Im Laufe ihrer Geschichte war Białystok eine vielsprachige Stadt. Von der Stadtgründung bis zum Zweiten Weltkrieg stellten Juden oft die Bevölkerungsmehrheit.[4][5] Von der Mitte des 19. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts existierte hier auch eine zahlenmäßig bedeutsame deutscheMinderheit. Heute sind dieBelarusen die größte Minderheit der Stadt.
Białystok liegt in einer ertragreichen ländlichen Region. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde die Stadt zu einem Zentrum desMaschinenbaus und der Elektro-,Metall- und Brauindustrie. Sie liegt an der Eisenbahnstrecke von Warschau in RichtungKaunas/Vilnius (Rail Baltica). In Białystok gibt es mehrereHochschulen. Die Stadt ist der Sitz eines katholischenErzbistums.
Białystok liegt rund 180 km nordöstlich der LandeshauptstadtWarschau nahe derbelarussischen Grenze an dem kleinen FlussBiała, der im Nordwesten der Stadt in denSupraśl mündet, der sich wiederum einige Kilometer weiter westlich in denNarew ergießt.
Białystok wurde im 16. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt. Ab 1665 gehörte es der FamilieBranicki, die es zur Residenzstadt ausbaute. Auf Betreiben von Stefan Branicki erhielt Białystok 1692 das Stadtrecht, dasAugust III. 1749 erneuerte.
Białystok und sein Umland kamen 1796 unterpreußische Herrschaft und fielen nach demFrieden von Tilsit (1807) als Белосток/Belostok ansGouvernement Grodno imKaiserreich Russland. Dieser Umstand und die Errichtung einerZollgrenze zwischen RussischKongresspolen und Russland im Jahr 1831 sorgten für einen Aufschwung der Stadt. Die Zollgrenze sorgte dafür, dass Betriebe aus Polen ihren Sitz nach dem jetzt russischen Białystok (Belostok) verlagerten, um weiter für die russische Armee produzieren zu können.[6] Durch die Eröffnung derWarschau-Petersburger Eisenbahn, die durch Białystok führte, wurde die Stadt zu einem industriellen Zentrum.[7] Mit der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts bildete sich eine bedeutende deutsche Minderheit, die 1885 ca. 12.000 Menschen umfasste, in den folgenden Jahrzehnten jedoch wieder abnahm: 1913 gab es nur noch 5.000 Deutsche in Białystok, 1935 noch 2.500.[8] Im Jahre 1900 waren 63 % der Einwohner Juden, so dass sich die Stadt auch als ein bedeutendes jüdisches Zentrum entwickelte. ImErsten Weltkrieg erfolgte am 20. April 1915 ein deutscher Luftangriff auf Białystok, welcher 13 Tote und 34 Verletzte zur Folge hatte. Schwere Schäden richteten die russischen Truppen an, als sie sich am 13. August 1915 vor den heranrückenden Deutschen zurückzogen.[9]Die Stadt blieb von da an bis zum 19. Februar 1919 unter deutscher Kontrolle.[10]
Ende Juli 1944 wurde die Stadt von derRoten Armee eingenommen. Es war zunächst vorgesehen, die Stadt zusammen mit dem westlichen Teil dervormaligen Woiwodschaft in die Sowjetunion einzugliedern, und zwar in dieWeißrussische Sozialistische Sowjetrepublik (BSSR). Doch dann wurden Białystok und 17 Rayons im Gebiet von Białystok Polen zugewiesen.[13] Seit 1945 gehört sie zuPolen und ist, nachdem sie bis 1998 Sitz dergleichnamigen Woiwodschaft gewesen war, seit der Reform der öffentlichen Verwaltung Polens 1999 Hauptstadt derWoiwodschaft Podlachien (województwo podlaskie).
Sehenswert sind dasbarocke Rathaus (barokowy ratusz miejski), derBranicki-Palast (Pałac Branickich), heute Medizinische Universität, das Dom-Ensemble (alte Kirche aus dem 16. Jahrhundert mit prachtvoller Ausstattung aus dem 18. Jahrhundert sowie der in neugotischem Stil gebauteDom aus den Jahren 1904 bis 1915 – dort befinden sich mehrere Kunstwerke wie der Hauptaltar und die Kanzel). In Białystok befinden sich auch mehrere orthodoxe Kirchen, unter anderem die St.-Nikolai-Kathedrale und die Hagia Sophia.
Historisch war Białystok lange ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen. Zur Wende des 19. zum 20. Jahrhundert lebte in Białystok eine gemischte Bevölkerung.
Um 1765 war Białystok zu 65–70 % von Polen, zu 20–25 % von Juden und zu 10 % von anderen Ethnien bewohnt. Doch bereits um 1800 machten Juden fast 40 % der Stadtbevölkerung aus, während Polen etwa 55 % ausmachten.
1897 hatte die Stadt rund 66.000 Einwohner. Dabei gaben 62 % der BevölkerungJiddisch als Muttersprache an, 17,2 %Polnisch, 10,3 %Russisch, 5,6 %Deutsch und 3,7 %Belarussisch.[15] Daneben gab es noch einige hundertLipka-Tataren in der Stadt.
Nach der Volkszählung von 1931 machten Polen 50 % der Bevölkerung Białystoks aus, Juden 45 %, andere Minderheiten 5 % (hauptsächlich Belarussen und Russen). 1939, vor Ausbruch des Krieges, lebten 53 % Polen, 42 % Juden und etwa 5 % andere Minderheiten in der Stadt.
Die deutsche Minderheit verfügte bis 1928 über eine deutsche Volksschule (Schulleiter war zuletzt Wilhelm Migulski)[16] und eine protestantische Gemeinde St. Johannis, welche 1912 in der damaligen Alexandrowska (Alexanderstraße), nach dem Ersten WeltkriegUlica Pierackiego und spätestens ab 1932[17]Ulica Warszawska genannt), eine steinerne Kirche im neoromantischen Stil errichtete, die heute alsKościół św. Wojciecha der polnischen katholischen Gemeinde dient.[18]
Im Zweiten Weltkrieg wurde der Großteil der Juden von Białystok imHolocaust ermordet, und die demografische Zusammensetzung der Stadt änderte sich radikal. Ende 1945 lebten nur noch 1.085 Juden in der Stadt, deren Zahl sich in den nächsten Jahren durch Emigration noch weiter verringerte.[12] Auch die deutsche und die russische Minderheit der Stadt hatten nach Ende des Krieges Białystok weitgehend verlassen.
Von den heute rund 295.000 Einwohnern sind etwa 97 % Polen, daneben gibt es noch eine kleine belarussische Minderheit von etwa 2,5 %. Sie ist durch einige Kulturzentren in der Stadt vertreten und betreibt unter anderem den RadiosenderRadyjo Razyja.
Im Januar 2017 wurde ein Referendum über den Bau eines Regionalflughafens für dieWoiwodschaft Podlachien in Białystok abgehalten, bei der 96 % der Abstimmenden sich dafür aussprachen. Aufgrund der niedrigen Wahlbeteiligung von etwa 13 % ist das Ergebnis aber nicht bindend.[20]
In Białystok ist der FußballvereinJagiellonia Białystok ansässig, der in derEkstraklasa, der höchsten polnischen Spielklasse, antritt. Größter Erfolg des Vereins, der seine Heimspiele im etwa 22.000 Zuschauer fassendenStadion Miejski austrägt, war lange der Gewinn despolnischen Fußballpokals 2010. In derSaison 2023/24 wurde der Klub erstmals in seiner Vereinsgeschichte polnischer Meister.[21]
Das Museum präsentiert die Geschichte der Deportationen der Polen nach Russland sowie die sowjetische Unterdrückung und Verbrechen, einschließlich Deportationen nachSibirien undKasachstan.
Thomas Gaevert, Martin Hilbert:Ausgelöscht – Bialystok und seine Juden, Dokumentarfilm, 43 Minuten, Produktion: WDR/RBB 2007; Erstsendung: 22. November 2007, Das Erste
↑VI. Deutscher Esperanto-Kongreß. (Bundestag des Deutschen Esperanto-Bundes) 1. Tag In:Lübeckische Anzeigen, 160. Jahrgang, Abend-Blatt, Nr. 280, Ausgabe vom 6. Juni 1911.
↑Manfred Alexander:Kleine Geschichte Polens (=Reclams Universal-Bibliothek 17060). Aktualisierte und erweiterte Ausgabe. Reclam, Stuttgart 2008,ISBN 978-3-15-017060-1, S. 207.
↑Paul Robert Magocsi:Historical Atlas of Central Europe (=A History of East Central Europe. Bd. 1). Revised and expanded edition. University of Washington Press, Seattle WA 2002,ISBN 0-295-98193-8, S. 109.
↑Nikolaus Creutzburg: Das Schicksal der deutschen Volksgruppe im Industriebezirk von Bialystok, aus: Mitteilungen des Vereins der Geographen an der Universität Leipzig (1936), Heft 14–15.
↑David R. Marples:Die Sozialistische Sowjetrepublik Weißrußland (1945–1991). In:Dietrich Beyrau,Rainer Lindner (Hrsg.):Handbuch der Geschichte Weißrußlands. Vandenhoeck und Ruprecht, Göttingen 2001,ISBN 3-525-36255-2, S. 166–177, hier S. 167.