

AlsAntijudaismus (vonaltgriechischἀντίanti „gegen“ und ἸουδαῖοιIudaioi „Juden“) wird dieJudenfeindschaft aus religiösen Motiven bezeichnet. Meist umfasst der Begriff die Gesamtheit antijüdischer Theorien und Verhaltensweisen imChristentum. Bei einer weiteren Definition umfasst er auch vorchristliche, örtlich und zeitlich begrenzteantike Judenfeindschaft und Judenfeindlichkeit imIslam.
Antijudaismus durchzog dieKirchengeschichte seit ihren Anfängen. Nach Trennung des Christentums vom Judentum (70–100) begleitete er den Aufstieg zurStaatsreligion des Römischen Reiches (313–380), dieChristianisierung Europas, den universalen Herrschaftsanspruch desPapsttums und die Religionspolitik vieler christlicher Landesherren. Da JudenJesus von Nazaret nicht als denMessias undSohn Gottes anerkennen, stellten sie das kirchliche „Wahrheitsmonopol“ schon durch ihr Dasein in Frage. Sie wurden daher seit dem 4. Jahrhundert im christlichen Europa rechtlich, sozial und ökonomisch benachteiligt, ausgegrenzt und (besonders imHochmittelalter und in derfrühen Neuzeit) oft verfolgt, vertrieben und vielfach ermordet. Dies rechtfertigten Christen wiederum als „Strafe“ oder „Fluch Gottes“ für die angebliche „Verstockung“ oder „Gotteslästerung“ der Juden.[1]
Der Antijudaismus derAlten Kirche untermauerte großenteils überkommene judenfeindlicheStereotype, die in Ägypten verbreitet waren, mit einerIdeologie, die aus derBibel hergeleitet, in gesamtkirchliche Lehren integriert, offiziell geschürt, europaweit verbreitet und so zu einem kulturellen Dauerzustand in derGeschichte Europas wurde.[2] Er gilt deshalb als historische Voraussetzung desneuzeitlichen Antisemitismus. Das Verhältnis beider Formen zueinander und damit die Definition vonAntisemitismus werden in derAntisemitismusforschung diskutiert.
DasNeue Testament (NT) repräsentiert die wichtigsten Schriften des sogenanntenUrchristentums, die etwa zwischen 40 und 130 entstanden. Die Autoren des ersten Jahrhunderts waren jedoch alle Juden und verstanden sich als Angehörige des Judentums. Die messiasgläubige Jerusalemer Gemeinde war "keine christliche Urgemeinde."[3] Die NT-Texte setzen die bleibendeErwählung desVolkes Israel zum „Volk Gottes“ (Gen 12,3 EU) voraus und sehen den Juden Jesus aus Nazaret als Bestätigung dafür.[4] Zugleich behaften sie die damaligen religiösen Führer der Juden und die ausführenden Römer mit der Schuld an seinerKreuzigung.Jesus Christus habe sein Leben zur Versöhnung Gottes mit seinem Volk und mit allen Menschen gegeben.[5]
Paulus von Tarsus, der Begründer der Völkermission, sah Jesu stellvertretende Schuldübernahme als Erfüllung des Bundes Gottes mit dem erwählten Volk Israel. Dieser Bund sei nie gekündigt worden und der unaufgebbare Existenzgrund der Kirche. Er warnte judenfeindliche Christen inRom, diese Wurzel zu leugnen und so ihr eigenes Heil zu verlieren (Röm 9–11 EU). SeinRömerbrief (verfasst um 56) gilt daher als ältestes Zeugnis gegen christlichen Antijudaismus.[6]
Die NT-Schriften widersprechen also einer pauschalen Ablehnung des Judentums, enthalten gleichwohl aber innerjüdische Polemik der sogenannten Urchristen[7] gegen andere damalige Juden.[8] Später verwendetenHeidenchristen immer wieder einige dieser antijüdischen Aussagen ohne ihren Eigenkontext, um damit die Entrechtung, Unterdrückung und Verfolgung aller Juden zu rechtfertigen: etwa mitMt 27,25 EU (dem „Blutfluch“ der Jerusalemer Juden),Joh 8,44 EU (Jesus sagt über aktuelle Gegner, sie hätten den „Teufel als Vater“) oder1 Thess 2,14-16 EU (Paulus bezeichnet jüdische Gegner seiner Völkermission als „Mörder Jesu“ und „Feinde aller Menschen“). Ob der spätere gesamtkirchliche Antijudaismus im NT selbst angelegt war und zwangsläufig daraus hervorging, ist in der Forschung stark umstritten.[9]
Die Christen missionierten anfangs vor allem unter Juden und „gottesfürchtigen“ Nichtjuden, die dieTora wie sie selbst als gültigen Willen Gottes achteten. Die Theologen derAlten Kirche entwickelten ihre Lehren unter ständiger Berufung auf die Bibel und versuchten, Jesu Messianität daraus zu beweisen. Dazu deuteten sie deren Texte oft gegen den Wortlaut als Hinweise auf Jesus Christus. Folglich grenzten Juden und Christen ihre Bibelauslegung gegeneinander ab; beide Seiten polemisierten heftig gegeneinander. Entgegen manchen NT-Versen, die das nahelegen, beteiligten sich Juden jedoch nicht an denChristenverfolgungen im Römischen Reich.[10]
Die Zerstörung desJerusalemer Tempels durch die Römer (70) beschleunigte den Trennungsprozess: Um 100 schlossen diePharisäer als nunmehr führende jüdische Gruppe unter anderen die Christen alshäretische Sekte aus dem Judentum aus und kanonisierten denTanach. Ihre griechischeBibelübersetzung (Septuaginta) überließen sie den Christen, die sie später ihrerseits alsAltes Testament kanonisierten. Mit dem Verlust der religiösen Teilautonomie und des Siedlungsrechts der Juden in Israel (130) war die Trennung vom Christentum vollendet. Dieses bestand nun mehrheitlich aus Nichtjuden. Für die Mission unter Nichtjuden übernahmen die Kirchentheologen nun auch die überlieferten ägyptisch-römischen Klischees über Juden und untermauerten sie mit ihrer Bibelauslegung.[11]
Als frühe Dokumente des kirchlichen Antijudaismus gelten derBarnabasbrief (um 130), derBrief an Diognet (nach 120) und derDialog mit dem Juden Tryphon (155–160). Sie enthalten erstmals jene Thesen, die später offizielle Kirchenlehren wurden:
Infolge der Ersatz- oderSubstitutionstheologie wurde den „von Gott verworfenen“ Juden auch ein Wohlergehen auf der Erde und ein Platz in der vom Christentum dominierten Gesellschaft abgesprochen und verwehrt. Ihre vermeintliche himmlische Ausgrenzung sollte auch eine irdische Entsprechung haben.
Ausgangspunkt der antijudaistischen Lehren war der in einigen NT-Stellen angelegte Pauschalvorwurf, „die Juden“ hätten Jesus als ihren Messias abgelehnt und seinen Tod böswillig herbeigeführt. Diese Schuld sei unaufhebbar und wirke als „Fluch“ in allen Generationen der Juden fort. Dieser Vorwurf einer angeblichen jüdischenKollektivschuld wurde bis 160 zurGottesmord-Theorie gesteigert (OsterpredigtMelito von Sardes). Daraus wurde ein angeblich krimineller Charakter der Juden und ihre angebliche Mordlust an Christen gefolgert. Bis 300 übernahmen die meistenKirchenväter diese Theorie und verbreiteten sie, etwa in Lasterkatalogen und Predigten zu hohen kirchlichen Feiertagen.Johannes Chrysostomos etwa predigte wenige Jahre nach demnizänischen Konzil (325):
„Wieder schicken sich die armen Juden, die unglücklichsten aller Menschen, an zu fasten, und wieder ist es nötig, die Herde Christi zu sichern [Rede 1,4]. -Jene wissen nicht einmal im Traum etwas davon, sie, die für den Bauch leben, nach dem Gegenwärtigen gieren, nicht besser als Schweine und Böcke, was ihre Haltlosigkeit anbetrifft und ihre grenzenlose Völlerei [Rede 1,4]. -Hör doch die Propheten, besser noch, hör Gott, wie er sie kategorisch von sich weist:Ich hasse eure Feste, ich verabscheue sie (Am 5,21a) [Rede 1,7]. -Deswegen hasse auch ich die Juden, weil sie im Besitz des Gesetzes gegen das Gesetz freveln und so die Schwächeren zu verführen suchen [Rede 6,6].“[13]
Solche „harten Worte“ richtete Johannes Chrysostomus jedoch auch an Nichtjuden oder Christen; sie waren eine damals übliche Rhetorik.[14]
Die jüdische Geschichte, besonders Tempel- und Landverlust, Zerstreuung, Verfolgung undDiaspora, wurde als Strafe Gottes für die Kreuzigung Jesu gedeutet. Aus diesem „Geschichtsbeweis“ wurde gefolgert, das Judentum sei zum Untergang verdammt und die übrigen Juden könnten nur durch die christlicheTaufe gerettet werden.[15]
Viele frühchristliche Schriften zu verschiedenen Themen enthielten auch judenfeindliche Inhalte. Ab etwa 175 verfassten christliche Autoritäten gesonderte Schriften mit dem TitelAdversus Judaeos („Gegen die Juden“). Erhalten sind Texte dieser Art vonTertullian,Hippolyt von Rom,Cyprian von Karthago (Testimonia) und anderen. Sie spiegeln nur zum Teil reale Konflikte mit Juden und dienten nicht derJudenmission, die damals weithin als zwecklos aufgegeben worden war, sondern der innerchristlichen Identitätsfindung. Sie sollten Christen angreifen, die jüdische Traditionen wahrten, Christen für kommende Dispute mit Juden wappnen oder Nichtchristen vor befürchteten jüdischen Einflüssen warnen. Sie wurden zu einer von Zeitumständen weitgehend unabhängigen Literaturgattung, die die antijudaistische Lesart des Alten Testaments für Jahrhunderte festlegte.[16]
Eusebius von Caesarea, der erste Kirchenhistoriker, führte die Fluchtheorie zu einer Geschichtstheologie aus, indem er behauptete, alle negativen Figuren der Bibel seien Juden, alle positiven dagegen „Hebräer“ gewesen. Letztere hätten den wahren Glauben gegen die Juden bewahrt und den Christen überliefert, die ihre von Beginn an erwählten Nachfahren seien. So sprach er den Juden alle biblischen Zusagen und Bundesschlüsse Gottes ab, kennzeichnete sie durchgehend als Feinde Gottes und stellte sie den Christen als eigene ethnische Gruppe gegenüber.[17]
DieKonstantinische Wende (313) beendete die staatlichenChristenverfolgungen im Römischen Reich. Die Kirche hatte bis dahin bereits das monarchischeEpiskopat (Bischofsamt), eine in fünfPatriarchate undParochien gegliederte zentralistische Verwaltungsstruktur und die Idee desPapsttums entwickelt. KaiserKonstantin I. privilegierte das Christentum rechtlich, etwa mit Einführung der allgemeinenSonntagsfeier (321), gegenüber dem bisherigen römischen Staatskult, demHeidentum und dem Judentum. 315 verbot er den Übertritt zum Judentum mit Androhung derTodesstrafe und verbot schließlich Juden die Mission, Kauf undBeschneidung christlicher Sklaven. Gleichwohl behielt das Judentum seinen Status als erlaubte Religion(religio licita).[18]
KaiserJulian (361–363) ergriff letztmals staatliche Maßnahmen gegen die Kirche. Sie fanden den Beifall vieler Juden, der die Judenfeindlichkeit der Christen verstärkte. AlsTheodosius I. das Christentum 380 zur Staatsreligion des Römischen Reiches erhob, war das Fundament für den mittelalterlichen Antijudaismus gelegt. Das Christentum verbreitete sich bis 400 im ganzen römischen Reich. Jüdische Gemeinden gab es überall, seit 321 nachweisbar auch auf später deutschem Boden inKöln. Juden galten der Kirche wie „Heiden“ als „Ungläubige“, aber noch nicht als „Ketzer“. Sie durften nicht mehr missionieren, sondern wurden abgesondert und waren ständig gefährdet.
Seit 380 kam es zu vereinzelten Stürmen auf heidnischeTempel und jüdische Synagogen. Diese gingen meist von Bischöfen, Priestern und Mönchen aus, wurden von den kaiserlichen Beamten aber in der Regel geduldet, vom Volk getragen und ausgeführt. 388 verbrannte eine vom dortigen Bischof aufgehetzte Gruppe Christen die Synagoge vonCallinicum in Kleinasien. Dies reagierte eventuell auf Christenverfolgungen imSassanidenreich, an der teils auch Juden beteiligt waren. BischofAmbrosius von Mailand verhinderte den Wiederaufbau der Synagoge, indem er Theodosius dieSakramente verweigerte. Es sei nicht recht, das Geld von Christen für den Bau von Tempeln für Ungläubige zu verwenden und die Juden derart zu „begünstigen“. Darauf zog der Kaiser sein Vorhaben zurück. 410 zog eine Mönchstruppe unterBarsauma von Samosata durch Palästina, zerstörte dort Synagogen und richtete ein Blutbad unter Jerusalems Juden an. BischofKyrill von Alexandria hetzte – wie 300 Jahre vor ihm die hellenisierten Ägypter – zur Zerstörung der Synode vonAlexandria, Vertreibung der Juden und Plünderung ihres Besitzes. 418 aufMenorca brannte ein Mob die Synagoge nieder und zwang alle dortigen Juden zur Taufe. Erneut war ein Bischof,Severus von Menorca, führend beteiligt.
Unter dem Druck der Kirche entzogen diespätantiken Kaiser den Juden immer mehr frühere Rechte.Theodosius II. verbot den Bau neuer Synagogen und setzte 415 den letzten jüdischen Patriarchen,Gamaliel VI., wegen Verstoßes dagegen ab. Das beendete 429 das jüdische Patriarchat in Palästina. Der Kaiser legalisierte 438 die Umwandlung alter Synagogen in Kirchen. Die kirchlichenKonzile vom 4. bis 7. Jahrhundert erließen zahlreiche Edikte, die den Kontakt mit Juden und deren Einfluss unterbanden. Jeder Bürger konnte Juden durch Anzeige gerichtlich verfolgen lassen. Mission, Erwerb und Besitz christlicher Sklaven und Bekleidung öffentlicher Ämter wurden ihnen wiederholt verboten, Mischehen wurden diskriminiert, das Vermögen musste vorrangig getauften Kindern vererbt werden. So sollte das Judentum im Zustand der unterworfenen, gottfeindlichen, schwindenden Minderheit bleiben. Die entsprechende Kaisererlasse von 315 bis 429 wurden imCodex Theodosianus, danach imCodex Iustinianus gesammelt und wurden so zum Vorbild mittelalterlicher Judenpolitik.
Augustinus von Hippo (354–430) rechtfertigte diese Maßnahmen mit seinemTractatus adversus Judaeos. Auf den jüdischen Vorwurf, die Kirche beanspruche zwar das Alte Testament, missachte aber die darin enthaltenen Gebote, antwortete er: „Wir beachten also die Sakramente nicht, die dort vorgeschrieben sind, weil wir verstehen, was dort vorhergesagt ist[von Christus], und weil wir besitzen, was dort versprochen ist. […] Wie nämlich sollten sie dies sehen, über die vorhergesagt ist: ‚Ihre Augen mögen verdunkelt werden, damit sie nicht sehen‘, und wie sollten sie aufrecht sein und ihr Herz erheben, über die vorhergesagt ist: ‚Und ihr Rücken sei stets gebeugt‘ (Ps 69, 24).“[19] Hier taucht die Blindheit der Synagoge auf, die als Gegenbild zur triumphierenden Ecclesia zum feststehenden Motiv des Mittelalters wurde.
Über den jüdischen Erwählungsglauben sagte Augustin: „Ihr gehört also zu jenem Volk, das der Gott der Götter berufen hat von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Seid ihr nicht aus Ägypten ins Land Kanaan geführt worden? Aber ihr seid […] von dort zerstreut, nach Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Gehört ihr nicht eher zu den Feinden dessen, der im Psalm spricht: ‚Mein Gott hat mir an meinen Feinden bewiesen: Töte sie nicht, damit sie nicht dein Gesetz vergessen; zerstreue sie in deiner Macht‘ (Ps 59,11f)?“[19] Hier sollte die Tatsache der Zerstreuung der Juden also den Verlust ihrer göttlichen Erwählung und Lebensverheißung beweisen. In dieser Rolle hielt die Kirche das Judentum fortan als Demonstrationsobjekt ihrer Überlegenheit fest.
Dass das Judentum dennoch weiter existierte, erklärte Augustinus inDe Civitate Dei (420) so: „Die Juden sind Zeugen ihrer Bosheit und unserer Wahrheit.“ Erst bei derParusie Jesu Christi würden sie sich bekehren; bis dahin seien sie für Gottes Heilsplan notwendig. Sie dienten unfreiwillig dessen Durchsetzung, indem sie mit ihrer Bibel die Weissagungen auf Christus verbreiteten und so der christlichen Völkermission den Weg ebneten. Darum müssten christliche Herrscher sie schützen.[20] Diese Haltung bestimmte den Umgang mit jüdischen Minderheiten unter christlicher Herrschaft: Die Juden wurden in untergeordneter Stellung gehalten, um an ihnen die Überlegenheit des Christentums demonstrieren zu können.[21]
Die irrtümlich Augustin zugeschriebeneDisputationAltercatio Ecclesiae et Synagogae (um 450) lässt die allegorische Figur der Kirche zur Synagoge sagen: „Du kannst Dich nicht ändern, immer verneinst Du und streitest in Falschheit darüber, was falsch ist. Gewiss habe ich zuvor gesagt, dass Du regiert hast, als das Volk Israel ein großes Reich besaß. […] Schau auf die Feldzeichen der Legionen, und Du findest den Namen des Erlösers: Siehe, die Bekenner Christi sind die Herrscher, und erkenne, dass Du von der Regierung ausgeschlossen bist, und gestehe, dass Du uns – gemäß dem Versprechen des Testaments – dienst; Du zahlst mir Tribut, hast keinen Zugang zur Regierung, kannst keine Präfektur innehaben; ein Jude kann nicht Comes sein, der Eintritt in den Senat ist Dir untersagt; Du wirst nicht in den Militärdienst aufgenommen, zur Tafel der Reichen bist Du nicht zugelassen, Du hast den Ritterstand verloren, alles ist Dir verboten. Selbst zum Essen, womit Du Dein Leben fristen kannst, erhältst Du nicht das Nötige. […] Lies, was derRebekka gesagt wurde, als sie die Zwillinge gebar: ‚Zwei Stämme sind in meinem Schoß und zwei Völker werden sich scheiden aus Deinem Leibe, und ein Volk wird dem Anderen überlegen sein, und der Ältere wird dem Jüngeren dienen‘ (Gen 25,23).“[22]
So eignete sich die Kirche die Israel zugesagten biblischen Verheißungen an, um ihre Macht zu legitimieren. Diese triumphale Selbstbestätigung und Erniedrigung des Judentums wurde dann in den mittelalterlichen Schauspielen jedes Jahr aufs Neue dem Volk vorgeführt. Erst als dasWeströmische Reich 476 endgültig zusammenbrach, wurde die Entrechtung der Juden vorübergehend von einer nationalen und religiösen Pluralität abgelöst.
InOstrom schränkten die Judengesetze des KaisersJustinian I. 534 die Rechte der jüdischen Minderheit noch mehr ein. Doch Justinian erließ auch verschiedene Schutzvorschriften für Juden wie die Gewährleistung der Sabbatruhe und der jüdischen Feiertage sowie Bestimmungen hinsichtlich innerjüdischer Zivilprozesse. Seit derpersischen Invasion zu Beginn des 7. Jahrhunderts ordnete KaiserHerakleios jedoch teilsZwangstaufen an. Dieses Vorgehen war wohl mit dem Verhalten der Juden begründet, die die einfallendenSassaniden teils aktiv unterstützt hatten. Dabei war es auch zu Gräueltaten an Christen gekommen. In der neueren Forschung wird allerdings darauf hingewiesen, dass die konkrete Umsetzung im gesamten Reich sehr fraglich ist und der Hintergrund der Maßnahme wohleschatologischer Natur war; man hoffte so, den Staat in einer Zeit religiöser Unruhe zu stabilisieren. Letztlich scheiterte die kaiserliche Strategie wohl auch deswegen, weil das Zusammenleben der verschiedenen religiösen Gruppen stärker von pragmatischen Bedürfnissen geprägt war und so die konkrete Umsetzung vor Ort oft ausblieb.[23]
In späterer Zeit wanderten auch zahlreiche Juden in das Byzantinische Reich ein; vor allem in der Zeit derPalaiologen kam es dort zu einem lebhaften Aufschwung der jüdischen Gemeinden.
VieleGoten wurden während derVölkerwanderung Christen und wandten sich im 4. Jahrhundert demArianismus zu, auch nachdem die Konzile vonNicäa (325) undKonstantinopel (381) diesen alsHäresie verurteilt hatten. Der OstgotenkönigTheoderich der Große führte den Arianismus 493 inItalien für seine Heere und Beamten ein, zwang ihn aber Römern und Katholiken nicht auf.
Diese relativeToleranz kam auch dem Judentum zugute. DieWestgoten ließen der katholischen Mehrheit und jüdischen Minderheit derIberischen Halbinsel ihren Glauben. Aber schon 305 hatte dieSynode von Elvira erste antijüdische Gesetze erlassen: Christinnen wurde es verboten, Juden zu heiraten, wenn diese nicht vorher konvertierten. Juden wurde verboten, Christen Gastfreundschaft zu gewähren, christliche Konkubinen zu haben und die Felder von Christen zu segnen.
587 trat KönigRekkared I. zum Katholizismus über. Dies stieß bei Arianern und Juden auf Widerstand. Daraufhin verordnete 589 einKonzil von Toledo, damals Hauptstadt des Westgotenreichs, Kinder aus Beziehungen von Juden und Christen zwangszutaufen. Ab 613 bis 620 verordnete KönigSisebut weitere Zwangstaufen, nun auch von Erwachsenen. Die Kirchenkonzile bestätigten die darauf folgenden Sondergesetze gegen die zwangsbekehrten Juden: Die Archive desKlerus, nicht des Staates, verwalteten die abverlangten „Treueschwüre“ der Neugetauften. Ihnen wurde das Reisen und Ansiedeln stark erschwert, indem sie sich in jedem Ort neu die Weiterreise erlauben lassen mussten. Ein Spitzelsystem überwachte jeden ihrer Schritte, so dass ihre Lage schlimmer war als die der nichtgetauften Juden zuvor.
Trotzdem beeinflussten die getauften „Neuchristen“, die in den Dokumenten der Kirche stets weiter „Juden“ genannt wurden, die „Altchristen“ mehr als umgekehrt. Daraufhin verfassteIsidor von Sevilla zwei polemische Schriften für die christliche Unterweisung der Zwangsbekehrten. Sie argumentieren mit Stellen aus demBuch der Psalmen, die auf die Menschwerdung Christi verweisen sollten. Kurz darauf verfasste auchIldefons von Toledo einen TraktatDe Virginitate beatae Mariae, der dieJungfrauengeburt Jesu gegen von Juden eingebrachte Zweifel daran verteidigte.
Aufgrund brutaler ÜbergriffeEgicas auf die verbliebenen Gemeinden nahmen einige der „bekehrten“ Juden Kontakte zu jüdischen Gemeinden in Nordafrika auf, um Fluchtmöglichkeiten zu erkunden. Dies stellte der König 694 zur Eröffnung des Konzils in Toledo als versuchte staatsfeindliche Verschwörung mitMuslimen dar, die seit 672 begonnen hatten, südspanische Küstenstädte zu überfallen. Er drängte darauf, alle spanischen Juden, ob Greis, Frau oder Kind, ohne individuelle Prüfung der Vorwürfe unbefristet zu verurteilen:
Er nahm nur die gallische Provinz Septimanien aus, wo sie als Steuerzahler unentbehrlich waren. Dieser Versuch, das Judentum als Religion völlig auszulöschen, wurde erneut mit ihrer „Verstockung“, „Gotteslästerung“ und dem „Vergießen von Christi Blut“ begründet. Erst die islamischen Eroberer setzten diesem Vorgehen 713 ein Ende.
In derKarolingerzeit waren Juden relativ geschützt und geachtet. Doch die christliche Ständegesellschaft schloss sie seit dem späten 10. Jahrhundert von allen „ehrenwerten“ Berufen aus und verhinderte ihre soziale Integration durch rechtliche Schranken. Ihre stets bedrohte Randexistenz prägte die mittelalterliche Gesellschaft.
ImFrühmittelalter war der größte Teil Westeuropas katholisch christianisiert. In dieser Zeit kam es kaum zu Übergriffen auf Juden. Doch die Tradition der Kirchenväter, Schriftenadversus Judaeos (gegen die Juden) zu verfassen, wurde von den christlichen Theologen fortgesetzt. Sie verbreiteten die Ansicht, die Juden hielten sich für auserwählt und seien zudem die Mörder Christi. So impften sie den neuen Gläubigen das tiefe Misstrauen gegen sie ein.
ImFrankenreich fanden Juden eine sichere Zuflucht.Karl der Große (747–814) gewährte ihnen kirchlichen Schutz und räumte ihnen als Händlern besondere Privilegien ein. Daraufhin wurden einige Juden sehr reich. Im Volk entstand der Eindruck, es ginge allen Juden besser als ihnen. Manche konvertierten deshalb zum Judentum.Ludwig der Fromme (778–840) stellte die Juden dann erneut unter seinen Schutz. Doch bald mussten sie sich diesen erkaufen, beispielsweise durch eine Sondersteuer oder so genannte Judenbriefe.
Im 9. Jahrhundert entwickelte sich allmählich dasfeudalistischeLehnswesen (wenngleich die zeitliche Entwicklung des Lehnswesen in der neueren Forschung wieder umstritten ist). Grundbesitz war in Europas mittelalterlichen Agrarstaaten die wichtigste Voraussetzung für politische Teilhabe. Nichtchristen durften unter denKarolingern keine Lehnsmänner werden. Juden wurde es untersagt,Grundbesitz zu erwerben, so dass sie sich in Städten niederlassen mussten. Sie blieben ohne politischen Einfluss und konnten nicht zumAdel aufsteigen, weder von Geburt noch durch Verdienste wie das spätereRittertum.
Ab dem 10. Jahrhundert organisierten sich dieHandwerker der Städte inZünften, die zugleich christliche Bruderschaften waren. Sie verweigerten Juden die Mitgliedschaft und verdrängten sie so aus den meisten Berufen. Die Juden mussten sich auf von Christengeächtete Berufe wie Trödelhandel, Pfandleihe oder Kreditvergabe spezialisieren. Dabei war ihnen maßvolleZinsnahme erlaubt. Da aber die wenigsten Kleingewerbe ohne Geldkredite auskamen, wurden Juden, besonders in ökonomischen Krisen, als „Wucherer“ betrachtet und beschimpft. Daraus entwickelte sich dasStereotyp des „Geldjuden“, der angeblich reich, habgierig und betrügerisch war. Dies hatte mit der ökonomischen Wirklichkeit der mittelalterlichen Juden indes wenig zu tun, da die allermeisten von ihnen arm waren. Das Stereotyp entspringt also nicht dem tatsächlichen Handeln der Juden, sondern den Vorstellungen, die sich Christen davon machten.[24]
Die Geschichte des Aufstiegs und der Christianisierung derKiewer Rus ist eng mit der Zerschlagung desChasarenreichs verbunden, einesKhaghanats zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer. Dieses Reich hatte zwischen dem 8. und 9. Jahrhundert die jüdische Religion als Staatsreligion eingeführt.
956 oder 957 zerstörteSwjatoslaw I. die ReichshauptstadtItil an derWolga und besiegelte damit den Untergang des Chasarenreichs. In der Tauflegende um GroßfürstWladimir I. von Kiew spielen die Chasaren noch einmal eine Rolle: Nach derNestorchronik habe Wladimir Vertreter der vier großen Religionen empfangen, um selbst zu entscheiden, welcher Religion sich die Rus anschließen sollten. Das Judentum vertreten in dieser Legende Gesandte der Chasaren. Die Juden werden in der Legende als das zerstreute Volk dargestellt, das den Zorn Gottes auf sich gezogen habe und deshalb aus seiner Heimat vertrieben wurde, was ihre Religion aus der Sicht des Kiewer Fürsten gänzlich unattraktiv erscheinen lässt.
VonKonstantinopel, dessen Religion sie annahmen, übernahmen die Kiewer Großfürsten auch den byzantinischen Antijudaismus.
Ob nach der Zerschlagung des Chasarenreichs größere Gemeinschaften von Chasaren im Kiewer Herrschaftsgebiet existierten, ist in der historischen Forschung umstritten.
Unter GroßfürstWladimir Monomach kam es um 1113 zu einem ersten Pogrom an Juden inKiew. Geduldet blieben nur die kleinen, relativ wohlhabenden Gemeinden derKaräer.
Mit Beginn des 11. Jahrhunderts wurden Juden immer öfter nicht nur als Feinde des wahren Glaubens, sondern auch als innenpolitische Verbündete äußerer Feinde desHeiligen Römischen Reiches dargestellt. Das bedrohte ihre bisherige relative Duldung schwer.
1007 eroberte KalifHakimJerusalem, zerstörte dort dieGrabeskirche und viele weitere Kirchen im „Heiligen Land“. Obwohl er ebenso gegen Synagogen vorging, hieß es inFrankreich: Dieses „ungeheure Verbrechen“ sei durch die „Bosheit der Juden“ bewirkt worden (Rodulfus Glaber). So wurden diese nun landesweit aus Städten und Dörfern verbannt, in Flüssen ertränkt oder enthauptet. Viele töteten sich selbst, die übrigen ließen sich taufen. PapstJohannes XVIII. sandte vergeblich einen Legaten, um die Verfolgung zu beenden. Der Bevölkerung galt diese dennoch als von „Gott“ befohlenes Werk. Dies war ein deutliches Signal für die spätere Kreuzzugspropaganda.
Nach dem 1.Investiturstreit (1075–1085) hatte der neuePapstUrban II. an Macht gewonnen. Er sah sich nun als dem König- und Kaisertum übergeordnet und zurWeltherrschaft berufen. Als die türkischenSeldschuken Kleinasien eroberten undByzanz bedrängten, nutzte er sein Amt am 27. November 1095 erstmals zu einem politischen Aufruf an alle Europäer.
DerErste Kreuzzug sollteJerusalem von den „Heiden“ – denislamischen Herrschern – befreien. DasBauernheer von 1096 wie auch das Ritterheer von 1097 sahen sich legitimiert, gegen alle Nichtkatholiken, vor allem gegen Juden – nachGuibert von Nogent die „übelsten Feinde Gottes“ –, vorzugehen und damit im eigenen Land zu beginnen. So berichtet der jüdische ChronistSalomo bar Simeon über den HerzogGottfried von Bouillon:
„Er tat den bösen Schwur, nicht anders seinen Weg zu ziehen, als indem er das Blut seines Erlösers an dem Blute Israels rächen und von jedem, der den Namen Jude trägt, weder Rest noch Flüchtling übrig lassen werde…“
Daraufhin baten die Juden Deutschlands KaiserHeinrich IV. um Hilfe. Dieser wies Bouillon an, sie ungeschoren zu lassen, erlegte ihnen dafür aber eine hohe Geldzahlung an ihn auf. AuchPeter von Amiens erpresste von ihnen Geld und Wegzehrung für sein Heer. Das Gefolge vonEmicho von Leiningen ließ sich dadurch nicht von Raub, Plünderung und Massenmord abhalten, da dies für einfache Bauern weit mehr Aussicht auf Reichtum bot. Verschuldete Adlige ergriffen die Gelegenheit, ihre verhassten Gläubiger und jüdischen Geldverleiher zu beseitigen.
So zerstörten die Kreuzfahrer planmäßig viele der bislang blühenden jüdischen Gemeinden entlang der Reiseroute. Man ermordete die seit Generationen dort Ansässigen ohne Rücksicht auf Alter oder Geschlecht und hetzte die Fliehenden solange, bis auch sie getötet waren. Verschont wurden nur Juden, die sich rechtzeitig taufen ließen. Betroffen waren 1096 in Ostfrankreich u. a.Metz undRouen, imRheinlandSpeyer (3. Mai),Worms (5.–18. Mai),Mainz (27. Mai),Trier,Köln (1.–29. Juni),Neuss undWevelinghoven (24.–25. Juni),Altenahr (25.–26. Juni),Xanten (27. Juni),Moers (29. Juni),Prag inBöhmen. Erst inUngarn trafen die Kreuzfahrer auf Widerstand und wurden an der Grenze von einem katholischen Heer vernichtend geschlagen. Die übrigen Heere erreichten zuletzt das „Heilige Land“, wo sie inJerusalem eins der grausamstenMassaker jenes Jahres anrichteten. Sie gingen in die jüdischen Annalen alsGezerot Tatnu ein. Noch heute wird in der jüdischenLiturgie der Opfer gedacht.
Einige Kirchenführer versuchten das Morden aufzuhalten. Der Kölner Erzbischof verteilte Kölns Juden auf umliegende Dörfer und Städte, wo sie noch drei Wochen überlebten, bis man sie aufgespürt hatte. Dabei halfen oft ortsansässige Denunzianten. Nur eine Gruppe inKerpen entging dem Tod. In vielen Fällen beging die versammelte Judengemeinde kollektiven Selbstmord, sobald ihr Versteck gefunden war.[25]
Deshalb stellte Heinrich IV. imReichslandfrieden von 1103 die Juden unter seinen Schutz. Doch ein solches Dekret war nur begrenzt wirksam. Es verbot den Schutzbedürftigen das Tragen von Waffen. Menschen ohne Waffenrecht waren jedoch im mittelalterlichen Europa praktisch vogelfrei.
Die folgenden Päpste hielten sich nun zurück: ImDecretum Gratiani von 1140 befassten sich nur wenigeCanones mit den Juden. Als der Mönch Rudolph im Rheinland 1146 im Vorfeld desZweiten Kreuzzugs erneut zu Judenpogromen hetzte, erließ PapstEugen III. dieBulleSicut Judaeis zu ihrem Schutz. Diese verbot Zwangstaufen, Übergriffe ohne Rechtsverfahren und erpresste Dienstleistungen, erlaubte ungestörte jüdische Feste, gebot den Schutz jüdischer Friedhöfe und drohte denen, die diese Regeln verletzten, die Exkommunikation an.
Zugleich verlangte der angesehene TheologePetrus Venerabilis vonCluny vom fränkischen KönigLudwig VII., die Juden leben zu lassen, aber vollständig zu enteignen, um mit ihrem Besitz die Kreuzfahrer zu verpflegen und auszurüsten, denn sie seien weit schlimmere Feinde Gottes als die „Sarazenen“ (Muslime). Dennoch sollten sie „zu einem Leben schlimmer als der Tod bewahrt bleiben“. Dagegen bezogBernhard von Clairvaux öffentlich Stellung, indem erPsalm 59,11f. EU zitierte: „Töte sie nicht, damit meine Völker niemals vergessen.“ Juden seien in der Welt zerstreut als lebendige Zeichen für das Leiden Jesu, um die Völker auf kommende Erlösung hinzuweisen. Dann würden nach Röm 11,25f auch die Juden errettet werden. Dazu müssten sie verschont werden. Sie sollten nur auf Zinsen für ihre Kredite verzichten. Wo man sie töte, könnte es den Kreuzfahrern ähnlich ergehen wie denen in Ungarn. Damit konnte Bernhard ähnlich organisierte Gemetzel wie 1096 verhindern. Das3. Laterankonzil von 1179 lockerte nach dem Zweiten Kreuzzug sogar manche der früheren antijüdischen Gesetze.
InEngland war die Lage der kleinen jüdischen Minderheit seit ihrer Ansiedlung 1066 besser als auf dem europäischen Festland. Sie wurden als belebender Wirtschaftsfaktor begrüßt. Der Prior derWestminster Abbey,Gilbertus Crispinus, gewährte einem jüdischen Gelehrten sogar die Ehre einer offenen religiösen Diskussion. Dabei ging es um die allegorische oder wörtliche Auslegung desAlten Testaments. Der jüdische Vertreter schlug vor, Christen könnten sich auch bei übertragener Deutung an den Wortlaut halten, damit dieTora erfüllt und zum Segen für beiderseitiges Wohlergehen würde. Dies war ein seltenes Beispiel eines toleranten Gedankenaustauschs.
Doch im Vorfeld desDritten Kreuzzugs kam es auch inEngland erstmals zuRitualmord-Vorwürfen (siehe unten) und grausamen Judenpogromen. Als KönigRichard Löwenherz 1189 seine Teilnahme bekannt gab, griffen religiös fanatisierte Massen fast alle jüdischen Gemeinden in England an, um sie zu berauben. Am schwersten traf es die StadtYork, deren Juden – auch die, die zur Taufe bereit waren – völlig ausgerottet wurden.
Philipp II. von Frankreich ließ auf „eigene Nachforschung“ eines angeblichen Ritualmords hin am 16. Februar 1181 sämtlichen Besitz aller Juden von Frankreich beschlagnahmen, um seine prekäre Finanzlage zu bessern. Im Jahr darauf vertrieb er sie aus dem ganzen Land, so dass auch ihr Grundbesitz an den Königshof fiel. Die Synagogen ließ er „reinigen“ und widmete sie dann zu Kirchen um. Mit Schenkungen solcher Gebäude band er den französischenKlerus umso fester an sich. 1198 rief er die vertriebenen Juden jedoch zurück in sein Land. DerZisterzienser-AbtAdam von Perseigne verfasste im selben Jahr eine heftige Kritik an der Habsucht des Priesterstands:
„Weder wagt noch vermag der Teufel sich so sehr gegen Christi Majestät versündigen, noch konnte die Unwissenheit der Juden so sehr gegen ihn fehlen, wie diese unseligen Christen gegen ihn Verbrechen aufhäufen.“
Im 12. Jahrhundert wurden jüdischeKaufleute mehr und mehr aus dem internationalenHandel verdrängt. Die Juden – eineMinderheit in der mittelalterlichenFeudalgesellschaft – wurden durch immer höhereSchutzzölle und Sondersteuern belastet. So erhob beispielsweise in England Johann Ohneland von den jüdischen Gemeinden hohe Steuern, die ihm 1210 66.000 Mark einbrachten. Die Brutalität, mit der diese Steuern eingetrieben wurden, wirkte sich auch auf die Schuldner der jüdischen Geldverleiher aus. Weitere Steuern wurden den Städten aufgelastet, weitere Einnahmequellen waren dieWaldrechte sowie Geldstrafen und Erpressungen bis zur Folter.
In dieser Zeit begann die jüdische Abwanderung nach Osteuropa.

Nach der Erfahrung der Kreuzzüge erhielten die Juden 1236 vonFriedrich II. den Rechtsstatus von kaiserlichenKammerknechten. Dadurch gerieten sie in direkte Abhängigkeit vom Kaiser. Dieser ließ sich ihren Schutz mit einer „Judensteuer“ bezahlen. Dieses „Judenregal“ wurde nach dem Zusammenbruch der kaiserlichen Zentralgewalt imInterregnum von vielen deutschen Territorialfürsten beansprucht. DieGoldene Bulle von 1356 bestätigte denKurfürsten das Recht dazu. Oft war die Schutzsteuer so hoch, dass sie die jüdischen Geldverleiher zwang, hoheZinsen zu verlangen. Das erzeugte neue Vorurteile und verstärkte den Hass auf die „Wucherer“ in der christlichen Bevölkerung, die selber damals demZinsverbot unterlag.
Auch die Päpste sahen sich als Schutzherren der Juden und unterstellten sie ihrer „Sündenknechtschaft“. So verlangte PapstInnozenz III. vom französischen König, er solle die Juden als Strafe für ihre Schuld am Tod Christi unterdrücken, „damit diese nicht wagen, ihren Nacken, der dem Joch ewiger Knechtschaft unterworfen ist, zu erheben…sondern immer die Scham ihrer Schuld betrachten.“
DasIV. Laterankonzil (1215) verpflichtete alle Juden und „Sarazenen“ (Muslime) zu einerKleiderordnung, um „Mischehen“ auszuschließen. Es beschloss außerdem ein Ämterverbot für Juden. Getauften Juden wurde die Beachtung jüdischer Riten vollständig verboten.
Berufsverbote für Juden waren seit 100 Jahren üblich. Auch die Einrichtung vonJudenghettos lässt sich seit Beginn des 11. Jahrhunderts belegen.
Die Beschlüsse des IV. Laterankonzils wurden nicht überall und nicht einheitlich umgesetzt. Erst seit dem 15. Jahrhundert mussten Juden neben demSpitzhut einengelben Ring oder Kreis auf dem Mantel tragen. Besonders seit dem „Judendekret“ desKonzils von Basel (1434) – das u. a. auf der Legationsreise des KardinalsNikolaus von Kues nach dessen Ernennung zum päpstlichen Legaten zwischen 1450 und 1452 propagiert wurde – entstanden in den meisten deutschen Städten jüdische Stadtviertel. Diese alsGhettos oderJudengassen bezeichneten Stadtviertel waren von Mauern umgeben und wurden nachts durch Tore verschlossen. Dadurch wurden die Juden beiPogromen zu einem leicht greifbaren Ziel.

Seit Mitte des 12. Jahrhunderts beschuldigte man die Juden immer öfter einer begrenzten, stets wiederholten Auswahl „satanischer“ Verbrechen:Ritualmord (oft verbunden mit Kindesentführung),Hostienfrevel,Blasphemie,Brunnenvergiftung.
Anonyme Anklagen dieser Art führten oft zu örtlichenPogromen, da sie nicht einzelne, sondern alle Juden betrafen. Wo die Autoritäten eingriffen, kam es zu Schauprozessen und unterFolter erzwungenen „Geständnissen“. Die Feindbilder des christlichen Volksglaubens gleichen dabei frappierend jenen, die im römischen Reich den Christen selber gegenüber laut wurden und die damaligeChristenverfolgung begleiteten. Sie wurden zwar von den Päpsten meist zurückgewiesen, von weltlichen Herrschern aber teilweise für finanzielle und politische Interessen benutzt.
Ritualmordlegenden behaupteten, dass Juden christliche Kinderschlachten, deren Blut in ihr Passahbrot (Matzen) einbacken und damit Unheil auf die Christen herabbeschwören. Ähnlich hatten Römer früher dieAbendmahlsfeier der Christen alskannibalischen Akt denunziert. Der Vorwurf wurde oft während derKarwoche vorOstern erhoben und ignorierte das jüdische Verbot des Blutgenusses ebenso wie den Sinn desPessachfestes: Dieses erinnert an Israels Befreiung aus derSklaverei, die die Ablösung vonMenschenopfern durch Tieropfer begründet.
Ein Ritualmordvorwurf tauchte erstmals 1144 inNorwich, 1168 auch inGloucester auf. 1171 führte eine erfundene Ritualmord-Anklage inBlois (Frankreich) erstmals zu einem förmlichen Prozess gegen 40 Juden. Man bot ihnen an, sie am Leben zu lassen, falls sie sich zu Christus bekehrten. Als sie dies trotz Folter verweigerten, wurden sie verbrannt.
1235 wurde inFulda erstmals im deutschsprachigen Raum ein Gerücht laut, Juden hätten einen Hausbrand und den Tod von fünf Kindern verursacht: Der Mord an 32 örtlichen Juden war von einer Mordanklage gegen alle Juden des Reiches begleitet.Friedrich II. ordnete eine Untersuchung an, die mit Freispruch endete.
Nach dem Folterprozess vonValréas 1247 verbot PapstInnozenz IV. die Blutbeschuldigung und betonte – vergeblich –, dass dieTora Juden den Genuss von Blut verbiete. Auch der spätere ReformpapstMartin V. wies die Legendenbildung durch Hetzprediger in seiner Judenschutzbulle 1422 energisch zurück. Dennoch gab es Ritualmordanklagen und Schauprozesse dazu bis ins 20. Jahrhundert hinein. Die bekanntesten Fälle warenHugo von Lincoln 1255,Werner von Oberwesel 1287 undSimon von Trient 1475. Noch 1840 wurde eine solche Anklage in der „Damaskusaffäre“ vomVatikan gestützt.
Mit dem Ritualmord verband sich auch dasRattenfänger-Motiv der „Kindesentführung“. DerKlerus fürchtete ohnehin ständig einen vermeintlich verderblichen Einfluss jüdischen Andersseins auf die christliche Jugend. Man warf Juden vor, was Christen ihnen oft selber real zufügten: Missionare und Inquisitoren nahmen „Ketzern“ und Juden in Spanien und anderswo ihre Kinder durch Zwangstaufe oder Zwangsadoption weg, um sie ihrem „gottlosen“ Einfluss zu entziehen.
Der Vorwurf desHostienfrevels tauchte vermehrt auf, nachdem das 4. Laterankonzil 1215 dieTranssubstantiationslehre dogmatisiert hatte. Gerüchte über „Bluthostien“ sollten ungläubige Frevler widerlegen; als dies misslang, wurde Juden Hostienraub und Marter des Leibes Christi, also die Fortsetzung desGottesmords an derkonsekriertenHostie, unterstellt. Analog zur heidnischenMagie folterten sie die Hostie angeblich mit Messern und Nägeln. 1290 wurden Pariser Juden deshalb zum Tod verurteilt.
In Deutschland zog der fränkische AdeligeRintfleisch 1298 durch die Lande, um einen angeblichen Hostienfrevel inRöttingen anzuklagen: Dies führte zur Vernichtung von 140 jüdischen Gemeinden inFranken,Bayern undÖsterreich. Auch inDeggendorf wurde eine jüdische Gemeinde deswegen 1338 vollkommen ausgelöscht.
Im Osten desSacrum Romanum Imperium kam es 1492 inSternberg und 1510 inBerlin zu spektakulären Hostienschänderprozessen. ImSternberger Hostienschänderprozesses wurden 27 Juden zum Feuertod verurteilt und starben vor den Toren der Stadt auf demScheiterhaufen. Alle inMecklenburg ansässigen Juden mussten das Land verlassen. Nach demBerliner Hostienschänderprozess starben 39 Juden auf dem Scheiterhaufen, zwei weitere – diese waren durchTaufe zum Christentum übergetreten – wurden enthauptet. Alle übrigen Juden wurden aus derMark Brandenburg ausgewiesen.[26]
Der Vorwurf derGotteslästerung löste im 13. Jahrhundert einen großangelegten Feldzug gegen dierabbinische Literatur aus. Der getaufte JudeNikolaus Donin begann ihn, indem er denTalmud wegen angeblich darin enthaltener „Gotteslästerungen“ 1239 bei PapstGregor IX. anzeigte. Dieser verlangte daraufhin von den Königen Englands, Frankreichs, Kastiliens und Portugals, alle Talmudexemplare einzuziehen und alle Kleriker, die hebräische Bücher behielten, zu exkommunizieren.
Nur KönigLudwig IX. von Frankreich befolgte den Befehl am 3. März 1240, setzte aber eine öffentlicheDisputation an, die erst die Vorwürfe klären sollte. Sie brachte dem Wortführer der jüdischen Seite, RabbiJechiel ben Josef, einen rhetorischen Sieg und hohes Ansehen. Doch das Urteil stand längst fest: Nach einem Aufschub wurden am 29. September 1242 einige 10.000 Talmudexemplare – 24 Wagen voll – inParis öffentlich verbrannt.
PapstInnozenz IV. bekräftigte 1244: Im Talmud würden Gott, Christus und Maria gelästert, seine mündliche Überlieferung verfälsche das biblische Gesetz, das auf Christus hinweise, und erziehe die Juden dazu, sich dem Hören auf die wahre Lehre der Kirche zu verweigern. Als eine jüdische Delegation erklärte, der Talmud sei für Juden unentbehrlich, um die Bibel zu verstehen, ließ er ihn untersuchen. 40 Gutachter derUniversität von Paris, darunterAlbertus Magnus, verurteilten den Talmud erneut.
Dies rechtfertigte fortgesetzte Zensur-, Einzugs- und Verbrennungsaktionen späterer Päpste, französischer Könige und vor allem der dortigenInquisition.Bernard Guis berühmtes „Ketzerhandbuch“ führte neben dem Talmud rabbinische Bibelkommentare auf, die es einzuziehen gelte, darunter Schriften vonMaimonides. Er veranstaltete 1319 inToulouse eine weitereBücherverbrennung.[27]
In Deutschland blieb es bei öffentlicher Verhöhnung des Talmud und Hetzreden. Damals populäre Prediger wieBerthold von Regensburg undKonrad von Würzburg setzten Juden undKetzer gleich. Da sie am Talmud festhielten, seien sie alle zurHölle verdammt.
InSpanien kam es bis 1263 zu Talmudverboten. Danach begnügte sich KönigJakob I. vonAragon damit, dass Juden anstößige Stellen freiwillig strichen. Diese festzustellen überließ er einer Kommission unter dem DominikanerRaimund von Penyafort. Als sich das Verfahren als unwirksam erwies, zog er den Zensurbefehl 1265 zurück.
Ein Gutachter, der MönchRaymundus Martinus, hatte das rabbinische Schrifttum positiver beurteilt. Er fand im Talmud viel Verwandtes zu Lehren Jesu und versuchte, aus Legenden derHaggada Jesu Messianität zu beweisen. Nur aus ihrem eigenen Schrifttum heraus könne der christliche Prediger die Juden überzeugen. Sein um 1280 entstandenes HauptwerkPugio fidei adversus Mauros et Iudaeos beeinflusste auchMartin Luther.
DerGegenpapstBenedikt XIII. jedoch erließ 1415 mit einer „Judenbulle“ ein Totalverbot der Talmudbenutzung und -verbreitung. Ausgenommen waren nur päpstlich beauftragteJudenmissionare.
Dieser Vorwurf derBrunnenvergiftung tauchte erstmals im Jahr der großenPestepidemie auf und führte zur Vernichtung zahlreicher Judengemeinden, vor allem – wie schon 1096 – im Rheinland. Die Anklage variiert das antike Motiv des Brunnenverstopfens. Warum sie nur Juden traf, ist kaum rational erklärbar. Es mangelte in mittelalterlichen Städten allgemein an sauberem Wasser; wegen fehlender Abwasserkanäle war dieHygiene der Bevölkerung schlecht.
DieTora verlangte zwar Reinheit im Alltag, so dass die Judenghettos ihre Brunnen tiefer anlegten und eher auf saubere Gassen und Körperhygiene achteten als die übrige Stadtbevölkerung. Doch sauberes Wasser war auch dort knapp. Die Pest betraf Juden ebenso.
Doch die kirchliche Propaganda hatte das Vorurteil des heimtückischen, zu allen Verbrechen fähigen Juden längst tief imAberglauben der mittelalterlichen Bevölkerung verankert und bestärkte es laufend. Die Pogrome des Jahres 1349 waren daher sehr oft eine „Prävention“, bevor die Pest einen Ort erreichte.
Die Ankläger waren oft örtliche Handwerker, Bauern oder Kleingewerbetreibende, die bei Juden hoch verschuldet waren und die Gelegenheit nutzten, ihre Gläubiger loszuwerden. So schrieb der PriesterJakob Twinger von Königshofen über das „Valentinstagmassaker“ inStraßburg:
„…am St. Veltlinstag verbrannte man die Juden auf ihrem Friedhof auf einem Holzgerüst. Man schätzt die Zahl der Getöteten auf 2000. Die sich aber wollten taufen lassen, ließ man am Leben… Was man den Juden schuldig war, wurde bezahlt und alle Pfandbriefe über Schulden wurden ihnen zurückgegeben, das bare Gut aber, das sie hatten, nahm der Rat und verteilte es unter die Handwerker nach der Kopfzahl. Das war auch das Gift, das die Juden tötete.“
Das Pogrom war also eine konzertierte Aktion des Stadtrats mit den christlichen Handwerkern. Auch nach den Jahren der Pest gab es immer wieder derartige Anklagen gegen Juden. PapstMartin V. wies diese ebenso wie den Ritualmord zurück:
„Auch haben wir erfahren, dass man die Juden der Missetat anklagt, sie hätten die Brunnen vergiftet und mischten in ihr Osterbrot Menschenblut. Da dieses aber den Juden mit Unrecht vorgeworfen wird, so verbieten wir allen Christen und vorgenannten geistlichen und weltlichen Predigern, dass sie die Christen gegen die Juden in Bewegung setzen.“
Dies zeigt deutlich, von wem die Pogromhetze damals ausging.
Zu diesen religiösen Anklagen gesellte sich im Lauf des Hochmittelalters das ökonomische Klischee des „Wucherjuden“;Juden war derGeldhandel zugewiesen worden, da Christen dasZins- und Wechselgeschäft – insbesondere in seiner als „Wucher“ bezeichneten Extremform – verboten war. Dieses galt für Christen als ehrlos, betrügerisch und anmaßend, s.Zinsverbot. Andererseits war man aus dem religiös begründeten Überlegenheitsanspruch heraus geneigt, Juden das Recht streitig zu machen, Forderungen an Christen zu stellen. Dieser Hass auf die Gläubiger konnte im Kontext von Wirtschaftskrisen leicht in Pogrome ausarten.
Um 1330 griffen Hungerkatastrophen und Seuchen um sich, die die Gegensätze zwischen Arm und Reich und Stadt und Land verschärften. Immer mehr verarmte Bauern musstenKredite bei städtischen Juden aufnehmen. Unzufriedene verschuldete Bauern rotteten sich nun als „Judenschläger“ zusammen, um an Ghettojuden wahllos Rache zu üben. So kam es 1336–1338 erneut zu einer Pogromwelle inFranken,Schwaben,Österreich, derSteiermark, demElsass und demRheingau.
Das Wucher-Klischee wurde von italienischen Bettelmönchen, allen voran denFranziskanern, im 15. Jahrhundert mit reichsweiten Hetzpredigten geschürt.Bernhardin von Siena (1380–1444) griff dabei den Wucher auch der Christen an.Bernhardin von Feltre (1439–1494) dagegen galt als „Geißel“ der Juden: Als Friedensstifter von vielen Städten gerufen, stachelte er überall zu Pogromen gegen sie auf. Dabei ignorierte er päpstliche Schutzbriefe und beschwerte sich in Rom darüber, dass diese die „Anmaßung“ der Juden gegenüber Christen begünstigten. Daraufhin wurden die PäpsteEugen IV. undNikolaus V. schwankend und griffen zum Teil aufCanones des 4. Laterankonzils zurück.
Weder Mönche noch Päpste verstanden die ökonomischen Notwendigkeiten des aufkommendenMerkantilismus: Sie berücksichtigten nicht, dass ohne Zinsnahme kein Geldgeschäft und kein Handel möglich war. Gerade die ärmeren Handwerker und die Betreiber der Kleingewerbe in den Städten waren auf die Leihanstalten angewiesen, die, wie oben erläutert, Juden vorbehalten waren. Die wiederum erwirtschafteten ihren Lebensunterhalt weitestgehend aus den Zinsen und mussten obendrein auch ihre Abgaben (Judenregal) daraus bestreiten. Folglich passten sie ihre Zinssätze zwangsläufig nach oben an, wenn die christlichen Herrscher höhere Abgaben von ihnen verlangten.
ÖffentlichePassionsspiele boten viel Raum für Verunglimpfung von Juden. Sie wurden häufig als derSatan dargestellt oder als derAntichrist „entlarvt“. Das Publikum durfte ihre Bestrafung fordern und festlegen, die auf der Bühne sofort vollzogen wurde. Das drang nun auch in die Dramaturgie derFastnachtsspiele ein. So wurden Pogrom und Vertreibung eingeübt und symbolisch vorweggenommen. Auch damaligeKarikaturen zeigen die wachsende Judenfeindlichkeit.
Im 13. und 14. Jahrhundert kam es zu zahlreichen schwerenJudenpogromen und Vertreibungen der Juden. 1221 wurde die jüdische Gemeinde inErfurt ausgelöscht, 1235 folgte die inFulda, 1285 die inMünchen. 1264 wurden englische Juden Opfer eines Pogroms inLondon. In sämtlichen Fällen ging dem Pogrom der Vorwurf eines angeblichen Ritualmords voraus.
1290 vertrieb KönigEduard I. vonEngland alle Juden aus seinem Reich. 1306 tatPhilipp IV. es ihm in Frankreich nach.Ludwig X. erlaubte 1315 die Rückkehr der französischen Juden, ehe sie 1394 unterKarl VI. endgültig vertrieben wurden. Die meisten aus England und Frankreich Vertriebenen flohen zunächst in dasHeilige Römische Reich, in deutsche oder italienische Gebiete. Dort waren sie keineswegs überall vor Verfolgung sicher. Juden wurden in den europäischen Königreichen und Fürstentümern vielfach nur geduldet, solange sie den Herrschern wirtschaftlichen Nutzen brachten.
Im deutschsprachigen Raum kam es während des „Rintfleisch-Pogroms“ (1298) und der „Armledererhebung“ (1336–1338) zu Judenverfolgungen, die die gesamteRegion Franken erfassten und sich auch auf die umliegenden Gegenden ausbreiteten.[28][29]
1348 brach diePest in weiten Teilen Mitteleuropas aus. Sofort kam das Gerücht auf, die Juden hätten „Brunnen vergiftet“ und dadurch dieSeuche ausgelöst. Daraufhin erreichten die Judenverfolgungen einen grausamen Höhepunkt. Angesichts des um sich greifenden Zerfalls der Autoritäten, die hilflos gegenüber dem „Schwarzen Tod“ waren, fand die Bevölkerung in den Juden den geeigneten „Sündenbock“. Die Massenmorde an den Juden wurden aber nicht nur durch religiösen Hass, Aberglauben und politische Unfähigkeit verursacht. Hinzu kamen Interessen verschuldeter Adeliger und Bürger, die eine willkommene Gelegenheit sahen, ihre Gläubiger loszuwerden. Kaiser und Papst versuchten ihre Pflichten als Schutzherren der Juden wahrzunehmen und diese zu schützen.Clemens VI. argumentierte erstmals rational, indem er darauf hinwies, die Pest wüte auch dort, wo keine Juden lebten, und raffe auch sie dahin, wo sie lebten. Er verbot das Hinrichten von Juden ohne Gerichtsverfahren. Das half ihnen jedoch nur inAvignon. KaiserKarl IV. schützte in seinem eigenen Herrschaftsbereich zwar die Juden, die für diesen Schutz im Rahmen des Judenregals Zahlungen leisteten, in einzelnen Fällen profitierte Karl aber auch finanziell von Pogromen.[30] 1349 kam es in vielen Städten noch vor Ausbruch der Pest zu Massakern an Juden, oft angeheizt durch dieFlagellanten. Zeitgenössische Quellen berichten auch von häufigen Selbstmorden ganzer Judengemeinden vor der ihnen angedrohten Massenverbrennung.[31] Ein Jahr darauf lebten nur noch wenige Juden in Mitteleuropa. Nur in Spanien,Österreich undPolen erreichten die Herrscher ein vorzeitiges Ende der Pogrome.
Zwischen 711 und 719 hatten dieMauren den größten Teil der vorher zumWestgotenreich gehörenden Gebiete derIberischen Halbinsel erobert. Die alsReconquista bezeichnete Rückeroberung durch die angrenzendenchristlichen Königreiche begann bereits im 8. Jahrhundert, setzte sich über das gesamteMittelalter fort und endete 1492 mit der Eroberung desEmirats von Granada. Infolge der Reconquista entstanden auf dem Boden der unter maurischer Herrschaftislamisierten Gebiete die christlichen KönigreichePortugal undSpanien.
DasAlhambra-Edikt von 1492 stellte Juden undMuslime vor die Wahl, entweder das Land zu verlassen oder sich taufen zu lassen. Sie mussten theologische Scheindebatten und Schauprozesse – sogenannteAutodafés – über sich ergehen lassen. Waren sie nicht gewillt, zum Christentum zukonvertieren, mussten sie Spanien verlassen oder endeten auf dem Scheiterhaufen. Doch selbst wenn Juden sich taufen ließen, wurden sie von der christlichen Mehrheit nicht als vollgültige Kirchenmitglieder geachtet, sondern alsmarranos (span. Schweine) beschimpft. Die Marranen wurden teils noch bis in die dritte Generation verachtet und angefeindet. Sie reagierten darauf ähnlich wie die verfolgten Muslime (Morisken) mit der Geheimhaltung ihres Glaubens (Taqīya). Das wiederum verstärkte das Misstrauen gegen alle Juden und Muslime. Für eine soziale Diskriminierung sorgte zusätzlich das Ideal derLimpieza de sangre (span. ‚Reinheit des Blutes‘). Viele Ämter blieben „reinblütigen“ Spaniern – ohne jüdische oder maurische Vorfahren – vorbehalten. Damit wurde die Judenfeindschaft erstmals nicht nur religiös begründet, sondern mit der Abstammung gerechtfertigt – einRassismusavant la lettre.
Hinzu kam seit 1481 die spanischeInquisition. Ursprünglich war derDominikanerorden mit der Durchsetzung religiösen Zwanges gegenKetzer undHexen beauftragt worden. Der spanische KönigFerdinand II. und seine GemahlinIsabella I. setzten die Inquisition aber auch ein, um jüdische und muslimische Konvertiten aufzuspüren, die heimlich ihre angestammte Religion weiter ausübten. Diese Hetzjagd erreichte unter Führung vonTomás de Torquemada, dem ersten spanischenGroßinquisitor, ihren Höhepunkt.
Die aus England (1290), Frankreich (1314), Spanien (1492) und Portugal (1497) vertriebenen Juden wanderten notgedrungen in andere Gebiete Europas und gründeten in vielen Reichsstädten neue Gemeinden. Daraufhin verstärkte sich dort oft der Judenhass. Im deutschsprachigen Raum waren die Juden rechtlich kaum geschützt und seitens der Bevölkerung häufigen lokalen Pogromen ausgesetzt. Zudem verbreiteten führende Theologen den Antijudaismus mit zahlreichen polemischen Schriften.[32] Der 1487 verfasste, bis 1609 massenhaft verbreitete „Hexenhammer“ zum Beispiel rechtfertigte im Gefolge derInquisition nicht nur die Verfolgung angeblicher „Hexen“, sondern auch die von Juden.[33]
Zwischen 1390 und 1520 wurden die Juden aus fast allenReichsstädten, einigen Bischofstädten und vielenlandesherrlichen Territorien und Städten desHeiligen Römischen Reiches vertrieben.[34][35]
| Jahr | Stadt | Gebiet | Anlass |
|---|---|---|---|
| 1391 1401 | - | Pfalz | |
| 1401 | - | Thüringen | |
| 1418 | - | Erzstift Trier | |
| 1420 | Wien | - | |
| 1421 | - | Österreich | |
| 1424 | Köln | - | |
| 1432 | - | Sachsen | |
| 1438 | Augsburg | - | |
| 1442 | München | - | |
| 1446 | - | Mark Brandenburg[36] | |
| 1450 | Landshut | - | |
| 1450 | Ingolstadt | - | |
| 1453 | Würzburg | - | |
| 1453 | Breslau | - | |
| 1470 | - | Erzstift Mainz | |
| 1475 | - | Bistum Bamberg | |
| 1478 | Passau | - | |
| 1496 | - | Steiermark,Kärnten,Krain | |
| 1492 | - | Mecklenburg,Pommern | Sternberger Hostienschänderprozess |
| 1493 | - | Erzstift Magdeburg | |
| 1494 | Naumburg,Reutlingen | - | |
| 1496 | - | Kärnten,Krain,Grafschaft Schwarzburg,Steiermark | |
| 1498 | - | Erzstift Salzburg,Württemberg | |
| 1499 | Nürnberg,Ulm | - | |
| 1500 | - | Böhmen undMähren | |
| 1507 | Nördlingen | - | |
| 1510 | - | Mark Brandenburg | Berliner Hostienschänderprozess |
| 1515 | Ansbach,Bayreuth | - | |
| 1517 | Merseburg | - | |
| 1519 | Regensburg | - |
Unter KaiserMaximilian I. wurde es üblich, dass Reichsstädte sich die Erlaubnis zur Judenvertreibung vom Kaiser erkauften, um der Zahlung eines höheren Strafgeldes und anderweitigen Schwierigkeiten zu entgehen. So verfuhren zum Beispiel Nürnberg, Ulm, Donauwörth, Oberrehnheim, Schwäbisch Gmünd, Colmar, Reutlingen und Nördlingen. In den Reichsstädten entschieden also Stadträte und Kaiser gemeinsam über eine Judenvertreibung. In den landesherrlichen Städten und Territorien dagegen lag diese Entscheidung beim Landesherrn des jeweiligen Hoheitsgebiets. Anlass für die Vertreibungen aus Mecklenburg, Pommern und Brandenburg waren vorausgehendeJudenpogrome.[37] Zwischen 1490 und 1515 wurden die ansässigen Juden auch aus vielen landesherrlichen Territorien und Städten im Osten und Südosten des Heiligen Römischen Reiches ausgewiesen.[35]
Viele der Ausgewiesenen zogen in die ReichsstadtFrankfurt am Main. DerenStadtrat erlaubte aber nur den finanzkräftigsten Vertriebenen die Niederlassung.[38] 1515 lehnte der Rat es ab, ihr Aufenthaltsrecht zu verlängern. Ab Frühjahr 1515 verhandelte er mit demFürstbischof der angrenzendenKurmainzAlbrecht II. „der Juden halben, wie die zu vertrieben syen“. Beide Seiten waren an der Vertreibung der Juden aus dem gesamtenRhein-Main-Gebiet interessiert. Die Ratsherren wollten möglichst vermeiden, die Erlaubnis des Kaisers teuer erkaufen zu müssen, und außerdem eine spätere Rückkehr der Vertriebenen nach Frankfurt ausschließen. Dazu mussten sich auch die Landesherren der vielen kleinen und zersplitterten Territorien im Umland verpflichten, die Juden zu vertreiben und deren Aufnahme künftig zu verweigern. Andernfalls hätten die benachbarten Landesherren die vertriebenen Juden sofort aufgenommen und anstelle des Stadtrats dieJudensteuern eingenommen. Auch hinsichtlich der Geschäftstätigkeit der Juden im Territorium wäre die Vertreibung ohne Effekt geblieben und deren Anwesenheit hätte sich kaum vermindert. Die angestrebte Vereinbarung zwischen Stadtrat und benachbarten Landesherren verfehlte jedoch die notwendige Mehrheit der bei den Verhandlungen vertretenenStände. Außerdem hatten sich die Frankfurter Juden sofort an den Kaiser gewandt, der seine Rechte bedroht sah und die Vertreibung ablehnte. Albrecht II. selbst scheiterte 1515 und 1516 bei dem Versuch, die in seiner BischofsstadtMainz ansässigen Juden zu vertreiben. So behielten die Juden im Raum des späteren Landes Hessen großenteils auch später ihre Wohnsitze.[39]
Seit der von Italien ausgehendenRenaissance versuchten manche gebildete christlicheHumanisten gegenseitigeToleranz zwischen Juden, Christen und Muslimen zu fördern, indem sie die Gemeinsamkeiten der drei Religionen herausstellten, zum BeispielNikolaus von Kues (De pace fidei 1453). Sie wollten damit der weitgehend erfolglosenJudenmission zum Durchbruch verhelfen. Der humanistisch gebildete TheologeJohannes Reuchlin hatte diehebräische Sprache gelernt, um die jüdischeKabbala zu studieren. Er übernahm die Ansicht des italienischen HumanistenGiovanni Pico della Mirandola, die spekulativ-mystische Deutung des Gottesnamens sei für Christen ein Weg, ihres Glaubens gewiss zu werden (De arte cabalistica, um 1507).[40]
Die Kölner Dominikaner um den InquisitorJakob van Hoogstraten bekämpften humanistische Versuche, jüdische Schriften zur Auslegung des Alten Testaments heranzuziehen, alsHäresie. Dabei half ihnen der jüdischeKonvertitJohannes Pfefferkorn, der sich 1504 christlich taufen ließ und erfolglos Judenmission betrieb. Er verfasste dann eine Serie judenfeindlicher Schriften wie denJudenspiegel (1508), dieJudenbeichte (1508) und dasOsternbuch (1508). In seiner SchriftJudenfeind (1509) beschrieb er die Juden als „gefährlicher als der Teufel“ und „Bluthunde“. Sie „trachteten den Christen nach dem Leben“. Jeder Christ sei daher verpflichtet, sie „wie räudige Hunde zu verjagen“. Vor allem ihre Bücher, in denen Gott, Jesus und Maria gelästert würden, seien an ihrer Verstocktheit und an aller Zwietracht unter den Christen Schuld. Erst wenn man sie ihnen gewaltsam wegnehme und verbrenne, könne man sie bekehren und Frieden unter Christen erreichen:[41]
„All die Gewalt, die den Juden geschieht, ist aus der Meinung, dass sie dadurch zu dem heiligen christlichen Glauben bewegt werden möchten … zu ihrer besten Besserung und nicht unseres Nutzens wegen.“
Als Haupthindernis für die Judenmission sah Pfefferkorn den Talmud, während er die Kabbala durchaus als Offenbarungszeugnis anerkannte. 1509 erlaubte ihm KaiserMaximilian I., religiöse Schriften der Judengemeinden des Reichs einzuziehen. Diejüdische Gemeinde Frankfurt am Main protestierte beim Mainzer ErzbischofUriel von Gemmingen und erreichte, dass dieser im kaiserlichen Auftrag eine theologische Prüfungskommission einsetzte. 1510 befahl der Kaiser Pfefferkorn, die bereits beschlagnahmten Bücher den Judengemeinden vorläufig zurückzugeben.[42]
Reuchlin, der wie Hoogstraten in die Kommission berufen worden war, urteilte als einziger der Gutachter im Oktober 1510 positiv über den Talmud und andere jüdische Schriften und trat gegen Pfefferkorns beabsichtigteBücherverbrennung ein. Dabei billigte er den Juden die Rechte römischer Reichsbürger zu: Obwohl sie wegen ihres Gottesmords zu Recht zu Sklaven erklärt worden seien, blieben sie wie die Christen Untertanen des Kaisers und damit Teil dercivilitas communis. Spanische Judenmissionare hätten den Talmud erfolgreich benutzt, um Juden zu Christus zu führen. Dieser selbst habe mit seinen Gegnern diskutiert. Auch Polemik gegen Christen könne man Juden nicht verdenken, da sie nur für ihren Glauben einträten.
1511 gab er sein Gutachten als Buch heraus(Augenspiegel) und löste damit einen literarischen Streit aus. Pfefferkorn schrieb, Reuchlin habe die Kirche geschädigt und sich von Juden bestechen lassen. Der Kölner Theologe Arnold von Tungern schrieb, Reuchlin habe die Juden begünstigt und ihre Bosheit zu vertuschen versucht. Dieser nannte Pfefferkorn einen ungebildeten „Taufjuden“ und erwiderte 1513:[43]
„Ich begünstige Juden so, dass sie kein Unrecht tun, aber auch kein Unrecht leiden. Die Pflichten einfacher menschlicher Vereinigung, gesellschaftlichen Verkehrs verlangen, dass man selbst Verbrecher nicht für rechtlos erkläre und so behandele. Ungerechtigkeit ist Rohheit, die alle Menschlichkeit verleugnet und den, der ihr nachstrebt, zum wilden Tier macht.“
Nach mehreren negativen Universitätsgutachten über ReuchlinsAugenspiegel leitete Hoogstraten 1513 einen Inquisitionsprozess gegen ihn ein. Reuchlin rief PapstLeo X. an, der die Entscheidung den Bischöfen von Speyer und Worms übertrug. Diese sprachen ihn 1514 frei. Danach veröffentlichten Reuchlins Anhänger, darunter der papstfeindliche RitterUlrich von Hutten, die anonymenDunkelmännerbriefe für ihn. Sie verhöhnten die an den Universitäten herrschendeScholastik und forderten die Freiheit der Wissenschaft. Hoogstraten appellierte seinerseits an den Papst und erreichte schließlich, dass dieser Reuchlins Augenspiegel am 23. Juni 1520 als häretisch verbot. Zu diesem Umschwung hatten die Dunkelmännerbriefe und der Beginn derReformation 1520 entscheidend beigetragen.
Reuchlin trennte als einer der ersten führenden christlichen Theologen sein theologisches Urteil über das Judentum vom rechtlichen Umgang mit Juden. Viele Reichsgerichte und territoriale Hofgerichte übernahmen seine Auffassung, so dass der Antijudaismus sich in Gerichtsverfahren um politische Rechte von Juden weniger negativ auswirkte.[44] Daher wurde Reuchlin früher oft als Wegbereiter der aufgeklärten Toleranz betrachtet. Neuere Forschungen betonten dagegen, dass er wie die meisten Humanisten weiterhin die antijudaistischen Thesen vom Gottesmord und der „Ehrlosigkeit“ der Juden vertrat und wie Augustinus nur für ihre „Duldung“ eintrat.[45]
Erasmus von Rotterdam, der führende Humanist im deutschsprachigen Raum, trat in seinen Schriften entschieden für „Eintracht“ und „Frieden“ ein, bezog diese Leitideen aber nur auf die Gemeinschaft unter Christen. Für Juden war darin kein Raum.[32] Er kannte wahrscheinlich nur konvertierte Juden. Er glaubte, dass sie ihre angeblich ererbte Feindschaft gegen Christus nie restlos ablegen könnten, und warnte deshalb, sie in die Kirche aufzunehmen. In einem Brief an Reuchlin beurteilte er Pfefferkorn als typischen jüdischen Lügner:[46] Juden hätten Jesus hingemetzelt; mit seinem Feldzug gegen gebildete tugendhafte Männer zeige Pfefferkorn sein wahres jüdisches Gesicht.[47] Er machte „die Juden“ in Privatbriefen für Krieg und Raub in Europa verantwortlich, sah sie als Anstifter derBauernkriege undTäufer-Bewegung und bejahte die Judenvertreibungen aus England, Frankreich und Spanien. Er betrachtete jüdischen Toragehorsam als bloß äußerliche, pedantische Befolgung sinnloser Riten und warf christlichen Mönchsorden „Judaisieren“ vor, um ihre strengen Regeln zu kritisieren. Das Studium des Hebräischen bei Juden sah er als Gefahr für die alleinige christliche Wahrheit.[48] Daher betonen einige Historiker, dass die Humanisten sich kaum vom traditionellen Antijudaismus abhoben, sondern diesen zum Bestandteil der europäischen Bildungskultur machten und der späteren Aufklärungsepoche übermittelten.[49]
Luther kannte nur wenige Juden persönlich, thematisierte aber das Judentum von 1513 bis 1546 oft. Theologisch beurteilte er es seit 1513 wie das Papsttum und den Islam als Gesetzesreligion, die Gottes allein rettende Gnade im gekreuzigten Jesus Christus verleugne. Er lehnte Verbote desTalmud als zwecklos ab, betrachtete die Bibelexegese derRabbiner aber alsGotteslästerung und Gefahr für die reformatorische Lehre. 1521 hielt er fest, dass der gebürtige Jude Jesus Israels Erwählung zum Volk Gottes bestätigt habe und die Abrahamsverheißung (Gen 12,1–3) auch für Christen gültig sei und bleibe. Gleichwohl hielt er die meisten Juden aufgrund biblischer Weissagungen für unbekehrbar („verstockt“).
Besonders beachtet wurden seine „Judenschriften“ (1523–1543). InDass Christus ein geborener Jude sei (1523) verwarf er Ritualmord- und Hostienfrevel-Legenden als „Narrenwerk“ (Aberglauben), machte kirchliche Gewalt gegen Juden für die erfolglose Judenmission verantwortlich, warb dafür, Juden als Menschen zu behandeln und ihnen Arbeiten in Landwirtschaft und Handwerk zu erlauben, um ihre Isolation aufzuheben. Er erwartete, „etliche“ Juden nach erfolgreicher Reformation vom evangelischen Glauben zu überzeugen.
Ab 1526 veränderte sich diese Haltung. Nachdem Luther von einigen Missionserfolgen von Juden gehört hatte, verweigerte er 1537 eine Begegnung mitJosel von Rosheim, dem anerkannten Rechtsanwalt der Juden des Reichs, und begründete dies mit einem angeblichen Missbrauch seiner freundlichen Einladung von 1523. Er unterstellte allen Juden heimliche Mord- und Raubabsichten gegen die Christen. InWider die Sabbather (1538) führte er die Glaubensüberzeugungen der zurTäuferbewegung zählendenSabbater fälschlich auf jüdische Einflüsse zurück und warb dafür, diese christliche Glaubensgemeinschaft ausMähren zu vertreiben. InVon den Juden und ihren Lügen (Januar 1543) stellte er wie frühereAdversos-Judaeos-Autoren einen Lasterkatalog zusammen: Die Juden seien „1400 Jahre unsere Plage, Pestilenz und alles Unglück gewesen“; sie seien „rechte Teufel“, die er am liebsten eigenhändig umbrächte. Private Gewalt gegen Juden lehnte er jedoch ab. Er behauptete, sie beuteten die Christen schamlos aus, hielten sie im eigenen Land gefangen „durch ihren verfluchten Wucher“, verhöhnten sie obendrein und seien „unsere Herren, wir ihre Knechte“. Deshalb forderte er von den evangelischen Fürsten: Sie sollten Synagogen und Judenschulen verbrennen, ihre Häuser zerstören, sie wie „Zigeuner“ in Ställen wohnen lassen, ihnen Gebetbücher und Talmudschriften wegnehmen, ihren Rabbinern das Lehren verbieten, ihr freies Geleit und Wegerecht aufheben, den Wucher (das Geldgeschäft) verbieten, ihnen Bargeld und Schmuck wegnehmen und ihre jungen Männer zu körperlicher Arbeit zwingen. Falls die Fürsten diese Maßnahmen ablehnten, dann sollten sie wenigstens die jüdische Religionsausübung verhindern; andernfalls sollten sie die Juden aus ihren Gebieten vertreiben: „Drum immer hinaus mit ihnen!“[50] InVom Schem Hamphoras (März 1543) verhöhnte er den Talmud und die rabbinische Bibelexegese mit Rückgriff auf die WittenbergerJudensau.

Luther ergänzte seine letzte Predigt am 15. Februar 1546 mit einer kurzenVermahnung wider die Juden, die seine Haltung bündelte: Juden seien zu bekehren oder bei ihrer Taufverweigerung zu vertreiben. Erst solle man ihnen den christlichen Glauben ernsthaft anbieten. Da sie diesen erwartungsgemäß ablehnen und Christus fortgesetzt lästern würden, sollten die evangelischen Fürsten sie aus ihren Gebieten jagen. Diese folgten Luthers Aufforderung aus praktischen Gründen und wegen Einnahmen aus Judensteuern jedoch meist nicht. Kursachsen erneuerte das Durchzugs- und Aufenthaltsverbot für Juden von 1536, Hessen erließ ein Lehrverbot für Rabbiner, und einige evangelische Städte vertrieben ihre Juden bald nach Luthers Tod.
Luther stufte das Judentum durchgehend als Werkreligion ein und setzte voraus, dass Juden das Evangelium der Gnade und Menschwerdung Gottes nur ärgern könne, so dass sie allenfalls einzeln zu Jesus Christus zu bekehren seien.[51] Dies hing mit seiner Lehre von Gesetz und Evangelium zusammen, die dem Judentum nur die Rolle des verworfenen Volkes und Beispiels für Gottes Zorngericht ließ.[52]
Die Lutherforschung versuchte lange, Luthers theologische Urteile über Juden von seinen religionspolitischen Forderungen zu trennen und seine späteren judenfeindlichen Schriften nur psychologisch aus enttäuschter Missionserwartung zu erklären. Seit den 1980er Jahren wird dagegen die Kontinuität des Antijudaismus in Luthers Theologie und sein Beitrag zur Entstehung des Antisemitismus herausgestellt.[53] Die Herkunft einiger seiner Klischees aus Hetzschriften vonAntonius Margaritha und der katholischen Tradition wurde genauer erforscht.[54] Konsens besteht darin, dass Luther nicht rassistisch dachte, aber den Frühantisemitismus anbahnte und das Versagen des Protestantismus in der NS-Zeit mit ermöglichte.[55]
Die Reformation geschah in einer Zeit großer politischer, sozialer und ökonomischer Umbrüche. Der um 1450 erfundeneBuchdruck erlaubte, Schriften in Massenauflage in ganz Europa zu verbreiten. Das Bildungsniveau wuchs. Debatten über theologische Fragen erregten viele Gemüter und blieben keine innerkirchliche Angelegenheit mehr. LuthersBibelübersetzung erlaubte auch Laien die Überprüfung der Quelltexte und ermöglichte einen direkten Dialog mit jüdischen Theologen, wenn dieser auch noch selten geschah. Protestantische Pastoren erweiterten ihre Kenntnis derHebräischen Bibel. Der Humanismus schuf erste Ansätze einer historisch-kritischenBibelexegese. Die Haltung von Luthers Schülern und Zeitgenossen zum Judentum war daher differenzierter als die der katholischen Scholastik. Bei einigen Reformatoren wuchs dessen Ablehnung noch, während sich manche philosophisch geschulten Humanisten eher mäßigend zu Gunsten der Juden äußerten. Der literarische Judenhass war jedoch nicht immer Hauptanliegen der Autoren, sondern Konvention und Mittel, um sich Gehör zu verschaffen.
Im Judentum förderte die Reformation ein selbstbewussteres Eintreten für den eigenen Glauben und dessen spirituelle Erneuerung, aber auch Endzeitstimmungen und Sektenbewegungen. Anfangs wurde Luther als möglicher Befreier von der kirchlichen Verfolgung wahrgenommen, so dass man Kontakt zu ihm suchte. Die wenigen von ihm zugelassenen Kontakte verliefen für beide Seiten enttäuschend. Josel von Rosheim kam zu dem Schluss, dass Luther ein noch schlimmerer Judenfeind als Kaiser Karl V. sei und sein Anliegen, mehr Rechte und Schutz für Juden im deutschsprachigen Raum zu erwirken, bei letzterem besser aufgehoben war.[56]
ImLuthertum wurden Luthers Grundthesen zum Judentum (Bundesverlust, Verstockung, Christenfeindlichkeit, Wertlosigkeit des Rabbinismus) weitgehend geteilt. Andere Reformatoren wieWolfgang Capito undAndreas Osiander widersprachen ihm jedoch sowohl theologisch wie praktisch.Paul Staffelsteiner verfasste 1536Eine kurtze underrichtung. Darin bezeichnete er jüdische Gläubige als „Heuchler und Blender“, ihren Glauben als „ungegrundte erdichtete Ceremonien“. Dieser „aufklärerische“ Ansatz richtete sich nur gegen Juden. VonWolfgang Rus erschien 1536 das judenfeindlicheBuch der Altveter / des Israelitischen Volks / nemlich woher di Synagog, das Volck Gottes / oder die Kirche iren ursprung habe. Er stand in der Tradition der frühchristlichen Geschichtsfälschung.
Antonius Margaritha war als jüdischerKonvertit politischer Berater christlicher Herrscher für antijüdische Maßnahmen. Sein WerkDer gantz judisch Glaub von 1531 zog das Fazit: „In summa kein Jud will keynem Christen wol“. Über die Arbeitsmoral der Juden hieß es wie bei Luther:
„Nach diesem tun die Juden den ganzen Tag nichts. Wenn sie bedürfen einzuheizen, Licht anzuzünden, Kühe zu melken etc., nehmen sie etwa einen einfältigen armen Christen, der ihnen solches tue. Des berühmen sie sich, sie bilden sich ein, sie seien also Herren und die Christen ihre Knechte, sprechen, sie haben noch das wahre Regiment und die Herrschaft, sintemal die Christen ihnen dienten in aller Arbeit und sie müßig liegen.“
Auch das Motiv einer feindlichen Allianz vonTürken und Juden gegen Christen trug er vor:
„Die Juden frohlocken sehr, wenn sich ein Krieg in der Christenheit vor allem durch den Türken erhebt. Dann beten sie weiter gegen alle Obrigkeit der Christen. Sie können nicht leugnen, dass ihr Fluche auf die jetzigen christlichen Königreiche und das Kaisertum gehe.“
Die Reformatoren zitierten Margaritha gern als Experten. Doch 1530 auf demReichstag inAugsburg verlor er eine öffentlicheDisputation gegenJosel von Rosheim, den damaligen Rechtsanwalt („Schtadlan“) der Juden im Kaiserreich. Dieser widerlegte den Verdacht der Illoyalität und unterstützte den Kaiser gegen die evangelischen Reichsstände undKurfürsten, weil er Luthers Ablehnung der Juden erkannt hatte. Margaritha musste die Versammlung verlassen. Trotzdem übernahm Luther 1543 die meisten seiner antijüdischenStereotype und Forderungen.
Martin Bucer schrieb 1539 einen Ratgeber, der Juden wie Nutztiere sah:von den jude / ob un wie die unde den Christe zu halten sind. Er empfahl, sie zu unterdrücken:
„ir Recht ist jnen von dem Barmhertzigen Gott vff erlegt, das sie bey den volkern, bey denen sie wonen, die vndersten und der schwanz sein vnd am aller herttestenn gehalten werden sollen.“
Das entsprach den judenfeindlichen Konzilsedikten von 1215, zeigt also deren Kontinuität. Auch bibelfeste Reformatoren, die sonst der katholischen Tradition den Kampf angesagt hatten, folgten hier dem Zeitgeist.
Philipp Melanchthon und der Schweizer ReformatorHeinrich Bullinger jedoch kritisierten LuthersSchem Hamphoras (1544) öffentlich: Sie sei „von einem Schweinehirten, nicht von einem berühmten Seelenhirten geschrieben.“ Luthers Schmähschriften fanden also auch bei seinen Anhängern nicht immer Anklang. So verteidigte Melanchthon auf demStändetag in Frankfurt am Main 1539 posthum die Unschuld von 38 Juden, die 1510 wegen angeblichen Hostiendiebstahls verbrannt worden waren.
Andreas Osiander schrieb 1529 ein Gutachten zu einem Mordfall, das er 1540 anonym veröffentlichte, bald aber als Autor vonJohannes Eck entdeckt wurde:Ob es wahr und glaublich sey, daß die Juden der Christen kindt heymlich erwürgen und ihr Blut gebrauchen. Darin engagierte er sich differenziert gegen die antijudaistischen Ritualmordlegenden und fasste zusammen:Wer aber will so teuflische Hirngespinste glauben, die gegen Gottes Wort, die Natur und alle Vernunft sind? Diese Haltung blieb jedoch eine Ausnahme. Obwohl Renaissance, Humanismus und ein gewachsenes Bildungsniveau ihnen eine genauere Kenntnis des Judentums ermöglichten, behielten und überlieferten auch evangelische Christen weithin die traditionellen antijudaistischen Vorurteile.
PapstLeo X. hatte zwar 1515 auf dem Laterankonzil eine Vorzensur für alle gedruckten Werke einführen lassen, diese aber gegenüber hebräischen Schriften liberal gehandhabt: So wurde inVenedig 1523 erstmals die babylonischeGemara gedruckt. Der jüdische VerlegerGerson ben Mose Soncino druckte außerdem zahlreiche Talmudausgaben und half aus Spanien geflohenen Juden. Diese Blütezeit ging seitPaul III. 1548 zu Ende.
Unter PapstJulius III. ließ die römische Inquisition imKirchenstaat alle talmudischen Bücher einziehen und am jüdischen Neujahrsfest, dem 9. September 1553, öffentlich verbrennen. WeitereBücherverbrennungen folgten inPesaro unter dem Inquisitor Michele Ghislieri, der spätere PapstPius V., in Venedig undAncona. Alle Bücher sollten vor dem Druck der Zensur vorgelegt werden; tatsächlich ließPaul IV. auf Betreiben des KonvertitenAndreas de Monte 1557 auch alle bereits zensierten hebräischen Bücher einziehen. Er gab 1559 den ersten Index verbotener Bücher heraus, der die Lektüre des Talmud und aller Kommentare dazu verbot.
PapstPius IV. erlaubte imTrienter Index 1564 jedoch wieder den Druck talmudischer Schriften, sofern sie anders genannt wurden und keine Schmähungen des Christentums enthielten.Jakob von Bonaventura hatte dasKonzil von Trient für die italienischen Juden erfolgreich darum gebeten und sich zur Übernahme der Prüfungskosten bereit erklärt. Seitdem hieß der „bereinigte“ Talmud für Juden stetsGemara oderSchischa Sedarim. Sie sorgten teilweise selbst für die Zensur, indem sie Listen der für Christen anstößigen Stellen anlegten, so zum Beispiel der RabbinerAbraham Provenzale ausMantua um 1555.
Hinzu kam die Verschärfung der Sozialpolitik gegenüber den Juden im Kirchenstaat: Papst Paul IV. witterte angesichts der Ausbreitung des Protestantismus überall „Ketzerei“ und sah Juden als deren Drahtzieher. 1555 erließ er die BulleCum nimis absurdum, um die römischen Juden zu demütigen und an ihrer Entfaltung zu hindern. Er verbot christlichen Hausangestellten Dienste und die Anrede „Herr“ für Juden, diesen den Aufenthalt nahe Kirchen, gebot ihnen Latein als einzige Geschäftssprache und zwang sie zur Umsiedlung in den ärmsten Stadtteil am Tiberufer. Am 26. Juli mussten sie alle in das neue Ghetto ziehen.
Papst Pius IV. hob einige dieser Maßnahmen seines Vorgängers wieder auf. Er erlaubte, dass Juden auf Reisen keinenJudenhut tragen mussten, so dass sie besser vor Überfällen geschützt waren. Auch die eingezogenen Bücher gab er ihnen zurück. Doch er regierte nur sechs Jahre; sein NachfolgerPius V. erneuerte 1566 nur drei Monate nach Amtsantritt die BulleCum nimis absurdum und verbot jeden Kontakt zwischen Neuchristen (getauften Juden) und Juden: Sie durften nicht miteinander speisen und das jüdische Ghetto bei Folterandrohung nicht betreten. 1569 wies er alle Juden aus dem Kirchenstaat aus. Er rechtfertigte dies neben den bekannten Gottesmord-Anklagen mit angeblicherWahrsagerei und Zauberei. Wer nach drei Monaten noch anzutreffen wäre, würde seinen ganzen Besitz verlieren. Nur die Juden in Rom und Ancona waren ausgenommen, weil er nahe dem Heiligen Stuhl ihre Bekehrung erhoffte.
Damit war die kurze Phase der toleranten Begegnung von jüdischen und christlichen Humanisten beendet. Doch anders als der Talmud blieben die Kabbala-Schriften von der katholischen Zensur weitgehend unbehelligt und konnten sogar neu gedruckt werden: so derSohar 1558/59.
Der lutherische Antijudaismus blieb aktiv, etwa 1699 mit der PolemikDas schwer zu bekehrende Juden-Hertz / Nebst einigen Vorbereitungs-Mitteln zu der Jüden Bekehrung desCeller Konsistorialpredigers Sigismund Hosmann.[57]
Doch traten seit dem 17. Jahrhundert vermehrt Vertreter einesPhilosemitismus auf, die eine generelle Verurteilung des Judentums ablehnten und auf seine Vorzüge hinwiesen: so beispielsweiseHugo Grotius,Simon Episcopius (1583–1643),Pierre Jurieu (1637–1713),Johann Christoph Wagenseil (1633–1705). Dieser verlangte sogar, die jüdische Literatur für die christliche Exegese der Bibel heranzuziehen. ImPietismus wurde Israel als Gottes ersterwähltes Volk dann weithin anerkannt, jedoch umso mehr versucht, es zu Christus zu bekehren. Die Pietisten erachteten Luthers judenfreundliche Schrift von 1523 als theologisch maßgeblich und verdrängten seine späteren judenfeindlichen Schriften.
DieAufklärung beerbte und säkularisierte den christlichen Antijudaismus. Einige aufgeklärte Philosophen und Theologen des 18. Jahrhunderts, beispielsweiseMontesquieu und auf jüdischer SeiteMoses Mendelssohn haben die rechtliche Gleichstellung der Juden verlangt. Diese Entwicklung ging jedoch mit der Abkehr von den biblischen Traditionen einher. Sie verallgemeinerte die Besonderheit von Juden- und Christentum zu einer humanen Idee, Moral und Religiosität.

Nach der Napoleonischen Zeit wurde im Deutschen Bund über die Judenemanzipation gestritten. Ein bekennender Gegner der rechtlichen Gleichstellung war u. a.Peter Beuth. Die Frage führte schließlich zu denHep-Hep-Krawallen, bei denen sich zwischen August und Oktober1819 zu einer Welle gewaltsamer antijüdischer Ausschreitungen inüber 80 Städten und Ortschaften des Deutschen Bundes und über seine Grenzen hinaus ereigneten, insbesondere auch inDänemark. Sie gelten als der größte überregionale Aufruhr im Deutschen Bund in der Restaurationsphase bis zurRevolution von 1848. InWürzburg, wo die Krawalle am 2. August 1819 ihren Anfang nahmen, inFrankfurt am Main und inHamburg herrschten über mehrere Tage hinwegpogromartige Zustände, die erst durch den Einsatz von Militär beendet werden konnten. Aus weiteren 15 Orten sind schwere Ausschreitungen überliefert, insbesondere ausFranken,Baden, Dänemark undDanzig.[58] Die Mehrheit der Vorfälle waren Menschenaufläufe, die „Hep-Hep“-Rufe skandierten, Steinwürfe gegen jüdische Wohn- und Geschäftshäuser und körperliche Angriffe auf deren jüdische Bewohnerinnen und Bewohner. Bei den Hep-Hep-Krawallen gab es keine jüdischen Todesopfer, allerdings wurden in Würzburg am 3. und 4. August 1819 bei Schießereien ein Angreifer und ein Soldat getötet. Die Hep-Hep-Krawalle hatten in vielen Ländern des Deutschen Bundes einen Rückschritt der Judenemanzipation zur Folge.
Polen, das ab 1138 dem feudalenPartikularismus in Teilherrschaften erlag, wurde unterWładysław I. Ellenlang (reg. 1306–1333, ab 1320 König von Polen) ein geeintesKönigreich. Sein Sohn,Kasimir „der Große“ (reg. 1333–1370, ab 1333 König von Polen), festigte politisch, ökonomisch und militärisch das väterliche Erbe durch grundlegende Reform und Reorganisation des Staatsapparats. 1367 erlaubte er Juden die freie Ansiedlung und gewährte ihnen Gewerbe- und Steuerfreiheit. Dies war damals außergewöhnlich und bewirkte einen Zustrom von jüdischen Einwanderern aus ganz Europa. Sie blieben hier nicht auf das Geldgeschäft beschränkt und stellten bald in ganz Polen einen Hauptanteil an der Schicht desKleinbürgertums. Zudem lebten sie meist in eigenen Stadtbezirken, dem „Schtetl“, und hatten dort ihre eigene Verwaltung, die „Kahale“. So standen sich Juden und Polen wie zwei Volksgruppen gegenüber.
Im 16. Jahrhundert machte die polnischeAristokratie Juden häufig zu ihren Gutsverwaltern und Geschäftsführern. Nach derUnion Polens mit Litauen, 1569, wurden Juden meist Landverpächterukrainischer Bauern und zogen sich als „Ausbeuter“, „Fremde“ und „Ungetaufte“ deren Hass zu. DerKosakenaufstand von 1649 ging mit Massakern der Bauernheere an etwa 10.000 polnischen Juden und Katholiken einher. Beide fochten in derSchlacht bei Berestetschko 1651 Seite an Seite dagegen.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts ging Polen als Staat unter. Das beendete dort die Toleranz gegen andere Religionen und Minderheiten. Es kam zu zahlreichen Ritualmordprozessen undLynchmorden an Juden. Nach einer Beschwerde ihres Vertreters und einer Empfehlung des mit der Untersuchung der Vorwürfe beauftragtenKardinals Ganganelli, des späteren PapstesClemens XIV., verdammte PapstBenedikt XIV. 1758 die „Blutlüge“. Der polnische KönigAugust III. bestätigte dies 1763 und setzte damit den Pogromen vorerst ein Ende.
Im Zuge der rechtlichen Gleichstellung der Juden wurde 1764 die jüdische Selbstverwaltung in Polen abgeschafft. Zudem spaltete sich das polnische Judentum inChassidim („Fromme“) undMitnaggedim (populäreMystiker und orthodoxeTalmudisten). DerHajdamakennaufstand von 1768 brachte erneute Bauernmassaker an Juden.
Der „Vierjährige Reichstag“, der von 1788 an Staats- und Wirtschaftsreformen beschloss, änderte nichts an der Lage der Juden. Das polnischeBürgertum lehnte ihre Gleichstellung ab, wollte sie aber zugleich zurAssimilation zwingen. Selbst progressive Reformer wie PaterStanisław Staszic sahen sie als „Heuschreckenplage“ und „Schmarotzerhaufen“.
Um ihrenPatriotismus zu zeigen, nahmen viele Juden wieBerek Joselewicz 1794 am Aufstand vonTadeusz Kościuszko gegen dieTeilungen Polens teil. Ein jüdisches Regiment fiel am 4. November im Kampf für Polens Freiheit und Einheit gegen die russischen Eroberer.
Napoleon Bonaparte gründete 1807 ein vom Ersten Französischen Kaiserreich politisch abhängigesHerzogtum Warschau. Doch er nahm die imCode Napoléon verankerte Gleichberechtigung der Juden schon 1808 wieder zurück. Dem folgte der HerzogFriedrich August von Sachsen mit einem Dekret, das den Juden die Bürgerrechte für 10 Jahre aberkannte, bis sie sich assimiliert hätten. Juden, die sich im Lebensstil ganz den Christen anpassten, erhielten jedoch zur Antwort:
„Wie können aber die sich zu den mosaischen Gesetzen Bekennenden dieses Land als ihr Vaterland ansehen? Sind sie nicht von dem Wunsche beseelt, in die Heimat ihrer Vorfahren zurückzukehren? Fühlen sie sich nicht als eine Nation für sich? Mit der Änderung der Tracht ist es noch lange nicht getan.“
So wurde das Judentum auf den von Preußen, Österreich und Russland besetzten Gebieten Polens und Litauens weniger als Religionsgemeinschaft denn als eigenes Volk betrachtet und ausgegrenzt. Daran knüpfte der polnischeNationalismus undAntisemitismus in Teilen der Bevölkerung im 19. Jahrhundert fast nahtlos an.
ImKulturprotestantismus des 19. Jahrhunderts wurde es zur Regel, den angeblich überlegenenUniversalismus und Moralismus der „absoluten“ christlichen Religion am unterlegenen, engen, materialistischen, überholten Judentum zu profilieren. Gerade die idealistischen und romantischen Heroen des Geistes erwiesen sich als hilflos und anfällig für den um sich greifenden sozialdarwinistischen und rassistischen Antisemitismus.
Dazu kam eine Politisierung des lutherischen Christentums wie bei dem Berliner HofpredigerAdolf Stoecker. Er berief sich dazu allerdings noch nicht auf Luthers antijüdische Schriften. Erst nicht- oder anti-christliche Antisemiten entdeckten diese ab 1879 wieder und benutzten sie für ihre antisemitischePropaganda.
In derkatholischen Kirche war damals ein „doppelter Antisemitismus“ üblich:[59]In einer Phase desUltramontanismus undAntimodernismus lehnte man in Artikeln und Verlautbarungen zwar denRadau-Antisemitismus und denrassistischen Antisemitismus als mit dem Christentum unvereinbar ab (was nicht ausschloss, dass einzelne Vertreter auch derRassenideologie entlehnte Stereotype in ihrenPolemiken verwendeten). Andererseits erlaubte und gebot man den Gläubigen das Eintreten gegen den vermeintlich schädlichen Einfluss von Juden vor allem im Wirtschafts- und Kulturleben und unterstellte Juden oft einen Hass und entsprechende Agitation gegen das Christentum als solches. Dieser doppelte Antisemitismus umfasste neben altbekannten religiösen auch ältere weltlicheTopoi wie den Vorwurf derWucherei als auch neuere Anschuldigungen wie die einesjüdischen Weltmachtstrebens. LautOlaf Blaschke[60] reichte dieses Denken bis ins 20. Jahrhundert hinein, etwa imBamberger BistumsorganSt.Heinrichsblatt undKlerusblatt. Sie schrieben 1937, nachdem dasNS-Regime dieJuden bereits weitgehend entrechtet hatte: „Daß die katholische Kirche in Deutschland unsere einheimische Rasse Jahrhunderte lang schützte, beweisen unsere katholischenTauf- und Ehebücher, die heute noch als alleinige Zeugen für diearische Abstammung herangezogen werden.“Die Kirche sei „im schroffsten und schärfsten Gegensatz zur Synagoge von Christus gestiftet“ worden.
DieNovemberrevolution 1918 beendete mit derMonarchie die Oberaufsicht des Kaisers über die Kirche (Summepiskopat) und das „Landesherrliche Kirchenregiment“, also das Recht der Landesregierungen, die höchsten Kirchenbeamten einzusetzen. DieWeimarer Verfassung gestattete den evangelischen Kirchen erstmals weitgehendeSelbstverwaltung nach rein kirchlichen Gesichtspunkten. DasSynodalprinzip stärkte die Laien gegenüber Pastoren und Bischöfen.
1922 gründete sich derDeutsche Evangelische Kirchenbund (DEK) als gemeinsames Dach bekenntnisgebundener Landeskirchen. Das Konzept einer „Volkskirche“, deren Gemeinden auf kommunaler Ebene von der Bevölkerung getragen und für ihre Belange offen sein sollten, konnte sich nun entfalten. Diese ungewohnte Unabhängigkeit vom Staat verunsicherte viele evangelische Pastoren, die sich in der Kaiserzeit im deutschnationalen Bürgertum heimisch gefühlt hatten.
Ein großer Teil von ihnen war von Theologen ausgebildet worden, die denErsten Weltkrieg mittrugen. Die Pfarrer waren häufig in antisemitischenStudentenverbindungen wie demVerein Deutscher Studenten organisiert. Seit Stoecker undPaul de Lagarde hatten sich Teile des Luthertums dem rassistischen Antisemitismus geöffnet und diesen als politisches Programm über das Kriegsende hinaus etabliert.
In der Nachkriegsnot (Deutsche Inflation,bürgerkriegsähnliche Konfrontationen) florierten der rückwärts gewandte Nationalismus und Antisemitismus. Juden wieHugo Preuß oderWalther Rathenau, die nach der Novemberrevolution in Führungspositionen aufstiegen waren, wurden zuZielscheiben des Hasses. Neue bürgerliche Parteien wie dieDNVP propagierten dieDolchstoßlegende undlasteten alle Krisenphänomene dem „zersetzenden“ Einfluss des „Weltjudentums“ an.
Eine Flut von Veröffentlichungen stärkte diese Propaganda, darunterOswald SpenglersUntergang des Abendlandes: Der Autor verunglimpfte das Judentum als grenzen- und heimatloses, nur materiellen Zielen verhaftetes, unter die Völker zerstreutes „Fremdvolk“ und behauptete, es würde wie ein Naturgesetz den Niedergang der „Wirtvölker“ und damit Hass und blutige Konflikte erzeugen. Das rechtfertige rassistische „Lösungen“ derJudenfrage.
Viele Protestanten standen der deutsch-völkischen Bewegung nahe, die die tragenden politischen Kräfte der Weimarer Republik,Sozialdemokratie,Liberalismus und katholischeDeutsche Zentrumspartei, erbittert bekämpfte. In ihren Augen bedrohten die „Gottlosen“ im Verbund mit Katholiken und Juden die Verbindung vonVolkstum und evangelischer Religion. Dabei behielt die Mehrheit Vorbehalte gegen den unverblümten Rassismus und wollte das Christentum dem Volkstum überordnen.
Eine Minderheit wandte sich jedoch der nun aufstrebenden „deutschchristlichen Bewegung“ zu, die dasAlte Testament als „jüdische Religionsurkunde“ abwertete und das Christentum „entjuden“ wollte, um es mit „germanischer“ Verehrung von „Blut und Boden“ zu verschmelzen. Von beiden Seiten aus wurden so die Grenzlinien zwischen christlichem Antijudaismus, der den Juden die Tür zur Kirche offenhielt, und rassistischem Antisemitismus, der sie aus dem Volksglauben geistig und politisch „ausmerzen“ wollte, immer mehr verwischt.
Von diesen Strömungen im Kulturprotestantismus des Kaiserreichs und derWeimarer Republik ausgehend, hatte der kirchliche Antijudaismus dem staatlichen Antisemitismus desNationalsozialismus wenig entgegenzusetzen. Nationalsozialisten wieJulius Streicher,Alfred Rosenberg und das Hetzblatt „Der Stürmer“ knüpften dabei ab 1938 auch an judenfeindliche Aussagen Luthers an, wobei sie deren theologischen und zeitgeschichtlichen Kontext stets ignorierten.Deutsche Christen und von ihnen geführte evangelische Landeskirchen beriefen sich in der NS-Zeit darauf und rechtfertigten damit dieNovemberpogrome 1938, denJudenstern und somit indirekt auch denHolocaust.
Zwar kam es aufgrund der von den Deutschen Christen erzwungenen Ausschließung von protestantischen Pfarrern jüdischer Abstammung zur Gründung desPfarrernotbundes und zu einemKirchenkampf, aus dem 1934 dieBekennende Kirche hervorging. Doch auch in dieser evangelischen Opposition überwogen antijudaistische und obrigkeitshörige Einstellungen, so dass es zu keinem kirchlichen Widerstand gegen die immer deutlichere Judenverfolgung des NS-Regimes kam und man sich weithin auf die Verteidigung kirchlicher Selbstverwaltung gegen staatliche Eingriffe begrenzte.
Eine Ausnahme warDietrich Bonhoeffer, der sich demWiderstand desKreisauer Kreises und Plänen zu einemAttentat auf Hitler anschloss. Schon 1933 ahnte Bonhoeffer das kommende Geschehen imBetheler Bekenntnis:
„Wir verwerfen jeden Versuch, die geschichtliche Sendung irgendeines Volkes mit dem heilsgeschichtlichen Auftrag Israels zu vergleichen oder zu verwechseln. Es kann nie und nimmer Auftrag eines Volkes sein, an den Juden den Mord von Golgatha zu rächen.“
Das hielt den Holocaust nicht auf, der auch wegen der jahrhundertelangen kirchlichen Volkserziehung im Geist des Antijudaismus mit Hilfe Hunderttausender getaufter Mitläufer durchgeführt werden konnte. Die lutherischen Kirchen erkannten ihre Mitverantwortung dafür erst nach 1945 allmählich an.[61]
Seit dem Holocaust begannen die Kirchen allmählich, den christlichen Antijudaismus theologisch und praktisch aufzuarbeiten und ihr Verhältnis zum Judentum neu zu bestimmen. In der ersten Nachkriegserklärung der neu gegründetenEKD, demStuttgarter Schuldbekenntnis vom 19. Oktober 1945, fehlte noch jeder ausdrückliche Hinweis auf die Shoa; selbst die AussageMartin Niemöllers(Durch uns ist großes Leid über viele Völker und Länder gekommen) fand nur gegen heftigen Widerspruch Eingang in den Wortlaut. Erst unter dem Einfluss von Theologen wieKarl Barth,Helmut Gollwitzer undFriedrich-Wilhelm Marquardt kam es zu einer theologischen Neubesinnung auf die unaufgebbaren jüdischen Wurzeln und Inhalte des christlichen Glaubens.
Erst jetzt begann die EKD, zeitbedingte Judenfeindlichkeit und genuine Wort-Gottes-Theologie bei Luther auseinanderzuhalten. DieDeutschen Evangelischen Kirchentage der 1960er Jahre leisteten dabeiexegetische, aufklärende und religionsdialogische Arbeiten. Ein Meilenstein zur Revision antijudaistischer theologischer Positionen war derSynodalbeschluss zur Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden, den die Evangelische Kirche im Rheinland am 11. Januar 1980 fasste. Eine Reihe evangelischer Landeskirchen folgte dem mit ähnlichen Erklärungen und Verfassungsänderungen. Eine Gruppe jüdischer Gelehrter desNational Jewish Scholars Project hat diese Bemühungen der christlichen Seite im September 2000 mit der ErklärungDabru Emet gewürdigt.
In vielen Bereichen von Kirche und Theologie sowie imReligionsunterricht bleiben antijudaistische Stereotype jedoch bis in die Gegenwart hinein wirksam. Kritik von jüdischer Seite erfuhren beispielsweise diefeministischen Theologinnen, die das Judentum (im Unterschied zum Christentum) als „in seinem Wesenskern frauenfeindlich“ bezeichneten.[62] Weiterhin wird dem rabbinischen Judentum oft eine rein äußerliche, am „Buchstaben“ orientierte Gesetzesfrömmigkeit unterstellt. Aufgrund seiner vielen Vorschriften sei es eine Religion der Werke („Werkreligion“) und bilde somit die Negativfolie für die angeblich ethisch überlegene Lehre Jesu und des Christentums.
DerKatholischen Pfadfinderschaft Europas (KPE) wurden 2004 durch den PolitikwissenschaftlerHans-Gerd Jaschkejudenfeindliche Äußerungen gerichtlich nachgewiesen; alleUnterlassungsklagen der KPE hiergegen blieben 2010 erfolglos.[63] DerVerlag Anton A. Schmid (auchpro fide catholica) inDurach (Bayern) publiziert in seinemfundamentalistisch katholisch ausgerichteten Buchangebot auch religiös antisemitische Eigenveröffentlichungen wie die Reihe „Talmudismus – Erzfeind der Menschheit“.[64]PapstBenedikt XVI. formulierte 2008 dieKarfreitagsfürbitte für die Juden für dieTridentinische Messe neu. Diese Ausnahmefassung stieß auf Proteste bei Vertretern jüdischer Gemeinden, etwa demZentralrat der Juden in Deutschland[65] und vielen Christen. Sie wurde unter anderem als Rückfall hinter die ErklärungNostra aetate von 1965 beurteilt.[66]
UnterPapst Franziskus verzichtete dierömisch-katholische Kirche im Dezember 2015 auf alle Versuche, Juden zurKonversion zumChristentum zu bewegen.[67] Im November 2018 distanzierte sich auch deremeritierte Papst Benedikt XVI. ausdrücklich von der katholischenJudenmission, die zuvor jahrhundertelang praktiziert worden war. Selbige sei nicht vorgesehen und nicht nötig.[68]
Im vomIslam geprägten Gebieten (Dār al-Islām) regelte das Rechtsinstitut derDhimma die soziale Stellung von Juden, Christen und anderen anerkannten religiösen Minderheiten. Juden und Christen galten alsAhl al-kitāb („Leute des Buchs“), also Empfänger einer schriftlichen OffenbarungsurkundeAllahs. AlsDhimmis („Schutzbefohlene“) durften sie ihre Religion ausüben und waren rechtlich geschützt, mussten aber besondere Kopfsteuern zahlen,Kleiderordnungen befolgen und durften keine Waffen tragen. Diese Regeln wurden jedoch in der Geschichte des Islam verschieden streng gehandhabt. Es gab zeitweise relative Toleranz, zu anderen Zeiten schwere Verfolgungen, die jedoch nicht nur Juden betrafen. Eine systematische, in der Religion selbst geforderte und kontinuierlich ausgeübte Judenfeindschaft gab es im mittelalterlichen Islam nicht.[69]
Als dieMauren 713 die iberische Halbinsel eroberten, unterwarfen sich die Juden ihnen bereitwillig, da sie imWestgotenreich seit 587 verfolgt worden waren.[70] Bis zum Ende des Kalifats derUmayyaden (1031) bestand im islamisch beherrschtenal-Andalus eine relativ friedliche Koexistenz von Christen, Juden und Muslimen, die zu einem Kulturaustausch führte.[71]
Im mittelalterlichen Islam wurden nur inMarokko undPersien zeitweiseGhettos für Juden eingerichtet.[72] Massaker an Juden (Córdoba 1013,Fès 1033,Granada 1066,Marrakesch 1232) blieben lokale Ausnahmen. Gewaltsame Übergriffe auf Juden waren im Islam seltener als im christlichen Europa.[73]
Als Spaniens christliche Herrscher die Juden und Muslime ihres Landes endgültig vertrieben (1492), luden islamische Herrscher sie in ihrOsmanisches Reich ein und erlaubten aus Europa geflohenen Juden auch, sich erstmals seit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels (70) wieder im früheren Israel-Palästina anzusiedeln.
Bis zumErsten Weltkrieg konntenjüdische Gemeinden im Osmanischen Reich aufblühen.[74]
Durch die Expansion nach Europa lernten die osmanischen Behörden von griechisch-orthodoxen Christen antijudaistische Stereotype kennen. Auf deren Betreiben kam es 1840 zurDamaskusaffäre, der erstenRitualmordanklage gegen Juden in der islamischen Welt. Erst seit dem Palästinakonflikt der 1920er Jahre, in größerem Maß erst seit Israels Staatsgründung 1948, übernahmen Teile der arabisch-islamischen Eliten aus europäischen und amerikanischen Quellen antisemitische Verschwörungstheorien.[69] (SieheGeschichte des Antisemitismus seit 1945#Arabische und islamische Staaten).
Quellen
Gesamtdarstellungen
Spätantike
Mittelalter
Frühe Neuzeit
Martin Luther
Islam
Neuzeit
Nach 1945