
Ben Turpin (*19. September1869 inNew Orleans,Louisiana; †1. Juli1940 inSanta Monica,Kalifornien; bürgerlichBernard Turpin) war ein US-amerikanischer Komiker, der hauptsächlich in derStummfilmzeit aktiv war. Sein markantes Aussehen war geprägt durch sein starkschielendes rechtes Auge und einen buschigen Schnurrbart. Obwohl Turpin in Presseveröffentlichungen bis zu fünf Jahre „jünger gemacht“ wurde, war im US-Zensus (seit 1870) sein Geburtsjahr regelmäßig mit 1869 angegeben. Auf seinem künstlerischen Höhepunkt in den 1920er Jahren war er mit seinen über 50 Jahren weitaus älter als die anderen Starkomiker jener Zeit. Er wirkte in rund 240 Filmen mit.
Ben Turpin wurde als Sohn eines französischstämmigen Konditoreibesitzers geboren und startete seine Komiker-Karriere imVaudeville-Theater und imZirkus. Einer der von ihm dargestellten Charaktere war die damals sehr populäreComicstrip-FigurHappy Hooligan, bei deren Verkörperung er sich durch einen Unfall das Schielen zuzog, welches zu seinem Markenzeichen wurde. Später ließ er seine Augen mit einer Summe von 25.000 US-Dollar beiLloyd’s of London versichern.
1907 heiratete Turpin seine zweite Frau (über die Daten seiner ersten Ehe ist nichts bekannt) und gab im selben Jahr sein Filmdebüt als Hauptdarsteller des KurzfilmsAn Awful Skate, or The Hobo on Rollers, der ersten Veröffentlichung derChicagoer ProduktionsfirmaEssanay. In den folgenden zwei Jahren war er in mehreren kleineren und größeren Rollen zu sehen und arbeitete für das Studio auch als Hausmeister. Sein Stil war purerSlapstick und wie viele seiner Kollegen verfügte er auch über akrobatische Fähigkeiten. Beispielsweise konnte er sich eindrucksvoll fallen lassen, indem er vor dem Fall einen halben Salto machte. 1909 drehte er den KurzfilmMr. Flip, die erste bekannte Komödie der Filmgeschichte, in der jemand eine Torte ins Gesicht bekommt. Sie wird allerdings nichtgeworfen, sondern Turpin ins Gesicht gedrückt.
Nach einem vierjährigen Abstecher zurück ins Vaudeville kehrte der Komiker Ende 1913 zur Essanay zurück und war dort in den Jahren 1914/15 fester Bestandteil derSweedie-Reihe mitWallace Beery. 1915 wurde der Versuch unternommen, ihn mit dem Essanay-NeuzugangCharlie Chaplin zu kombinieren. Leider entwickelte sich zwischen den beiden grundverschiedenen Komikern keine „Chemie“ und nach den beiden mediokren KurzfilmenHis New Job undA Night Out wurde Turpin inThe Champion nur noch als Statist besetzt. Nach Chaplins Weggang von Essanay trat Turpin 1916 schließlich noch in der vom Studio nachträglich bearbeiteten und sinnfrei gestreckten Fassung vonCharlie Chaplins Carmen-Parodie auf.
Bevor er einige Filme für die Mutual-Tochtergesellschaft Vogue drehte, war Turpin 1915 durch Chaplins Vermittlung auch kurzzeitig fürMack SennettsKeystone Studios tätig, konnte dort aber nicht recht Fuß fassen und wurde schließlich gefeuert. Als Sennett jedoch 1917 Keystone verlassen wollte, um seine eigene Firma zu gründen, riet ihm der damaligeGagman und spätere RegisseurDel Lord, den schielenden Komiker zurückzuholen. Laut Turpin war Lord außerdem eine große Hilfe bei der Findung seiner endgültigen Leinwandpersönlichkeit. Im zweiten Anlauf klappte es nun mit Turpin und Sennett und es begann eine sehr erfolgreiche Zusammenarbeit für die neuen Mack Sennett Comedies.
Von 1917 bis Mitte der 1920er Jahre war Turpin mit seinen Kurzfilmen gut im Geschäft und wirkte zudem in Sennetts All-Star-FilmenYankee Doodle in Berlin (1919) undDown on the Farm (1920) mit. Später war er auch in drei eigenen Langfilm-Vehikeln zu sehen:Married Life (1920, in diesem verlorenen Film hörte Turpin erstmals auf seinen häufig verwendeten Rollennamen „Rodney St. Clair“),A Small Town Idol (1921) undThe Shriek of Araby (1923). Zu einer Spezialität des Komikers wurde das Parodieren bekannter Filme: MitThe Shriek of Araby persiflierte erDer Scheich mitRudolph Valentino, inA Prodigal Bridegroom (1926) verulkte er den Elfentanz aus ChaplinsSunnyside. AuchDouglas Fairbanks,William S. Hart (Yukon Jake, 1924) und vor allemErich von Stroheim (u. a.Three Foolish Weeks, 1924) waren Opfer seiner Slapstick-Attacken. Zu seinen gelungensten und bekanntesten Kurzfilmen gehörenA Clever Dummy (1917),Bright Eyes (1922) undThe Daredevil (1923).
Auf dem Höhepunkt seines Erfolgs stellte Turpin die Karriere aufgrund des Gesundheitszustands seiner Frau hintan. Sie starb 1925 und im darauffolgenden Jahr heiratete er ein drittes Mal. Er setzte seine Filmarbeit fort, doch seine große Zeit war vorüber. Die Zusammenarbeit mit Sennett endete 1927, es folgten noch einige Kurzfilme für die Weiss Brothers, einLow-Budget-Studio für abgehalfterte Komiker wieSnub Pollard undJimmy Aubrey. Die Einführung des Tonfilms versetzte Turpins Starkarriere schließlich den Todesstoß.[1] Da er beizeiten in Immobilien investiert hatte, brauchte er sich um seine Finanzen allerdings keine Sorgen zu machen.
Bis zu seinem Tod trat Turpin noch regelmäßig in kleinen Rollen auf, die er sich gut bezahlen ließ, z. B. inErnst LubitschsLiebesparade (1929), imLaurel-und-Hardy-KurzfilmDie Braut wird geklaut (1931) und als stummerRunning Gag inMillion Dollar Legs (1932, mitJack Oakie undW.C. Fields). Im MusicalThe Show of Shows (1929) wirkte er neben Komiker-Kollegen wieLloyd Hamilton undLupino Lane bei der Nummer „What’s Become of the Florodora Boys?“ mit. Neben anderen einstigen Komiker-Größen trat er auch in zwei nostalgischen Hommagen an die Stummfilmkomödie auf, dem KurzfilmKeystone Hotel (1935, mitFord Sterling,Chester Conklin,Hank Mann,Leo White u. a.) und dem LangfilmHollywood Cavalcade (1939, mitBuster Keaton, Conklin, Mann,Snub Pollard,James Finlayson u. a.). Einen letzten kurzen Cameo-Auftritt absolvierte er in Laurel und HardysAuf hoher See (1940). Er sollte zudem in ChaplinsDer große Diktator (1940) mitspielen; dazu kam es aber nicht mehr, da er vorher starb.
1940 erlag der Komiker im Alter von 70 Jahren einem Herzleiden. Zu seinen Sargträgern bei der Beerdigung gehörtenBilly Bevan,Andy Clyde,James Finlayson undCharlie Murray; Charlie Chaplin schickte ein Riesengebinde aus Rosen.[2] Turpin liegt auf demForest Lawn Memorial Park inGlendale, Kalifornien begraben.[3]
In Deutschland waren die Filme des Komikers in den 1970er Jahren Bestandteil der FernsehserieVäter der Klamotte. Die im Abspann zu sehende berühmte Großaufnahme Turpins mitWaschbär-Trappermütze und rotierenden Pupillen entstammt wie auch die Szene mit dem hüpfenden Auto und dem Stier dem KurzfilmThe Daredevil.
Auch wenn er nie dieselbe Popularität wie Chaplin, Keaton, Lloyd oder Laurel und Hardy erreichte, wurde Turpin dennoch eine einflussreiche und symbolträchtige Person der Slapstick-Stummfilm-Ära. Als 1949 dieLife-Ausgabe mitJames Agees berühmtem ArtikelComedy’s Greatest Era erschien, prangte auf dem Titelbild nicht das Konterfei von Chaplin,Keaton oderLloyd, sondern das von Ben Turpin.[4]
Turpin wurde im 1909 erschienenen FilmMr. Flip der erste Komiker, der nachweislich eine Torte ins Gesicht bekam, auch wenn sie nichtgeworfen wurde.[5]
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Turpin, Ben |
| KURZBESCHREIBUNG | US-amerikanischer Komiker, Stummfilmschauspieler |
| GEBURTSDATUM | 19. September 1869 |
| GEBURTSORT | New Orleans |
| STERBEDATUM | 1. Juli 1940 |
| STERBEORT | Santa Monica |