| Augusteische Germanenkriege | |||||||||||||||||
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Augustus-Kameo desLotharkreuzes | |||||||||||||||||
| Datum | 12 v. Chr. bis 16 n. Chr. | ||||||||||||||||
| Ort | Germanien zwischen Rhein und Elbe | ||||||||||||||||
| Ausgang | Vergebliche Versuche, das rechtsrheinische Germanien unter römische Herrschaft zu bringen. | ||||||||||||||||
| Folgen | Rückzug der Römer auf die Rheingrenze; faktischer römischer Verzicht auf die Beherrschung des rechtsrheinischen Germaniens. | ||||||||||||||||
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DieAugusteischen Germanenkriege waren eine Reihe von militärischen Auseinandersetzungen zwischen 12 v. Chr. und 16 n. Chr., in denen dasRömische Reich unterAugustus (31 v. Chr. bis 14 n. Chr.) – letztlich vergeblich – versuchte, diegermanischen Stämme zwischenRhein undElbe unter seine Herrschaft zu bringen. Wesentliche Ereignisse waren dieDrususfeldzüge (12 bis 8 v. Chr.), dasimmensum bellum („gewaltiger Krieg“, 1 bis 5 n. Chr.), die vernichtende römische Niederlage in derVarusschlacht (9 n. Chr.) sowie die anschließenden Rückeroberungsversuche durchTiberius undGermanicus; als Höhe- und Endpunkt der Kriege gelten dieGermanicus-Feldzüge (14 bis 16 n. Chr.). Den Augusteischen Germanenkriegen vorangegangen war dieEroberungGalliens durchCaesar, die zu einer Konfrontation mit expandierenden und räuberischen germanischen Stammesgruppen geführt hatte.

Gegner der Römer waren verschiedene germanische Stammeskoalitionen. Die Römer fanden auf den germanischen Kriegsschauplätzen topographische und klimatische Bedingungen vor, die die Entfaltung der überlegenen römischen Militärmacht erschwerten und den zahlenmäßig in der Regel unterlegenen germanischen Truppen entscheidende Vorteile verschafften.
Seit dem Jahr 9 lag das Zentrum des germanischen Widerstandes bei den vonArminius geführtenCheruskern. Nach schweren römischen Verlusten stellte der widerstrebende Germanicus auf energische Weisung des neuen Kaisers Tiberius (14 bis 37 n. Chr.) die Offensiven ein. DieLegionen zogen sich dauerhaft auf die Rheinlinie zurück. Deshalb galt Arminius dem römischen GeschichtsschreiberPublius Cornelius Tacitus als „Befreier Germaniens“ (liberator Germaniae).[1]
Die Hauptquellen zu den augusteischen Germanenkriegen verfasstenCassius Dio,Velleius Paterculus (für die Zeit desimmensum bellum) und Tacitus (für die Zeit ab 9 n. Chr.).
DieHistoria Romana (Römische Geschichte,altgriechischῬωμαϊκὴ ἱστορία) des Dio (* um 163 n. Chr.; † nach 229) ist die Hauptquelle zu den Drusus-Feldzügen sowie zur Varusschlacht. Das auf Griechisch verfasste Werk entstand zu Beginn des 3. Jahrhunderts und gilt als zuverlässig und auf zeitnahen Quellen basierend. Archäologische Funde wie die rechtsrheinisch gelegene römische StadtLahnau-Waldgirmes bestätigen den hohen Quellenwert der Schriften des Dio.
Velleius Paterculus nahm als Offizier unter Tiberius amimmensum bellum teil. Er verfasste seineHistoria Romana (Römische Geschichte) rund zwei Jahrzehnte nach den Geschehnissen. Das Werk ist von großer Verehrung für den Feldherren und späteren Kaiser Tiberius geprägt und deshalb mitunter verzerrt. Die Varusschlacht streift Velleius lediglich, weil er diese in einem anderen Buch, das jedoch nicht mehr angefertigt wurde, behandeln wollte.

Tacitus (* um 58 n. Chr.; † um 120) widmete sich ausführlich den Feldzügen des Germanicus und hinterließ in den ersten beiden Bänden seinerAnnales („Jahrbücher“) eine der eingehendsten Beschreibungen antiker Kriegszüge überhaupt. Er gilt allgemein als gut informierter und gewissenhafter Geschichtsschreiber, der auch Senatsakten und andere offizielle Quellen auswertete. Dennoch bereitet die Deutung der Militäroperationen Schwierigkeiten. Tacitus lieferte nicht alle Informationen, die zum Verständnis des Kriegsverlaufs notwendig sind, und setzt beim Leser eine weitgehende Kenntnis der Zusammenhänge voraus. Überdies verhindert die enorme literarische Verdichtung oft eine volle Sicherheit im Verständnis der Texte.
Tacitus und Dio werteten heute verlorene Geschichtswerke als Quellen aus. Vermutlich nutzten sie die 20 Bücher umfassende SchriftBella Germaniae (Germanenkriege) des SchriftstellersPlinius des Älteren, der Mitte des 1. Jahrhunderts als Offizier in Germanien gedient hatte. Auch dieLibri belli Germanici („Bücher des germanischen Krieges“) des ZeitzeugenAufidius Bassus dürften eingeflossen sein.
Weitere antike Autoren liefern knappe Informationen zu den augusteischen Germanenkriegen. Zu nennen sind dieGeographika desStrabon und die Kaiser-Biographien desSueton, insbesondere diejenigen zu Augustus, Tiberius undClaudius. Vom GeschichtswerkAb urbe condita des ZeitzeugenTitus Livius sind für den Zeitraum der Germanenkriege nur knappe Inhaltsangaben, dieperiochae, erhalten.[2] Umstritten ist der Quellenwert des zu Beginn des 2. Jahrhunderts schreibendenFlorus.
Wichtige archäologisch-epigraphische Zeugnisse sind der inVetera, dem heutigenXanten, gefundene Grabstein für den „im Krieg des Varus“ (bello Variano) ums Leben gekommenen römischen Zenturio Marcus Caelius („Caeliusstein“) sowie dieTabula Siarensis aus Spanien, eine Gedenktafel aus Bronze, die im Jahr 19 n. Chr. zu Ehren des in diesem Jahr verstorbenen Germanicus angefertigt wurde und eine Aufzählung seiner Verdienste enthält.
In der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. prallten inGallien römische und germanische Machtansprüche aufeinander. Zwischen 58 und 53 v. Chr. besiegte und vertrieb Gaius Iulius Caesar die nach Gallien vorgedrungenenSueben,Usipeter undTenkterer und führte seine Legionen zweimal über den Rhein. Germanische Einfälle und römische Vergeltungsaktionen sind für die Jahre 30 bis 20 v. Chr. überliefert. Im Jahr 16 v. Chr. unternahmenSugambrer, Usipeter und Tenkterer einen Plünderungszug nach Gallien, besiegten die V. Legion (V Alaudae oderV Gallica) desMarcus Lollius und erbeuteten denLegionsadler. Dieseclades Lolliana („Lollius-Niederlage“) gab den Anstoß für eine Neuorientierung der römischen Germanienstrategie: Am Rhein entstanden nunKastelle, die wichtigsten in Xanten (Vetera) und Mainz (Mogontiacum). Die Stützpunkte lagen strategisch günstig und erlaubten ein offensives Vorgehen gegen die rechtsrheinischen Stämme.[3] Bis 12 v. Chr. waren insgesamt fünf[4] Legionen aus Spanien und Gallien eingetroffen. Als in diesem Jahr erneut Sugambrer, Usipeter und Tenkterer den Rhein überschritten, bereitete ihnen Drusus eine empfindliche Niederlage.
Im Spätsommer 12 v. Chr. überschritt Drusus den Niederrhein. Dieses Datum markierte den Beginn der augusteischen Germanenkriege. Die Legionen verwüsteten das Gebiet der Usipeter und Sugambrer. Anschließend stieß dieclassis Germanica (Rheinflotte) durch diefossa Drusiana („Drusus-Kanal“) und denFlevosee (das heutigeIJsselmeer) in die Nordsee vor. In den folgenden Jahren führte Drusus die Legionen wiederholt gegen Usipeter, Tenkterer und Sugambrer, ab dem Jahr 10 v. Chr. auch gegen dieChatten,Sueben,Markomannen undCherusker. DieWeser wurde 11 v. Chr. erreicht. Im selben Jahr entgingen die Legionen bei dem nicht lokalisierbaren OrtArbalo durch Glück einer militärischen Katastrophe (Schlacht bei Arbalo).

Im Jahr 9 v. Chr. erreichte Drusus die Elbe. Dort bewegte der römischen Überlieferung zufolge eine „Frau von übermenschlicher Größe“ den Feldherren mit folgenden Worten zur Umkehr: „Wohin willst du eigentlich noch ziehen, unersättlicher Drusus? Es ist dir nicht vom Schicksal bestimmt, dies alles hier zu sehen. Ziehe von dannen! Denn das Ende deiner Taten und deines Lebens ist schon nahe.“[6] Auf dem Rückweg starb Drusus „an einem Knochenbruch, als sein Pferd auf seinen Unterschenkel fiel, dreißig Tage nach diesem Unfall“, wie Livius berichtet.[7] Posthum verlieh Augustus dem Drusus den erblichen Beinamen „Germanicus“.
Die Übernahme des Kommandos durch Drusus’ Bruder Tiberius, Schwieger- und Stiefsohn des Augustus, brachte eine strategische Neuorientierung mit sich. Die riskanten, teilweise rücksichtslosen militärischen Kampagnen des Drusus wichen politischen und diplomatischen Maßnahmen. Wohl im Frühjahr 8 v. Chr. gelang die Ausschaltung der romfeindlichen sugambrischen Führungsschicht. Rund 40.000 Sugambrer[8] wurden daraufhin am linken Rheinufer angesiedelt und somit unter römische Kontrolle gebracht. Die Markomannen undQuaden verließen unter der Führung desMarbod ihre Siedlungsgebiete um denMain und zogen sich nachBöhmen zurück.
Die Bilanz des fast fünfjährigen Ringens war aus römischer Sicht positiv: Die Gefahr germanischer Einfälle in Gallien war gebannt, die Streitkräfte der Stämme dezimiert und der militärische Aktionsradius der Legionen bis zur Elbe ausgedehnt.[9] Die Umsiedlung der Sugambrer hatte den hartnäckigsten und mächtigsten Gegner in Rheinnähe ausgeschaltet und der Abzug der Markomannen und Quaden den Druck der suebischen Stämme beendet.[10]

Zu den Jahren unmittelbar nach den Drususfeldzügen liegen kaum Nachrichten vor. Ab 3 v. Chr. sind römische Ordnungs- und Infrastrukturmaßnahmen durch den römischen StatthalterLucius Domitius Ahenobarbus überliefert. Nach der Ablösung des Domitius durchMarcus Vinicius im Jahr 1 n. Chr. brach das von Velleius so benannteimmensum bellum[11] („gewaltiger Krieg“) aus. Die militärischen Maßnahmen des erfahrenen Feldherren Vinicius liegen im Dunkeln. Velleius berichtet lediglich, er habe den Krieg „in manchen Gegenden glücklich geführt, in anderen hingehalten“.[12]
Im Sommer des Jahres 4 n. Chr. übernahm Tiberius das Oberkommando, unterwarf rheinnahe Stämme sowie die Cherusker und bezog erstmals mit einem Gesamtheer mitten in Germanien ein Winterlager (wahrscheinlich dasRömerlager Anreppen). Im Jahr darauf zwangen die Legionen zunächst dieChauken wieder in die Abhängigkeit zu Rom und vertrieben dann dieLangobarden über die Elbe. Schließlich vereinigten sich die Legionen mit einer elbeaufwärts vorgestoßenen römischen Flotte. Das offenbar perfekt abgestimmte Manöver „stellt ohne allen Zweifel den Höhepunkt der römischen Germanienfeldzüge dar.“[13] Mit dem Abschluss des Feldzuges konnte die vorherige Ordnung als wiederhergestellt und dasimmensum bellum als beendet gelten.[14]
Tiberius erhielt dadurch freie Hand, um im Jahr 6 n. Chr. zwölf Legionen gegen das mächtige Reich des Markomannen-KönigsMarbod in Böhmen zu führen. Der Angriff musste jedoch wegen des einsetzendenpannonischen Aufstandes abgebrochen werden. Zwischen Rhein und Elbe verstärkten die Römer ihre Bemühungen, das Gebiet zu einerrömischen Provinz zu machen.[15] Nicht zuletzt wegen der „verschärften Gangart“[16] des Statthalters Varus griffen die germanischen Stämme erneut zu den Waffen. Vier Jahre nach dem Ende desimmensum bellum brach ein neuer Aufstand los, der zur Varusschlacht führte.
In der Varusschlacht[17] des Jahres 9 n. Chr. erlitten dreirömische Legionen (XVII,XVIII undXIX) samtHilfstruppen undTross unterPublius Quinctilius Varus eine vernichtende Niederlage gegen ein germanisches Heer unter Führung desArminius. Als wahrscheinlicher Ort der letzten Phase der mehrtägigen Schlacht gilt dieFundregion Kalkriese.
Arminius, der im römischen Heer gedient hatte, das römische Bürgerrecht besaß und in denRitterstand aufgestiegen war, gelang es wohl, die Stämme derMarser undBrukterer, vielleicht auch der Chatten undAngrivarier zu einem Bündnis zu bewegen. Arminius galt als Tischgenosse des Varus und wiegte diesen in dem Glauben, er sei ein treuer Verbündeter Roms. Er wirkte dabei so überzeugend, dass Varus nicht einmal die Warnung des CheruskerfürstenSegestes ernst nahm, Arminius plane einen Verrat.[18]
Der Ausgangspunkt des römischen Zuges war nach Dio die Weser im Gebiet der Cherusker.[19] Die Nachricht über einen vermeintlich kleinen, regionalen Aufstand habe Varus veranlasst, einen Umweg durch weitgehend unbekanntes Gebiet zu nehmen. In unwegsamem Gelände gerieten die 15.000 bis 20.000 Soldaten[20] in einen sorgfältig geplanten Hinterhalt. Die Kämpfe in unwegsamen Gelände dauerten drei bis vier Tage. Varus tötete sich schließlich selbst, um der Gefangenschaft zu entgehen.
DerLegatLucius Nonius Asprenas sicherte mit den beiden verbliebenen Legionen die Rheingrenze. Die Varusschlacht markiert eine wichtige Zäsur in den Augusteischen Germanenkriegen, sie bedeutete jedoch nicht das Ende der römischen Militärpräsenz in Germanien; Augustus plante vielmehr, die Ergebnisse der Varuskatastrophe mit militärischen Mitteln zu revidieren.

Nach der Varusschlacht übernahm Tiberius erneut das Kommando am Rhein und konnte in den Jahren 11 und 12 n. Chr. erste militärische Erfolge verbuchen. Ende 12 n. Chr. begab sich der designierte Thronfolger nach Rom an die Seite des greisen Augustus – er verstarb im Spätsommer 14 n. Chr. – und überließGermanicus, dem Sohn des Drusus, das Kommando am Rhein. Im Spätherbst 14 n. Chr. unternahm Germanicus einen Feldzug gegen die Marser, die während einer kultischen Feier überrascht und niedergemetzelt wurden. Dies war der Startschuss zu den Germanicus-Feldzügen, die den Höhe- und Endpunkt der augusteischen Germanenkriege markieren sollten.
Im Frühjahr 15 n. Chr. griff Germanicus die Chatten an und befreite danach Segestes. Dieser war in einem innercheruskischen Machtkampf seinem Schwiegersohn Arminius unterlegen, hatte jedoch zuvor dessen schwangere FrauThusnelda in seine Gewalt bringen können. Beide wurden ins Reich verbracht. Im Sommer folgten eine Flottenlandung in derEms, die Bergung eines Varus-Adlers, die Bestattung der Gefallenen der Varusschlacht und eine unentschiedene Schlacht vermutlich unweit der Weser. Auf dem Rückmarsch in die Winterlager entgingen vier Legionenan denpontes longi mit Glück einer vernichtenden Niederlage.
Der neue Imperator Tiberius missbilligte die riskante Kriegführung des Germanicus und drang auf den Abbruch der Feldzüge. Er setzte auf eine diplomatische Kontrolle der Stammeswelt. Germanicus berief sich jedoch auf das Mandat des Augustus und bereitete einen entscheidenden Schlag vor. Ein „blutiger und erbarmungslos geführter Offensivkrieg“,[21] geprägt von rücksichtsloser Härte gegenüber dem Gegner und den eigenen Truppen,[22] erreichte im Jahr 16 n. Chr. seinen Höhepunkt.
Germanicus ließ eine Flotte aus 1.000 Schiffen bereitstellen, die im Sommer alle acht Legionen mit Reiterei und Tross an die Emsmündung transportierte. Es folgte ein römischer Sieg beiIdistaviso (Idisstättenwiese[23]), der jedoch den germanischen Widerstand nicht entscheidend schwächen konnte. Auch die anschließendeSchlacht am Angrivarierwall brachte keinen durchschlagenden Erfolg. Auf dem Rückweg erlitten die eingeschifften Legionen schwere Verluste durch Herbststürme. Dennoch gelang es im Herbst, einen weiteren Varus-Adler bei den Marsern zu bergen. Tiberius bestand nunmehr jedoch auf dem Ende der Feldzüge. Germanicus verließ Germanien, um in Rom den bereits im Vorjahr zuerkannten Triumph zu begehen. Die Germanicus-Feldzüge und mit ihnen die Epoche der augusteischen Germanenkriege waren beendet.
Zu den römischen Kriegszielen existieren nur wenige Quellen, weil die entsprechenden Diskussionen nach dem Ende der Republik nicht mehr öffentlich, sondern im Umfeld des Imperators geführt wurden.[24] Bereits Dio klagte über den resultierenden Quellenmangel.[25] Zwar liefert Tacitus in seinenAnnales Anhaltspunkte zu den Kriegszielen, die durch den Fund der Tabula Siarensis 1981 bestätigt wurden, dennoch ist die Geschichtsforschung bei der Betrachtung der römischen Kriegsziele auf Rückschlüsse angewiesen: Aus Anlage und Verlauf von Militäraktionen werden Absichten und Ziele der Akteure abgeleitet.[24] Dies führte zu weit auseinandergehenden Forschungsansichten. Der HistorikerJürgen Deininger hat vier wesentliche Positionen herausgearbeitet:[26]
Die jüngere Forschung geht mehrheitlich von einer Entwicklung der Ziele im Kriegsverlauf aus. Die Römer scheinen durch ihr militärisches und diplomatisches Wirken immer tiefer in die Verwicklungen der germanischen Stammeswelt hineingezogen worden zu sein, was mit einer Ausweitung des römischen Engagements einherging.[27] Auch die kontinuierliche Erweiterung derethnographischen und geographischen Kenntnisse im Verlauf der Feldzüge scheint das römische Ausgreifen ermöglicht und gefördert zu haben.[28] Nach der Varus-Katastrophe kamen schließlich die Bestrafung der Aufständischen hinzu, was anscheinend auch in einer erheblichen Brutalisierung der römischen Kriegsführung resultierte.[29] Auch die Rückgewinnung der verlorenen Legionsadler stellte nach dem Jahr 9 n. Chr. ein zusätzliches Ziel auf römischer Seite dar.
Klaus-Peter Johne sieht vier Phasen bei der Entwicklung der römischen Ziele: Bis 4 n. Chr. haben militärische Abschreckung und Machtdemonstration zum Schutz Galliens im Vordergrund gestanden. Zwischen 4 und 9 n. Chr. sei die Grenzsicherung an der Elbe und die Schaffung von Nachschublinien von der Elbmündung bis zur Donau das Ziel gewesen; den Marbodfeldzug habe man vor diesem Hintergrund zu sehen. Nach der Varuskatastrophe sei es bis 16 n. Chr. um die Wiedergewinnung der Elbelinie gegangen. Nach dem Ende der Germanicus-Feldzüge sei die Elbe schließlich als erstrebenswerte Grenze des Reiches verklärt worden.[30]
Innenpolitische und persönliche Ziele des Augustus dürften ebenfalls eine Rolle gespielt haben.[31] Das vom Senat verlieheneimperium (Befehlsgewalt) des Augustus musste alle fünf, später alle zehn Jahre verlängert werden (erst Tiberius verfügte über einimperium auf Lebenszeit). Augustus hatte deshalb ein Interesse daran, sich als dauerhafter Sicherheitsgarant des Reiches zu inszenieren. Germanien war die idealemateria gloriae („Gegenstand der Ruhmgewinnung“) „eines sich durch Sieghaftigkeit legitimierenden Herrschergeschlechts“,[32] das an die Erfolge Caesars anzuknüpfen oder diese sogar zu übertrumpfen trachtete.[33] Auch potentielle Thronfolger konnten sich auf dem germanischen Kriegsschauplatz für das Amt empfehlen.
Schließlich diente der germanische Kriegsschauplatz auch der Heeresbeschäftigung.[34] Dies musste nicht in Eroberung oder gar Provinzschaffung münden,[35] sondern profitierte im Gegenteil von wiederholten Friedensbrüchen unzuverlässiger Stämme. Vor diesem Hintergrund „war das Ziel die Dynamik selbst“.[36]
In den Kastellen am Rhein waren zu Beginn der augusteischen Germanenkriege fünf Legionen stationiert, von denen drei – dieLegionesXVII,XVIII undXIX – im Zuge der Varus-Katastrophe untergingen. Sechs Legionen wurden teils aus anderen Regionen herangezogen, teils neu aufgestellt, so dass ab dem Jahr 10 n. Chr. acht Legionen am Rhein stationiert waren. Am Niederrhein standen nunmehr die LegionenI (Germanica),V (Alaudae),XX (Valeria Victrix) undXXI (Rapax), am OberrheinII (Augusta),XIII (Gemina),XIV (Gemina) undXVI (Gallica).[37] Es ist ungewiss, ob die Legionen I und V diejenigen waren, die der Katastrophe im Vorjahr hatten entgehen können, oder die XIII und XIV.[38]
Die neuere Forschung setzt die Mannstärke einer augusteischen Legion (gebildet aus Personen mit römischem Bürgerrecht) mit bis zu 6.500 Personen an, davon etwa 4.800[39] bis 5.300[40] Mann Kampftruppen, der Rest Sonderchargen (Stabssoldaten etc.) und Nicht-Kombattanten (Trossknechte, ziviles Personal etc.). Hinzu kamen reguläreAuxilien. Einer Legion zugeordnet waren eineAla mit 500, erweitert 800 bis 1.000 Mann Kavallerie, sowie zwei bis drei Infanterie-Kohorten mit in der Regel 500 Mann, zusammen also 1.500 bis 2.500 Auxiliarsoldaten.[41] Für die Ausrückstärke bringt Peter Kehne zehn Prozent der Sollstärke in Abzug.[42] Verstärkt wurden die römischen Truppen auf Feldzügen durch Kriegerkontingente in unbekannter Höhe, gestellt von verbündeten Stämmen.
Die Quellen machen in der Regel keine Angaben zu Truppenstärken. Ausnahmen bilden die Varuskatastrophe, deren Verluste von drei Legionen und Hilfsvölkern wiederholt belegt sind, sowie die Berichte des Tacitus, der an mehreren Stellen derAnnales die Anzahl der eingesetzten Legionen oder Kohorten, mitunter auch die Mannstärken nennt. So berichtet Tacitus beispielsweise, dass Germanicus im Herbst 14 n. Chr. 12.000 Legionäre, 26 Auxiliarkohorten und 8 Alen gegen die Marser ins Feld führte.[43] Zur Schlacht von Idistaviso marschierten unter anderem acht Legionen, zweiPrätorianerkohorten, gallische und germanische Hilfstruppen sowie Bundesgenossen-Kontingente auf.[44] Im Herbst 16 n. Chr. zog der Legat Silius mit 30.000 Fußsoldaten und 3.000 Reitern gegen die Chatten.[45]
Die ältere Forschung geht für die Germanicus-Feldzüge, insbesondere für das Jahr 16 n. Chr., mehrheitlich von großen Kombattantenzahlen auf beiden Seiten aus. Für die römische Seite vermutenFriedrich Knoke[46] 100.000 undPaul Höfer[47] 120.000 Kämpfer.Otto Dahm[48] geht von 120.000 Personen einschließlich Nicht-Kombattanten aus. Maßvoll erscheint dagegen die Angabe „nicht unter 50.000 Mann“ vonHans Delbrück für die Schlacht von Idistaviso.[49] Diese Angabe wird verworfen vonWolfgang Jungandreas, der am Angrivarierwall trotz vorangegangener Verluste noch 100.000 Römer und Verbündete kämpfen sieht.[50] Die neuere Forschung legt sich kaum auf Truppenzahlen fest. Klaus-Peter Johne geht davon aus, dass Germanicus bei Idistaviso insgesamt 80.000 Mann kommandierte.[51]
Die germanischen Stämme entzogen sich immer wieder durch Absetzbewegungen dem römischen Zugriff, so zum Beispiel die Cherusker, die Drusus im Jahr 9 v. Chr. auch mit großem militärischen Aufwand nicht stellen konnte.[52] Zentralorte als Sitz von obersten Stammeshierarchien wie in Gallien gab es in Germanien nicht, eine Eroberung und Kontrolle solcher Plätze als mögliches römisches Machtmittel entfiel. Eine Ausnahme bildete der chattische HauptortMattium, dessen Zerstörung im Jahr 15 n. Chr.[53] jedoch keine nachhaltige Wirkung auf den Stamm zu haben schien.
Ein Übriges tat die Kleinteiligkeit der germanischen Gesellschaft. Häuptlinge, Gefolgschaftsführer oder Sippen fühlten sich nicht an Abmachungen gebunden, die andere mit den Römern getroffen hatten.[54] Die germanischen Überfälle in Gallien vor 12 v. Chr. gingen auf das Konto von Gefolgschaften, die der Kontrolle durch Stämme kaum oder gar nicht unterlagen. Verträge zwischen den Römern und den Stämmen zur Eindämmung dieser Überfälle mussten wirkungslos bleiben.[55]
Die topographischen und klimatischen Gegebenheiten in Germanien boten dem römischen Militär unterschiedliche Voraussetzungen. Gut zugänglich, teilweise über bronzezeitliche Fernwege, waren die germanischen Siedlungskammern, die sich oft an Flussläufen hinzogen. Als überholt gelten Vorstellungen von vereinzelten, in Wald- oder Sumpflandschaften verborgenen, kaum erreichbaren Weilern und Dörfern. Es ist vielmehr von großen und bevölkerungsstarken Siedlungsakkumulationen auf gerodeten und gut erschlossenen Flächen auszugehen, zum Beispiel imLeinegraben, wo cheruskische Siedlungsplätze in einer rund 10 mal 40 Kilometer großen, offenen und flächig besiedelten Landschaft dicht nebeneinander lagen.[56] Dennoch bildeten Mittelgebirge, ausgedehnte Waldgebiete und Moorlandschaften natürliche Hindernisse für die militärische Durchdringung des Landes. Bereits Caesar hatte die Weite Germaniens und die ausgedehnten Waldgebiete als Problem geschildert.[57] Strabon berichtet von großen Umwegen, die die Römer wegen der Sümpfe und Wälder in Kauf nehmen mussten.[58]
In schwierigem Gelände zogen sich die römischen Marsch- und Trosskolonnen auf schmalen Pfaden über viele Kilometer hin und boten den Germanen gute punktuelle Angriffsmöglichkeiten. Varus hatte sein Heer im Vertrauen auf seine cheruskischen Verbündeten in eine derartige Lage geführt. Tacitus bezeichnete die weiten Märsche und die lang hingezogenen Trosskolonnen als besonders nachteilig für die römische Kriegsführung in Germanien.[59] Abhilfe sollten breitelimites (Wegschneisen) schaffen, die in die germanischen Wälder geschlagen wurden. ImLager Holsterhausen konnte eine Heerstraße der Drusus-Zeit identifiziert werden.[60] Sie war mit 40 Metern breiter als eine moderne sechsspurige Autobahn. Der römischeLimes sollte sich später aus solchen Schneisen in mehreren Ausbau- und Befestigungsstufen zu einem festen Bollwerk entwickeln.
Die Wälder boten den Germanen Zuflucht bei römischen Angriffen. Deshalb zeigte die Zerstörung von Siedlungskammern selten die von den Römern erhoffte Wirkung.[61] Caesar war es seinerzeit in Gallien im Kampf gegen mobile Stämme gelungen, durch fortwährende Zerstörungen die Autorität von romfeindlichen Stammesführungen zu untergraben. Obwohl Germanicus diese Strategie in den letzten Kriegsjahren auf die Spitze trieb, war der germanische Widerstand auf diese Weise nicht zu brechen.
Auch die Überquerung von Flüssen konnte die Römer vor Probleme stellen, vor allem zu Beginn der Feldzugsaison. Die Wasserstände schwankten im Verlauf der Jahreszeiten ausgeprägter als heute. Im Winter bis in das Frühjahr hinein (beim Rhein bis in den Frühsommer) bildeten die Flüsse schwer passierbare Hindernisse. Besonders gefährliche Hochwasser gab es bei Rückstau vor Einmündungen. Die Elbe konnte am Zufluss derHavel zu einem gewaltigen See mit einer Wasserfläche von 40 mal 44 Kilometern anwachsen.[62] Für das Frühjahr 15 n. Chr. hielt Tacitus es für bemerkenswert, dass eine große Trockenheit herrschte und die Truppen die Flüsse rasch und ohne besondere Vorbereitungen überschreiten konnten.[63]
Die topographische Situation in Germanien erschwerte die Versorgung der Truppen auf Feldzügen. Die vorherrschendeSubsistenzwirtschaft schränkte die Möglichkeiten der Legionen ein, sich aus dem Land heraus zu versorgen.[64] Ein Soldat benötigte 0,7 bis 1 Kilogramm Nahrung pro Tag,[65] ein Pferd 2,5 kg Gerste und 7 kg Heu oder Grünfutter (Maultiere etwas weniger).[66] Den Tagesbedarf eines Heeres aus drei Legionen veranschlagt Peter Kehne auf 56 t ohne und 109 t mit Heu-/Grünfutter.[42] Der logistische Aufwand war beträchtlich. Als Grund für die Umkehr des Drusus an der Weser im Jahr 11 v. Chr. vermutetGustav Adolf Lehmann Versorgungsprobleme.[67]

Die Römer setzten auf möglichst weit vorgeschobene Nachschublager – dasLager Hedemünden spielte 9 v. Chr. eine wichtige Rolle beim Zug des Drusus bis zur Elbe[68] – und wo immer es möglich war auf den Transport zu Wasser. Selbst innerhalb des römischen Reiches mit seinem ausgebauten Wegenetz war der Flusstransport mindestens um den Faktor 10 effizienter als der Transport mit Landfahrzeugen oder Tragtieren.[69]Christoph Schäfer geht davon aus, dass die Offensiven in Germanien von hunderten von Transportschiffen flankiert wurden, die das „Rückgrat der Versorgung“ bildeten.[70] Neben der frühen Erschließung der rechtsrheinischen Nebenflüsse, allen voranLippe,Ruhr,Lahn undMain, dienten später auch die großen Nordsee-Flottenoperationen ganz wesentlich der Truppenversorgung überEms, Weser und Elbe.[71] Tacitus berichtet ausführlich über die große Bedeutung von see- und flussgestützten Truppen- und Nachschubtransporten.[72]
Zu den Motiven germanischer Kriegsführung gegen Rom gibt es kaum verlässliche Quellen. Tacitus legt dem Arminius in Reden Motive in den Mund,[73] doch ist der Realitätsgehalt unklar,[74] überdies sind die germanische Motive der Kriegsführung „nicht mit römischen Maßstäben zu ermessen“.[75] Klaus Tausend zeigte auf, dass die Verteidigung gegen Rom der häufigste Beweggrund für die bekannten germanischen Bündnisse und Kriege jener Zeit war, gefolgt von politischen Konflikten (davon ein Großteil Faktionskonflikte innerhalb eines Stammes). Selten im Vergleich zu anderen Kulturen ähnlicher Entwicklungsstufe ging es um Landerwerb. Allerdings dürften diese Häufigkeitsverteilungen nicht zuletzt aus der Quellenlage resultieren.[76] Darüber hinaus spielte der Beuteerwerb stets eine mehr oder weniger große Rolle, weil ein Sieg automatisch mit diesem verknüpft war.[77]

Der Kampf gegen die römische Fremdherrschaft spiegelt sich in den Annalen wider. Tacitus bringt Arminius mehrfach eng mit dem Motiv der Freiheit in Verbindung.[78] Der Cheruskerfürst verhöhnte die Auszeichnungen und Soldzahlungen seines in römischen Diensten verbliebenen BrudersFlavus als „billigen Preis für die Unfreiheit“(vilia servitii pretia).[79] Seine Krieger forderte er auf, ihm zu Ruhm und Freiheit zu folgen und nicht dem geflohenen Segestes in die römische Knechtschaft.[80] Überdies warnte Arminius vor den drückenden Tributen, die die Römer Unterworfenen aufzuerlegen pflegten[81] – tatsächlich sind aus Gallien Aufstände im Zusammenhang mit römischen Steuererhebungen überliefert. Schließlich betont Tacitus die germanische Ablehnung römischer Rechtsprechung,[82] den Wunsch, nach der Sitte der Vorfahren zu leben,[80] sowie die „heilige Verpflichtung gegenüber dem Vaterland“(fas patriae).[83] Insbesondere beim Vaterlands-Motiv dürften römische Projektionen eine Rolle spielen.
Die Aussicht auf Beute war das beherrschende Motiv jener germanischen Gefolgschaften, die im Vorfeld der Augusteischen Germanenkriege Streifzüge in die Gebiete links des Rheins unternahmen. Plünderungen waren die Regel, nicht nur bei den Germanen –Aristoteles rechnete die Kriegskunst auch zur Erwerbskunst.[84] Später, im Verlauf der Germanenkriege, hat immer wieder germanische Beutegier einen militärischen Erfolg zunichtegemacht oder zumindest gefährdet, zum Beispiel während der Varusschlacht[85] und der anschließenden Belagerung von Aliso[86] oder an denpontes longi.[87]
Vor allem die Aussicht auf römische Kriegsgefangene und auf Eisen dürfte germanische Begehrlichkeiten geweckt haben. Kriegsgefangene brachten Geld – nach der Flottenkatastrophe des Jahres 16 n. Chr. kauften die Angrivarier im Auftrag der Römer gestrandete Legionäre bei anderen Stämmen frei[88] – oder wurden als Arbeitskräfte eingesetzt – im Jahr 50 n. Chr. konnten bei den Chatten ehemalige Legionäre befreit werden, die mehr als vier Jahrzehnte zuvor während der Varusschlacht in Gefangenschaft geraten waren.[89] Aus späteren Jahrhunderten sind germanische Raubzüge auf römisches Gebiet überliefert, so zum Beispiel aus dem Jahr 260 n. Chr., als römische Truppen beim heutigenAugsburg ein zurückkehrendes germanisches Aufgebot stellten und italische Gefangene befreien konnten.
Eisen, vor allem qualitativ hochwertige römische Klingen, stellte einen großen Wert für die Germanen dar. Das Varus-Heer führte mindestens 200 t Eisen mit sich (Rüstungen, Waffen, Werkzeuge, Beschläge etc.). Um diese Menge herzustellen, hätten die Germanen 25.000 bis 50.000 Einweg-Rennöfen zur Verhüttung errichten und drei bis sechs Quadratkilometer Wald zur Holzkohlegewinnung roden müssen.[90]
Der Anteil der Krieger an der germanischen Bevölkerung wird allgemein auf 20 % angesetzt. Bei unmittelbarer Bedrohung des Stammesgebietes werden überdies alle Waffenfähigen das Heer verstärkt haben.[91] Die Forschung geht davon aus, dass die germanischen Kriegeraufgebote dem römischen Heer zahlenmäßig unterlegen waren. Die in antiken Berichten oft vermeldeten enormen Kriegerzahlen von „Barbarenheeren“ haben meisttopischen Charakter. Bereits Hans Delbrück sprach sich vehement gegen zu hohe Ansetzungen aus und veranschlagte die Kriegerzahl pro Stamm mit durchschnittlich 5.000 Mann.[92] Diese Zahlen waren womöglich zu tief angesetzt, wie die moderne Siedlungsforschung zeigt. Große Siedlungskammern in offenen Landschaften sorgten insgesamt für eine „erstaunlich hohe Bevölkerungsdichte“.[93] Dennoch dürften die Römer in der Lage gewesen sein, bei den Schlachten eine zahlenmäßige Überlegenheit ins Feld zu führen, zumal bei keinem Treffen der Augusteischen Germanenkriege die Kontingente aller gegnerischen Stämme versammelt gewesen sein dürften. Selbst bei Idistaviso müssen zumindest die unmittelbar zuvor gemaßregelten Angrivarier, überdies vielleicht auch Teile der wiederholt durch Frühjahrsfeldzüge niedergehaltenen Chatten in Abzug gebracht werden.
| Stamm | Kriegerzahl[94] | Drusus-Feldzüge | immensum bellum | Varusschlacht | Germanicus-Feldzüge |
|---|---|---|---|---|---|
| Ampsivarier | 3.000–4.000 | Gegner (unsicher) | Verbündete (unsicher)[95] | ||
| Angrivarier | 4.500–5.000 | Gegner (unsicher)[96] | Gegner | ||
| Bataver | 4.000 | Gegner (unsicher)[97] | nicht beteiligt | Verbündete | |
| Brukterer | 6.000 | Gegner | Gegner | Gegner | Gegner |
| Cananefaten | 4.000 | Gegner (unsicher)[98] | nicht beteiligt | ||
| Chamaven | 8.000 | Gegner (unsicher)[98] | |||
| Chasuarier | 3.000 | ||||
| Chatten | 8.000–25.000 | Gegner | Gegner (unsicher)[99] | Gegner | |
| Chattuarier | Gegner | Gegner[100] | |||
| Chauken | 6.000 | Gegner | Gegner | nicht beteiligt | Verbündete |
| Cherusker | 4.000–16.000 | Gegner | Gegner | Gegner | Gegner |
| Dulgubnier | 8.000 | ||||
| Friesen | 18.000 | Verbündete | nicht beteiligt | Verbündete | |
| Hermunduren | 11.000–72.000 | Gegner | nicht beteiligt | nicht beteiligt | |
| Kaulker | Gegner[100] | ||||
| Lander[101] | Gegner[100] | ||||
| Langobarden | 5.000–11.000 | Gegner | nicht beteiligt | nicht beteiligt | |
| Markomannen | 25.000 | Gegner | nicht beteiligt | nicht beteiligt | |
| Marser[101] | 2.500–9.000 | Gegner (unsicher)[97] | Gegner | Gegner | |
| Mattiaker | 9.000 | ||||
| Quaden | 21.000 | Gegner | nicht beteiligt | nicht beteiligt | |
| Semnonen | 12.000–18.000 | Gegner (unsicher)[102] | Gegner | nicht beteiligt | nicht beteiligt |
| Sugambrer (bis 8 v. Chr.)[103] | Gegner | ||||
| Sugambrer (ab 8 v. Chr.)[101] | Gegner (unsicher)[104] | Gegner[100] | |||
| Tenkterer | 3.000–5.000 | Gegner | Gegner (unsicher)[97] | Gegner | |
| Tubanten | 2.000 | Gegner (unsicher)[97] | Gegner | ||
| Usipeter | 2.000–4.000 | Gegner | Gegner (unsicher)[97] | Gegner |
Nach der Abberufung des Germanicus und der Einstellung der Offensiven wurden die rechtsrheinischen Standorte mit Ausnahme einiger Plätze an der Nordseeküste und vor Mainz aufgelassen. Die Truppenmassierungen in Xanten und Mainz wurden reduziert, das einheitliche Oberkommando über die Rheinarmee endete. Zur Sicherung des rechtsrheinischen Vorfeldes wurde ein Ödlandstreifen geschaffen. Kooperative Stämme wie dieMattiaker (vor Mainz) wurden durch Bevorzugungen an das Imperium gebunden.[105]

Von den ursprünglichen Kriegszielen konnte nur die Sicherung Galliens als erreicht gelten. Der Versuch, die rechtsrheinische Stammeswelt militärisch zu kontrollieren, war gescheitert, erst recht die Schaffung einer Provinz bis zur Elbe oder darüber hinaus. Nach der Varuskatastrophe waren Racheziele hinzugetreten. Diese wurden in Rom nach den ausgedehnten Verwüstungszügen des Germanicus und der Heimholung zweier Varusadler als erreicht gefeiert (Triumph des Germanicus 17 n. Chr.).
Die römischen Verluste waren vor allem während der Germanicus-Feldzüge erheblich: Die Römer verloren 14 bis 16 n. Chr. fast ebenso viele Soldaten wie in den Kriegsjahren zuvor einschließlich der Varus-Katastrophe.[106] Peter Kehne setzt die Germanicus-Verluste auf 20–25.000 Mann an. Insgesamt dürften 40.000 Gefallene auf Seiten der Römer für die Augusteischen Germanenkriege eine absolute Untergrenze darstellen. Die germanischen Verluste sind nicht abschätzbar.
Der Krieg endete gegen den Widerstand des Germanicus auf energische Weisung des Tiberius hin. Der Imperator hatte erkannt, dass der Vernichtungskrieg seines Adoptivsohnes „angesichts von G[ermanicus’] beinahe schon besessenem Draufgängertum ständig die Gefahr einer zweiten Varuskatastrophe in sich barg“.[107] Die landschaftlichen und klimatischen Bedingungen in Germanien trieben den militärischen Aufwand und das Risiko für die Römer in die Höhe, erlaubten es der Bevölkerung immer wieder, sich dem Zugriff der Legionen zu entziehen, und erschwerten es, mit Vernichtungs- und Verwüstungszügen durchschlagende Wirkung zu erzielen. Hinzu kam die Größe und Hartnäckigkeit der von Arminius geschaffenen Koalition, deren Widerstand mit der Angriffsintensität der Römer anzuwachsen schien.[107]
Tiberius schwebte eine andere Strategie gegenüber den Germanen vor: Er überließ sie ihren notorischen Adels- und Stammeskonflikten(internis discordiis)[108] und nutzte Geld, diplomatische Mittel und alte Kontakte (zum Beispiel zu demAmpsivarierfürsten und Arminius-Gegenspieler Boiocalus), um Einfluss auf die Stammeswelt zu nehmen. Der Erfolg stellte sich rasch ein. Größere Machtblöcke innerhalb Germaniens hatten sich nach wenigen Jahren aufgelöst. Das Marbodreich zerfiel, als Marbod 18 n. Chr. ins römische Exil flüchtete. Arminius wurde 21 n. Chr. von den eigenen Verwandten ermordet, die die Aufrichtung einer Königsherrschaft im Stamm fürchteten.[109] Ein weiteres Argument des Tiberius dürfte das Primat der Donaugrenze gewesen sein. Ein starkes militärisches Engagement an der Donau erschien notwendiger als die Unterwerfung germanischer Stämme bis zur Elbe.[110] Die relative wirtschaftliche Unergiebigkeit Germaniens mag ebenfalls zur Entscheidung für den Abbruch des Krieges beigetragen haben.[111]
Tiberius nahm die Neuausrichtung der Germanienpolitik nicht im Verborgenen vor, wie die Forschung lange Zeit annahm. Bereits den Zeitgenossen war die Absage des Tiberius an weitere Eroberungsaktivitäten erkennbar.[112] Kommuniziert wurde die neue Linie zum Beispiel anlässlich der Totengedenken für Germanicus im Jahr 19 n. Chr. Auf der Tabula Siarensis sind die Kriegsziele nachträglich auf den Schutz Galliens und die Rache für die Varusniederlage reduziert. Tiberius nutzte die Gelegenheit, um die weitreichenden Kriegsziele des Augustus und des Germanicus nach deren Tod im Sinne seiner eigenen Vorstellungen umzudeuten.
Dennoch erhoffte sich die römische Öffentlichkeit noch jahrzehntelang die Eroberung Germaniens und registrierte sensibel alle Begebenheiten nördlich der Alpen.[113] Nachfolgende Kaiser nutzten die öffentliche Erwartungshaltung zu eigenen Zwecken. Der Germanicus-SohnCaligula (Kaiser von 37 bis 41 n. Chr.) führte 39 n. Chr. einen Germanenfeldzug an, der jedoch nicht ernsthaft betrieben wurde (das eigentliche Ziel war die Niederschlagung einer Rebellion des Kommandeurs in Obergermanien). Auch Claudius (41 bis 54 n. Chr. im Amt), der Bruder des Germanicus, nutzte zunächst das Prestige seines prominenten Verwandten, musste allerdings rasch zurückrudern, um nicht zu hohe Erwartungen im Hinblick auf Germanien zu wecken. Er verbot schließlich Offensiven nach Germanien, ließ feste Steinlager am Rhein errichten und verlegte den strategischen Schwerpunkt aufBritannien.Domitian (Kaiser von 81 bis 96 n. Chr.) griff die Chatten an, führte einen Triumphzug für die angeblich erfolgreiche Eroberung Germaniens durch und nahm den NamenGermanicus an. Schließlich jedoch trieb er den Bau desLimes voran und verlegte Truppen an die wichtigere Donaugrenze. „Tam diu Germania vincitur“ („so lange schon siegen wir über Germanien“)[114] spottet Tacitus in seiner Germania über die Kaiser, die Eroberungen und Siege vorgaukelten.
Die Beschäftigung mit dem römischen Erbe ist bereits für das Mittelalter belegt, beschränkte sich jedoch meist auf Mystifizierungen und „ausgeprägtes Fabulieren“.[115] Eine Ausnahme bildeten die UntersuchungenOttos von Freising Mitte des 12. Jahrhunderts. Mächtigen Auftrieb erhielt die Beschäftigung mit der römisch-germanischen Vergangenheit durch die Entdeckung der SchriftGermania des Tacitus im Jahr 1455 und der Annalen 1507. Das Zeitalter derRenaissance in Deutschland erhielt eine germanische Note. Die Geschichte der Deutschen schien der römischen gleichrangig oder sogar überlegen – Kronzeuge war mit Tacitus ausgerechnet ein Römer. Die Gelehrten versuchten, die in den Annalen beschriebenen Stätten zu identifizieren und erhielten dabei Impulse von derTabula Peutingeriana, der mittelalterlichen Kopie einer römischen Weltkarte.[116] Die Begeisterung für die Lokalisierung der Varusniederlage und anderer Schlachten blieb durch die Jahrhunderte ungebrochen. Lokalpatriotische Verortungsversuche dauern bis heute an und haben eine Fülle von Literatur hervorgebracht, zum Teil pseudowissenschaftlicher Natur.[117]
Einen besonderen Schwerpunkt bildet dieArminius-Rezeption. Die Eindeutschung „Arminius“ zu „Herrmann“ (Heer-Mann,dux belli) durch Luther erwies sich als wirkungsmächtig. Politische Instrumentalisierungen des Freiheitshelden folgten. Während des Ringens gegen das napoleonische Frankreich erhielt die Arminius-Begeisterung eine nationale Einfärbung. Nach 1871 konnten sich auch Wissenschaftler und Intellektuelle einer Mystifizierung des Themas nicht entziehen.[118]

Das Jahr 1945 markiert einen Bruch in der Germanenforschung, der zu einem „schmerzhaften Lösungsprozess von tiefverwurzelten Vorstellungen“[119] führen sollte. Eine Zäsur bedeutete das Erscheinen vonDieter TimpesArminius-Studien im Jahr 1970.[120] Timpe setzte den altverwurzelten Vorstellungen einer germanischen Volkserhebung die Meuterei germanischer Auxiliar-Einheiten unter der Führung eines römischen Ritters entgegen. Teils heftige Reaktionen waren die Folge. Auch wenn die Reduzierung des Varusaufstands auf eine Militärrevolte tatsächlich wohl zu kurz greift – Stammesbeschlüsse zur Unterstützung des Aufstandes lagen sicherlich vor[121] – leiteten die Arminius-Studien eine „neue Phase der sachbezogenen Beschäftigung“ ein.[119] Die sorgfältige Quelleninterpretation Timpes und das argumentative Niveau bildeten eine Grundlage weiterer wissenschaftlicher Beschäftigung.
Das Interesse an der römisch-germanischen Geschichte und insbesondere an den Augusteischen Germanenkriegen hat die breite Öffentlichkeit erfasst. Historische Romane legten den Fokus seit den 1960er Jahren auch auf die Akteure unterhalb der Ebene der Hauptpersonen.[122]Limeswanderwege, Museen oder Freilichtanlagen haben die römisch-germanische Vergangenheit einem breiten Publikum erschlossen. Eine Flut von Dokumentarfilmen, in denen spielfilmhafte Szenen mit Expertenaussagen wechseln, tragen ihr Übriges bei. Heute gehört die Arminius-Zeit zu den populärsten althistorischen Themen in Deutschland.[123]
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