Die Insel hat eine maximale Länge von etwa sechs Kilometern und eine maximale Breite von mehr als zwei Kilometern. Mit einer Fläche von 7,8 km² ist sie die drittgrößte Kanalinsel. Sie liegt etwa 15 Kilometer westlich desCap de la Hague auf dernormannischen HalbinselCotentin, 32 Kilometer nordöstlich von Guernsey und 95 Kilometer südlich vonGroßbritannien und ist die einzige der Kanalinseln, die nicht in der Bucht vonSaint-Malo, sondern imÄrmelkanal selbst liegt.
Auf Alderney leben ungefähr 2000 Menschen,[1] die traditionell mit dem Spitznamen „lapins“ (französischKaninchen) bezeichnet werden, da diese die vorherrschenden Tiere auf der Insel sind. Die Hauptstadt und einzige Gemeinde der Insel istSaint Anne. Es gibt eine Grundschule, eine weiterführende Schule, ein Postamt, Hotels, Restaurants, Banken und Geschäfte. Alderney ist als Wohnsitz vor allem bei Rentnern beliebt, weshalb das Durchschnittsalter der Bevölkerung recht hoch ist.
Alderney ist ähnlich wie die übrigen Kanalinseln strukturiert; steil abfallende Klippen wechseln sich mit Stränden und Dünen ab. Das Klima ist aufgrund des Meeres mild und ausgeglichen. Die Sommer sind üblicherweise wärmer als auf den übrigenBritischen Inseln. Die Insel hat eine reicheFlora, wenngleich diese karger ist als auf den übrigen, geschützter im Golf von Saint-Malo liegenden Kanalinseln. Die am häufigsten vorkommende Vogelart sindAlkenvögel. DerBlonde Igel ist eine nur auf Alderney heimische Variante desWesteuropäischen Igels.
Die Insel ist von Felsen umgeben, vor denen Hunderte Schiffswracks liegen. Auf beiden Seiten der Insel herrschen tückische Gezeitenströme: Zwischen Alderney undBurhou (einer Felseninsel vor dem Hafen) dieSwinge, in der Longis BayLa Raz. Zwischen Alderney undFrankreich liegt dieStraße von Alderney.
Ursprünglich waren alle Kanalinseln Teil des HerzogtumsNormandie. Im Jahr 1066 eroberte HerzogWilhelm der Eroberer England und ließ sich zu dessen König krönen. Die Kanalinseln blieben in königlichem Besitz, auch nachdem England 1204 die Herrschaft über die Normandie verloren hatte.
Wellenbrecher an derBraye Bay
Alderney entwickelte sich langsam und war lange ein abgeschiedener Ort. Dies änderte sich im 19. Jahrhundert, als die britische Regierung beschloss, auf der Insel große Festungsanlagen und einen strategischen Hafen zu errichten, um allfällige Angriffe vonFrankreich aus zu verhindern. Die vielen englischen und irischen Arbeiter sowie die große britische Garnisonsbesatzung führten zu einer raschen Anglisierung Alderneys. Der Hafen wurde nie fertiggestellt, die von dem IngenieurJames Walker entworfenenWellenbrecher sind heute eine der Sehenswürdigkeiten der Insel.
Als während desZweiten Weltkriegs eine Invasion der deutschenWehrmacht bevorstand, wurde 1940 die gesamte Inselbevölkerung überstürzt nach England und vor allem nach Schottland evakuiert. Bewohner von Guernsey holten einige Tage später die zurückgelassenen ca. 370 Kühe der Alderney-Rasse nach. Kurz darauf besetzte die Wehrmacht die Insel. Die Deutschen betrieben auf Alderney drei Arbeits- und einKonzentrationslager, das sogenannteKZ Alderney. Die KZ-Häftlinge sowieZwangsarbeiter wurden zum Bau vonBunkern und anderenBefestigungsanlagen eingesetzt.[2][3] Kommandant des Lagers von Alderney war Major Carl Hofmann. Es wird geschätzt, dass auf der Insel zwischen 700 und 1000 Häftlinge ermordet wurden, viele Fachleute halten diese Zahl aber für zu gering[4]. Theodore Pantcheff, ein britischer Hauptmann, fertigte 1945 einen Bericht über das Lager an, der nach Moskau geschickt wurde, die britische Kopie wurde angeblich vernichtet[5]. Eine Kopie wurde jedoch inKew gefunden[6]. Nach dem Krieg wurde Hofmann zunächst in London gefangen gehalten, wurde aber 1948 entlassen und starb 1974 in Hameln. AuchHauptsturmführerMaximilian List wurde ohne Verfahren entlassen und lebte unbehelligt in Deutschland[7]. Dies wurde erst durch eine Artikelserie des Observer-Journalisten Solomon Steckoll 1982 bekannt[8]. Die Überreste des Lagers wurden durchCaroline Sturdy Colls von derStaffordshire University archäologisch untersucht[9].
Ab September 1944 war Alderney von allen Versorgungslieferungen abgeschnitten. Nicht nur sämtliche Bäume, sondern auch Haustüren, Fensterrahmen und Treppen wurden als Heiz- und Brennmaterial verwendet. Am 16. Mai 1945 (eine Woche später als die anderen Kanalinseln) wurde Alderney kampflos befreit. Nachdem das britische Militär zusammen mit 500 deutschen Kriegsgefangenen die Insel von Minen befreit hatte, kehrten im Dezember 1945 zwei Drittel der Inselbewohner zurück. Da die wirtschaftlichen Aussichten pessimistisch beurteilt wurden, wurde Alderney 1948 Teil des Bailiwicks Guernsey, innerhalb dessen die Insel eine beschränkte Unabhängigkeit genießt. In diesem Zusammenhang musste sich Alderney verpflichten, dieselben Steuern zu erheben wie Guernsey.
Im Zeitraum zwischen 1950 und 1963 versenkten die britische und die belgische Regierung circa 28.500 Fässer (17.244 Tonnen) schwachradioaktive Abfälle in den nordwestlich[10] der Insel gelegenen UnterwassergrabenHurd’s Deep.[11]
Auregnais, der lokale normannische Dialekt, ist ausgestorben. AuchFranzösisch wird auf der Insel nicht mehr gesprochen, es verlor 1966 seinen Status als Amtssprache. Dies hängt damit zusammen, dass die Bevölkerung, die während des Zweiten Weltkrieges nach England gebracht worden war, nach der Rückkehr fast nur nochEnglisch sprach. Die meisten Orts- und Flurnamen sind weiterhin französisch.
Fähren verkehren nach Cherbourg und zu den anderen Kanalinseln.
1912 wurde nahe der Nordostspitze der Insel derLeuchtturm mit einer Höhe von 32 Metern errichtet.[12] Ab 1976 elektrisch betrieben und seit 1997 komplett automatisiert, wurde er 2011 auf LED-Leuchten umgerüstet[13] und seitdem mit reduzierter Reichweite betrieben.[14]
Im Jahr 1935 wurde auf Alderney südwestlich vonSaint Anne der erste landbasierteFlughafen der Kanalinseln angelegt. Er dient bis heute dem Regionalverkehr mit Verbindungen nachGuernsey undSouthampton und wird derzeit (2016) im Linienverkehr ausschließlich von der auf Guernsey ansässigen FluggesellschaftAurigny Air Services bedient. Andere Flugrouten, z. B. nachBournemouth,Brighton,Plymouth,Exeter,Jersey undCherbourg, wurden mangels Rentabilität wieder eingestellt.
DieAlderney Railway feierte als einzigeEisenbahngesellschaft der Kanalinseln 1997 ihr 150. Jubiläum. Sie verbindet bei 15 Minuten Fahrtdauer den Nordosten (Steinbrüche, Mannez Quarry und Mannez-Leuchtturm) mit dem Hafen. Gebaut in den 1840er Jahren im Auftrag der britischen Regierung (Admiralität) für den Bau der Wellenbrecher und der Befestigungsanlagen, wurde die Strecke 1847 eröffnet. Die ersten offiziellen Passagiere warenKönigin Victoria undPrinz Albert anlässlich ihres Besuchs auf Alderney im Jahr 1854.[15] Für dieses Ereignis wurde eigens ein Lokomotivtender zu einer Kutsche umgebaut und dann von Pferden über die Strecke gezogen.[16] Seit den 1970er Jahren werden auch Personen transportiert, zunächst mit einerDampflokomotive. Die jetzigeDiesellok (Vulcan Drewry 0-4-0, „Elizabeth“) zieht in der Regel zwei ehemalige U-Bahn-Wagen derLondon Underground von 1959 mit Aluminiumverkleidung (die Vorgänger mussten wegen Rost durch die salzhaltige Luft verschrottet werden). Der Fahrzeugpark umfasst daneben eine weitere Lok und sechs Kleinbahnwaggons. Eine Besonderheit ist, dass es in der LokRettungsringe gibt, die nach einem Unfall beim Bau der Wellenbrecher im Jahr 1912 eingeführt wurden. Führer und Heizer überlebten damals allerdings auch ohne diese Sicherheitsmaßnahme.
Caroline Sturdy Colls, Kevin Simon Colls:Reconstructing a painful past: A non-invasive approach to reconstructing Lager Norderney in Alderney, the Channel Islands. In Ch’ng, E. (Hrsg.)Visual Heritage in the Digital Age. New York, Springer 2014.
Victor Coysh:Alderney. Newton, Abbot 1974.
Solveig Grothe:Was geschah auf … ? Artikel über ein brit. angebliches „Staatsgeheimnis“ inDer Spiegel, 17. Juli 2022, Nr. 29/2022
S. Harris:The Village Community of Alderney. In:The Sociological Review. 18, Nr. 4, Oktober 1926, S. 265–278,doi:10.1111/j.1467-954x.1926.tb01589.x.
John Nettles:Hitlers Inselwahn. Die britischen Kanalinseln unter deutscher Besatzung 1940–1945. Osburg Verlag, Hamburg 2015,ISBN 978-3-95510-094-0.
↑Caroline Sturdy Colls, Kerti, J., Kevin Colls, Tormented Alderney: Archaeological investigations of the Nazi labour and concentration camp of Sylt.Antiquity 94(374), 2020, 512–532.doi:10.15184/aqy.2019.238, Sturdy Colls, C., Bolton-King, R., Colls, K., Harris, T., Weston, C. Proof of Life: Mark-Making Practices on the Island of Alderney.European Journal of Archaeology 22/2, 2018, 232–254.