Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unterBengalen (Begriffsklärung) aufgeführt.
Bengalisches Sprachgebiet in Indien und Bangladesch; auch die ausMyanmar vertriebenenRohingya sprechen eine Varietät des Bengalischen.Königreich Vanga um 1100 v. Chr. Das Wort „Bangla“ (Bengal / Bengalen) leitet sich vom Vanga ab, was ursprünglich „Sonnengott“ bedeutete.
Bengalen (bengalischবাংলা/বঙ্গ: Bānglā/Bôngô) bezeichnet eine geografische Region im Nordosten desindischen Subkontinents mit wechselvoller Geschichte. Im heutigen Sprachgebrauch wird darunter meist dasbengalische Sprachgebiet verstanden, während die Grenzen der Region nicht klar definiert sind. Historisch (zur Zeit derbritischen Kolonialherrschaft) wurden auch angrenzende Teile vonBihar,Jharkhand undOdisha zu Bengalen gezählt.
Pala-Reich (violett) unter Großkönig Devapala (reg. ca. 810–850). Alle Großkönige aus Pala-Dynastie trugen den zusätzlichen Adelstitel „Bangeshwara“ (Prinz / Herr von Bengalen)[1]
Bengalen wurde im 6. Jahrhundert ein einheitlicher Siedlungsraum; der erste selbständige König von Bengalen ist aus der Zeit um 606 n. Chr. überliefert.
Der erstebuddhistische König von Bengalen wurde im Jahr 750 inGaur ernannt. Die machtvollsten Könige in der Folgezeit warenDharmapala (reg. 775–810) undDevapala (reg. 810–850). Sie vereinigten Bengalen und machten diePala-Dynastie zu einer der wichtigsten Herrscherfamilien im Indien des 9. Jahrhunderts. Zu ihrem Niedergang führten Streitigkeiten und administrative Misswirtschaft unterNarayanpala (reg. 854–908). Eine kurze Neubelebung des Königreiches unterMahipala I. (reg. 977–1027) endete schließlich in einem Krieg mit dem machtvollen südindischen KönigreichChola. Die Machtübernahme durch dieChandra-Dynastie in Südbengalen trug zum weiteren Niedergang der Pala-Könige bei, und im Jahr 1161 starb der letzte König aus dem Geschlecht der Pala.
Bereits im 7. Jahrhundert war dieMalla-Dynastie in Bengalen herangereift; sie erreichte ihre Blütezeit aber erst im 10. Jahrhundert unterJagat Malla, der seine Hauptstadt nachBishnupur verlegte. Anders als die buddhistischen Palas und Chandras verehrten die hinduistischen MallasShiva als ihren Hauptgott. Während ihrer Herrschaft ließen sie in Bengalen viele Tempel und außergewöhnliche religiöse Baudenkmäler errichten.
Unter derSena-Dynastie, die von 1095 bis 1260 herrschte, wurde diebengalische Sprache zu einer eigenen und wichtigen Sprache im nördlichen Indien und hinduistische Bräuche traten zunehmend an die Stelle buddhistischer Praktiken.
Im frühen 13. Jahrhundert wurde der Norden Indiens (einschließlich Bengalens) durch die muslimische Dynastie derGhuriden erobert. DerSena-KönigLakshmanasena wurde in der HauptstadtNabadwip im Jahr 1203/04 von den Eroberern unterMuhammad bin Bakhtiyar Khilji vernichtend geschlagen. Das letzte derHindu-Herrscherhäuser in Bengalen, dieDeva-Dynastie, regierte noch für kurze Zeit in Ost-Bengalen, dann kam die gesamte Region unter die Herrschaft desSultanats von Delhi, das jedoch allmählich immer schwächer wurde. Im Jahr 1352 gründeteShamsuddin Ilyas Shah dasSultanat von Bengalen, das bis 1576 bestand. Zu diesem gehörten zeitweise auch Teile vonOdisha undBihar.
Im 16. Jahrhundert übernahmen dieMoguln die Macht in Nordindien. Im Jahr 1526 besiegte der 1.GroßmogulBabur (reg. 1526–1530) in derErsten Schlacht von Panipat die TruppenIbrahim Lodis, des letzten Sultans von Delhi. Um die weit entfernten Provinzen wieGujarat und Bengalen, in denen eigenständige Sultanate entstanden waren, kümmerte sich jedoch zunächst niemand.
Im Jahr 1534 gelang es dem afghanisch-stämmigenSher Shah Suri (oderFarid Khan), einem Mann von hohem politischen und militärischen Geschick, die überlegenen Streitkräfte der Moguln unterHumayun (reg. 1530–1540 und 1555/6) beiChausa (1539) undKannauj (1540) zu besiegen. Sher Shah ging in die Offensive und eroberte sowohlDelhi als auchAgra und errichtete ein Herrschaftsgebiet, das sich von Bengalen bis weit in das Gebiet desPanjab hinein ausdehnte. Die nur fünf Jahre seiner Regierungszeit (er starb im Jahr 1545) hatten nachhaltige Auswirkungen auf Gesellschaft, Politik und Wirtschaft des indischen Subkontinentes.
Den Nachfolgern von Shah Suri fehlte dessen verwaltungstechnisches Geschick und sie zerstritten sich über die Fortführung des bengalischen Reiches.Humayun, der noch einen Rest-Mogulstaat regierte, erkannte die Gelegenheit und eroberteLahore und Delhi im Jahr 1554 zurück. Nach Humayuns Tod (1556) übernahmAkbar I. (reg. 1556–1605) die Macht, der bedeutendste der Mogulherrscher, der dieKarani-Herrscher in Bengalen im Jahr 1576 besiegte und die Herrschaft aufGouverneure(subahdars) übertrug. Unter Akbars fortschrittlichem Wirken genossen Bengalen und Nordindien eine Zeit des Wohlstandes in Handel und Entwicklung.
Bengalens Handel und Wohlstand beeindruckten die Mogulherrscher so sehr, dass sie die Region zu jener Zeit das „Paradies der Völker“ nannten. Die Gouverneursverwaltung (1575–1717) unter denNawabs vonMurshidabad ermöglichte Bengalen eine beschränkte Selbständigkeit, die von den Mogulen in Delhi respektiert wurde.
Durch das Vordringen derbritischen Ostindien-Kompanie wurde die Herrschaft der Nawabs entscheidend geschwächt. Am 23. Juni 1757 besiegten die Briten die Truppen des NawabSiraj-ud-Daula in derSchlacht bei Plassey und setzten einen eigenen Nawab für Bengalen ein, während sie gleichzeitig ihren Einfluss auf den Süden des Landes ausdehnten. DieHungersnot in Bengalen 1770 forderte schätzungsweise zehn Millionen Todesopfer. Sie wird meist der Herrschaft der Ostindien-Kompanie zugeschrieben.
Im Jahr 1817 wurde in Bengalen dieCholera das erste Mal in einer neuen Weise epidemisch und begann sichpandemisch auszubreiten.[2]
Mit dem Untergang desMogulreiches in Nordindien wanderte das Zentrum von Kultur und Handel von Delhi nachKalkutta. Nach denAufständen von 1857 wurde dieEast India Company aufgelöst und Bengalen direkt der britischen Krone unterstellt. Politisch war Bengalen unter der britischen Herrschaft ein Teil derPräsidentschaft Bengalen. KöniginVictoria erhielt durch denRoyal Titles Act 1876 den Titel „Kaiserin von Indien“ und wurde am 1. Januar 1877 in Delhi zur Kaiserinproklamiert; die Briten erklärten Kalkutta zur Hauptstadt ihrer Kronkolonie.
Ostbengalen mit Assam nach der Teilung, Karte von 1907
Am 16. Oktober 1905[3] wurde Indiens bevölkerungsreichste Provinz (eine der aktivsten im Befreiungskampf) von den Briten geteilt – in einen westlichen Landesteil alsProvince of Bihar and Orissa mit größtenteils hinduistischer Bevölkerung und einen östlichen Landesteil alsProvince of East Bengal and Assam mit deutlichermuslimischer Mehrheit (Teilung Bengalens 1905). Indische Nationalisten sahen diese Teilung als ein Mittel der britischen Kolonialherren, Zwietracht unter der bengalischen Bevölkerung zu säen, die in Sprache und Geschichte immer eine Einheit gebildet hatte.[4] Nach mehreren gewalttätigen Unruhen revidierten die Briten die Teilung Bengalens 1912 wieder. Bis zum politischen Ende Britisch-Indiens hatte Bengalen den Status einer Provinz.[5]
Während derHungersnot in Bengalen sollen im Jahr 1943 drei bis fünf Millionen Menschen gestorben sein.
Der feinste Musselin von Bengalen,Muslim Lady Reclining, Atelier von Francesco Renaldi, um 1789
Bengalen war seit jeher ein Zentrum für den Anbau vonReis und hochwertigerMusselin-Baumwolle, außerdem der weltweit größte Erzeuger vonJute-Fasern. Seit den 1850er Jahren entwickelte sich das Land überdies zu einem der wichtigsten Industriezentren Indiens. Diese konzentrierten sich in der Hauptstadt Kalkutta und in ihren rasch aufstrebenden Vorstädten. Die Mehrheit der Bevölkerung blieb jedoch von derLandwirtschaft abhängig, und so gab es vor allem in den westlichen Landesteilen eine Reihe von stark unterentwickelten Distrikten, obwohl Bengalen als Ganzes in der indischen Politik und Kultur stets eine führende Rolle spielte. Der erzwungeneIndigo-Anbau führte in den Jahren 1859–1862 zu den ersten bedeutenden Unruhen der Landbevölkerung gegen das koloniale Wirtschaftssystem (Indigo-Unruhen).
Die bengalische Sprache und Literatur gilt als eine der schönsten und ausdrucksstärksten ganz Indiens. Der bengalische Literatur-NobelpreisträgerRabindranath Thakur besang in der Nationalhymne BangladeschsAmar Shonar Bangla das „Goldene Bengalen“.
EinBungalow in Nordost-Bangladesh. Das Wort „Bungalow“ bedeutet wörtlich „Bengalisches“, also ein Haus in bengalischer Art.
Die nahezu ausnahmslos ausZiegelsteinen errichtetenBengalischen Tempel mit ihren heruntergezogenenDachenden unterscheiden sich deutlich von der Tempelbaukunst Nord- und Südindiens. Bedeutende Tempelstädte sindBishnupur,Antpur,Bansberia,Kalna,Jiaganj (West-Bengalen) undPuthia (Bangladesch). Historische Einzelbauten stehen in vielen Orten der Region.
Im Bereich der Malerei wurde Bengalen u. a. durchPattachitra bekannt, volkstümliche Bilder, mit der reisende Geschichtenerzähler ihren Vortrag illustrieren. Aus ihm hat sich wieder inKolkata im 19. Jahrhundert dieKalighat-Malerei entwickelt.
Michael Mann:Bengalen im Umbruch. Die Herausbildung des britischen Kolonialstaates 1754–1793. Stuttgart: Steiner 2000, 469 S. (= Beiträge zur Kolonial- und Überseegeschichte; Bd. 78) [Zugelassene Habilitationsschrift: Hagen,Fernuniversität, 1999],ISBN 3-515-07603-4.
Christian Weiß, Hans-Martin Kunz:Goldenes Bengalen? Essays zur Geschichte, sozialen Entwicklung und Kultur Bangladeschs und des indischen Bundesstaates Westbengalen. Bonn, Bonner Siva Series 2002,ISBN 3-926548-20-7.
Samares Kar:The Millennia Long Migration into Bengal: Rich Genetic Material and Enormous Promise in the Face of Chaos, Corruption, and Criminalization. In:Spaces & Flows: An International Journal of Urban & Extra Urban Studies. Vol. 2 Issue 2, 2012, S. 129–143 (Volltext sowie Fachbiografie beiResearchGate Network).
↑Irene Poczka:Die Regierung der Gesundheit. Fragmente einer Genealogie liberaler Gouvernementalität. transcript Verlag, Bielefeld 2017,ISBN 978-3-8376-3695-6, darin das KapitelDie Cholera als diskursives Ereignis 1829–1892, S. 217–358, hier S. 218 (online, PDF).
↑N. Jayapalan:History Of India (from National Movement To Present Day).Band4. Atlantic Publishers & Distributors., New Delhi 2001,ISBN 81-7156-917-X,S.15 (englisch,eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
↑Kavalam Madhava Panikkar:A survey of Indian History. Asia Publishing House, Bombay, 12. Aufl. 1962, S. 221.