
Benjamin Francis „Ben“ Webster (*27. März1909 inKansas City,Missouri; †20. September1973 inAmsterdam,Niederlande) war einUS-amerikanischerTenorsaxophonist des Jazz, der gelegentlich auchPiano undKlarinette spielte. Er wird ähnlich wieColeman Hawkins undLester Young als einer der großen Tenorsaxophonisten derSwing-Epoche angesehen. Seine Spielweise variierte vom manchmal gehauchten Ton inBalladen bis zum „kehlig-krächzendenVibrato“[1] bei schnelleren Tempi. Bekannt wurde er vor allem durch seine Soli imDuke Ellington Orchestra von 1940 bis 1943 und später als ein meisterhafter Interpret von Balladen.[1] Seine Spitznamen warenFrog[2] undBrute.[3]
Am 27. März 1909, im Hause 2441 Highland Avenue in Kansas City (Missouri), gebar Mayme Barker Webster als ihren einzigen Sohn. Sein Vater, Walter Webster, lebte zu dieser Zeit in Chicago und war als Kellner in denSpeisewagen derPullman Company angestellt. Schon vor Bens Geburt war die Ehe hauptsächlich aufgrund von Gewalttätigkeit und Alkoholismus des Vaters gescheitert; das Ehepaar hatte sich getrennt und Mayme hatte wieder ihren Geburtsnamen Barker angenommen. Mayme Barker war ausgebildete Lehrerin, und Ben wuchs in Kansas City im Hause 1222 Woodland Avenue zusammen mit seiner Mutter und seiner Großmutter mütterlicherseits auf, die ihn nach seinen Aussagen stark verwöhnten und ihm jeden Wunsch erfüllten.
Websters Mutter gab Musikstunden in der Schule und spielte zu Hause auf dem Klavier, aber es war seine Großtante Joyce Cockrell, die sein musikalisches Talent entdeckte und ihm auf ihremKlavier den ersten Musikunterricht gab. Ben Webster hatte einabsolutes Gehör[4] und konnte bereits als Kind Stücke, die er im Radio gehört hatte, nachspielen. Damit stieß er auf keine Gegenliebe bei seiner Mutter, die ihn lieber als klassischen Violinisten gesehen hätte und ihm deshalb Violinlektionen bei Charles Watts geben ließ. Ben hasste sowohl die Violine als auch die Violinetüden und spielte auf dem Klavier nach Gehör populäre afroamerikanische Musik, sobald sich eine Chance dafür ergab.
Der später bekannte JazzpianistPete Johnson wohnte in der Nachbarschaft (1215 Woodland Avenue) und gab Ben gelegentlich Nachhilfe. Vor allem schulte er Websters linke Hand. Bis 1921 besuchte Ben dieAttucks Elementary School und wechselte dann zurLincoln High School, wo er sich als Violinist dem Schulorchester anschloss. 1925 und 1926 studierte er auf derWilberforce University nahe Xenia, Ohio; dort traf er auf den PianistenHorace Henderson, der ein Orchester mit dem NamenWilberforce Collegians gründete. Ben spielte in diesem Orchester, bei dem er als Hilfskraft(bandboy) fungierte, nur gelegentlich Klavier; Henderson erinnert sich an einen Blues in Fis, wo er angeblich nur auf den schwarzen Tasten spielte.[5] Beeindruckt von Pianisten wieFats Waller undDuke Ellington entwickelte er weiter seine Fähigkeiten alsStride-Pianist und bekam bald seine ersten Engagements in den Clubs von Kansas City im BereichTwelfth Street and Vine, entweder als Solopianist oder mit seiner eigenen BandRooster Ben and His Little Red Hens.
In den Jahren 1927 und 1928 machte Ben Webster sich als Pianist einen Namen und schloss sich verschiedenenTerritory Bands an:Clarence Love aus Kansas City, Brethro Nelson ausEnid (Oklahoma) und Dutch Campbell inAmarillo (Texas). 1928 arbeitete er als Pianist fürStummfilme in Amarillo. In dieser Zeit traf er den SaxophonistenBudd Johnson. Dieser war Mitglied der Band vonEugene Coy and his Original Black Aces; durch ihn wurde Websters Interesse für das Saxophon geweckt. Er bat Johnson, ihm die Tonleitern auf dem Saxophon beizubringen, und Johnson brachte ihm das Saxophon-Solo vonFrankie Trumbauer überSingin’ the Blues bei, das damals bei allen Saxophonisten sehr beliebt war. Daraufhin lieh sich Ben einAltsaxophon und begann darauf täglich mehrere Stunden zu üben – neben seiner Arbeit als Pianist in den Kinos.
Als 1929Willis Handy Young (der Vater vonLester Young) mit seinerFamily Band nach Amarillo kam, wurde Webster auf eigene Initiative Mitglied der Band. Er erhielt ein Altsaxophon (als Leihgabe von Lester Youngs Schwester Irma), Lester Young und Webster übten zusammen, wobei Young ihm nicht nur die Technik beibrachte, sondern auch Notenlesen und Musiktheorie. Ende 1929 hatte die Young-Band mit Ben Webster ein Engagement imEast Land Park inPhoenix (Arizona). Von dort wechselte Webster wieder zu Eugene CoyOriginal Black Aces als Altsaxophonist und bekam dort sein erstes eigenes Instrument; er beschrieb später diese Zeit als sein erstes Engagement als Saxophonist.
Im Frühjahr 1930 verließ der Tenorsaxophonist Harold Coleman die Band von Coy, und Webster wechselte vom Alt- zum Tenorsaxophon. Im Herbst 1930 schloss sich Webster inTulsa (Oklahoma) demCotton Club Orchestra von Jasper „Jap“ Allen an, das ein Engagement in Kansas City angenommen hatte. Als Allen im März 1931 wegen der wirtschaftlichen Depression sein Orchester verkleinern wollte, erhielt Webster (wie fünf weitere Musiker der Band) das Angebot, sich der Band von Edgar Battle anzuschließen, der Begleitband von SängerinBlanche Calloway. Mit dieser Band machte er im selben Monat seine ersten Schallplattenaufnahmen. Nach Stationen an der Ostküste einschließlich New York schloss sich Webster in Kansas City dem größten einheimischen Orchester,Bennie MotensKansas City Orchestra, an. In dieser Zeit entwickelte dieses Orchester das, was man späterKansas City Style nannte, im Wesentlichen die gleiche rhythmische Betonung aller vier Schläge im Takt (im Gegensatz zum vorherrschenden Two-Beat-Jazz), die Herausbildung vonRiffs seitens der Bläsergruppen undbluesbetonte Kompositionen.[6] Dieses Orchester ging auf ausgedehnte Tourneen und machte am 13. Dezember 1932 in Camden, New Jersey eine Reihe von Aufnahmen, die auch heute noch als Sternstunden des frühen Kansas City Jazz gelten.[7] Im Januar 1933 verließ er das Moten-Orchester und fand für kurze Zeit Arbeit im Sunset-Club in Kansas City mit einer kleinen Gruppe, deren SängerBig Joe Turner war.
Kurz darauf heuerteAndy Kirk Webster für seineTwelve Clouds of Joy an, zu der auch die PianistinMary Lou Williams gehörte. Am 18. Dezember 1933 besuchte dasFletcher-Henderson-Orchester Kansas City. Im Anschluss an ein Konzert begaben sich der Tenorsaxophonist Coleman Hawkins und der BassistJohn Kirby zumCherry Blossom, wo sich eine ganze Nacht lang eine berühmt gewordeneJamsession mit den besten Tenorsaxophonisten von Kansas City, insbesondere Lester Young,Herschel Evans,Dick Wilson,Herman Walder und Ben Webster abspielte.[8]
Aufgrund dieser Session wurde Webster von Fletcher Henderson und den anderen Musikern aus diesem Orchester als ein Tenorsaxophonist wahrgenommen, derColeman Hawkins in der Spielweise und im Ton sehr nahekam. Hawkins verließ nach einigen Monaten Henderson und begab sich nach Europa; als sein Ersatz wurde Lester Young eingestellt, dessen Stil aber nicht so gut zum Henderson-Orchester passte. Im Juli 1934 verständigten sich Fletcher Henderson und Andy Kirk auf einen Austausch der Tenoristen: Lester Young kam zu Kirk und Ben Webster zu Henderson. Webster hat die Zeit bei Henderson als seine musikalisch bisher schwierigste bezeichnet, es wurden hohe Anforderungen beim Notenlesen gestellt, eine harte Schule für ihn. Die Aufnahmen aus dieser Zeit belegen aber seine großen Fortschritte in Technik, Rhythmik und Tongebung. Das Orchester wurde Anfang November 1934 aus finanziellen Gründen aufgelöst; Webster wurde wie weitere Musiker vonBenny Carter verpflichtet, dessen Orchester am 13. Dezember 1934 einige Aufnahmen mit Kompositionen und Arrangements des Leiters von hervorragender Qualität einspielte. Dennoch musste Carter Anfang Januar 1935 das Orchester auflösen. Bens nächster Arbeitgeber war der populäre Tänzer und SängerWillie Bryant, mit von der Partie waren Benny Carter, der PianistTeddy Wilson und der SchlagzeugerCozy Cole. Dieses Orchester war sehr populär, vor allem in New YorksApollo Theater, und es machte auch Aufnahmen. Während seiner Zeit bei Bryant (bis Mitte August 1935) machte er Aufnahmen mit diversen Studiogruppen, etwa mit dem Sänger Bob Howard und seine ersten Aufnahmen mitBillie Holiday. Mit der Sängerin ging er eineLiaison ein, die jedoch nicht lange bestand: Das Paar verlobte sich, und Ben stellte seine Braut seiner Familie vor, dabei kam es nach Bens Schilderung aufgrund von Billie Holidays Verhalten zu einem Eklat, und das Paar kehrte fluchtartig nach New York zurück; die Verlobung löste sich daraufhin bald.[9]
Am 18. August 1935 machte er seine ersten Aufnahmen mitDuke Ellington, wo er für zwei bis drei WochenBarney Bigard ersetzte. Im September 1935 wurde er vonCab Calloway in sein Orchester gerufen, das damals populärste und am besten bezahlte Orchester.[10] Bevor er Calloway im Juli 1937 verließ, um sich Fletcher Henderson anzuschließen, beteiligte er sich noch an einigen Studioaufnahmen, so mit Duke Ellington am 29. Juli 1936, mit Billie Holiday und Teddy Wilson im Oktober, November, Dezember 1936 und Januar 1937, mitMildred Bailey November 1936, mit Haven Johnson Januar 1937. Im Mai 1938 verabschiedete er sich abrupt von Henderson und schloss sich kurzfristig einer kleineren Formation vonStuff Smith im New YorkerOnyx Club an, um im August inRoy Eldridges Orchester zu spielen.[11] Webster schloss sich April 1939 der kleinenBig Band von Teddy Wilson an; daneben kam es zu Studioaufnahmen mitLionel Hampton und mit Mildred Bailey.
Ende Januar 1940, nach der Auflösung der Teddy WilsonBig Band, wurde Webster inBoston von Duke Ellington engagiert, der zuvor im Saxophonsatz noch keinen ständigen Tenorsaxophonisten beschäftigt hatte.[12] Daher gab es in EllingtonsArrangements keine ausgeschriebenen Stimmen für das Tenorsaxophon; Webster war gezwungen, sich seine eigenen Noten zu erspielen.[13] Einige Monate vorher war der überragende BassistJimmy Blanton zu Ellington gestoßen, und sowohl Blanton als auch Webster veränderten den Sound des Ellington Orchesters erheblich. Diese Epoche des Ellington-Orchesters wird in derJazzforschung „The Blanton-Webster Band“ genannt, u. a. zu hören in dem Live-Mitschnitt desKonzerts in Fargo, North Dakota 1940 und auf der KompilationThe Blanton-Webster Band. Webster spielte in dieser Zeit eine beträchtliche Anzahl von Soli in Stücken wie „Conga Brava“, „Cotton Tail“, „Bojangles“, „All Too Soon“, „Chloe“ und weiteren. Er selbst hat später diese Jahre bei Ellington als seine besten bezeichnet. Das Engagement endete abrupt im August 1943, nachdem es nach seinen eigenen Aussagen sogar zu öffentlichen Handgreiflichkeiten seinerseits gegen Ellington gekommen war. Die Probleme zwischen Webster und dem Bandleader begannen bereits im Frühjahr 1943 aufgrund von Websters zunehmendemAlkoholismus und seiner damit einhergehenden Prahlsucht. Eines Tages erschien Webster zu früh zu einem Konzert, betrat Dukes Garderobe und zog sich in dessen Abwesenheit eines von DukesJackets an, das für ihn zu klein war und deshalb auseinanderriss. Das Fass zum Überlaufen brachte ein Vorfall Anfang August 1943: Es gehörte zu Websters Gewohnheiten, bei Konzerten nach der Pause Ellingtons „The Band Call“ auf dem Flügel zu spielen, jedoch an diesem Tage wollte er den Platz für den dann die Bühne betretenden Ellington nicht freigeben. Dieser versuchte ihn vom Pianostuhl zu verdrängen, was Webster mit einem kräftigen Hieb beantwortete, mit der Folge, dass Ellington vor den Augen des Publikums von der Bühne fiel.[14]

Webster startete, zum ersten Mal mit einer eigenen Gruppe, imThree Deuces in New York, und wurde im November 1943 und Januar 1944 vonWoody Herman für einige Studioaufnahmen verpflichtet. Am 8. Februar 1944 machte er seine ersten Aufnahmen unter eigenem Namen, zusammen mit dem TrompeterHot Lips Page. 1944 wechselte er häufig das Personal in seinen Gruppen und machte eine Reihe von Aufnahmen sowohl unter eigenem Namen als auch mitJames P. Johnson,Cozy Cole,Sidney Catlett,Walter Thomas; von Mai bis Juli 1944 fand er Arbeit imJohn Kirby Sextett. Die Jahre 1945 bis 1947 verliefen ähnlich; auch hier nahm er als Sideman auf mit Benny Morton, Walter Thomas,Teddy Wilson, Hot Lips Page,Pete Johnson,Tony Scott,Bill De Arango,Benny Carter, Al Hall und anderen. Im Oktober 1948 traf er auf Duke Ellington, der ihn wieder (zuerst auf Probe) für sein Orchester verpflichtete. Die äußeren Umstände im Ellington-Orchester hatten sich jedoch seit 1943 verändert, es gab nun beispielsweise einen zweiten Tenorsaxophonisten im Orchester, zuerstAl Sears und späterCharlie Rouse, sodass die Freiräume für Soli für Ben unbefriedigend waren; er hatte einfach nicht mehr den gewohnten Starstatus.
Im Gegensatz zu manchen Musikern aus seiner Generation war er demBebop gegenüber aufgeschlossen (1944 spielte für kurze Zeit Charlie Parker in seiner Gruppe), und er fand durchaus anerkennende Worte für Musiker wieJohn Coltrane, dessen Konzerte im New YorkerBirdland er besuchte und mit dem er mehrfach fotografiert wurde.[15] Billy Eckstine berichtet, dass Webster Charlie Parker, als er ihn das erste Mal inMinton’s Playhouse spielen hörte, das Saxophon mit den Worten wegnahm, dass er wohl verrückt wäre mit einer so hohen Geschwindigkeit zu spielen,[16] ihn aber noch in derselben Nacht als kommenden Star-Tenor anpries.[17]
Sein fehlender Status als Star führte ebenso wie die sich für ihn verschlechternden Arbeitsmöglichkeiten in New York dazu, dass er im Sommer 1949 nach Kansas City ging, wo die Lage nicht viel besser war. Immerhin konnte er an mehreren Aufnahmen teilnehmen, mitBus Moten, Jay McShann/Walter Brown undPee Wee Crayton. Er fand Engagements imParkview Hotel und imFlamingo Club, gelegentlich zusammen mit dem TenorsaxophonistenHarold Ashby und auch mit einer Gruppe vonJay McShann, mit dem er im Oktober 1951 einige Stücke im echten Kansas City Stil einspielte.
Im Herbst 1951 zog Webster mit seiner Familie nachLos Angeles, wo er Arbeit in einem Hotel fand; im Dezember 1951 nahm er dort an einerRhythm-and-Blues-betonten Aufnahmesession mit dem Orchester vonJohnny Otis teil und hatte eine Aufnahmesession unter eigenem Namen. Januar 1952 arbeitete er in den Aufnahmestudios als Sideman beiLittle Esther Phillips, Pete „Guitar“ Lewis, Dorothy Ellis,Dinah Washington. In Benny Carters Orchester spielte er die Musik zum Film „Clash by Night“ ein. Carter und Webster spielten häufiger zusammen; beide nahmen dann im Juni 1952 an der ersten Session vonNorman Granz’ Jam Session-Serie teil. Nach seinem Umzug im Herbst nach New York verpflichtete Granz Webster für einige Aufnahmen, unter anderem mitJohnny Hodges undSlim Gaillard. In New York arbeitete Webster in Snookie’s Café,Minton’s Playhouse, Flame Melody Room, undBirdland, und mit Count Basie imApollo Theater und im Bandbox.
In der Jazzkritik besteht Übereinkunft darin, dass mit Beginn der 1950er bis in die 1960er Jahre Ben Webster seinen künstlerischen Höhepunkt erreicht hatte. Nach dem abflauenden Interesse für denBebop ergaben sich wieder bessere Arbeitsbedingungen für ihn durch den sich dann entwickelndenMainstream-Jazz. Norman Granz verpflichtete Webster exklusiv für seine Label Norgran undVerve. Seine große musikalische Reife zeigt sich überzeugend in Alben wieKing of the Tenors (1953),Music with Feeling undMusic for Loving (1954) oderBen Webster with Strings (1955). Außerdem ging Webster 1953 und 1954 mitJazz at the Philharmonic auf Tournee. AlsSideman machte er Studioaufnahmen mit:
Anfang bis Mitte der 1960er Jahre änderte sich unter dem massiven Einfluss vonJohn Coltrane wiederum die Jazzszene, und für Ben wurde es immer schwerer gut bezahlte Jobs zu bekommen. Der schwedische BassistSimon Brehm gab ihm den Rat, Arbeit in Europa zu suchen, wo Ben Webster Popularität besaß. Im Herbst 1964 erhielt er das Angebot, vier Wochen inRonnie Scott’s Jazz Club inLondon als Gastsolist aufzutreten. Danach folgten 1965 Engagements in Schweden, Dänemark, Norwegen, Deutschland (Berliner Jazztage am 30. Oktober 1965 mit den „Gerry Mulligan All Stars“) und Frankreich (Paris Jazz Festival), fast alle mit lokalen Begleitmusikern stark unterschiedlicher Qualität. Webster ließ sich zunächst inKopenhagen nieder und spielte häufig zusammen mit dem PianistenKenny Drew, dem BassistenNiels-Henning Ørsted Pedersen und dem Arnvid Meyer Orchester. Im Mai 1966 zog er nachAmsterdam um, was für Auftritte in Mitteleuropa zentraler lag. Im Juli 1966 trat er gemeinsam mit Duke Ellington und Ella Fitzgerald beimJazz Festival in Juan-Les-Pins, Frankreich, auf. 1967 bis 1969 folgten Auftritte in den Niederlanden, Dänemark, England, Schweiz, Belgien, Finnland, Norwegen, Polen, Italien und Deutschland. Im April 1969 ließ er sich wieder in Kopenhagen nieder und tourte in den folgenden Jahren ausgiebig meist in Skandinavien. Die folgenden Jahre bis zu seinem Ableben 1973 verliefen meist nach diesem Muster. Höhepunkte waren gemeinsame Auftritte mit Teddy Wilson, Bill Coleman, Charlie Shavers, Benny Carter, Harry Edison,Oscar Peterson,Dexter Gordon und ein letztes Treffen als Gastsolist mit Duke Ellington bei einigen Konzerten in Kopenhagen und Schweden im November 1971. Herausragend war sein Gastauftritt 1970 in dem dänischen FilmQuiet Days in Clichy (RegieJens Jørgen Thorsen), der Verfilmung des erotischen Romans von Henry Miller. Am 14. Dezember 1972 gab Webster mit dem Trio von Oscar Peterson beimNDR Jazzworkshop in Hannover ein umjubeltes Konzert.[18] Im Sommer 1973 verschlechterte sich sein Gesundheitszustand aufgrund von chronischem Alkoholmissbrauch undDiabetes.
Seinen letzten Auftritt hatte er am 6. September 1973 inLeiden/Niederlande; in der darauf folgenden Nacht erlitt er einenGehirnschlag und verstarb am 20. September 1973 im Lucas Krankenhaus in Amsterdam. Er liegt auf demAssistens Kirkegård im Kopenhagener Stadtteil Nørrebro begraben.[19]
Ein Teil seines Nachlasses (Schallplatten, Tonbänder, Fotos, Dias, Filme sowie Memorabilien) befindet sich im Jazz Archiv der Syddansk Universitetsbibliotek inOdense in Dänemark. Ben Webster hinterließ keine direkten Erben; die Rechte an seinen Aufnahmen wurden nach seinem Tod auf die „Ben Webster Foundation“ in Dänemark übertragen, die damit Konzerte und Jazzveranstaltungen sponsert und jedes Jahr denBen Webster Prize vergibt.

Personen, die mit Webster zu tun hatten, beschreiben seine Persönlichkeit als „zwiespältig“.[20] In der Literatur wird vermutet, dass die Gründe dafür in seiner Herkunft liegen: Seine Gutmütigkeit, Hilfsbereitschaft und Musikalität verdankte er möglicherweise seiner Mutter, die dunkleren Seiten wie gelegentlicher Jähzorn und Brutalität sowie Trunksucht sollen ihre Ursprünge vom Vater her haben.[21] Seine Vorliebe für Alkohol hatte er bereits seit seiner Jugendzeit; sie verfolgte ihn mehr oder weniger sein ganzes Leben. Ben Webster war kräftig gebaut und hatte in seinen jungen Jahren viel Sport ausgeübt, beispielsweise Schwimmen und Baseball, und diese gute körperliche Konstitution half ihm in seinem strapaziösen Leben. Nach Meinung vieler Zeugen war er nach reichlichem Alkoholgenuss oft unberechenbar und neigte zu Gewalttätigkeiten. Auf der anderen Seite hatte er einen Hang zu Sentimentalität und konnte, auch auf der Bühne, manchmal seine Tränen nicht zurückhalten.
Eine gute Einsicht in seine Interessen außerhalb seines Musikerdaseins gibt ein Blick auf seine materielle Hinterlassenschaft. Neben seiner Musiksammlung (45 78er, 211 LPs, 12 Acetate, 137 Tonbänder) sprechen 1600 Dias, 20 Schmalfilme und 700 Photos für sein privates Hauptinteresse. Er filmte und fotografierte Städte und Landschaften, häufig durch Eisenbahn- und Autofenster, Menschen auf den Straßen durch seine Wohnungsfenster, und vor allem Tiere, z. B. Katzen in seiner Nachbarschaft und kleine und große Tiere in zoologischen Gärten. Für die Zoos in Amsterdam und Kopenhagen hatte er Dauerkarten und besuchte sie sehr häufig, und auch die Zoos in anderen Städten waren für ihn interessant.
In seiner Schallplattensammlung findet man einige LPs mit überraschenden Themen: Eine Schallplatte mit Reden vonEleanor Roosevelt, die sich mit der Sozialreformbewegung befassen, ebenso eine mit Reden vonMartin Luther King, eine mit den Motorengeräuschen aller Mercedes-Benz-Rennwagen und, etwas weniger überraschend, eine Schallplatte mit Aufnahmen der Geräusche von zahlreichen Eisenbahnzügen in den USA. Aus den Schallplatten und den Tonbändern geht hervor, dass er ein breites Interesse für viele Musikrichtungen hatte: Besonders stark vertreten sindLouis Armstrong, Duke Ellington,Charlie Parker und viele Pianisten, hier dominierend die von ihm verehrten Fats Waller und Art Tatum, aber auch klassische Musik, z. B.Strawinsky. Aus den bei ihm gefundenen Unterlagen geht hervor, dass er seit den 1930er Jahren bis zu seinem Ableben Mitglied derFreimaurer war. Ein weiteres Freizeithobby war dasBillardspiel; nach Augenzeugen beherrschte er das Spiel sehr gut, und nach eigenen Aussagen – vielleicht ironisch gemeint – war er ein besserer Billardspieler als Tenorsaxophonist.
Webster war einer der wenigen Saxophonisten, die einen ganz persönlichen Ton hatten, der meist unverwechselbar sofort zu erkennen ist. Dieses gilt vor allem bei seiner Darbietung von Balladen und Stücken im Medium-Tempo, der von ihm gelegentlich praktizierte, fast nur noch gehauchte Ton mit breitemVibrato ist sein Markenzeichen geworden. Er war aber auch in der Lage, diesen Ton unmittelbar zum Harten und Brutalen zu ändern.[22] In schnelleren Stücken machte er oft Gebrauch von einemGrowl ganz spezieller, für ihn typischer Art. Sein erstes Vorbild bei der Tongebung war Coleman Hawkins, später versuchte er nach eigenem Bekunden, den Ton von Johnny Hodges auf sein Tenorsaxophon zu modellieren.[23] Im Allgemeinen kann man sagen, dass Websters Ton und Spielweise zwischen Coleman Hawkins mit dessen breitem Ton und ausgeprägtemStaccato-Spiel und Lester Young mit seinem glatteren Ton undLegato-Spiel liegt, eine geglückte Kombination.
Im Unterschied zu seinen Zeitgefährten Coleman Hawkins und Lester Young war Ben Webster kein eigentlicher Neuschöpfer oder Stilbildner. Trotzdem gab und gibt es eine Ben Webster–Schule. Sowohl Hawkins als auch Young fanden eine große Anzahl Kopierer, deren Spielweise sich oft vom Original nicht mehr unterscheiden ließ, bei Webster ist das anders insofern, als sein Ton nach wie vor unverwechselbar und so gut wie nicht im perfekten Sinne zu kopieren ist. Bereits in den 1940er Jahren gab es aber einige Saxophonisten, die seinen rauchigen Ton und seine Spielweise zu kopieren versuchten,[24] in den folgenden Jahrzehnten waren es u. a.Harold Ashby,Scott Hamilton und zuletztHarry Allen.[25] AuchPaul Gonsalves lernte alle Soli von Ben aus der Ellingtonzeit auswendig zu spielen.John Coltrane war daran interessiert, die genaue Tonbildung von Webster auf dem Tenorsaxophon, die er bewunderte, herauszubekommen.[26]
Aus den 1930er Jahren gibt es keine historisch wichtigen Aufnahmen; diese beginnen erst mit seiner Zeit bei Duke Ellington. Hier ist vor allem zu nennenCotton Tail mit Websters berühmtem Solo und dem anschließenden von ihm arrangierten Saxophonensemble-Chorus, ferner die BalladeAll Too Soon, die vielleicht sein erstes Balladen-Meisterstück war.[27] Aus den 1950er und 1960er Jahren sind zu erwähnen:
Von seiner Zeit in Europa 1964 bis 1973 gibt es eine ganze Reihe guter Aufnahmen, doch nur wenige, die an die hohe Qualität der oben genannten herankommen, zumal relativ wenige Studio-Aufnahmen in dieser Zeit mit ihm produziert wurden. Erwähnenswert sind die Aufnahmen mit dem Arnvid Meyer Orchester aus 1965, von denen er Duke Ellington am Telefon begeistert berichtete: „Right Out of Kansas City“.
Gastauftritt in dem Film von Jens Jorgen Thorsen (DK) „Stille Tage in Clichy“; 1969
InRobert Altmans Film „Kansas City“ aus dem Jahre 1996 wird Ben Webster vonJames Carter dargestellt.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Webster, Ben |
| ALTERNATIVNAMEN | Webster, Benjamin Francis (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | US-amerikanischer Tenorsaxophonist des Jazz |
| GEBURTSDATUM | 27. März 1909 |
| GEBURTSORT | Kansas City (Missouri) |
| STERBEDATUM | 20. September 1973 |
| STERBEORT | Amsterdam,Niederlande |