Autoritarismus (lateinischauctoritas ‚Einfluss‘, ‚Geltung‘, ‚Macht‘) ist eineHerrschaftsform, bei der im Unterschied zurDemokratie die politischeMacht nicht bei der gesamten Bevölkerung liegt, sondern bei einer oder wenigen Personen. Die Bürger eines autoritär regiertenStaates haben also keine Möglichkeit, durch freieWahlen dieRegierung nach ihrem Wunsch zu ändern. In der Regel kommt es unter der Herrschaft von autoritären Regimen auch deutlich häufiger als in Demokratien zu Verletzungen derMenschenrechte, bspw. durch dieInhaftierung politischer Gegner.
Ein umgangssprachliches Synonym istDiktatur, dieser Begriff wird in derPolitikwissenschaft allerdings nicht verwendet, da er nicht eindeutig definiert ist.
Derzeit lebt etwa die Hälfte der Weltbevölkerung in mehr oder weniger autoritären Systemen. Der größte eindeutig autoritäre Staat istChina.
Als Extremform des Autoritarismus gilt derTotalitarismus.
Autoritäre Systeme werden von bestimmten sozialen Kräften einer Gesellschaft getragen. Diese bilden gegebenenfalls ihreoligarchische Machtbasis. Diese sozialen Kräfte können in z. B. zivile und militärische Kräfte unterteilt werden. Das heißt, autoritäre Staaten können zivil, militärisch,tribal, religiös oder bürokratisch usw. gestützt sein.
Max Weber beschreibt drei Formen derLegitimation:traditionelle,charismatische und rationale Legitimität. In Bezug auf autoritäre Systeme sind nur die traditionelle und charismatische Legitimität von Bedeutung.
Traditionell bedeutet nach Max Weber: „die Autorität des ewig Gestrigen: der durch unvordenkliche Geltung und gewohnheitsmäßige Einstellung auf ihre Innehaltung geheiligter Sitten“ – dieses Legitimationsmuster trifft vor allem auf autoritäre Staaten zu, in denen die Religion als Legitimation für den Herrschenden gilt und das Politische nicht vom Sakralen getrennt ist. Beispiele hierfür sindSaudi-Arabien und derIran, wobei Anklänge an dieses Muster auch in Teilen der westlichen Welt (z. B.Bible Belt), wenn auch mit beschränktem Einfluss, vorzufinden sind.
Charismatisch bedeutet nach Max Weber: „aus Begeisterung oder Not und Hoffnung geborene, gläubige, ganz persönliche Hingabe“ – dieses Legitimationsmuster trifft vor allem auf Länder zu, in denen ein politischerFührer Anerkennung in der Bevölkerung erworben und seine Herrschaft in einem autoritären System verankert hat. Als ein Beispiel hierfür kannKuba unterFidel Castro angesehen werden.
In autoritären Systemen ist dieMacht in der Regel zentralisiert. Die meisten modernen autoritären Staaten sindScheindemokratien, da lautVerfassung häufig formal demokratische Strukturen vorgeschrieben sind, diese allerdings nicht wirklich bestehen.
Vergleicht man Industrie- und Entwicklungsländer, kann ein höheres Maß an Personalisierung des Politischen festgestellt werden. Als personalistisch bezeichnet man eine Führung dann, wenn sie in einer Person konzentriert ist.
Beziehung zwischen Machthabern und Herrschaftsunterworfenen
Das wesentliche Element im Verhältnis von Machthabern und Machtunterworfenen ist dieGewalt „von oben“, meist in Form einerGeheimpolizei, deren Zweck darin besteht, die politische Macht der herrschenden Klasse zu schützen und jegliche Form derOpposition zu unterdrücken. Diepolitische Partizipation wird von den Machthabern entweder unterbunden oder gesteuert.
Die Kommunikationsforscherin Sarah Oats bezeichnete die Rolle derMassenmedien als einen kritischen Faktor beim Abgleiten eines Staates in den Autoritarismus.[1] Zur Stabilisierung eines etablierten Regimes können die verschiedenen StrategienZensur,Selbstzensur oderPropaganda verfolgt werden.[2] Durch die Kontrolle der großen Medien sei es nach dem Politikwissenschaftler Stephen K. Wegren annähernd ausgeschlossen, dass Medien eineDebatte auslösen können, wie dies eine Funktion von Medien in offenen politischen Systemen der Fall sei.[3]
Angesichts der stärker werdenden Popularitätrechtspopulistischer Parteien sprechen Medien in den 2010er Jahren von einer Krise desLiberalismus. So hebt etwa der JournalistThomas Assheuer hervor, dass der Soziologe Ralf Dahrendorf bereits in den 1990er Jahren voraussagte, dass dieGlobalisierung „eher autoritären als demokratischen Verfassungen Vorschub leisten“ werde.[4] Der deutsche BundespräsidentFrank-Walter Steinmeier warnte 2017 mehrmals – in seiner Antrittsrede vor dem Bundestag, bei seinem ersten Auslandsbesuch in Frankreich sowie bei seiner ersten Rede im Europaparlament – vor einer neuen „Faszination des Autoritären“.[5][6]
Der Herausgeber derBerliner ZeitungMichael Maier nannte wesentliche Kennzeichen, die autoritäre Systeme von einer auf Gewaltenteilung basierenden freiheitlichen Demokratie unterscheiden: „Autoritäre Systeme können über Nacht Maßnahmen verordnen. Sie können die Bürgerrechte nach Belieben einschränken.Polizei- undÜberwachungsstaat ersticken Widerstand im Keim. Andersdenkende oder Kritiker werden mundtot gemacht, verschwinden von der Bildfläche – über Nacht.Denunziation ist der Kitt, der Unrechtssysteme im Innersten zusammenhält. Bürokratische Schikanen nötigen die Bürger zum Wohlverhalten. Um sich selbst nicht zu gefährden, misstrauen die Bürger einander und verraten sich gegenseitig. Mitbestimmung, Expertise und Parlamentarismus werden als Fassaden aufrechterhalten. Eine unabhängige Justiz gibt es nicht. Zensur findet statt. Die Würde des Menschen ist eine Frage vonGunst undWillkür. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Entscheidung über Krieg und Frieden ist den Interessen von kleinen Cliquen untergeordnet. Die Macht der Herrschenden ist unantastbar. Der Wille der Machthaber ist unberechenbar. Die Missachtung von kleinsten Vorschriften kann gravierende Folgen haben. Die Vorschriften ändern sich oft über Nacht, manchmal sogar im Nachhinein.“ Er betonte, es sei in Europa „viel zu verlieren“ und sprach von einer Belastungsprobe des europäischen Systems, welches – im Zuge einer schleichenden „globalen Angleichung“ – zunehmend Symptome einer „Anarchie von oben“ zeige.[7]
Engelbert Dollfuß’ Diktatur in Österreich enthielt eine Vielzahl von autoritären ElementenFrancisco Franco, Diktator Spaniens von 1936 bis 1975 und einer der letzten autoritären Diktatoren in Europa
Folgende Typen autoritärer Regime wurden vonJuan J. Linz systematisiert. Sie sindidealtypisch und nur selten deckungsgleich mit real existierenden Regimen.
Ideologische Alternative für Gesellschaften, die infolge ihrer ökonomischen und sozialen Komplexität nicht allein mit technokratisch-autoritären Mitteln regiert werden können.
Vor allem im postkolonialenAfrika ließen soziale und ökonomische Disparitäten, ethnische, linguale und religiöse Unterschiede der Bevölkerung und eine schwache Bürokratie viele Staatsführer glauben, dass nur ein autoritär geführter Staat Erfolg verheißen würde. Die meisten dieser Regime sind Militärputschen oder der Umwandlung in rein persönliche Herrschaften zum Opfer gefallen.
UnterNeopatrimonialismus wird ein besonders häufig in Afrika anzutreffender Herrschaftstyp bezeichnet, der als eine Mischform aus klassisch-patrimonialer und legal-rationaler Herrschaft angesehen werden kann. Als Regimetyp ist er zwischenAutokratie undDemokratie anzusiedeln. Kennzeichnende Bestandteile des Neopatrimonialismus sindKlientelismus und politischePatronage.
Kennzeichnend für Rassendemokratien undEthnokratien ist, dass bestimmte ethnische Gruppen von der politischen Partizipation ausgeschlossen werden und keine demokratischen Rechte besitzen. Es wird nicht nur Druck auf die diskriminierte, in den historischen Beispielfällen nicht-weiße Bevölkerung ausgeübt, sondern auch auf Dissidenten aus der privilegierten Schicht (historisch: Weiße), die dieTrennungspolitik bekämpfen und in Frage stellen.
Verblassen utopischer Fernziele, Ritualisierung bzw. formelhafte Erstarrung der Ideologie
graduelle soziale, ökonomische und kulturelle – jedoch keine politische – Repluralisierung
bürokratischer Führungsstil der politischen Eliten, Tendenz zur Verrechtlichung des Herrschaftshandelns
Ritualisierung bzw. Erstarrung der gesellschaftlichen Mobilisierung, bei teilweiser Duldung oder gar Förderung der Flucht ins Privatleben
Der Posttotalitarismus bezieht sich vor allem auf dieSowjetunion und ihre osteuropäischenSatellitenstaaten seit derEntstalinisierung. Diese Kategorie enthält noch weitere Subtypen.
Ausschluss einer bestimmten Ethnie oder durch ihre Hautfarbe definierten Bevölkerungsgruppe aus dem demokratischen Prozess und von Bürgerrechten
für das in den historischen Fallbeispielen zumeist weiße Mehrheiten bzw. Minderheiten einschließende politische System galten demokratische Normen und Verfahren.
Der Autoritarismus wird sozialpsychologisch als eineEinstellung (Right-Wing-Authoritarianism o.a. RWA), manchmal auch als einePersönlichkeitseigenschaft aufgefasst (autoritäre Persönlichkeit bzw.autoritärer Charakter) oder dient als Oberbegriff für faschistoide und antidemokratische Einstellungen. Psychologisch ist der Begriff doppeldeutig, denn er beschreibt einerseits ein extrem dominantes Verhalten, andererseits die Bereitschaft zur Unterwerfung unter Ranghöhere. Insofern hängen Autoritarismus undGehorsam zusammen.
In ihren bekannten und viel diskutierten Experimenten habenStanley Milgram (Milgram-Experiment) undPhilip Zimbardo (Stanford-Prison-Experiment) das beobachtete Gehorsamkeitsverhalten unter simulierten, für die Teilnehmer realistisch wirkenden Bedingungen untersucht und nach Zusammenhängen mit anderen sozialen Einstellungen und Persönlichkeitsmerkmalen gefragt. Philip Zimbardo: „The only link between personality and prison behavior was a finding that prisoners with a high degree ofauthoritarianism endured our authoritarian prison environment longer than did other prisoners.“[9] (Die einzige Verbindung zwischen Persönlichkeit und Gefängnisverhalten war der Befund, dass Gefangene mit einem hohen Grad anAutoritarismus unsere autoritäre Gefängnisumgebung länger ertrugen als andere Gefangene.)
Die amerikanische VerhaltensökonominKaren Stenner argumentiert, dass Autoritarismus kein Persönlichkeitsmerkmal sei, sondern als eine Reaktion auf Bedrohungen der normativen Ordnung anzusehen ist,[10] die sich darin äußert, dass das „vorgestellte ‚Wir‘“ zerfällt, was zu Angst vor dem „ethnischen Verschwinden“ und vor Zuwanderung führt.[11]
In der aktuellen psychologischen Forschung wird für das Konstrukt des Autoritarismus v. a. der Begriff desRight-Wing-Authoritarianism (RWA) verwendet, welcher Autoritarismus als eine relative stabile, ideologischeEinstellung versteht. Diese kann aufgegliedert werden inautoritäre Aggression,autoritäre Unterwürfigkeit undKonventionalismus. Konzepte zu Left-Wing-Authoritarianism (LWA) liegen vor, sind jedoch noch nicht so gut untersucht wie RWA.[12] Right-Wing-Authoritarianism gilt zusammen mitSozialer Dominanzorientierung (SDO) als stärkster Prädiktor fürVorurteile undEthnozentrismus. Personen mit einer hohen Ausprägung in RWA sehen die Welt als gefährlich und streben daher nach Sicherheit und Ordnung. Dieses Streben zeigt sich dann in dem Gehorsam gegenüber wahrgenommenen Autoritäten (autoritäre Unterwürfigkeit), Strafbedürfnis gegenüber denen, die von den Normen abweichen (autoritäre Aggression) sowie tradierten Werten (Konventionalismus).[13]
Der begrenzte Pluralismus ist als zentrales Abgrenzungsmerkmal zu sehen. Der Handlungsspielraum von politischen und gesellschaftlichen Akteuren hängt weitgehend von der autoritären Staatsführung ab. In Abgrenzung zum Totalitarismus ist für den Autoritarismus zutreffender vonMentalitäten zu sprechen als von (politischen) Ideologien undWeltanschauungen. Mentalität ist nachTheodor Geiger „subjektive Ideologie“, aber „objektiver Geist“.[15] Mentalitäten sind psychischePrädispositionen und funktionieren formlos.
Das Fehlen einer klaren Ideologie bewirkt einen Verlust der Mobilisierungsfähigkeit; der Bevölkerung fehlt eine emotionale Bindung an das System. Daher formulieren autoritäreRegime ihre Politik pragmatisch und versuchen gleichzeitig, allgemeineWertvorstellungen wiePatriotismus,Nationalismus,Modernisierung und Ordnung durchzusetzen.
Juan José Linz:Ein autoritäres Regime: Der Fall Spanien. Herausgegeben und übersetzt vonRaimund Krämer und Christoph Sebastian Widdau. Potsdamer Textbücher 13. WeltTrends, Potsdam 2011,ISBN 978-3-941880-35-1.
Susanne Rippl, Christian Seipel, Angela Kindervater (Hrsg.):Autoritarismus. Kontroversen und Ansätze der aktuellen Autoritarismusforschung. Leske und Budrich, Opladen 2000,ISBN 3-8100-2634-4.
Bernd Six:Generalisierte Einstellungen. In:Manfred Amelang (Hrsg.):Enzyklopädie der Psychologie. Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung. Band 3. Hogrefe, Göttingen 1966,ISBN 978-3-8017-0553-4, S. 1–50.
Karen Stenner:The authoritarian dynamic. Cambridge University Press, Cambridge 2005,ISBN 978-0-521-53478-9.
Wolfgang MerkelSystemtransformation. Eine Einführung in die Theorie und Empirie der Transformationsforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010,ISBN 978-3-531-17201-9, S. 43–48.
↑Professor of Political Communication Sarah Oates:Television, Democracy and Elections in Russia. BASEES/Routledge Series on Russian and East European Studies, Routledge, 2006,ISBN 978-1-134-17847-6, S. 149: „… mass media are critical factors in halting the slide in authoritarianism“.
↑Thomas Heberer, Gunter Schubert (Hrsg.):Regime Legitimacy in Contemporary China: Institutional Change and Stability. Routledge Contemporary China Series, Routledge, 2008,ISBN 978-1-134-03630-1, S. 177.
↑Stephen K. Wegren:Putin's Russia: Past Imperfect, Future Uncertain. Rowman & Littlefield, 6. Ausgabe 2015,ISBN 978-1-4422-3919-7, S. 137.
↑Michael Maier: Anarchie von oben. In: berliner-zeitung.de. 3. August 2021, abgerufen am 10. August 2021.
↑Juan José Linz:Totalitäre und autoritäre Regime (=Reihe Potsdamer Textbücher. Band 4). 2. Auflage. Berliner Debatte Wissenschaftsverlag, Berlin 2003, S. 219.
↑Webseite von Philip Zimbardo über das Stanford-Prison-Experiment:conclusions. Abruf am 12. März 2021
↑Karen Stenner:The Authoritarian Dynamic, Cambridge University Press, 2005.
↑Ivan Krastev:Auf dem Weg in die Mehrheitsdiktatur? In: Henrich Geiselberger (Hrsg.):Die große Regression. Frankfurt 2017, S. 117–134, hier: S. 127.
↑John Duckitt:Authoritarianism: Conceptualisation, Research, and New Developments. In: Danny Osborne, Chris G. Sibley (Hrsg.):The Cambridge Handbook of Political Psychology. Cambridge University Press, Cambridge 2022,ISBN 978-1-108-48963-8,S.177–197,doi:10.1017/9781108779104.
↑Danny Osborne, Thomas H. Castello, John Duckitt, Chris G. Sibley:The Psychological Causes and Societal Consequences of Authoritarianism. In:Nature Reviews Psychology.Band2. Springer Nature Ltd., 3. März 2023,S.220–232,doi:10.1038/s44159-023-00161-4.
↑Juan J. Linz:Totalitarian and Authoritarian Regimes. In: Fred I. Greenstein, Nelson W. Polsby (Eds.):Handbook of Political Science. Vol. 3:Macropolitical Theory. Addison-Wesley, Reading 1975,ISBN 0-201-02603-1, S. 175–411.
↑Theodor Geiger:Die soziale Schichtung des deutschen Volkes. Soziographischer Versuch auf statistischer Grundlage. Enke, Stuttgart 1932 [ND ebd. 1987],ISBN 3-432-96201-0, S. 77 ff.