Aktivismus

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unterAktivismus (Begriffsklärung) aufgeführt.

AlsAktivismus (vonlateinischactivus „tätig, aktiv“) wird eine von Menschen(Aktivisten) ausgeübte Praxis bezeichnet, die mit Taten Ziele fördert („Taten statt Worte“). Oft sind diese im weitesten Sinn politischer Art und stammen insbesondere aus den Bereichen derSozial-,Umwelt-, Mieten- und Wohnungspolitik, sowie derWirtschaftspolitik. Außerdem derBürger- undMenschenrechte, demAntimilitarismus,Pazifismus und derFriedensbewegung. Im Bereich despolitisch linken Spektrum werden viele dieser Aktivitäten unter dem SammelbegriffNeue Soziale Bewegungen subsumiert.

Aktivisten und Aktivistinnen unterscheiden sich vomBerufs-Politikern vor allem darin, dass sie Ziele nicht über direkte Teilhabe an dem formellen politischen Prozess innerhalb der vonpolitischen Parteien dominiertenparlamentarischen Demokratie erreichen wollen, etwa durch Anstreben eines politischen Amts oder Mitarbeit in einerPartei, sondern auf eher informelle Art und Weise – etwa durchÖffentlichkeitsarbeit, Kundgebungen,Demonstrationen undVolksbegehren sowieInternet-Aktivitäten wieOnline-Abstimmungen (auch alsCyberaktivismus). Außerdem in den BereichenTierrechte,Tierschutz,Tierbefreiung,Antispeziesismus sowieKlimagerechtigkeit.

Aktivisten und Aktivistinnen organisieren sich beispielsweise inBürgerinitiativen,Bürgerbewegungen,Genossenschaften,Gewerkschaften, politisch aktiven Gruppen, Initiativen, alternativenKollektiven,Netzwerken, Verbänden,Vereinen, Vereinigungen sowie Zentralräten.

Ein informeller oder auch organisierter Zusammenschluss vieler Aktivisten wird bei entsprechenden Zielen auchSoziale Bewegung genannt. Größere organisierte Zusammenschlüsse von gleichgesinnten Aktivisten werden teilweise auch alsNichtregierungsorganisationen (NGO) bezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

Allgemeines

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Definitionen

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Karl Popper definiertAktivismus als „Die Neigung zur Aktivität und die Abneigung gegen jede Haltung des passiven Hinnehmens.“[1] DerGegenbegriff zu Aktivismus istAttentismus. Für eine ziellose, unreflektierte, auf dieAktivität als Selbstzweck gerichtete Vorgehensweise wird hingegen im Allgemeinen der BegriffAktionismus verwendet.

Noam Chomsky definierte 1970:

„Die Rolle der Intellektuellen und radikalen Aktivisten besteht im Beurteilen und Bewerten, im Überzeugen und Organisieren, und nicht in der Machtergreifung und Herrschaft.“[2]

Abgrenzung zu Radikalismus und Extremismus, Radikalisierung

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Wo genau die Grenzen zwischen Aktivismus undRadikalismus bzw.Extremismus laufen, ist nicht einheitlich definiert und wird unterschiedlich bewertet, da auch innerhalb der politischen Aktivismen z. B. das Verhältnis zum Einsatz vonzivilem Ungehorsam in Form bewusster Rechtsverstöße (Illegalität) oder gar passiver oder aktiver Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele unterschiedlich gesehen wird. In einer auf dasBundesamt für Verfassungsschutz zurückgehenden Definition wird Radikalismus als eine „überspitzte, zum Extremen neigende Denk- und Handlungsweise“ bezeichnet, die jedoch „gesellschaftliche Probleme und Konflikte bereits ‚von der Wurzel (lat. radix) her‘ anpacken will“ und daher „in unserer pluralistischen Gesellschaftsordnung ihren legitimen Platz“ habe (Systemveränderung), während Extremismus zum Ziel habe, „den demokratischen Verfassungsstaat und die damit verbundenen Grundprinzipien der Verfassungsordnung zu bekämpfen“ (Systemüberwindung).[3] Im Gegensatz hierzu ist für den politischen Philosophen Roger Scruton der Begriff „Extremismus“ zweideutig und kann sowohl die politischen Ziele einer Gruppe als auch deren akzeptierte Mittel zu ihrer Durchsetzung beschreiben, die nach Scruton „das Leben, die Freiheit und die Menschenrechte von anderen beeinträchtigen oder aufs Spiel setzen“. In der Forschung wird daher häufig eine Unterscheidung von „kognitivem Extremismus“, dessen Ziel- und Wertvorstellungen dem gesellschaftlichen Konsens drastisch widersprechen, und „gewaltbereitem Extremismus“ verwendet.

Der Übergang vom Aktivismus bzw. Radikalismus zum Extremismus wird in diesem Konzept durch den Übergang vom kognitiven zum gewaltbereiten Extremismus beschrieben. In der auf die Politikwissenschaftlerin Zeyno Baran zurückgehenden Fließbandhypothese wird zunächst ein Prozess der kognitivenRadikalisierung durchlaufen, der kognitive Extremismus ist dann Voraussetzung für evtl. gewaltbereiten Extremismus.[4]

Beispiele

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Die BegriffeAktivist oderAktivismus finden z. B. in folgenden Bereichen Verwendung:

Zumeist emanzipatorisch, fortschrittlicher Aktivismus

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Zumeist konservativer und rechter, rechtsextremer Aktivismus

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Im politischen Bereich Spektrenübergreifend

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Aktivismus im Bereich der Konsumgesellschaft

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Wortgeschichte

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Frühes 20. Jahrhundert

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Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bezeichnete das Wort „Aktivismus“ eine philosophische Denkrichtung. Der PhilosophRudolf Eucken vertrat inGrundlinien einer neuen Lebensanschauung (1907) einen „schöpferischen Aktivismus“.[10] InRudolf EislersPhilosophen-Lexikon (1912) wird Aktivismus als philosophische Schule erwähnt. In der zweiten Auflage seinesHandwörterbuchs der Philosophie (1922) wird auch eine literarische Ausprägung des Aktivismus erwähnt.[11] Der SchriftstellerKurt Hiller hatte das Wort seit 1914 als Bezeichnung für eine literarische Strömung in Abgrenzung zumExpressionismus verwendet, deren bedeutendster Vertreter in ÖsterreichRobert Müller war. Während letzterer eine Ausdrucksart bezeichne, gehe es demAktivismus um eine Gesinnung.[12] Hiller setzte zudem den Begriff des Aktivismus gegen den „Passivismus“.Karl Kraus verspottete die Strömung 1920 in seiner ZeitschriftDie Fackel.[13] Der SchriftstellerRobert Musil verwendet in seinem RomanDer Mann ohne Eigenschaften den Begriff des „aktiven Passivismus“.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

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Arbeiter eines VEB in der SBZ vor einem Propagandaplakat der Aktivisten-Bewegung (Fotomontage)

Der von denNationalsozialisten als positive Eigenbezeichnung verwendete Begriff (etwa vonHans Schemm, der 1929 in der Lehrerschaft eine „aktivistische Kerntruppe“ schaffen wollte[14] oder vonJoseph Goebbels in einem Brief vom 30. März 1945 zur Gründung des„Freikorps Adolf Hitler“ im „Volkssturm“, wo er von „Aktivisten der Bewegung, Freiwilligen des Volkssturms und Freiwilligen der Werkschar“ schreibt), wurde folgerichtig in derKontrollratsdirektive Nr. 38[15] für eine Kategorie von NS-belasteten Personen in Deutschland benutzt. Auf die „Hauptschuldigen“ folgte die Gruppe der „Belasteten“, zu diesen gehörten die „Aktivisten“.

In Artikel III, Teil A hieß es unter anderem: „Aktivist ist:

  1. Wer durch seine Stellung oder Tätigkeit die nationalsozialistische Gewaltherrschaft wesentlich gefördert hat;
  2. Wer seine Stellung, seinen Einfluss und seine Beziehungen zur Ausübung von Zwang, Drohung, Gewalttätigkeiten, Unterdrückung oder sonst ungerechten Maßnahmen ausgenutzt hat;
  3. Wer sich als überzeugter Anhänger der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, insbesondere ihrer Rassenlehre, offen bekannt hat.“

sowie:„Aktivist ist auch, wer nach dem 8. Mai 1945 durch Propaganda für den Nationalsozialismus oder Militarismus oder durch Erfindung und Verbreitung tendenziöser Gerüchte den Frieden des deutschen Volkes oder den Frieden der Welt gefährdet hat oder möglicherweise noch gefährdet.“

Das WortAktivist wurde gleichwohl im Sprachraum derSBZ und der frühenDDR für eine gemeinnutzen- und neuerungsorientierte Einstellung zurArbeit wiederverwendet, indem man dort dieAktivistenbewegung proklamierte.Aktivist der sozialistischen Arbeit war eine häufig verliehene Auszeichnung im Rahmen dessozialistischen Wettbewerbs der DDR. Zum Propagandaleitbild wurde 1948 der BergmannAdolf Hennecke aufgebaut. DerTag der Aktivisten wurde jährlich ab 1949 am 13. Oktober, dem Tag der Sonderschicht Henneckes, in der DDR begangen. Vorbild für den sozialistischen Begriff des Aktivisten war das russische Wort „aktivist“, das den Angehörigen einesAktivs bezeichnete, eine nach sowjetischem Vorbild geschaffene Bezeichnung für eine Arbeitsgruppe.[13]

Literatur

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  • Knut Cordsen:Die Weltverbesserer: Wie viel Aktivismus verträgt unsere Gesellschaft? Aufbau Verlag, Berlin 2022,ISBN 978-3-8412-3016-4.
  • Aktivist. In: Gabler Wirtschaftslexikon. Springer, Gabler, abgerufen am 22. Januar 2023. 

Weblinks

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Commons: Aktivist – Sammlung von Bildern und Audiodateien
Wiktionary: Aktivismus – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

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  1. Karl R. Popper:Das Elend des Historizismus. 4. Auflage. Mohr, Tübingen 1974,ISBN 3-16-532721-1, S. 7 (Die Einheit der Gesellschaftswissenschaften. Band 3).
  2. Norbert Seitz:Das politische Vermächtnis eines linken Idols.Deutschlandfunk, 11. August 2014. Abgerufen am 11. August 2014.
  3. Bundeszentrale für politische Bildung: Abgrenzung von Extremismus, Radikalismus und Radikalisierung. 11. August 2020, abgerufen am 2. August 2023. 
  4. Bundeszentrale für politische Bildung: Radikalisierung, Deradikalisierung & Extremismus. 9. September 2015, abgerufen am 2. August 2023. 
  5. DeutschlandfunkMein Jahr unter Sprachrettern - Der Verein Deutsche Sprache und sein Umfeld,Deutschlandfunk 10. Dezember 2024
  6. Karl-Heinz Göttert:Purismus Diese Sprachschützer sind einfach peinlich. In:Die Welt vom 26. September 2013.
  7. Tom Bieling:Design (&) Activism – Perspectives on Design as Activism and Activism as Design. Mimesis International, Milano 2019,ISBN 978-88-6977-241-2. 
  8. Kathrin Rosendorff: Mode-Aktivismus in Frankfurt: Gegen Textilmüll und Ausbeute. Frankfurter Rundschau, 18. April 2022, abgerufen am 6. April 2023. 
  9. Judith Kohl: Ein zweites Händchen für Mode. Frankfurter Rundschau, 10. März 2022, abgerufen am 7. April 2023. 
  10. Stiftung Deutsches Historisches Museum: Gerade auf LeMO gesehen: LeMO Biografie. Abgerufen am 9. Oktober 2019. 
  11. Rudolf Eisler:Handwörterbuch der Philosophie. Berlin 1922,S. 16. 
  12. Kurt Hiller. Abgerufen am 9. Oktober 2019. 
  13. abMatthias Heine:Aktivist: Wortgeschichte und Bedeutung des Wortes. 26. Februar 2014 (welt.de [abgerufen am 9. Oktober 2019]). 
  14. Henning Heseke:Und morgen die ganze Welt. Erdkundeunterricht im Nationalsozialismus. S. 63f.
  15. Kontrollratsdirektive Nr. 38 vom 12. Oktober 1946.In:Amtsblatt des Kontrollrats in Deutschland, Nummer 11 vom 31. Oktober 1946, S. 184,urn:nbn:de:101:1-201301315086.
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