Basra (arabisch البصرة,DMGal-Baṣra; auchBasrah oderBassora) ist eine Stadt im Süden desIrak. Sie liegt amSchatt al-Arab etwa 100 Kilometer entfernt von dessen Mündung in denPersischen Golf und ist die wichtigste Hafenstadt des Landes. Basra ist Hauptstadt der an dieiranischeProvinz Chuzestan grenzendenProvinz Basra und nicht zuletzt wegen der Erdölindustrie die bedeutendste Stadt im mehrheitlich vonSchiiten bewohnten Südirak. Sie ist eine der ersten Städte, die von den Arabern nach derEroberung des Vorderen Orients gegründet wurden.
Der Ursprung des Städtenamens Basra ist unklar. Er könnte auf ein arabisches Verb mit der Bedeutung ‚sehen‘ (Verbalstamm:baṣura) bzw. ein Verbalsubstantiv mit der Bedeutung ‚Sehschärfe‘ zurückgehen. ’Al-Zabīdī (Verfasser desTāğ-ol‛arūs) erwägt auch eine persische Herkunft (möglicherweise volksetymologische Ableitung) vonbas-rāh-hā („verkehrsreiche Wege“).[2]
Mit 1.914.205 Einwohnern (Berechnung 2010)[1] ist sie nachBagdad undMosul die drittgrößte Stadt des Irak. Nahezu alle Einwohner sindAraber. Über 95 % der Einwohner sindMuslime, davon über 86 % Schiiten und 9 %Sunniten und kleinere Minderheiten wieChristen undMandäern 5 %.
Basra liegt im Südirak am Persischen Golf an derSchatt al-Arab-Wasserstraße und ist 55 Kilometer vom Persischen Golf sowie 545 Kilometer von Bagdad entfernt. Die Stadt hat einen internationalen Flughafen.
Die Gegend um Basra ist eine wichtigeErdölförderregion, die Stadt selbst beherbergtErdölraffinerien (mit einer Kapazität von 140.000Barrel pro Tag) undchemische Industrie. Die Erdölfelder um Basra verfügen über 64 % der irakischen Erdölreserven. Gleichzeitig ist die Gegend um Basra eine fruchtbare Landwirtschaftsregion; es werden unter anderemDatteln,Reis,Mais,Gerste,Hirse undWeizen im Winter angebaut (der Sommer ist hierfür zu trocken und zu heiß).
In Basra endet dieBahnstrecke Bagdad–Basra, die im Personenverkehr mehrmals pro Woche bedient wird.[4] Die irakische und dieiranische Regierung vereinbarten 2021, eine ersteBahnstrecke zwischen den beiden (frühererbittert verfeindeten) Ländern zu bauen. Die Arbeiten begannen Anfang September 2023 und sollen 18 bis 24 Monate dauern. Die 32 km lange Neubaustrecke führt von Basra über die GrenzstationTschalamdscha (Shalamche) etwa ostwärts nach Iran. Dazu gehören der Bau einer Brücke über den Fluss Schatt al-Arab und die Räumung von Minen im Grenzgebiet.[5]
Basra (rechts am Rand als Bassora civitas) auf einer europäischen Karte des 17. Jahrhunderts
Im Jahr638 wurde auf Geheiß desKalifenʿUmar ibn al-Chattāb an der Stelle der alten persischen SiedlungVaheštābād Ardašīr von GeneralUtba ibn Ghazwan ein Militärstützpunkt und Handelsplatz gegründet. Die Araber benutzten den Stützpunkt, um von hier aus dasSassanidenreich zu bekämpfen. Um dieses Lager bildete sich die Stadt Basra.
Am 9. Dezember des Jahres656 trafen bei Basra die verfeindeten Anhänger des viertenKalifen und Schwiegersohns des islamischen ProphetenMohammed,ʿAlī ibn Abī Tālib, und dessen Gegner aufeinander, die Alis Anspruch auf das Kalifat bestritten. Die alsKamelschlacht in die Geschichte eingegangene Schlacht endete mit einem Sieg derPartei Alis. Bis Ende der 670er Jahre gaben in Basra Angehörige des arabischen Stammesverbandes der Tamīm sowie qaisitische Gruppen den Ton an, dann kam es durch Einwanderung derAzd zu einer Kräfteverschiebung. Während desZweiten Bürgerkriegs (683–691) gehörte Basra zum Herrschaftsgebiet vonʿAbdallāh ibn az-Zubair, der zunächst den Mekkaner ʿAbdallāh ibn al-Hārith und dann seinen eigenen BruderMusʿab ibn az-Zubair zum Statthalter über die Stadt ernannte.[6]
Im frühen 8. Jahrhundert wirkten in Basra die einflussreichen islamischen RechtsgelehrtenDschābir ibn Zaid († zw. 711 und 723),al-Hasan al-Basrī (642–728) undQatāda ibn Diʿāma († 735/6). 720 brachte der arabische MilitärführerYazīd ibn al-Muhallab die Stadt in seine Hand und führte von ihr aus einen Aufstand gegen dieUmayyaden durch. Die Stadt blieb aber weiter ein wichtiges Gelehrtenzentrum. Einer der wichtigstenHadith-Gelehrten Basras um die Mitte des 8. Jahrhunderts warʿAbdallāh ibn ʿAun († 768). Viele bekannte Rechts- und Traditionsgelehrte aus anderen Städten und Regionen, darunteral-Auzāʿī († 774),Sufyān ath-Thaurī († 778) undYazīd ibn Hārūn († 821), kamen zum Studium nach Basra. Gleichzeitig fungierte die Stadt als Missionszentrum deribaditischen Bewegung. Ihren kulturellen Höhepunkt erreichte Basra im 9. Jahrhundert, als hier die theologisch-philosophische Strömung derMuʿtazila ihr Zentrum hatte. Ihr gehörten auch Literaten wieal-Dschāhiz (776–869) an. Im folgenden Jahrhundert war die Stadt das Zentrum der „Brüder der Reinheit“ (arabischIkhwan as-Safa, اخوان اصفاء), einer philosophisch-religiösen geheimen Bruderschaft, deren Enzyklopädie Einfluss auf die islamische Wissenschaft hatte.[7] In Basra wirkte auchal-Hariri (1054–1122), ein arabischer Dichter und Grammatiker, der durch seineMakamen bekannt wurde.
Bis zur Invasion der Mongolen unterHülegü im 13. Jahrhundert war Basra ein florierendes Handelszentrum und eine Metropole. Seitdem verlor die Stadt immer mehr an Bedeutung. Der ReisendeIbn Battūta fand die Stadt im 14. Jahrhundert größtenteils verfallen vor. Nach den Ilchanen herrschten verschiedene Dynastien über Basra, wie beispielsweise dieDschalairiden, dieSafawiden und seit dem 16. Jahrhundert dieOsmanen. Afrasiyab († 1624), ein lokaler Großgrundbesitzer, lavierte zwischen Safawiden und Osmanen, knüpfte Kontakte zu den Portugiesen und konnte ab 1612 eine weitgehend selbständige Herrschaft über Basra errichten. Seine Nachfolger Ali und Hussein beherrschten die Stadt noch bis 1668, ehe sie wieder von den Osmanen unterworfen wurde, die 1639 mit den Safawiden Frieden geschlossen hatten. Von 1697 bis 1701 befand sich Basra aber wieder unter Kontrolle der Safawiden.
Im 18. Jahrhundert wurde wenige Kilometer von der alten Stadt entfernt die neue Stadt Basra neu gegründet. Die Überreste des alten Basra und des Stützpunktes liegen außerhalb der Stadt und sind in Form eines Hügels zu erkennen. Nach langer, letztlich erfolgreicher Belagerung eroberten Truppen des persischen HerrschersKarim Khan-e Zand 1776 die Stadt, doch fiel sie bereits 1779 wieder an das von SultanAbdülhamid I. regierte Osmanische Reich zurück. 1787 wurde Basra von arabischen Streitkräften besetzt, aber vom Pascha vonBagdad wieder eingenommen und behauptet. 1815 verteidigten die Türken die eingeschlossene Stadt mit Erfolg gegen dieWahhabiten durch den Sieg der ägyptischen Truppen unterIbrahim Pascha. Nachdem Basra seit 1832 in den Händen vonMuhammad Ali Pascha, Vizekönig von Ägypten, gewesen war, kam es infolge des Einschreitens europäischer Großmächte 1840 wieder unter die Herrschaft des türkischen Sultans. Basra blieb bis zumErsten Weltkrieg osmanisch und wurde im November 1914[8] vonGroßbritannien besetzt. 1913 entstand in Basra unter den örtlichen Juden einezionistische Gruppe mit knapp 12[9] Mitgliedern und eigener Schule.
Die britischen Besatzer modernisierten die Stadt und ließen 1937[10] den Marinehafen errichten, worauf Basra zur wichtigsten Hafenstadt des Irak wurde. ImZweiten Weltkrieg war Basra wichtiger Umschlagplatz für Unterstützungsgüter der Westalliierten an dieSowjetunion. Zum Ende des Krieges hatte Basra 93.000 Einwohner.
1964 wurde die Universität von Basra gegründet. Die Zahl der Einwohner erreichte 1977 etwa 1,5 Millionen, fiel danach jedoch während desErsten Golfkrieges zwischen dem Irak und Iran möglicherweise auf bis zu 400.000 Einwohner. Während dieses Krieges war Basrahart umkämpft und wurde mehrfach von iranischem Gebiet aus beschossen, fiel aber nie in die Hände der Iraner.
ImZweiten Golfkrieg 1991 wurde Basra durch Luftangriffe der Alliierten erneut stark zerstört.[11]
Nach dem Krieg war Basra Zentrum der Revolte der südirakischen Bevölkerung gegen Saddam Hussein. Der Aufstand brach am 2. März 1991 aus und basierte auf dem Versprechen derBush-Regierung,Saddam Hussein zu stürzen. Nachdem die Aufständischen aber keine Unterstützung von denAlliierten erhalten hatten, starben in Basra mindestens 3000 Menschen.
ImDritten Golfkrieg 2003 war Basra erneut einer der wichtigsten Kriegsschauplätze. Britische Verbände hielten seitdem die Stadt besetzt. Insbesondere 2006 und 2007 kam es zu heftigen Aufständen in der Stadt. Die Briten verfügten dort während dieser Zeit über ein Bataillon eigener Truppen, dazu die irakische Armee und die irakische Polizei, wobei insbesondere viele Polizisten die Aufständischen unterstützten. Im Februar 2007 kam ein britischer oder irakischer Soldat auf 370 Einwohner von Basra, was für die Aufstandsbekämpfung als viel zu wenig angesehen wurde.[12] Anfang September 2007 gaben diebritischen Streitkräfte ihrenStützpunkt im Palast von Basra auf und zogen sich zunächst zum Flughafen der Stadt zurück. Ende 2007 wurde Basra wieder den irakischen Behörden übergeben. Seitdem haben sich Anhänger des Schiiten-FührersMuqtada as-Sadr und dieirakischen Regierungstruppen wiederholt heftige Kämpfe um den wichtigen Erdölhafen geliefert.
Innerhalb der ersten zwei Jahrzehnte des 21. Jahrhunderts entwickelte sich eine Umweltkatastrophe bzw.Wasserkrise (Wassermangel und Wasserverschmutzung) im Irak, die 2018 in Basra ihren vorläufigen Höhepunkt fand. Grund für den Wassermangel ist, dass die zwei großen Flüsse,Euphrat undTigris, weniger Wasser führen seitdem die Türkei 20 Staudämme an ihnen errichtet hat. Dieser Wassermangel, der außerdem durchzunehmende Dürre- und Hitzeperioden wie auch marode Leitungen und illegale Brunnen verschärft wird, trug wiederum zur Verschlechterung der Wasserqualität bei, weil durch die geringere Menge an Wasser die Konzentration des giftigen Schmutz- und Abwassers in den Flüssen zunahm. Im Irak gibt es kaum Abwassersysteme bzw. Filter- und Kläranlagen, weshalb die Abwässer von privaten Haushalten und öffentlichen und privaten Betrieben ungefiltert in die Flüsse und Kanäle gelangen. Durch die Wasserverschmutzung wurden alleine während des Sommers 2018 bei Basra, wo sich viele Flüsse des Irak vereinen, 118.000 Einwohner krank. Es folgten wochenlange, teils gewaltsame Proteste. In Basra entwickelte sich durch die Wasserverschmutzung, die durch eineVermüllung noch verstärkt wird, außerdem eineAlgenpest.[13]
↑Farshid Delshad:Georgica et Irano-Semitica. Studien zu den iranischen und semitischen Lehnwörtern im georgischen Nationalepos „Der Recke im Pantherfell“. Dissertation Jena 2004 (PDF), S. 101.
↑Es wird gebaggert und gebaut in aller Welt. In:Hansa, Heft 12/2018, S. 68/69.
↑Neil Robinson:World Rail Atlas. Bd. 8:The Middle East and Caucasus. World Rail Atlas Ltd. England 2006.ISBN 954-12-0128-8, Taf. 32.
↑Gernot Rotter:Die Umayyaden und der zweite Bürgerkrieg (680–692). Deutsche Morgenländische Gesellschaft, Steiner, Wiesbaden 1982, S. 1, 65–86.
↑Nader el-Bisri:The Ikhwan al-Safa' and their Rasa'il. Oxford 2008.
↑John Tolan:Nouvelle histoire de l’islam, VIIe–XXIe siècle. Éditions Tallandier, Paris 2022,ISBN 979-1-02104977-2,S.238.
↑Georges Bensoussan:Juifs en pays arabes – Le grand déracinement 1850–1975. In: Denis Maraval (Hrsg.):Collection Texto. 2. Auflage. Éditions Tallandier, Paris 2021,ISBN 979-1-02105090-7,S.497.
↑Anne Nivat:Lendemains de guerre en Afghanistan et en Irak (= Le Livre de Poche.Nr.30763). 2. Auflage. Librairie Arthème Fayard, Paris 2007,ISBN 978-2-253-11936-4,S.394.
↑Anthony King:Urban insurgency in the twenty-first century: smaller militaries and increased conflict in cities. In:International Affairs, Volume 98, Issue 2. Oxford University Press, März 2022, S. 623.
↑Monika Bolliger, Susanne Götze:(S+) Irak: Wie das Land vergiftet wird. In:Der Spiegel. 12. Juni 2024,ISSN2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 14. Juni 2024]).