
Die Frühgeschichte der griechischen Medizin begann um 2500 v. Chr. Ab etwa 600 v. Chr. wurde diealtgriechische Medizin bestimmt durch eine naturwissenschaftlich basierte Philosophie.[1] Die erste bekannte griechische medizinische Schule wurde um550 v. Chr. imunteritalischenKroton eröffnet, woAlkmaion von Kroton lehrte, der Autor des erstenanatomischen Werkes; hier wurde die Praxis der Patientenbeobachtung begründet. Die altgriechische Medizin konzentrierte sich im Wesentlichen auf dieHumoralpathologie oderViersäftelehre. Die bedeutendste Rolle in der griechischen Medizin der Antike spielte der ArztHippokrates von Kos, bekanntester Vertreter der medizinischen Schule inKos.[2] Hippokrates und seine Schüler dokumentierten schriftlich ihre Erfahrungen, später zusammengefasst imCorpus Hippocraticum, in dem sich auch derEid des Hippokrates befindet. Der inRom tätige GriecheGalenos war einer der wichtigstenChirurgen der Antike, dem zahlreiche kühne Operationen, einschließlich Hirn- und Augenoperationen, gelangen. Die Schriften des Hippokrates, Galens und anderer waren von nachhaltigem Einfluss auf die mittelalterliche europäische und islamische Medizin, bis im 14. Jahrhundert zahlreiche Ansichten als überholt abgetan wurden.
Die Frühgeschichte der griechischen Medizin beginnt etwa im 3. Jahrtausend v. Chr., als griechische Stämme vom Norden über die Donau und den Balkan in das Gebiet des heutigen Griechenland einwanderten. Einen ersten Höhepunkt erlebte deren Heilkunde wahrscheinlich mit der in gewissem Umfang von Ägypten beeinflussten kretisch-mykenischen Kultur zwischen 2000 und 1500 v. Chr.[3] Trotz ihrer bekannten Hochschätzung derägyptischen Medizin verliefen Versuche, einen konkreten Einfluss auf die griechische Medizin nachzuweisen, mangels Quellen und Problemen beim Verständnis der antikenmedizinischen Terminologie nicht besonders erfolgreich. Es steht jedoch fest, dass die Griechen aus Ägypten importierte Substanzen in ihrenArzneibüchern aufführten; dieser Einfluss wuchs weiter nach der Gründung einergriechischen medizinischen Schule inAlexandria.[4] Ein inHomersOdyssee alspharmakonnepenthes bezeichnetes „Mittel gegen Kummer und Schmerz und aller Leiden Gedächtnis“, dessen Rezept aus Ägypten stamme, war vermutlich schmerzlindernder und schlafmachender Opiumsaft.[5] Die homerischen Gesänge, entstanden möglicherweise um 850 v. Chr., stellen die älteste schriftliche Quelle zur Geschichte der griechischen Medizin dar. Für die Entwicklung der Medizin war auchPythagoras (um 580–500 v. Chr.) von Bedeutung, der das ordnende Zahlenprinzip als wesentlich ansah und unter anderem die Lehre von der Gesetzmäßigkeit in Biologie und Pathologie beeinflusste; ebensoAnaximenes (* um 526 v. Chr.), der den Begriff des „Kosmos“ erstmals erwähnte und damit die späterePneumalehre vorwegnahm.[6]

Die herausragende Persönlichkeit der griechischenMedizingeschichte war der Arzt Hippokrates von Kos (460–370 v. Chr.), der „Vater der modernen Medizin“.[9][10] DasCorpus Hippocraticum enthält eine Sammlung von etwa siebzig frühen medizinischen Werken des antiken Griechenland, die in enger Verbindung mit Hippokrates und seinen Schülern stehen. Am bekanntesten ist Hippokrates als angeblicher Urheber des hippokratischen Eides, der bis heute vielfach für Ärzte von Bedeutung ist, dessen Autorschaft jedoch als unwahrscheinlich gilt.[11]
Aus der Existenz des hippokratischen Eides geht hervor, dass diese „hippokratische“ Medizin[12] von einer Gruppe professioneller Ärzte praktiziert wurde, die an einen strengen ethischen Kodex gebunden waren. Angehende Studenten entrichteten in der Regel eine Gebühr für die Ausbildung und traten zu ihrem Lehrer in eine gleichsam familiäre Beziehung. Zur Ausbildung gehörte die mündliche Unterweisung durch den Lehrer und auch praktische Einsätze als dessen Assistent, da der Eid davon ausging, dass Student und Patient miteinander in eine Beziehung treten. Der Eid setzte dem ärztlichen Handeln auch Grenzen („Auch werde ich niemandem ein tödliches Gift geben“) und verweist sogar auf die Existenz einer weiteren Gruppe medizinischer Spezialisten, etwa die Chirurgen („Ich werde … das den Männern überlassen, die dieses Handwerk ausüben.“).[13] Diehippokratische Medizin, deren nachhaltigste Leistung die Herausbildung der ärztlichen Ethik ist, entwickelt sich in der klassischen Zeit der antiken Heilkunde (etwa 450 bis etwa 300 v. Chr.) und gilt als Grundlage für die Medizin als eigenständige Wissenschaft. DerHippokratismus, dessen bedeutendster Vertreter Hippokrates ist, wurzelt in den Asklepiadenschulen von Kos, Knidos und (mitEmpedokles) auch Sizilien.[14] Die Basis für die Physiologie innerhalb der imCorpus Hippocraticum niedergelegten hippokratischen Medizin stellt dieHumoralpathologie als Lehre von den (vier) Körpersäften dar. WieAlkmaion,Parmenides und Empedokles nahmen die hippokratischen Ärzte im Gegensatz zu Aristoteles an, dass bei derZeugung beide Geschlechtspartner „Samen“anteile beisteuern.[15]
Hippokrates und seine Schüler wurden Erstbeschreiber zahlreicher Krankheiten und Beschwerden. Sie erkannten dieTrommelschlägelfinger als wichtiges diagnostisches Zeichen bei chronischen eitrigen Lungenerkrankungen,Lungenkrebs oderHerzerkrankungen. Daher wurden diese Finger gelegentlich „hippokratische Finger“ genannt.[16] Hippokrates war ebenso der erste Arzt, der dashippokratische Gesicht inPrognosis beschrieb.[17][18]
Hippokrates begann mit der Kategorisierung desKrankheitsverlaufes in akut, chronisch, endemisch und epidemisch, und verwendete Begriffe wie „Irritation,Rückfall,entzündungshemmend,Krise,Anfall, oderRekonvaleszenz“.[19][20] Als weiterer wesentlicher Beitrag des Hippokrates gilt die Beschreibung der Symptomatik körperlicher Befunde, der chirurgischen Behandlung und Prognose vonPleuraempyemen, d. h. derEiterung innerhalb der Brusthöhle. Seine Lehren etwa hinsichtlich derLungenheilkunde und Chirurgie bleiben von anhaltender Bedeutung.
Das Corpus Hippocraticum enthält die zentralen medizinischen Texte dieser Schule. Heute schreibt man die Verfasserschaft einer Reihe von über mehrere Jahrzehnte vor Hippokrates lebenden Autoren zu.[21] Eine direkte Zuordnung bestimmter Schriften zur Urheberschaft des Hippokrates ist schwierig.

Heiligtümer, die dem Gott der HeilungAsklepios, alsAsklepieia geweiht waren, dienten als Zentren für medizinische Beratung, Orakel und Therapie.[22] In diesen Heiligtümern versetzte man den Patienten in einen tranceartigen Schlafzustand,enkoimesis (ενκοίμησις), nicht unähnlich einer Anästhesie, während dessen er entweder unter der Führung der Gottheit in einem Traum (Enkoimesis) oder durch eine Operation geheilt wurde.[23] Die Asklepieia verfügten über besonders eingerichtete Räume, in denen die Heilung begleitet und gefördert wurde.[22] Im Asklepieion vonEpidauros verzeichnen drei große Marmorplatten aus dem Jahr 350 v. Chr. die Namen, Leiden, Patientengeschichten und die Behandlung von etwa 70 Patienten, die im Heiligtum Genesung erfuhren. Die Beschreibungen chirurgischer Operationen wie die Öffnung abdominaler Abszesse oder die Entfernung traumatischer Fremdkörper, bei denen der Patient mittels betäubender Substanzen wie Opium in den Zustand derenkoimesis versetzt wurde, erscheinen aufgrund ihres Realismus als glaubwürdig.[23]
Dergriechische PhilosophAristoteles war der einflussreichste Gelehrte derAntike. Obwohl seine frühennaturphilosophischen Werke spekulativ waren, zeigten sich seine späteren biologischen Schriften amEmpirismus, derbiologischen Kausalität und derVielfalt der Lebensräume orientiert.[24] Aristoteles hielt nichts vomExperiment, sondern ging davon aus, dass die Begriffe im je eigenen – statt in einem kontrollierten künstlichen – Umfeld ihre wahre Natur zeigten. Während diese Ansicht für diePhysik undChemie nicht förderlich war, blieb sie es für dieZoologie undVerhaltensforschung, wo das Werk des Aristoteles „eine echte Bedeutung“ behielt.[25] Er machte unzählige Naturbeobachtungen, vor allem der Gewohnheiten und Eigenschaften derPflanzen- undTierwelt, der er große Aufmerksamkeit für seineKategorisierung widmete. Insgesamtbestimmte Aristoteles 540 Tierarten undsezierte mindestens 50.
Nach Aristoteles waren alle natürlichen Prozesse von geistigen Zwecken und dercausa formalis geleitet.[26] Aus einer solchenteleologischen Ansicht heraus sah Aristoteles seine Beobachtungen als Beleg dieser formalen Gestaltung. So meinte er, dass die Natur keinem Tier Hörner oder Stoßzähne aus einer Laune heraus, sondern diese Möglichkeiten nur nach dem Maß der Notwendigkeit verleihen würde. In ähnlicher Weise sah Aristoteles die Geschöpfe in einer Abstufung der Perfektion geordnet aufsteigend von den Pflanzen bis hin zum Menschen: diescala naturae oder großeKette des Seins.[27]
Nach Aristoteles kommt die Perfektion einesGeschöpfes in ihrer jeweiligen Form zum Ausdruck und ist nicht durch die Form vorherbestimmt. Ein weiterer Aspekt seiner Biologie war die dreifache Aufteilung der Seele: eine vegetative Seele für Fortpflanzung und Wachstum, eine sensitive Seele für Bewegung und Empfindung und eine vernünftige Seele zum Denken und Reflektieren. Die Pflanzen verfügten nur über den ersten Teil, die Tiere über die ersten beiden und der Mensch über alle drei.[28] Aristoteles wies im Gegensatz zu früheren Philosophen und den Ägyptern der vernünftigen Seele einen Platz im Herzen statt im Gehirn zu.[29] Bemerkenswert ist Aristoteles’ Aufteilung von Empfindung und Denken, die sich – mit Ausnahme vonAlkmaion von Kroton – gegen die früheren Philosophen richtete.[30]Theophrastos von Eresos, der Nachfolger des Aristoteles amLykaion, verfasste eine Reihe pflanzenkundlicher Werke – darunter dieGeschichte der Pflanzen – die als wichtigster Beitrag der Antike zur Botanik auch dasMittelalter überlebte. Viele von Theophrastos’ Bezeichnungen haben sich bis in die heutige Zeit erhalten, wiecarpos für Frucht und pericarpion für Samenkapsel. Statt sich auf formale Gründe zu beziehen, wie Aristoteles, schuf Theophrast ein mechanistisches Schema, zeigte Analogien zwischen natürlichen und künstlichen Prozessen unter Berufung auf Aristoteles’ Begriff dercausa efficiens. Theophrast erkannte auch die Bedeutung der Geschlechtlichkeit für die Fortpflanzung einiger höherer Pflanzen, wenn auch diese letzte Entdeckung in späteren Zeiten verloren ging.[31] Die biologisch-teleologischen Vorstellungen des Aristoteles und Theophrasts sowie deren Betonung einer Reihe von Axiomen an Stelle der empirischen Beobachtung können nicht einfach von ihren Auswirkungen auf die westliche Medizin getrennt werden.

Nach Theophrastos' († 286 v. Chr.) Wirken brachte dasLykaion kein eigenständiges Werk mehr hervor. Obwohl das Interesse an den Ideen des Aristoteles bestehen blieb, wurden diese in der Regel unhinterfragt übernommen.[32] Erst im ZeitalterAlexandrias (etwa 300 bis 50 v. Chr.) verzeichnete man unter denPtolemäern wieder Fortschritte in der Biologie. Der erste medizinische Lehrer in Alexandria und damit der Begründer derAlexandrinischen Medizin,[33]Herophilos von Chalkedon, korrigierte Aristoteles, indem er die Intelligenz im Gehirn lokalisierte und eine Verbindung des Nervensystems mit Bewegung und Empfindung feststellte. Herophilos unterschied auch zwischenVenen undArterien und wies denPuls bei letzteren durch Experimente mit lebenden Schweinen nach.[34] In gleicher Richtung entwickelte er einediagnostische Technik, die unterschiedliche Arten des Pulses feststellte.[35] Wie sein ZeitgenosseErasistratos von Chios erforschte er die Rolle der Venen undNervenbahnen über den Körper.
Erasistratos registrierte die Verbindung der höheren Komplexität der menschlichen Hirnoberfläche mit höhererIntelligenz im Vergleich zu den Tieren. Er experimentierte wiederholt mit einem gefangenen Vogel und dokumentierte dessen Gewichtsverlust zwischen den Fütterungszeiten. Gemäß denpneumatischen Forschungen seines Lehrers behauptete er, das menschliche Kreislaufsystem werde von einemVakuum gesteuert, das das Blut durch den Körper ziehe. So würde die in den Körper aufgenommene Luft von der Lunge ins Herz gesogen, dort in Lebensgeist umgewandelt und dann durch die Arterien in den ganzen Körper gepumpt. Ein Teil dieses Lebensgeists erreicht dasGehirn, wo es in sinnlichen Geist umgewandelt und dann durch die Nerven verteilt wird.[36] Herophilos und Erasistratos führten ihre Experimente an verurteilten Gefangenen ihrer ptolemäischen Königebei lebendigem Leibe durch, und „beobachteten, solange der Körper atmete, die Teile, die die Natur zuvor verborgen hatte, wobei sie deren Position, Farbe, Form, Größe, Anordnung, Härte, Weichheit, Glätte und Verbundenheit untersuchten“.[37]
Obwohl einige griechischeAtomisten wieLukrez der teleologischen Sicht der aristotelischen Vorstellungen über das Leben entgegenstanden, blieb die Teleologie (und nach dem Aufstieg des Christentums dienatürliche Theologie) auch ferner ein zentraler Punkt des biologischen Denkens bis zum 18. und 19. Jahrhundert.
Mit den Worten vonErnst Mayr:

Durch längere Kontakte mit dergriechischen Kultur und die schließliche Eroberung Griechenlands übernahmen die Römer zahlreiche griechische medizinische Ideen. Frühe römische Reaktionen auf die griechische Medizin reichten von Begeisterung bis Ablehnung, aber schließlich fanden die Römer eine positive Stellung zur hippokratischen Medizin.[40]
Diese Akzeptanz führte zur Ausbreitung der griechischen medizinischen Theorien im gesamtenRömischen Reich und damit in einem großen Teil des Westens. Die endgültige Einbürgerung der griechischen Medizin in Rom erfolgte um 100 v. Chr. bis 100 n. Chr. Im Jahr 46 v. Chr. führteJulius Cäsar das Bürgerrecht für eingewanderte griechische Ärzte in Rom ein.[41] Einflussreichster Gelehrter, der die hippokratische Tradition fortsetzte und erweiterte, wurdeGalenos († ca. 207). Sämtliche hippokratischen und galenischen Texte aber waren nach dem Zusammenbruch desWeströmischen Reiches imlateinischen Westen imFrühmittelalter verschollen, imOströmischen Reich (Byzanz) wurden sie jedoch weiter studiert und befolgt. Nach 750 n. Chr. übersetzten insbesondere die muslimischen Araber Galens Werke und übernahmen später die hippokratisch-galenische Tradition, bis sie diese schließlich eigenständig unter besonderem EinflussAvicennas erweiterten. Ab Ende des 11. Jahrhunderts kehrte die hippokratisch-galenische Tradition mit zahlreichen arabischen Übersetzungen und einigen griechischen Originaltexten in den lateinischen Westen zurück. In derRenaissance wurden Übersetzungen von Galen und Hippokrates direkt aus dem Griechischen aus neu zugänglichen byzantinischenManuskripten angefertigt. Galens Einfluss war so groß, dass, selbst nachdem die Westeuropäer im 13. Jahrhundert mit Sektionen begannen, die Gelehrten oft ihre Ergebnisse, die Galen in Zweifel hätten ziehen können, in das Galenische Modell pressten. Die anatomischen Texte und Bilder desAndreas Vesalius führten jedoch zu einer wesentlichen Verbesserung der Galenischen Anatomie.William Harveys Darstellung desBlutkreislaufes war wohl der erste wirkliche Schlag gegen Galens unrichtige Vorstellungen über den Blutkreislauf. Dennoch wurde, trotz ihrer Wirkungslosigkeit und extremen Gefährlichkeit, die hippokratisch-galenische Praxis desAderlass bis ins 19. Jahrhundert weitergeführt. Die hippokratisch-galenische Tradition wurde aber erst wirklich ersetzt, als die mikroskopbasierten StudienLouis Pasteurs,Robert Kochs und anderer nachwiesen, dass Krankheiten nicht durch ein Ungleichgewicht der vier Körpersäfte, sondern durch Mikroorganismen wie Bakterien verursacht werden.