Im März 1952 wurde Turing wegen seinerHomosexualität, die damals noch als Straftat verfolgt wurde, zur chemischenKastration verurteilt.[5][6] Turing erkrankte in Folge der Hormonbehandlung an einerDepression und starb etwa zwei Jahre später vermutlich durchSuizid.
Im Jahr 2009 sprach der britische PremierministerGordon Brown eine offizielle Entschuldigung im Namen der Regierung für die „entsetzliche Behandlung“ Turings aus und würdigte dessen „außerordentliche Verdienste“ während des Krieges. Noch 2011 wurde eineBegnadigung trotz einerPetition abgelehnt. 2013, am Weihnachtsabend, sprach KöniginElisabeth II. postum ein „Royal Pardon“ (Königliche Begnadigung) aus.[7][8][9][10]
Alan Turings Vater, Julius Mathison Turing, war britischer Beamter beimIndian Civil Service. Er und seine FrauEthel Sara Turing (geborene Stoney) wünschten, dass ihre Kinder in Großbritannien aufwüchsen.[11] Deshalb kehrte die Familie vor Alans Geburt ausChhatrapur, damalsBritisch-Indien, nachLondon-Paddington zurück, wo Alan Turing am 23. Juni 1912 zur Welt kam. Da der Staatsdienst seines Vaters noch nicht beendet war, reiste dieser im Frühjahr 1913 erneut nach Indien, wohin ihm seine Ehefrau im Herbst folgte. Turing und sein älterer Bruder John wurden nach St Leonards-on-the-Sea,Hastings, in die Familie eines pensionierten Obersten und dessen Frau in Pflege gegeben. In der Folgezeit pendelten die Eltern zwischen England und Indien, bis sich Turings Mutter 1916 entschied, längere Zeit in England zu bleiben, und die Söhne wieder zu sich nahm.
Schon in früher Kindheit zeigte sich die hohe Begabung und Intelligenz Turings. Es wird berichtet, dass er sich innerhalb von drei Wochen selbst das Lesen beibrachte und sich schon früh zu Zahlen und Rätseln hingezogen fühlte.[11]
Im Alter von sechs Jahren wurde Turing auf die private Tagesschule St Michael’s in St Leonards-on-the-Sea geschickt, wo die Schulleiterin frühzeitig seine Begabung bemerkte. 1926, im Alter von vierzehn Jahren, wechselte er auf dieSherborne School inDorset. Sein erster Schultag dort fiel auf einen Generalstreik in England. Turing war jedoch so motiviert, dass er die 100 Kilometer vonSouthampton zur Schule allein auf dem Fahrrad zurücklegte und dabei nur einmal in der Nacht an einer Gaststätte Halt machte; so berichtete jedenfalls die Lokalpresse.
Turings Drang zur Naturwissenschaft traf bei seinen Lehrern in Sherborne auf wenig Gegenliebe; sie setzten eher auf Geistes- als auf Naturwissenschaften. Trotzdem zeigte Turing auch weiterhin bemerkenswerte Fähigkeiten in den von ihm geliebten Bereichen. So löste er für sein Alter fortgeschrittene Aufgabenstellungen, ohne zuvor irgendwelche Kenntnisse der elementarenInfinitesimalrechnung erworben zu haben.
Im Jahr 1928 stieß Turing auf die ArbeitenAlbert Einsteins. Er verstand sie nicht nur, sondern entnahm einem Text selbständig NewtonsBewegungsgesetz, obwohl dieses nicht explizit erwähnt wurde.
Turings Widerstreben, für Geisteswissenschaften genauso hart wie für Naturwissenschaften zu arbeiten, hatte zur Folge, dass er einige Male durch die Prüfungen fiel. Weil dies seinen Notendurchschnitt verschlechterte, musste er 1931 auf ein College zweiter Wahl gehen, dasKing’s College,Cambridge, entgegen seinem Wunsch, amTrinity College zu studieren. Er studierte von 1931 bis 1934 unterGodfrey Harold Hardy (1877–1947), einem renommierten Mathematiker, der denSadleirian Chair in Cambridge innehatte, das zu der Zeit ein Zentrum der mathematischen Forschung war.
1-Band-Turingmaschine: abstraktes Modell eines Rechners, der mit nur drei Operationen (lesen,schreiben undKopf bewegen) sämtliche berechenbare Probleme lösen kann
In seiner für diesen Zweig der Mathematik grundlegenden ArbeitOn Computable Numbers, with an Application to the “Entscheidungsproblem” (28. Mai 1936) formulierte Turing die ErgebnisseKurt Gödels von 1931 neu. Er ersetzte dabei Gödels universelle, arithmetisch-basierte formale Sprache durch einen einfachen gedanklichen Mechanismus, eine abstrakt-formale Zeichenketten verarbeitende mathematische Maschine, die heute unter dem NamenTuringmaschine bekannt ist. („Entscheidungsproblem“ verweist auf eines der 23 wichtigsten offenen Probleme der Mathematik des 20. Jahrhunderts, vorgestellt vonDavid Hilbert 1900 auf dem2. Internationalen Mathematiker-Kongress in Paris [„Hilbertsche Probleme“].) Turing bewies, dass solch ein Gerät in der Lage ist, „jedes vorstellbare mathematische Problem zu lösen, sofern dieses auch durch einenAlgorithmus gelöst werden kann“.
Turingmaschinen sind bis zum heutigen Tag einer der Schwerpunkte der theoretischen Informatik, nämlichder Berechenbarkeitstheorie. Mit Hilfe der Turingmaschine gelang Turing der Beweis, dass es keine Lösung für das „Entscheidungsproblem“ gibt. Er zeigte, dass die Mathematik in gewissem Sinne unvollständig ist, weil es allgemein keine Möglichkeit gibt, festzustellen, ob eine beliebige, syntaktisch korrekt gebildete mathematische Aussage beweisbar oder widerlegbar ist. Dazu bewies er, dass dasHalteproblem für Turingmaschinen nicht lösbar ist, d. h., dass es nicht möglich ist, algorithmisch zu entscheiden, ob eine Turingmaschine, angesetzt auf eine Eingabe (initiale Bandbelegung), jemals zum Stillstand kommen wird, das heißt die Berechnung terminiert. Turings Beweis wurde erst nach dem vonAlonzo Church (1903–1995) mit Hilfe desLambda-Kalküls geführten Beweis veröffentlicht; unabhängig davon ist Turings Arbeit beträchtlich einfacher undintuitiv zugänglich. Auch war der Begriff der „Universellen (Turing-) Maschine“ neu, einer Maschine, welche jede beliebige andere Turing-Maschine simulieren kann. Die Eingabe für diese Maschine ist also ein kodiertes Programm, das von der universellen Maschine interpretiert wird, und der Startwert, auf den es angewendet werden soll.
Alle bis heute definierten Berechenbarkeitsbegriffe haben sich (bis auf die Abbildung von Worten auf Zahlen und umgekehrt) als äquivalent erwiesen.
1938 und 1939 verbrachte Turing zumeist an derPrinceton University und studierte dort unter Alonzo Church. 1938 erwarb er den Doktorgrad in Princeton. Seine Doktorarbeit führte den Begriff der „Hypercomputation“ ein, bei der Turingmaschinen zu sogenanntenOrakel-Maschinen erweitert werden. So wurde das Studium von nicht-deterministisch lösbaren Problemen ermöglicht.
Nach seiner Rückkehr nach Cambridge im Jahr 1939 besuchte Turing Vorlesungen des österreichisch-britischen PhilosophenLudwig Wittgenstein (1889–1951) über die Grundlagen der Mathematik.[12] Die Vorlesungen wurden Wort für Wort aus den Notizen der Studenten rekonstruiert, einschließlich Zwischenrufe von Turing und anderen Studenten.[13] Die beiden diskutierten und stritten vehement: Turing verteidigte den mathematischenFormalismus, während Wittgenstein der Meinung war, dass Mathematik überbewertet sei und keine absolute Wahrheit zutage bringen könne.[14]
Turings Mitwirkung als einer der wichtigstenCodeknacker bei der Entzifferung der Enigma war bis in die 1970er Jahre geheim; nicht einmal seine engsten Freunde wussten davon. Die Entzifferung geheimer deutscher Funksprüche war eine kriegsentscheidende Komponente für den Sieg der Alliierten imU-Boot-Krieg und imAfrikafeldzug.[16]
Ab 1948 lehrte Turing an derUniversität Manchester und wurde im Jahr 1949 stellvertretender Direktor der Computerabteilung. Hier arbeitete er an der Software für einen der ersten echten Computer, denManchester Mark I, und gleichzeitig weiterhin verschiedenen theoretischen Arbeiten. InComputing machinery and intelligence (Mind, Oktober 1950) griff Turing die Problematik derkünstlichen Intelligenz auf und schlug denTuring-Test als Kriterium vor, ob eine Maschine dem Menschen vergleichbar denkfähig ist. Da der Denkvorgang nicht formalisierbar ist, betrachtet der Test nur die Antworten einer Maschine im Dialog mit einem Menschen, d. h. das kommunikative Verhalten der Maschine. Wenn dieses von einem menschlichen Verhalten nicht unterscheidbar erscheint, soll von maschineller Intelligenz gesprochen werden. Er beeinflusste durch die Veröffentlichung die Entwicklung der künstlichen Intelligenz maßgeblich.
1952 schrieb er dasSchachprogrammTurochamp. Da es keine Computer mit ausreichender Leistung gab, um es auszuführen, übernahm Turing dessen Funktion und berechnete jeden Zug selbst. Dies dauerte bis zu 30 Minuten pro Zug. Das einzige schriftlich dokumentierte Spiel verlor er gegen einen Kollegen.[17]
Arbeit an mathematischen Problemen der theoretischen Biologie
Von 1952 bis zu seinem Tod 1954 arbeitete Turing an mathematischen Problemen der theoretischen Biologie. Er veröffentlichte 1952 eineArbeit zum ThemaThe Chemical Basis ofMorphogenesis. In diesem Artikel wurde erstmals ein Mechanismus beschrieben, wieReaktions-Diffusions-Systeme spontan Strukturen entwickeln können. Dieser alsTuring-Mechanismus bekannte Prozess steht noch heute im Mittelpunkt vieler chemisch-biologischerStrukturbildungstheorien. Turings weiteres Interesse galt dem Vorkommen derFibonacci-Zahlen in der Struktur von Pflanzen. Spätere Arbeiten blieben bis zur Veröffentlichung seiner gesammelten Werke 1992 unveröffentlicht.
1952 half der 19-jährige Arnold Murray, zu dem Turing eine gleichgeschlechtliche Beziehung hatte, einem Komplizen dabei, in Turings Haus einzubrechen. Turing meldete daraufhin einen Diebstahl bei der Polizei, die ihm als Folge der Ermittlungen eine sexuelle Beziehung zu Murray vorwarf. Dahomosexuelle Handlungen zu dieser Zeit in England – wie in den meisten anderen Ländern – strafbar waren, wurde Turing wegen „grober Unzucht und sexueller Perversion“ angeklagt. Turing sah keinen Anlass, sich wegen dieser Vorwürfe zu rechtfertigen.
Nach seiner Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe wurde er vor die Wahl gestellt, die Haftstrafe anzutreten oder – da zu seiner Zeit Homosexualität von weiten Teilen derPsychiatrie als Krankheit angesehen wurde – sich behandeln zu lassen. Er entschied sich für die ärztliche Behandlung, zu der auch eine medikamentöse Behandlung mit dem HormonÖstrogen gehörte. Diesem wurde eine triebhemmende Wirkung zugeschrieben. Die Behandlung dauerte ein Jahr und führte zu Nebenwirkungen wie derVergrößerung der Brustdrüse. Auch wenn er seine körperlichen Veränderungen mit Humor kommentierte, muss die Verweiblichung seiner Konturen den sportlichen Läufer und Tennisspieler schwer getroffen haben. Turing erkrankte an einerDepression.[18] Im Herbst 1952 begann Turing seine Therapie bei dem aus Berlin stammenden und seit 1939 in Manchester lebendenPsychoanalytiker Franz Greenbaum. Dieser war ein AnhängerC. G. Jungs und war ihm von Freunden als für seinen Fall verständnisvoll empfohlen worden. Turing entwickelte auch ein freundschaftliches Verhältnis zur Familie Greenbaum, die er auch privat besuchte.[19]
1954 starb Turing im Alter von 41 Jahren, wahrscheinlich entsprechend der offiziellen Feststellung durchSuizid, an einerCyanidvergiftung. Dem Anschein nach von einem vergifteten Apfel herrührend, den man halb aufgegessen neben ihm auffand. Die Ermittler versäumten es jedoch, den Apfel auf Gift untersuchen zu lassen. Es wird berichtet, dass Turing seit 1938, nachdem er den FilmSchneewittchen und die sieben Zwerge gesehen hatte, immer wieder die VerseDip the apple in the brew / Let the sleeping death seep through (In der deutschen Version: „Tauch den Apfel tief hinein / bis das Gift wird in ihm sein.“) sang. Der These, dass Turings Tod ein Unfall im Zusammenhang mit einem chemischen Versuch war, wird von Andrew Hodges, einem seiner Biographen, entschieden widersprochen.[19] Unter seinen Biographen ist die Annahme verbreitet, die Auswirkungen der Hormonbehandlung seien die Hauptursache für den Suizid gewesen.
Offizielle Entschuldigung, Danksagung und Rehabilitierung
Ab etwa den späten 2000er Jahren unternahmen britische Bürger eine Reihe von öffentlichkeitswirksamen Aktivitäten, um das von Turing erlittene Unrecht bekannt zu machen und seine formaleRehabilitierung zu erreichen, also einen Widerruf oder eine Aufhebung des damaligen Urteils. Dies führte im Jahr 2013 zum Erfolg.
Im Jahr 2009 unterzeichneten rund 30.000 Briten eine bei der Regierung eingereichte Online-Petition, in der einepostume Entschuldigung von der britischen Regierung gefordert wurde.[20] Der Initiator der Kampagne, der britische Programmierer John Graham-Cumming, regte an, Alan Turing eineRitterwürde zu verleihen.[21][22] Am 10. September 2009 veröffentlichte der damalige britische PremierministerGordon Brown eine Erklärung, in der er im Namen der britischen Regierung die Verfolgung Turings bedauerte und seinen außerordentlichen Beitrag während desZweiten Weltkriegs würdigte. Dabei spielte er auch auf denstrategischen Vorteil der Alliierten durch die Entschlüsselung der „Enigma“ an und unterstrich deren Bedeutung:
„Es ist keine Übertreibung, wenn man sagt, dass ohne seinen herausragenden Beitrag die Geschichte des Zweiten Weltkriegs durchaus deutlich anders hätte verlaufen können. Er war wirklich einer jener Menschen, deren einzigartiger Beitrag dazu beigetragen hat, den Kriegsverlauf zu wenden. Die tiefe Dankbarkeit, die wir ihm schulden, macht es daher umso grauenhafter, dass er derart inhuman behandelt wurde. Im Namen der britischen Regierung und all derer, die dank Alans Arbeiten in Freiheit leben, bin ich daher sehr stolz zu sagen: Es tut uns leid, Sie hatten so viel Besseres verdient.“
Da die Strafverfolgung seiner sexuellen Ausrichtung damals gesetzeskonform war, wurde eine nachträgliche Aufhebung der Verurteilung Turings zunächst von offizieller Seite als unmöglich dargestellt. Noch 2012 weigerte sich die Regierung von Browns NachfolgerDavid Cameron, 49.000 Homosexuelle, die nach demCriminal Law Amendment Act von 1885 verurteilt worden waren, postum zu rehabilitieren.[23]
Im Jahr 2013 wurde bekannt, dass die britische Regierung nun doch die Absicht habe, Turing zurehabilitieren. DasOberhausmitgliedJohn Sharkey beantragte dies. Das konservative Mitglied des OberhausesTariq Ahmad kündigte die Zustimmung der Regierung an. Der Liberaldemokrat Sharkey hatte in den 1960er Jahren inManchester Mathematik bei Turings einzigem DoktorandenRobin Gandy studiert. Eine dritte Lesung des Antrags beraumte die Regierung für Ende Oktober an.[23][24]
Am 24. Dezember 2013 wurde Alan Turing durch ein allein dem Monarchen zustehendes besonderes Gnadenrecht begnadigt, das sogenannteRoyal Pardon. JustizministerChris Grayling hatte diese Begnadigung beiElisabeth II. beantragt. Turing gilt damit auch als offiziell rehabilitiert.[25]
Im April 2016 entschuldigte sich Robert Hannigan, der damalige Leiter des britischen GeheimdienstesGCHQ, für die Behandlung von Homosexuellen durch seine Institution und bezog dies ausdrücklich auch auf Alan Turing.[26]
Anfang 2015 verlangten Mitglieder der Familie Alan Turings unter weiterer, teils prominenter Unterstützung (Stephen Fry, Turing-DarstellerBenedict Cumberbatch) in einerPetition an das britische Parlament dieRehabilitierung auch aller anderen der in England unter den Homosexuellen-Gesetzen Verurteilten. Die Petition wurde von ca. 500.000 Personen unterschrieben und sollte von Turings Großneffen Nevil Hunt und der Großnichte Rachel Barns überreicht werden.[27]
Am 21. Oktober 2016 lehnte das britische Parlament einen Gesetzesentwurf ab, der eine Rehabilitierung in Form einer generellen Rehabilitierung aller lebenden, früher für Homosexualität verurteilten Personen vorsah. Dieser Gesetzesentwurf ging einigen zu weit, anderen nicht weit genug.[28] Am 31. Januar 2017 wurde von Königin Elisabeth II. ein Gesetz in Kraft gesetzt, das aufbauend auf der Begnadigung von Turing allen Männern die Strafe aufhebt, falls zu dem Zeitpunkt beide über 16 Jahre alt waren, als sie den geahndeten Akt in gegenseitigem Einvernehmen vollzogen. Ausgenommen sind weiterhin Verurteilungen wegen homosexueller Handlungen in öffentlichen Toiletten. Das Gesetz schließt auch bereits verstorbene Personen ein. Ein noch lebender Betroffener kann beantragen, dass die Strafe aus seiner polizeilichen Führungsakte gestrichen wird, und Historiker können darauf hinweisen, dass eine Verurteilung verstorbener Personen nach geltendem Recht ungültig ist. Das Gesetz, das von JustizministerSam Gyimah als „Turings Gesetz“ bezeichnet wurde, ist eine Ergänzung zumPolicing and Crime Act und nimmt keinen Bezug auf andere Gesetze, unter denen homosexuelle Handlungen verfolgt werden konnten. VonMichael Cashman, einem der Initiatoren des Gesetzes, wurden jedoch weitere Vereinbarungen abgesichert, die einen entsprechend umfassenden Straferlass für alle homosexuellen Handlungen ermöglichen.[29]
Am 23. Juni 1998, der Turings 86. Geburtstag gewesen wäre, wurde eineBlaue Plakette(English Heritage Blue Plaque) an seinem Geburtshaus in Warrington Crescent, London, enthüllt.[30]
Eine Turing-Statue wurde am 23. Juni 2001 in Manchester enthüllt. Sie steht imSackville Park, zwischen den wissenschaftlichen Gebäuden derUniversität Manchester und dem bei Homosexuellen beliebten Viertel derCanal Street.
An seinem 50. Todestag, dem 7. Juni 2004, wurde zum Gedenken an Turings frühzeitigen Tod eine Tafel an seinem früheren Haus „Hollymeade“ in Wilmslow enthüllt.
DerBletchley Park Trust hat am 19. Juni 2007 eine Statue Turings inBletchley Park enthüllt. Die Skulptur wurde vonStephen Kettle gestaltet, der als Material für sein KunstwerkwalisischenSchiefer verwendete.[31]
Im „Turing-Jahr 2012“ fanden zu Alan Turings hundertstem Geburtstag weltweit Veranstaltungen zur Würdigung seiner Leistungen und zum Gedenken daran statt.[32]
Im Jahr 2014 wurde er in dieHall of Honor (Ehrenhalle) des US-GeheimdienstesNSA(National Security Agency) aufgenommen.[33]
Am 15. Juli 2019 kündigte derGouverneur der Bank of England,Mark Carney, eine 50-Pfund-Note mit Turings Bildnis für 2021 an.Am 25. März 2021 wurde sie erstmals herausgegeben. An diesem Tag hisste dieBank of England dieRegenbogenfahne statt wie üblich diebritische Nationalflagge.[34] Die Banknote ist neben Turings Bild mit einem Zitat von ihm versehen: “This is only a foretaste of what is to come, and only the shadow of what is going to be.”[35]
Am 26. Mai 2022 wurde einTriebzug vonGreat Western Railway (800 008) während einer Zeremonie imBahnhof London Paddington zu Ehren von Alan Turing benannt. Die Taufe des Zuges wurde von seinen Nichten Janet Robinson und Inagh Payne durchgeführt. Dieser Zug weist außerdem an beiden Enden eine Regenbogen-Lackierung zu Ehren derLGBTQ-Community auf.[37]
Alan Turing war ein hervorragenderLangstreckenläufer. Von 1946 an startete er bei Wettkämpfen für denWalton Athletic Club. Bei den englischen Meisterschaften imMarathon 1947 wurde er Fünfter in 2:46:03 h, nur gut fünf Minuten langsamer als die Zeit, mit der sichStan Jones beimPolytechnic Marathon des folgenden Jahres (bei dem Turing verletzt fehlte) als dritter britischer Mann hinterJack Holden undTom Richards für den Marathon derOlympischen Spiele 1948 in London qualifizierte. 1950 musste Turing wegen einer Beinverletzung seine Sportkarriere beenden.[38][39][40]
Angeblich hat sichApple beim Design seines Logos, eines angebissenen Apfels (ursprünglich in Regenbogenfarben), vom Tod des Computerpioniers Turing inspirieren lassen. Diese Annahme wurde jedoch vonSteve Jobs mit den Worten widerlegt, dass er wünschte, damals daran gedacht zu haben, es aber nicht habe.[41] Apple hatte die Legende im Sinn, nach derIsaac Newton zu seinerGravitationstheorie inspiriert worden sein soll, als ihm ein Apfel auf den Kopf fiel.[42] Der Logo-DesignerRob Janoff meinte, der Biss sei lediglich als Größenmaßstab hinzugefügt worden, um etwa eine Verwechslung mit einer Kirsche auszuschließen.[43]
2012 wurde imHeinz Nixdorf MuseumsForum inPaderborn zu Ehren von Turing ein einjähriger Zyklus von Ausstellungen unter dem TitelGenial & Geheim gezeigt.[45]
Berichte von Bekannten über ihn sind teilweise skurril: Er habe seine Teetasse immer mit einem Fahrradschloss an seine Heizung gekettet und sei mit zweckentfremdeter Gasmaske Fahrrad gefahren, um sich beim Radfahren vorHeuschnupfen zu schützen. Bewohner des Örtchens Bletchley erschraken darüber und glaubten bei seinem Anblick an einen deutschen Giftgasangriff.[46]
Am Institut für Informatik derUniversität Münster wurden gegen Ende des ersten Jahrzehnts der 2000er Jahre von Achim Clausing zwei Originaldrucke der bedeutendsten Veröffentlichungen Turings im Nachlass vonHeinrich Scholz entdeckt,[47] wovon eine seit 1945 verschollen gewesen war.[48] Es handelt sich um die ArbeitOn Computable Numbers, with an Application to the „Entscheidungsproblem“ von 1936, die Scholz noch im selben Jahr mit einer Postkarte von Turing erbeten hatte.[48] Auf Basis dieser Arbeit hielt Scholz nach Clausings Aussage „das weltweit erste Seminar über Informatik“.[48] Die zweite Arbeit stammt aus dem Jahr 1950 und ist eine Abhandlung über die Entwicklung der künstlichen Intelligenz, die Turing mit einem handschriftlichen Kommentar versah: „Dies ist wohl mein letztes Exemplar“.[48][49] BeiSotheby’s wurden vergleichbare Drucke Turings, die keine Widmung aufwiesen, für 180.000Euro versteigert.[48]
2017 wurde eine bis dahin unbekannte Sammlung von 147 Briefen von Turing entdeckt. Eine weitere Sammlung mit 141 Briefen wurde darüber hinaus im selben Jahr in einem Aktenschrank in einem Lagerraum der Universität Manchester aufgefunden. Die Briefe stammen aus den Jahren 1949 bis 1954. Die an der Universität Manchester entdeckten Briefe behandeln überwiegend seine Forschungsarbeit und wurden vom Archiv der Universität übernommen;[50] sie sind im Internet einsehbar.[51]
Alan M. Turing:On Computable Numbers, with an Application to the Entscheidungsproblem. In:Proceedings of the London Mathematical Society.Band42, 1937,S.230–265,doi:10.1112/plms/s2-42.1.230.
Alan M. Turing:The Chemical Basis of Morphogenesis. In:Philosophical Transactions of the Royal Society of London, series B.Band237,Nr.641, 1952,S.37–72,doi:10.1098/rstb.1952.0012.
Englische Ausgaben
Darrel C. Ince (Hrsg.):Mechanical intelligence (= Collected Works of A. M. Turing.Band1). North Holland, Amsterdam 1992,ISBN 978-0-444-88058-1.
J. L. Britton (Hrsg.):Pure Mathematics (= Collected Works of A. M. Turing.Band2). North Holland, Amsterdam 1992,ISBN 978-0-444-88059-8.
P. T. Saunders (Hrsg.):Morphogenesis (= Collected Works of A. M. Turing.Band3). North Holland, Amsterdam 1992,ISBN 978-0-444-88486-2.
Robin O. Gandy, C. E. M. Yates (Hrsg.):Mathematical Logic (= Collected Works of A. M. Turing.Band4). North Holland, Amsterdam 2001,ISBN 978-0-444-50423-4.
Jack Copeland (Hrsg.):The Essential Turing. Seminal Writings in Computing, Logic, Philosophy, Artificial Intelligence, and Artificial Life plus The Secrets of Enigma. Oxford University Press, Oxford 2004,ISBN 0-19-825080-0.
S. Barry Cooper, Jan van Leeuwen (Hrsg.):Alan Turing: His Work and Impact. Elsevier, New York 2013,ISBN 978-0-12-386980-7 (Enthält fast vollständig dieCollected Works, mit ausführlichem Kommentar, aber ohne Konkordanz).
Deutsche Ausgabe und Übersetzungen
Alan M. Turing:Kann eine Maschine denken? In:Hans Magnus Enzensberger (Hrsg.):Neue Mathematik (= Kursbuch.Band8). Suhrkamp, Frankfurt am Main 1967 (Originaltitel:Computing Machinery and Intelligence. 1950. Übersetzt von P. Gänßler).
Alan M. Turing:Kann eine Maschine denken? In: Walther Ch. Zimmerli, Stefan Wolf (Hrsg.):Künstliche Intelligenz. Philosophische Probleme. Reclam, Stuttgart 1994,ISBN 3-15-008922-0 (Originaltitel:Computing Machinery and Intelligence. 1950. Übersetzt von P. Gänßler).
Alan M. Turing:Computing Machinery and Intelligence. Können Maschinen denken? Hrsg.: Achim Stephan u. Sven Walter. Reclam, Stuttgart 2021,ISBN 978-3-15-019647-2.
Jack Copeland, Jonathan Bowen, Mark Sprevak u. Robin Wilson (Hrsg.):The Turing Guide. Oxford University Press, Oxford 2017,ISBN 978-0-19-874783-3.
Juliet Floyd, Alisa Bokulich (Hrsg.):Philosophical Explorations of the Legacy of Alan Turing. Turing 100. Springer, Berlin 2017,ISBN 978-3-319-53280-6 (= Boston Studies in the History of Science 324).
Christian Vater:Turings Maschinen. Eine Problemstellung zwischen Wissenschafts- und Technikgeschichte. Manutius, Heidelberg 2023,ISBN 978-3-944512-35-8 (= Dissertationsschrift Universität Heidelberg, mit ausführlicher Bibliographie).
Douglas R. Hofstadter:Besprechung von Alan Turing: The Enigma, in: ad libitum, Sammlung Zerstreuung, Nr. 18, S. 151–213, Volk und Welt, Berlin, 1990. Aus dem Amerikanischen.
Andrew Hodges:Alan Turing – The Enigma. Burnett Books, London, und Simon and Schuster, New York 1983, Vintage, New York 1992, (Biografie).
Alan Turing – Enigma. Übersetzung von Rolf Herken und Eva Lack. Kammerer und Unverzagt, Berlin 1989, 662 Seiten,ISBN 3-9801050-5-9. 2. Auflage Springer 1994,ISBN 3-211-82627-0.
David Leavitt:The Man Who Knew Too Much. Alan Turing and the Invention of the Computer. W W Norton & Co, 2006,ISBN 0-393-32909-7.
Sara Turing:Alan M. Turing. Centenary Edition. Oxford University Press, Oxford 2012,ISBN 978-1-107-02058-0. Die Erstausgabe erschien 1959.
Gordon Welchman:The Hut Six Story – Breaking the Enigma Codes. Allen Lane, London 1982; Cleobury Mortimer M&M, Baldwin Shropshire 2000,ISBN 0-947712-34-8.
2011:Codebreaker.Doku-Drama, Großbritannien, Buch: Craig Warner, Regie: Clare Beavan, Nic Stacey, Produktion:Channel 4, mitEd Stoppard als Alan Turing.[53] Deutschsprachige Erstsendung beiServusTV alsDer Codeknacker. Alan Turing, Erstsendung: 4. Juni 2014.
2014:Der Fall Alan Turing oder Wie ein Mathegenie Hitler knackte. (OT:La drôle de guerre d’Alan Turing ou Comment les maths ont vaincu Hitler.) Dokumentarfilm, Frankreich, 2014, 59:56 Min., Buch und Regie: Denis van Waerebeke, Produktion: Les Films d’ici,arte France, Off World,RTBF, Erstsendung: 6. Juni 2014 bei arte.
2015: Erwähnung im FilmSteve Jobs: Hier wurde Turing von Steve Jobs dem fiktiven Journalisten Joel Pforzheimer als Teil der kommendenThink Different Kampagne mit folgenden Hyperbeln präsentiert: „Er hat im Alleingang den zweiten Weltkrieg gewonnen und ganz nebenbei den Computer erfunden. Aber er wird nicht Teil der Kampagne sein.“ Auf dessen Frage warum nicht, antwortete Jobs: „Weil Sie mich gerade fragen mussten, wer das ist.“ Möglicherweise ist die zu geringe Bekanntheit ein unterhaltsamer Versuch zu erklären, warum Turing nicht Teil der echten Kampagne war.
La Machine de Turing (dt.:Die Turing-Maschine) vonBenoît Solès, Uraufführung 2019, ausgezeichnet mit vierMolières[54]
Alan - Mensch Maschine von Christian Heiß undThorsten Krohn, basierend auf der BiographieAlan Turing: The Enigma vonAndrew Hodges, Uraufführung am 30. November 2023 durch die Kulturbühne Spagat, München[55]
Die BremerAlternative-Rock-Band The Paleo Paranoids setzte in ihrem SongBite the Apple vom 2018er AlbumCargo Alan Turing ein musikalisches Denkmal.[58][59]
↑Cora Diamond (Hrsg.):Wittgenstein's Lectures on the Foundations of Mathematics, University of Chicago Press, 1976.
↑Andrew Hodges:Alan Turing: The Enigma. Princeton University Press, 2014,ISBN 978-0-691-16472-4,S.193–195.
↑Gordon Welchman:The Hut Six Story – Breaking the Enigma Codes. Allen Lane, London 1982; Cleobury Mortimer M&M, Baldwin Shropshire 2000, S. 11,ISBN 0-947712-34-8.
↑Er knackte den geheimen Code. Er wollte nichts als seine Ruhe. Doch man liess sie ihm nicht. Am Ende wurde er von den Briten diszipliniert, deren Überleben er gesichert hatte. Eine Hommage an Alan Turing, den Dechiffreur der Nazi-Enigma und Erfinder des Computers. In:Das Magazin, Nr. 6, 2012, ThemenheftDigitales Glück.
↑abJack Schofield:No 10 apologises for “appalling” treatment of Alan Turing. In:The Guardian, 11. September 2009. Originalzitat:“It is no exaggeration to say that, without his outstanding contribution, the history of World War Two could well have been very different. He truly was one of those individuals we can point to whose unique contribution helped to turn the tide of war. The debt of gratitude he is owed makes it all the more horrifying, therefore, that he was treated so inhumanely. So on behalf of the British government and all those who live freely thanks to Alan’s work, I am very proud to say: we’re sorry, you deserved so much better.”
↑Press Association: GCHQ chief apologises for 'horrifying' treatment of Alan Turing. In: The Guardian. 16. April 2016, abgerufen am 16. April 2016 (englisch): „I am happy to do so today and to say how sorry I am that he and so many others were treated in this way, right up until the 1990s, when the policy was rightly changed. The fact that it was common practice for decades reflected the intolerance of the times and the pressures of the cold war, but it does not make it any less wrong and we should apologise for it. Their suffering was our loss and it was the nation’s loss too because we cannot know what Ian and others who were dismissed would have gone on to do and achieve. We did not learn our lesson from Turing.“
↑Großbritannien startet eigenes Austausch-Programm. Über das neue Turingprogramm sollen Tausende Briten weltweit studieren. Sie können unter vielen Partnerländern wählen. 4. August 2021, abgerufen am 7. Juni 2023.
↑Heinz Billing:Ein Leben zwischen Forschung und Praxis. Selbstverlag F. Genscher, Düsseldorf 1997, S. 156; wiedergegeben nach Herbert Bruderer:Konrad Zuse und die Schweiz: Wer hat den Computer erfunden? Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2012,ISBN 978-3-486-71665-8,S. 64, (online).