stammelnden Worten, seine mystische Erfahrung in Worte zu fassen. In ihr erfuhr er denGott Abrahams, Isaaks und Jakobs, nicht den der Philosophen und Gelehrten.[4]
Eine nach seinem Tod durchgeführteObduktion ergab schwerwiegende Probleme mit seinem Magen und anderen Organen seines Bauches sowie eineSchädigung seines Gehirns. Dabei wurde die Ursache seines Todes nie genau bestimmt, obwohl sich die Spekulation auf Tuberkulose, Magenkrebs oder eine Kombination aus beiden konzentriert. Die Kopfschmerzen, von denen er zeitlebens betroffen war, werden im Allgemeinen auf seine Hirnläsion zurückgeführt.
Die sterblichen Überreste Blaise Pascals ruhen in derPfarrkircheSt-Étienne-du-Mont hinter dem Chor „vor einer aufragenden Säule unter einem Grabstein aus Marmor ...“, wie dasEpitaph es sagt.[5]
Von 1968 bis 1993 wurde in Frankreich eine 500-Francs-Banknote produziert, die dem Werk und Andenken Pascals gewidmet ist und Informationen aus seinem Leben darstellt. Auf der Vorderseite ist neben einem Porträt des Physikers dieTour Saint-Jacques abgebildet. Als Wasserzeichen dient eine Abbildung seiner Totenmaske, die imKloster Port Royal aufbewahrt wird, welches seinerseits auf der Rückseite des Geldscheins erscheint.[6]
Pascal konnte durch seinen frühen Tod die geplante große Apologie nicht fertigstellen. Er hinterließ nur Notizen und Fragmente, rund 1000 Zettel in rund 60 Bündeln, auf deren Grundlage 1670 von jansenistischen Freunden eine Ausgabe unter dem TitelPensées sur la religion et sur quelques autres sujets („Gedanken über die Religion und über einige andere Themen“) besorgt wurde. Diese Erstausgabe ist verdienstvoll, weil die Herausgeber – ungewöhnlich für die Epoche – ein unfertiges Werk veröffentlichten und es dadurch zugänglich zu machen versuchten. Sie ist aber problematisch insofern, als jene sich nicht am Originaltext orientierten, obwohl er als Autograph, wenn auch nur in Zettelform, erhalten war, sondern eine der beiden Abschriften benutzten, die die Périers kurz nach Pascals Tod von den Zettelbündeln anfertigen ließen. Sie ist noch problematischer dadurch, dass man das erhaltene Textmaterial nach unterschiedlichen Kriterien kürzte und, anders als die benutzte Abschrift, die die Anordnung der Zettel und Bündel weitgehend beibehalten hatte, eine neue eigene, vermeintlich plausiblere Ordnung der Fragmente einführte.
Die modernen Ausgaben sind Resultat einer philologischen Erfolgsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Diese beginnt damit, dass der PhilosophVictor Cousin 1842 in einem Bericht an dieAcadémie française auf die Notwendigkeit einer neuen Edition derPensées hinwies angesichts der offensichtlichen Unzulänglichkeit der Erstausgabe, der bis dahin alle Herausgeber gefolgt waren, wenn auch meist unter nochmaligen Kürzungen und/oder weiteren Umstellungen. Tatsächlich versuchte noch 1844 Prosper Faugère erstmals eine komplette Edition nach den originalen Zetteln Pascals, die er jedoch weitgehend frei nach inhaltlichen Kriterien zu Abschnitten und Unterabschnitten neu ordnete. Dieses Prinzip wurde fortgesetzt und vermeintlich jeweils perfektioniert von weiteren Herausgebern, deren bekanntesterLéon Brunschvicg mit seiner Ausgabe von 1897 bis 1904 wurde.
Um 1930 trennte sich die Forschung von dem etablierten Irrtum, dass Pascals Zettel letztlich nicht geordnet gewesen seien. Vielmehr erkannte man, dass zumindest 27 Bündel (nach der 1. Kopie bzw. 28 nach der 2. Kopie, d. h. rund 400 Zettel) ebenso vielen von Pascal intendierten Kapiteln entsprachen und durchaus eine interne Ordnung aufweisen. Auch andere Bündel stellten sich als homogener und geordneter heraus als bis dahin gedacht, so dass man zu Editionen überging (insbesondere Louis Lafuma, 1952 u.ö. nach der sog. 1. Kopie;[9] 1976 Philippe Sellier nach der 2. Kopie, die – da in fortlaufender Folge geschrieben – den Nachlasszustand genauer wiedergibt als die in einzelnen Faszikeln zu Editionszwecken angefertigte erste Kopie), die im Text den Autographen entsprechen und in der Anordnung weitgehend den beiden Abschriften folgen (denn 1710/11 hatte Pascals Neffe Louis Périer in bester Absicht alle Zettel umsortiert und auf große Bögen geklebt). Neuere Forschungen haben zudem mit philologischen Mitteln (Wasserzeichenanalyse etc.) auch den Entstehungszusammenhang der Fragmente deutlicher herausarbeiten können (Pol Ernst, 1991).
Diese neueren Editionen sind Rekonstruktionen des Nachlasszustandes und des Denkens sowie der Ordnungsabsichten Pascals für das Material zu diesem Zeitpunkt. Die Frage, wie das Werk ausgesehen hätte, wenn Pascal es hätte vollenden können (und ob er es je hätte fertigstellen können), bleibt offen.
Die erwähnten 27 bzw. 28 Kapitel zeigen den Weg, den Pascal in der Argumentation seiner Apologie des Christentums verfolgen wollte. Die Apologie ist zweigeteilt: „Erster Teil: Elend des Menschen ohne Gott. Zweiter Teil. Glückseligkeit des Menschen mit Gott“ (Laf. 6). Die Kapitel zeichnen zuerst unter den Überschriften „Nichtigkeit – Elend – Langeweile – Gegensätze – Zerstreuung“ usw. ein dramatisches Bild der menschlichen Lage, mit brillanten paradoxen, ironischen Formulierungen ausgeführt, wenden sich dann den Philosophen auf der Suche nach dem „höchsten Gut“ zu und finden die Auflösung derAporien der menschlichen Existenz im Christentum. Der folgende historisch-theologische Teil nutzt ausführlich die Elemente der Exegese der Kirchenväter, wie sie Port-Royal – allerdings in einer „modernen“, sehr historisierenden Form – übermittelte, und steht damit nicht auf dem Boden neuzeitlich historisch-kritischer Bibelexegese, die damals allerdings erst mitRichard Simon entstand. Pascal argumentiert mit der Kontinuität der in der Heiligen Schrift bezeugten Heilsgeschichte, der typologischen Auslegung der Prophezeiungen (als Hinweise auf das Erscheinen des Christus/Messias), der „Beständigkeit“ der jüdischen Religion (das Prinzip, dass die wahre Religion von Anfang der Schöpfung an vorhanden sein muss, vgl.Augustinus von Hippo, Retractationes 1,12,3) und dem hermeneutischen Prinzip der Liebe als Schlüssel der Heiligen Schrift (Laf. 270). Der „Beweis“ führt nicht direkt zum Glauben, er ist allerdings ein „Werkzeug“ (Laf. 7) der Gnade. Ziel der Apologie Pascals ist die Bekehrung von Atheisten oder Zweiflern.
Im geordneten Material derPensées finden sich die großen ausgearbeiteten anthropologischen Texte „Mißverhältnis des Menschen“ (Laf. 199) über die Lage des Menschen zwischen dem unendlich Kleinen und dem unendlich Großen, „Zerstreuung“ (Laf. 136) über die Ablenkung vom Nachdenken über die wirkliche, durch Elend und Tod geprägte Lage durch Vergnügen und Zerstreuung u. a. Die Einheit des Pascalschen Denkens von seinen mathematischen bis zu seinen theologischen Schriften macht das berühmte Fragment über die drei Ordnungen der Körper, des Geistes und der Liebe beziehungsweise Heiligkeit (Laf. 308) deutlich. Nicht in eines der 27 bzw. 28 Kapitel eingeordnet findet sich diePascalsche Wette, gemäß der der Glaube an Gott nicht nur richtig, sondern auch vernünftig ist, denn: „Wenn Ihr gewinnt, so gewinnt Ihr alles, und wenn Ihr verliert, so verliert Ihr nichts“ (Laf. 418). Nach Pascals Notizen (Laf. 11) ist sie wie der „Einleitungs-Text“ über die Suche nach Gott (Laf. 427) dem Gedankengang voranzustellen (Vgl. Selliers Ausgabe der Penséss „d'après l'«ordre» pascalien“, 2004).
Während einer Epoche, die bereits klar auf der Trennung von Glauben und Wissen bestand, vertrat Pascal in seinem Leben und Werk das Prinzip der Einheit allen Seins. Für ihn bedeutete die Beschäftigung sowohl mit naturwissenschaftlichen Problemen als auch mit philosophischen und theologischen Fragen keinerlei Widerspruch; alles das diente ihm zur unmittelbaren Vertiefung seiner Kenntnisse. Seine Wahrnehmung der „intelligence/raison du coeur“ – nur das Zusammenspiel von Verstand und Herz könne Grundlage menschlichen Erkennens sein – als wesentlichste Form der umfassenden Erkenntnis wird von seinen Anhängern als visionär und über die Zeiten hinweg beispielgebend erfasst.
Bis heute gilt Pascal als wortgewaltigerApologet des Christentums und Verfechter einer tiefen christlichen Ethik. Kritiker des Christentums wie derAbbé Meslier oderVoltaire haben ihn daher früh als hochrangigen Gegner attackiert. 1793 wurde sein Grab in der KircheSt-Étienne-du-Mont geschändet.
Johann Wolfgang von Goethe autorisierte in seiner „Werkausgabe letzter Hand“ eine 1772 gedruckte – wahrscheinlich nicht von ihm stammende – Rezension mit der Aussage: „Wir müssen es einmal sagen: Voltaire,Hume,La Mettrie,Helvetius,Rousseau und ihre ganze Schule, haben der Moralität und der Religion lange nicht so viel geschadet, als der strenge, kranke Pascal und seine Schule.“[10]
Friedrich Nietzsche setzte sich zeitlebens mit Pascal auseinander. Für ihn ist Pascal „der bewunderungswürdigeLogiker des Christenthums“;[11] „Pascal, den ich beinahe liebe, weil er mich unendlich belehrt hat: der einzige logische Christ“.[12] Es finden sich Urteile, die sowohl Bewunderung als auch Ablehnung ausdrücken: Nietzsche sah in Pascal, wie auch inSchopenhauer, so etwas wie einen würdigen Gegner. Er sah auch eine inhaltliche Verbindung zwischen diesen beiden: „ohne den christlichen Glauben, meinte Pascal, werdet ihr euch selbst, ebenso wie die Natur und die Geschichte, ‚un monstre et un chaos‘. Diese Prophezeiung haben wirerfüllt: nachdem das schwächlich-optimistische 18. Jahrhundert den Menschenverhübscht undverrationalisiert hatte […] in einem wesentlichen Sinn istSchopenhauer der Erste, der die BewegungPascals wiederaufnimmt […]unsre Unfähigkeit, die Wahrheit zu erkennen, ist die Folge unsrerVerderbniß, unsres moralischenVerfalls: so Pascal. Und so im Grunde Schopenhauer.“[13] In Pascal kann Nietzsche seine Kritik des Christentums lokalisieren: „Man soll es dem Christenthum nie vergeben, daß es solche Menschen wie Pascal zugrunde gerichtet hat. […] Was wir am Christenthum bekämpfen? Daß es die Starken zerbrechen will, daß es ihren Muth entmuthigen, ihre schlechten Stunden und Müdigkeiten ausnützen, ihre stolze Sicherheit in Unruhe und Gewissensnoth verkehren will […] bis die Starken an den Ausschweifungen der Selbstverachtung und der Selbstmißhandlung zu Grunde gehn: jene schauerliche Art des Zugrundegehens, deren berühmtestes Beispiel Pascal abgiebt.“[14]
Moderne Kritiker wie der sonst vergleichsweise zurückhaltendeAldous Huxley gingen in ihrer Kritik weiter, allerdings in psychologisierender Weise. Pascal habe aus seiner Not – seinen körperlichen Gebrechen sowie seiner Unfähigkeit, echte Leidenschaft zu empfinden – eine Tugend gemacht und dies mit heiligen Worten getarnt. Schlimmer noch: er habe seinen beachtlichen Verstand dazu benutzt, um andere dazu zu ermuntern, eine gleichermaßen diesseits-feindliche Weltanschauung einzunehmen. Zitate von Pascal wie: „Sich vom Mittelweg zu entfernen, heißt, sich von der Menschheit zu entfernen“ und anderes mehr verleiteten lediglich dazu, ihn als gemäßigten Denker im aristotelischen Sinne zu verstehen. Huxley vertritt die Auffassung, dass dies nur eine theoretische Seite Pascals gewesen sei. Im eigentlichen Leben, also so, wie es sich in dessen Lebensalltag auch nachweislich darstellte, sei Pascal sehr konsequent gewesen – heute würde man sagen: fundamentalistisch. Worte aus der Feder Pascals wie: „Siechtum […] ist der natürliche Zustand eines Christen; denn im Siechtum ist ein Mensch, wie er immer sein sollte“ gäben die düstere Haltung des Philosophen wieder. Pascal gelte aufgrund seiner brillanten Formulierungen und den beeindruckend geschilderten spirituellen Erlebnissen als Vorkämpfer einer hehren Sache, während er – was seine christlich-philosophische Seite anbelangt – nur ein kranker Asket gewesen sei. Im Gegensatz zu Nietzsche habe er sich nicht gegen seine Gebrechen gestemmt, sondern sie als willkommene Indizien für ein wertloses irdisches Leben benutzt, so Huxley.[15]
Philosophiebezogen istKarl Löwiths Wiederaufnahme der Kritik Voltaires und seine Beschäftigung mit der „Apologie“ oder die Pascal kritisch interpretierende Einstellung seines Werks in die Geschichte der modernen Funktionsontologie durchHeinrich Rombach.[16] Theologisch gewichtig sind etwa die große InterpretationHans Urs von Balthasars in seinem Werk „Herrlichkeit“[17] oderRomano Guardinis „Christliches Bewußtsein: Versuche über Pascal“. Die letztgenannten Interpreten machen keine punktuellen Bemerkungen zu ausgewählten Fragestellungen von Person und Werk, sondern beschäftigen sich mit dem gesamten hinterlassenen Œuvre. Eine umfangreiche Pascal-Forschung gibt es nicht nur in Frankreich, sondern etwa auch in den Vereinigten Staaten oder in Japan.
In Deutschland sind mehrere Schulen nach Pascal benannt worden; etwa dasPascalgymnasium in Münster, ebenso in Frankreich wie dasLycée Blaise-Pascal de Nouméa. Außerdem tragen zahlreich Straßen in Frankreich seinen Namen wie dierue Blaise Pascal in Paris. 1857 wurde für ihn in Paris auch eine 2,80 m hohe Statue aus Marmor eingeweiht.[20]
Eine Gesamtübersetzung des literarischen Werkes (ohne die naturwissenschaftlichen Schriften) existiert nur in elektronischer Form:
Pascal im Kontext. Werke auf CD-ROM – Französisch/Deutsch. Übersetzt von Ulrich Kunzmann. Worm, Berlin 2003 (= Literatur im Kontext auf CD-ROM 19),ISBN 3-932094-35-2.
Die derzeit maßgeblichen Buchausgaben des literarischen Werks auf Deutsch:
Jean-Robert Armogathe (Hrsg.):Gedanken über die Religion und einige andere Themen / Blaise Pascal. Reclam (RUB 1622), Stuttgart 1997,ISBN 3-15-001622-3,S.571.
Gedanken. Übersetzt von Ulrich Kunzmann. Kommentar von Eduard Zwierlein. Suhrkamp (= Suhrkamp Studienbibliothek. Bd. 20), Berlin 2012,ISBN 978-3-518-27020-2.
Pensées/Gedanken von Blaise Pascal. Übersetzt von Sylvia Schiewe. Ediert und kommentiert von Philippe Sellier. wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt 2016,ISBN 978-3-534-23298-7.
Albert Raffelt (Hrsg.):Kleine Schriften zur Religion und Philosophie. Meiner, Hamburg 2005,ISBN 3-7873-1769-4 (Philosophische Bibliothek 575).
Gedanken. Nach der endgültigen Ausgabe übertragen von Wolfgang Rüttenauer. Einführung vonRomano Guardini. Sammlung Dieterich Verlagsgesellschaft, Leipzig 1937,ISBN 3-88059-933-5 (Sammlung Dieterich Band 7; Lizenzausgabe für Parkland Verlag Köln 1997).
Lucien Goldmann:Der verborgene Gott. Studie über die tragische Weltanschauung in den „Pensées“ Pascals und im TheaterRacines. Dt. zuerst Luchterhand, Neuwied 1971 u. ö.; Suhrkamp, Frankfurt 1985 (stw 491; zuerst Paris 1955).
Romano Guardini:Christliches Bewußtsein: Versuche über Pascal, 1935.
Manfred Heeß:Blaise Pascal: Wissenschaftliches Denken und christlicher Glaube (=Freiburger Schriften zur romanischen Philologie. Bd. 33). Fink, München 1977.
Hans Loeffel:Blaise Pascal (=Vita mathematica. Bd. 2). Birkhäuser, Basel 1987
Christian Reidenbach:Horror vacui. Die Leere zwischen Empirie und Apologie bei Blaise Pascal. In: Ders.:Die Lücke in der Welt. Eine Ideengeschichte der Leere im frühneuzeitlichen Frankreich. Königshausen & Neumann, Würzburg 2018, S. 63–256,ISBN 978-3-8260-6374-9.
Hermann Reuchlin:Pascal's Leben und der Geist seiner Schriften zum Theil nach neu aufgefundenen Handschriften mit Untersuchungen über die Moral der Jesuiten. Stuttgart 1840online –Internet Archive
Hans-Martin Rieger:Menschlich denken – Glauben begründen: Blaise Pascal und religionsphilosophische Begründungsmodelle der Moderne. De Gruyter, Berlin 2010,ISBN 978-3-11-024778-7
↑de Grouchy:Les Carrosses à cinq sols ou Les omnibus du XVIIe siècle. In: H. Champion (Hrsg.):Bulletin de la Société de l'histoire de Paris et de l'Ile-de-France. 20-21e année. Société de l'histoire de Paris et de l'Ile-de-France, Paris 1893,S.167–170 (digitale Bibliothek der Französischen Nationalbibliothek [abgerufen am 28. Oktober 2022]).
↑Lütz, M.:Gott.Eine kleine Geschichte des Größten, Knauers Taschenbuch Verlag. München 2009
↑Diese Edition gibt den Nachlass in dem Zustand wieder, in dem er nach Pascals Tod aufgefunden wurde, sieheAlbert Raffelt:Blaise Pascal. Erinnerungen an ein Genie nach 350 Jahren. In:Stimmen der Zeit, Bd. 230 (2012), S. 541–550, hier S. 549.
↑inFrankfurter Gelehrte Anzeigen vom 8. September 1772, sieheGoethes Werke: Vollstandige Ausgabe letzter Hand. Band 33, Verlag Cotta, 1830,S. 85; „vonSchlosser stammend“: Hrsg. Elke Richter, Georg Kurscheidt:Johann Wolfgang Goethe : Briefe : Historisch-kritische Ausgabe. Band 1 von Johann Wolfgang von Goethe: Briefe. Verlag Walter de Gruyter, 2008,S. 436
↑Frieder Schulz:Das Gedächtnis der Zeugen – Vorgeschichte, Gestaltung und Bedeutung des Evangelischen Namenkalenders. In:Jahrbuch für Liturgik und Hymnologie, Band 19. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1975, S. 69–104, Namenliste S. 93–104 (Digitalisat)