DasAlte Testament (abgekürztAT) ist der erste Teil derChristlichen Bibel und basiert hauptsächlich auf den 24 Büchern derhebräischen Bibel, sowieApokryphen. Es ist eine Sammlung alter religiöser jüdischer Schriften inhebräischer und teilweise inaramäischer Sprache. Der zweite Teil der christlichenBibel[1], dasNeue Testament (abgekürzt NT), ist ingriechischer Sprache verfasst. Die Auswahl und Anordnung der biblischenBücher wurde bis 350 n. Chr. festgelegt.
DieUrchristen fanden Tora, Propheten und sonstige jüdische heilige Schriften als noch unabgeschlossene Bibel vor. Sie nannten sie aber nicht „Altes Testament“, sondern verwendeten dieselben oder ähnliche Begriffe wie das damalige Judentum: „die Schrift“ oder „die Schriften“ (griech. γράμμαgramma, γραφήgraphē), manchmal abgekürzt „das Gesetz“ (griech. νόμοςnomos für hebr. תוֹרָהTora), meist aber „das Gesetz und die Propheten“ oder „Mose und die Propheten“, einmal auch „Gesetz, Propheten und Psalmen“ (Lk 24,44 EU) analog zur seit etwa 100 v. Chr. üblichen Dreiteilung des jüdischenBibelkanons.[5]
Das lateinischetestamentum (abgeleitet vontestari, „bezeugen“) ist eine ungenaue Übersetzung des griechischen Begriffs διαθήκη (diathēkē), das in der Septuaginta die letzte mündliche oder schriftliche Willenserklärung eines Sterbenden im Sinne einer Verfügung bezeichnet. Im NT bezeichnet der Begriff nie die jüdischen heiligen Schriften insgesamt.Paulus von Tarsus bezog διαθήκη (diathēkē) in2 Kor 3,14 EU auf Gottes Willensoffenbarung amBerg Sinai, deren Überlieferung (Ex 19–24 EU) imSynagogengottesdienst regelmäßig mündlich vorgelesen wurde. Er stellte ihr Gottes endgültigen Versöhnungswillen gegenüber, der sich im stellvertretenden Gerichtstod Jesu Christi amKreuz realisiert und so GottesBund mit dem Volk Israel erfüllt und erneuert habe. Selbstverständliche Voraussetzung der Gegenüberstellung vonaltem undneuem Bund war für alle Urchristen die IdentitätJHWHs, des Gottes Israels, mit dem Vater Jesu Christi, und die unverbrüchliche Geltung seiner Segenszusage anAbraham, zum „Vater vieler Völker“ zu werden (Gen 12,3 EU), die Jesus Christus zu erfüllen begonnen habe (Hebr 6,13 ff. EU).[6]
Melito von Sardes bezeichnete um 170 erstmals alle schriftlichen Zeugnisse vom Heilswillen Gottes vor dem Auftreten Jesu Christi im Unterschied zu den apostolischen Schriften (auf Griechisch) als „Altes Testament“.[7] Die Übersetzung vondiathēkē mit dem lateinischen Worttestamentum ist erstmals um 200 beiTertullian belegt.
Das Attribut „alt“ wurde in derSubstitutionstheologie des christlichenAntijudaismus im Sinne von „überholt“, „abgelöst“, „aufgehoben“ und „nicht mehr gültig“ gedeutet. Damit war die Abwertung des Judentums verbunden, die im christianisierten Europa oft in seine Unterdrückung und Verfolgung mündete. Seit1945 wird dies zunehmend theologisch kritisiert.[8] Um diese Abwertung zu vermeiden und die gemeinsame Grundlage beider Religionen zu betonen, wird der Tanach bzw. das AT auchErstes Testament genannt.
Im Zuge der Kanonisierung des Tanach zum christlichen Alten Testament wurde seine Dreiteilung und die Tora (der Pentateuch) unverändert beibehalten, aber einige Einzelbücher des zweiten und dritten Teils wurden anders zu- und angeordnet, andere kamen zu diesen beiden Teilen dazu.
In den meisten christlichen Kanonlisten des 2. bis 4. Jahrhunderts wurden dieNevi’im (Propheten) aufgeteilt und einige derKetuvim (Schriften) zwischen „vordere“ und „hintere“ Propheten gerückt. Damit wurden erstere als Geschichtsbücher von denSchriftpropheten abgerückt. Die Bücher Rut, Esra, Nehemia und Chronik, die im Tanach zu den Schriften gehören, rückten in den zweiten Hauptteil und wurden dort annähernd historisch richtig eingeordnet: Das Buch Rut steht nun gemäß seinen Anfangs- und Schlussversen zwischen den Büchern Richter und Samuel, da seine Handlung zur Richterzeit spielt und Ruts Sohn als Großvater von KönigDavid galt. Da Esra und Nehemia auf dieExilszeit folgten, wurden ihre Bücher hinter die Chronik gerückt, die ihrerseits die Königszeit fortsetzt. Ihnen folgen die Bücher Tobit, Judit, Ester und Makkabäer gemäß den in ihnen beschriebenen, aufeinanderfolgenden Zeiten und Themen. Damit entstand eine zusammenhängende Beschreibung derGeschichte Israels von derLandnahme bis zur Wiederherstellung eines eigenen jüdischen Staates, in dem die Tora und der Tempelkult wieder Geltung hatten. Diese wurde eher als abgeschlossen und vergangen gelesen, nicht als von unabgegoltener prophetischer Verheißung bestimmte und geöffnete Zukunft.
Hinter die Geschichtsbücher rückten die noch übrigen Ketuvim. DieSalomo zugeschriebenen Schriften Sprichwörter, Kohelet und Hoheslied wurden um die Weisheit Salomos und Jesus Sirach ergänzt. Das Buch Hiob rückte vor die Psalmen an die erste Stelle: Denn Hiob galt wegen seiner an die Erzväter erinnernden Gottergebenheit als älter als dieKönig David zugeschriebenen Psalmen. Diese Gebetssammlung beginnt mit Klage und endet mit dem Lob derGottesherrschaft: Darin fanden die Christen die Verwandlung der Zweifel und Anklage Hiobs in die endzeitliche Freude über den Sieg Jesu Christi ausgedrückt.
Die Klagelieder Jeremias wurden folgerichtig zum Prophetenbuch Jeremia, das Buch Daniel zu den „großen“, die Zukunft der ganzen Welt betreffenden Propheten gestellt. Es wurde also nicht als weisheitliche, sondern apokalyptische Schrift, die frühere prophetische Verheißungen fortführt, betrachtet. Indem die Prophetenbücher an den Schluss rückten, wurden sie für die Christen zur Verheißung Jesu Christi.
Schriften, die für das Judentum, seine Feste und seinen Gottesdienst aktuell blieben, hatten für die Christen seit derTempelzerstörung (70 n. Chr.) dagegen eher paradigmatische,allegorische und typologische Bedeutung.[9]
Später verteidigte dieAlte Kirche ihre Geltung alsOffenbarungszeugnisse gegen christliche Minderheiten, die diese Geltung ablehnten. DerBibelkanon des Alten Testaments unterscheidet sich deshalb zwischen den christlichenKonfessionen: Während derProtestantismus 39 Bücher aus dem Griechischen Alten Testament anerkennt, behieltenKatholizismus undOrthodoxie 46 Bücher und der orthodoxe Kanon bis zu 51 Bücher aus dem Griechischen Alten Testament.
Seit der Trennung des Christentums vom Judentum entwickelte sich der christlicheGnostizismus, der das Alte Testament als Dokument einer verworfenen, überholten und antichristlichen Religion betrachtete und aus dem eigenen Glauben ausschloss.Marcion stellte dieSchöpfung durch den bösen, materialistischen Gott Israels derErlösung durch den guten, spirituellen Geist Jesudualistisch einander gegenüber und stellte darum einen von allen jüdischen Einflüssen gereinigten Bibelkanon vor.
Ab 150 erteilte die werdende Kirche solchen Versuchen eine Absage, indem sie das „Alte Testament“ in der durch die Septuaginta überlieferten Form als vollgültiges Gotteswort übernahm und ihrem Neuen Testament voranstellte. Dies folgte der Auffassung der Urchristen, wonach der Glaube an Jesus Christus Gottes Bund mit Israel bekräftigte, nicht ablöste. Damit wurde es theologisch unmöglich, Leben, Lehre, Tod und Auferstehung Jesu Christi von der Erwählung Israels zu trennen. Die Kirche legte damit selber eine normative Instanz für die Auslegung des Neuen Testaments fest, auf die spätere Reformanläufe in Religion und Politik sich berufen konnten. Schon früh gab es verschiedene Übersetzungen von Teilen der Septuaginta ins Lateinische, die heute unter dem vielgestaltigen BegriffVetus Latina summiert werden. Seit 385 erfolgte die vollständige Übersetzung der Septuaginta vonHieronymus insLatein, dieVulgata, die die alten Übersetzungen dann verdrängte und imKatholizismus maßgebend wurde.
Die alttestamentliche Wissenschaft ist eine Teildisziplin der Theologie. Sie widmet sich der philologisch-historischen Erforschung des Alten Testaments. Sie umfasst folgende Sachbereiche:
„Novum Testamentum in Vetere latet, et in Novo Vetus patet.“
„Das Neue Testament liegt im Alten verborgen, das Alte wird im Neuen aufgedeckt/offenbar.“[12]
Gemeint ist, dassJesus Christus und seinErlösungswerk am Kreuz bereits im Alten Testament angedeutet werden. Dafür werden nicht nur einzelne Passagen wiePsalm 22 oderJesaja 53EU herangezogen, sondern auch der Sinn des gesamten Alten Testaments, das zeigen möchte, dass der Mensch – selbst, wenn er es versucht – Gottes Gebote nicht halten kann (vgl. z. B.Röm 3 EU; 7EU,Galaterbrief). Damit wird das Neue Testament als Fortsetzung des Alten gesehen, ohne das es keine Wurzel und Basis hätte.
Im gleichen Sinn ist folgende AussageRöm 11,2–18 EU:
„Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er sich zuvor erwählt hat […] Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich!“
Wo die auf das Diesseits bezogenen Hoffnungen und Verheißungen Israelsneuplatonisch undallegorisch umgedeutet wurden, dort eignete sich das Christentum zur neuen Herrschaftsreligion desRömischen Reiches.
Um 130 n. Chr. entstand dieSubstitutionstheologie, die behauptet, dass Gott seit der Kreuzigung von Jesus seinen Bund mit Israel aufgehoben und ihn auf die Kirche übertragen habe. Sie bewirkte eine kirchlich-dogmatische Enterbung des Judentums, rief in KrisenzeitenPogrome an Juden hervor und rechtfertigte diese während desMittelalters bis weit in dieNeuzeit hinein.
In derZeit des Nationalsozialismus versuchten die „Deutschen Christen“ erneut, alles „Jüdische“ aus dem christlichen Glauben „auszumerzen“ und diesen zu einer „Nationalreligion“ umzuformen.[13] Der latent angelegte Antijudaismus, der auch in Teilen der Kirche Fuß gefasst hatte, bildete eine der wesentlichen Voraussetzungen für diese willkürliche Auslegung des Christentums und damit auch die Verbrechen desHolocaust. Dabei wurde das gesamte Alte Testament weitgehend ignoriert.
Aus dieser verheerenden Erfahrung erwuchs seit etwa 1960 einjüdisch-christlicher Dialog. Er beflügelte die Diskussion um das AT, seine Relevanz für die Exegese des NT und den christlichen Glauben in derchristlichen Theologie.
Schon die historische Forschung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts erkannte die Eigenständigkeit der Traditionen Israels, besonders seiner Prophetie und seinesMessianismus. Doch erst die unübersehbaren Wirkungen des christlichen Antijudaismus bis hin zur Schoa bewegten die Kirchen und die neutestamentliche Wissenschaft dazu, sich mit möglichen Wurzeln desAntijudaismus im Neuen Testament auseinanderzusetzen.
Dies zog im katholischen Bereich seit demZweiten Vatikanischen Konzil, im deutschen evangelischen Bereich – besonders seit denKirchentagen der 1960er Jahre – eine Neubewertung des AT und Judentums auch in der kirchlichen Dogmatik und Alltagspraxis nach sich. DerRheinische Synodalbeschluss von 1980 zum Verhältnis von Juden und Christen war hier wegweisend. Inzwischen haben die meisten Landeskirchen derEKD ähnliche Erklärungen beschlossen und teilweise in ihre Kirchenverfassungen übernommen.
Eine seiner zentralen Einsichten lautete: Hätte die christliche Mehrheit Europas ihre jüdischen Wurzeln wahrgenommen und den „ungekündigten Bund“ Gottes mit Israel (Röm 11,2 /Martin Buber) anerkannt, dann hätte sie das Doppelgebot der Liebe auch gegenüber der jüdischen Minderheit eher befolgt und die GesellschaftenEuropas Gleiches zu tun gelehrt. Dann hätte die Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal des jüdischen Volkes in der NS-Zeit so nicht geschehen können.
Dem versucht die christliche Theologie auch sprachlich Rechnung zu tragen, um die bleibende Gültigkeit der im Alten Testament enthaltenen Schriften auszudrücken und das Missverständnis zu verhindern, „alt“ bedeute „veraltet“ oder „überholt“: z. B.Erstes Testament (Hebr 8,7.13; 9,1.15.18: so der christliche AlttestamentlerErich Zenger).
Die dritte Denkschrift „Juden und Christen“ der EKD von 2000 stellt fest, dass die christliche Abwertung des Alten Testaments nur dauerhaft überwindbar ist, wenn zugleich das Judentum als bleibender, eigenständiger lebendiger Zeuge der Hebräischen Bibel anerkannt wird. Dies hat weitreichende Konsequenzen für Bibelforschung, Exegese, Predigt,Konfirmandenunterricht und Gottesdienstgestaltung.
FürJesus von Nazaret und seineNachfolger war eine Vorform des Tanach mit derTorah, Prophetenbüchern, Psalmen, dem Buch Daniel und Spruchweisheit die Heilige Schrift. Jesus bezog seine Verkündigung von Beginn seines Wirkens an darauf und verstand sie als gültige Auslegung des in ihr offenbarten Willens Gottes (Mt 5,17 EU). Ohne Hören, Lesen und Auslegen biblischer Texte, die als Gottes aktuelles Wort verstanden wurden, war den Urchristen – wie allen damaligen Juden – ihre Botschaft vom Anbruch des Reiches Gottes nicht möglich.
Israels Bibel blieb auch nach Jesu Tod die Norm, von der her und auf die hin die Christen den gekommenen und wiederkommenden Messias verkündeten. So betonen alle Credoformeln derJerusalemer Urgemeinde durchweg die Schriftgemäßheit, also Übereinstimmung und Vorherbestimmung ihres Glaubens mit Israels Heilsgeschichte. Jesu Tod undAuferweckung war für sie das allein in der Heiligen Schrift erkennbare Ziel dieser Geschichte, das die biblischen Verheißungen einer endgültigen Verwandlung der Welt bekräftigte.
Indem die Urchristen Jesu Geschichte als Erfüllung der Bundesgeschichte Gottes mit Israel nacherzählten, aufschrieben und lehrten, schufen sie ein „Neues Testament“. DieEvangelien, Gemeindebriefe undApostelgeschichte stellen Auftreten, Sterben und Auferstehen des Juden Jesus Christus als endgültige Erfüllung und Erneuerung des Israelbundes dar, so dass sich die Botschaft des NT nur zusammen mit dem AT weiterverkünden lässt.
Der Begriff „Altes Testament“ als Bezeichnung für eine Sammlung der Schriften Israels kommt im NT nicht vor. Der Sache nach ist im NT damit aber der „Erste Bund“ Gottes mit dem Volk Israel (Hebr 8,7 EU) im Gegenüber und in unauflösbarer Relation zum „Neuen Bund“ Gottes mit Israel und allen Völkern durch die Selbsthingabe Jesu Christi (Mk 14,24 EU) gemeint. Das Attribut „alt“ hat seine Berechtigung ausschließlich in diesem christlichen Selbstverständnis: Danach ist das Verhältnis der beiden Testamente zueinander ein unauflösbares Nacheinander, insofern der Alte dem Neuen Bund Gottes zeitlich und inhaltlich vorangeht.
Dies meint jedoch weder im NT selber noch nach späterer kirchlicher Lehre die Veraltung und Ersetzung des Israelbundes, den die Hebräische Bibel bezeugt. Mit dem Erscheinen Jesu Christi ist für Christen kein neues Wort Gottes neben das „alte“ getreten. Sondern dieser „Sohn Gottes“ ist das „fleischgewordene Wort Gottes“ (Joh 1,14 EU) und repräsentiert als solcher die Erwählung Israels zum Volk Gottes, in das vonEwigkeit her die Erwählung der Menschheit mit eingeschlossen ist.
Insbesondere der Tod und die Auferweckung Jesu Christi hat nach dem NT Gottes Willen stellvertretend für alle Menschen erfüllt. Damit hat er dieIsrael gegebenen Offenbarungen, Bundesschlüsse und Verheißungen endgültig bestätigt, die in Israels Bibel ausgesprochene Verheißung eines „neuen Bundes“ unüberbietbar bekräftigt (Hebr 8,8 EU zitiertJer 31,31–32 EU) und alle Völker in diesen Bund einbezogen.
Person und Werk Jesu Christi verkörpern also für die Christen den „neuen“ Willen Gottes, indem sie seinen „alten“ Willen, die Ersterwähnung Israels, endgültig erfüllen und bekräftigen. Für die ganze urchristliche Verkündigung ist daher der durchgängige Bezug auf die Bibel Israels entscheidend. Ohne sie lässt sich die universale Bedeutung Jesu Christi nicht aussagen bzw. verstehen.
Damit hat jedoch für die Christen der eine Wille Gottes, den bereits das „Alte“ Testament offenbart, einen anderen, neuen Stellenwert erhalten: Von nun an gilt dieser Wille nur noch in der Auslegung, die Jesus Christus ihm durch seine Lehre, seinen Tod und seine Auferweckung gegeben hat. Demnach sind alle Einzelgebote in dem einen Gebot Jesu Christi, nämlich dem Doppelgebot derGottes- undNächstenliebe, „aufgehoben“, diesem untergeordnet (Mk 12,30–31 EU).
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