DieBibliothèque nationale de France (BnF;deutschNationalbibliothek Frankreichs) ist eine öffentlich-rechtlicheAnstalt mit Sitz inParis unter derSchirmherrschaft desfranzösischen Kulturministers. Ihre Aufgabe ist es, Schriften zu sammeln, zu bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Sie publiziert einen Katalog, pflegt die Zusammenarbeit mit anderen Anstalten auf nationaler und internationaler Ebene und nimmt an Forschungsprogrammen teil.
Anders als dieDeutsche Nationalbibliothek ist die BnF eineUniversalbibliothek, die Literatur aus allen Zeiten und Fachgebieten sammelt und zur Verfügung stellt, nicht nur Schriften aus Frankreich oder über Frankreich. Sie verfügt über einen Erwerbungsetat von mehr als 20 Millionen Euro.
AlsNationalbibliothek erhält sie beidePflichtexemplare der Verleger und das Pflichtexemplar der sich in derIle-de-France befindenden Drucker. Ihr Buchbestand erweitert sich jährlich um 150.000 Bände (davon 60.000 durch Pflichtexemplare) und Schriftstücke aller Art. Je nach Thema oder Trägerart wird das zweite Pflichtexemplar einer anderen Bibliothek übergeben (z. B. dieComics demCentre National de la Bande Dessinée et de l’Image (CNBDI) inAngoulême).
Der Gesamtbestand wird mit etwa 30 Millionen Büchern und Dokumenten angegeben, damit ist sie eine der größtenBibliotheken der Erde. Etwa zehn Millionen Bände entfallen auf die neue BnF. Außerdem ist die BnF für ihre digitalisierte BibliothekGallica mit einem Bestand von 4 Mio. Dokumenten bekannt.
Galerie Mazarin der alten BibliothèqueSalle Ovale vonJean-Louis Pascal
Die Aktivitäten der BnF verteilen sich auf verschiedene Wirkungsstätten, die sogenanntenSites. Nur mit ausdrücklicher Genehmigung sind die Restaurierungswerkstätten wie dasCentre technique deBussy-Saint-Georges und dasCentre Joël Le Theule inSablé-sur-Sarthe zugänglich. Für Besucher geöffnet sind die alteBibliothèque nationale de France (site Richelieu-Louvois) in Paris, die neueBibliothèque nationale de France (site François-Mitterrand) in Paris, dieBibliothèque de l’Arsenal in Paris, die Museumsbibliothek derPariser Oper und die Bibliothek und das Dokumentationszentrum derMaison Jean Vilar inAvignon.
Die alteBibliothèque nationale (Site Richelieu-Louvois)
Die früher königliche, dann kaiserliche Nationalbibliothek, eine der reichsten der Welt, nimmt in der Nummer 5 der rue de Richelieu / rue Vivienne (2. Arrondissement) eine rechteckige Fläche von 16.000 m² ein. Der MinisterJean-Baptiste Colbert ließ 1666 die königliche Bibliothek in der Nähe seinesHôtels unterbringen. 1720 wechselte sie den Ort und wurde vom Abt Bignon, dem königlichen Bibliothekar (1719–1742), in das sogenannteHôtel de Nevers auf der anderen Straßenseite verlegt, einen Teil des Stadtpalastes, den der Kardinal und MinisterJules Mazarin hinter demPalais Royal an der heutigen Rue Richelieu hatte errichten lassen. Allmählich dehnte sich die Bibliothek auf den ganzen Häuserblock aus. ImHôtel de Nevers hatte sich zuvor die eigene Bibliothek des Kardinals befunden, dieBibliothèque Mazarine, die aber 1691 in dasCollège des Quatre Nations verlegt worden war, eine Stiftung des Kardinals und seit 1805 Sitz desInstitut de France, wo sie sich bis heute befindet.
Von 1854 bis zu seinem Tod im Jahr 1875 baute der ArchitektHenri Labrouste (1801–1875) die Bibliothek massiv um, um aus mehreren Bauten verschiedener Epochen ein großes, kohärentes Ensemble zu schaffen. 1868 wurde der große Lesesaal (heuteSalle Labrouste) eröffnet.
Labroustes NachfolgerJean-Louis Pascal setzte den Umbau fort und entwarf 1916 den ovalen Saal (Salle Ovale), der erst 1936 eingeweiht werden konnte. Dort befinden sich noch immer die kostbarsten Gegenstände aus dem Fundus der BnF, insbesondere Manuskripte, Kupferstiche, Karten und Pläne, Fotografien, Münzen und Medaillen (Cabinet des Médailles) sowie Dokumente der Musikgeschichte, während die Rara-Abteilung, die sonstigen gedruckten Werke, Tonträger, Videomaterialien usw. in das neue, von Dominique Perrault im Osten der Stadt errichtete Gebäude umgezogen sind.
Die neueBibliothèque nationale de France (Site François-Mitterrand)
Den Bau eines neuen Bibliotheksgebäudes kündigte der französische StaatspräsidentFrançois Mitterrand am 14. Juli 1988 an. Aus derAusschreibung mit 200 Bewerbern ging der junge französische ArchitektDominique Perrault als Preisträger hervor. Sein Projekt war aus vier erstrangigen Vorschlägen von Mitterrand persönlich ausgewählt worden.[2] Die Arbeiten begannen im Dezember 1990 und waren 1996 abgeschlossen. Die neue Bibliothèque nationale de France trägt zu Ehren ihres Initiators den NamenBibliothèque nationale François Mitterrand. Sie wurde am 20. Dezember 1996 der Öffentlichkeit übergeben. Im selben Jahr wurde der Architekt für den Bau mit demMies van der Rohe Award for European Architecture ausgezeichnet.
Die vier Ecken des Gebäudes im13. Arrondissement weisen je einen 79 m hohen Turm mit einer durchgehendenGlasfassade auf. Die Türme sind L-förmig und symbolisieren ein aufgeschlagenes Buch. Das gesamte Bibliotheksgebäude und alle Stockwerke der vier Türme sind mit der größten je in Europa installierten automatischenBuchtransportanlage ausgestattet (6,6 Kilometer Profilschienen, 151 Zielbahnhöfe, 300 selbstfahrende Behälter).
Namen der Türme
T1Tour du temps ‚Turm der Zeit‘
T2Tour des lois ‚Turm der Gesetze‘
T3Tour des nombres ‚Turm der Zahlen‘
T4Tour des lettres ‚Turm der Buchstaben bzw. Briefe‘
In der Mitte des 60.000 m² großen rechteckigen Areals liegt ein 12.000 m² großer Wald. 150 mehrjährige Kiefern wurden 1995 in den Innenhof gepflanzt, der nur an einem einzigen Nachmittag des Jahres der Öffentlichkeit zugänglich ist.[3]Aufgrund von Fehlplanungen und zahlreichen Verzögerungen beim Bau war das Gebäude in Paris lange Zeit umstritten. Problematisch ist die Lagerung der Bücher in den Türmen, mit langen Wegen zu den Arbeitsräumen im Untergrund, auch, weil die Bücher dort nach der ursprünglichen Planung dem Tageslicht ausgesetzt waren. Ebenso wurden die hohen Baukosten und der enorme Energieverbrauch kritisiert. Zwischen 2003 und 2013 wurden von Dominique Perrault daher verschiedene Umbauten realisiert.[2] Im Herbst 2002 war das Gebäude Schauplatz der LichtinstallationArcade vonProjekt Blinkenlights. Die neue Bibliothek ist über die MétrostationBibliothèque François Mitterrand erreichbar.
Die Ursprünge der Bibliothek werden bis auf dasMittelalter und die persönliche Handschriftensammlung KönigKarls V. zurückgeführt, die 1368 imLouvre gegründet wurde und 917Manuskripte umfasste, die traditionell in der Literatur alsCodex Parisianus mit der Inventarnummer zitiert werden. Sie war aber noch Privatbesitz des Königs. Nach dem TodKarls VI. wurde diese erste Sammlung während der englischen Besatzung imHundertjährigen Krieg zerstreut. Teile davon wurden vomHerzog von Bedford erworben und nach England transportiert. SeitLudwig XI. wurde die Sammlung wieder aufgebaut. Seine NachfolgerKarl VIII. undLudwig XII. trugen im 15. Jahrhundert erheblich zu ihrer Vergrößerung bei, insbesondere durch die Einverleibung der Bibliotheken deraragonesischen Könige inNeapel und derVisconti-Sforza vonMailand.
Im 16. Jahrhundert verlagerteFranz I. die königliche Bibliothek nachFontainebleau. Die Ordonnanz von Montpellier (1537) verpflichtete Verleger und Drucker, ein Exemplar jedes Werkes an diese Bibliothek abzuliefern. Trotz der Ordonnanz wurden viele Bücher aber erst nachträglich erworben.
Gebäude der Bibliothèque de l’Arsenal
Nachdem die Bibliothek unter anderem aufgrund derHugenottenkriege mehrmals ihren Standort gewechselt hatte, ergriff im 17. JahrhundertColbert die Initiative, sie neben seinem Stadtpalast in der Pariser Rue Vivienne unterzubringen. Durch zahlreiche im Ausland aufgekaufte Werke machte der Minister die Bibliothek zu einer der weltweit schönsten seiner Zeit. 1692 wurde die königliche Bibliothek für den – zeitgemäß eingeschränkten – öffentlichen Gebrauch freigegeben. Die Bestände wurden ständig durch das Pflichtexemplarrecht, Erwerbungen, Vermächtnisse und Schenkungen größerer Sammlungen erweitert (z. B. vermachte die WitweEugène Goupils im Jahr 1898 der Bibliothek eine bedeutende Sammlung aztekischer Manuskripte).
DieFranzösische Revolution führte zu einer bedeutenden Bestandsvermehrung: zwar wurde das Pflichtexemplarrecht in Frankreich zwischen 1790 und 1794 aufgehoben, aber ganze Bibliotheken und Sammlungen wurden entwedersäkularisiert (Bibliotheken von Konventen und Abteien) oder beschlagnahmt (Bibliotheken emigrierter Adliger). Die Sammlungen wurden im 20. Jahrhundert nochmals beträchtlich vervollständigt, als dieBibliothèque de l’Arsenal 1926 und dieBibliothèque desConservatoires über den Umweg derRéunion des bibliothèques nationales der BnF übergeben wurden (1977 wurde die Bibliothek des Conservatoires wieder selbstständig, die älteren Bestände verblieben aber in der BnF).
Ein besonderer Bestand ist der sogenannteEnfer, der zur Reservatensammlung seltener und kostbarer Bücher gehört und Druckwerkeerotischen oderpornografischen Charakters vereinigt, die nur mit Bewilligung eingesehen werden dürfen. Der Enfer wurde zwischen 1836 und 1844 eingerichtet und gilt als einer der berühmtestenRemota-Fonds.
Seit 2007 betrifft das Pflichtexemplarrecht auch die elektronische öffentliche Kommunikation. Infolge dieses Gesetzes speichert die französische Nationalbibliothek die Inhalte der.fr-Domain des Internets.
Die Bestände der Bibliothèque nationale de France werden hauptsächlich durch dreiKataloge erschlossen:
derCatalogue général mit über 13 Millionen bibliographischen Nachweisen und über 5.000.000Normdatei-Einträgen von Personen, Körperschaften, Werken und Schlagwörtern. Dieser Katalog beschreibt die Bücher, Zeitschriften, Bilder (Fotos und Einblattmaterial), Objekte (Münzen, Kostüme usw.), handschriftlichen und gedruckten Partituren, Tonträger, CDs sowie die meisten Mikrofilme und die inGallica zugänglichen Digitalisate mit folgenden Einschränkungen:
Drucke in nicht-lateinischer Schrift werden erst ab 1996 elektronisch erfasst. Ältere Erwerbungen sollen in digitalisierten Zettelkatalogen recherchiert werden.
Mikrofilme werden nicht alle katalogisiert (Mikrofiches von Dissertationen können nur unter der Signatur Microfiche M-33000 im Katalog ohne bibliographischen Nachweis bestellt werden); elektronische Zeitschriften und Datenbanken werden in diesem Katalog nur erfasst, wenn auch die gedruckte Ausgabe oder der Datenträger erworben wurde.
der Katalog der Handschriften enthält Handschriften und Archive. Ein beträchtlicher Teil der Handschriften ist aber noch nicht elektronisch erschlossen. Die meisten dieser Kataloge wurden jedoch digitalisiert und sind online abrufbar.
der Katalog der elektronischen Zeitschriften und Datenbanken mit über 40.000 Zeitschriften.
Abgesehen von den elektronisch durchsuchbaren Katalogen sind auch ältere digitalisierte Kataloge zugänglich.
Liste der Leiter der Bibliothèque nationale de France
Nach der Gründung derNationalbibliothek während der Revolution haben die Leiter der Bibliothek verschiedene Namen getragen:Bibliothécaires de la Nation ‚Bibliothekare der Nation‘,Présidents du Conservatoire ‚Präsidenten des Konservatoriums‘,Directeurs ‚Direktoren‘,Administrateurs généraux ‚Generalverwalter‘ und wiederPrésidents ‚Präsidenten‘.
Jean-Noël Jeanneney setzte sich für ein europäisches Buch-Digitalisierungs-Programm und eine digitale europäische Bibliothek als Gegengewicht zur drohenden „nordamerikanischen Hegemonie“ durchGoogle ein (siehe auch:Europeana,Quaero).