Festlich beflaggt ist das gotische Rathaus von Stralsund wie sonst nur an hohen Festtagen. Ein Fanfarenbläser im historischen Kostüm schmettert vom Balkon des Hauses das Pommernlied. So viel Ehre wird nur berühmtem Besuch zuteil.
Der kleine Mann mit dem Jungengesicht lächelt. Das Brimborium gilt ihm, Friedrich Bohl, 50, dem Bundesminister für besondere Aufgaben.
Der Chef des Kanzleramts ist - am vorletzten Mittwoch - auf Sommertour an die Ostsee gekommen. Er reist als des Kanzlers Postillon und Ratgeber, als Diener und Vollstrecker. Die Honoratioren stehen Schlange, als wäre Helmut Kohl persönlich zu ihnen herabgestiegen.
Bohl genießt das Gedränge und Geschubse, die Fahnen und Fanfaren, auch wenn er so tut, als sei der Wirbel übertrieben. Er ist davon überzeugt, daß die Leute ihn zu Recht bedeutend finden.
»Bubi« haben sie ihn in der Schule genannt, weil er schon damals den Eindruck machte, als könne er - trotz großer Klappe - kein Wässerchen trüben. »Sie sehen auch aus wie eine Jungfer!« höhnte Herbert Wehner, als der damals 36jährige CDU-Abgeordnete mit dem Konfirmandengesicht 1981 im Bonner Bundestag seine erste, die Jungfernrede hielt.
Immer noch staunen die Leute über den absonderlichen Kontrast zwischen Amt und Person: Daß so ein Mickerling es geschafft hat, sich nach oben zu boxen, ist schwer zu fassen.
Von wegen »Bubi«. Neben seinem wuchtigen Chef wirkt er zwar immer noch wie ein Strichmännchen, aber wer genauer hinsieht, spürt die Härte, die hinter der freundlichen Fassade lauert. Bohls Augen blicken »aus dem jugendlichen Gesicht heraus, als spähe ein wachsamer Vogel aus seinem Nistkasten« (Rheinischer Merkur). Dieser Schmächtige hat Macht.
Was er sagt, hat Gewicht, nicht weil es klug oder originell ist, sondern weil immer der Wille des Chefs dahinter vermutet wird. Widerstand gegen des »Kanzlers Ordnungsmacht« (Süddeutsche Zeitung) ist meistens zwecklos. »Der Mann«, sagt sein Parteifreund und Kabinettskollege Klaus Töpfer, »hat mehr Einfluß auf die Regierungsgeschäfte, als mancher Fachminister ahnt.«
Bohl horcht - und gehorcht. Handle so, lautet sein kategorischer Imperativ, daß die Maxime deines Willens niemals den Konsens der Koalition und damit die Macht des Kanzlers gefährdet.
Vorlagen, Gesetzentwürfe, Problemlösungen gelangen erst dann auf die Tagesordnung des Kabinetts, wenn sie seinen Schreibtisch passiert haben. Streitige Kabinettsdiskussionen mit offenem Ausgang sind verpönt. Die Entscheidungen fallen vorher im kleinen Kreis - und immer ist Bohl dabei. Die präsidiale Arbeitsweise des Kanzlers verschafft ihm eine einzigartige Machtposition.
Bohl ist unter Kohl eine Art Premierminister: direkt dem großen Kanzler unterstellt, damit erheblich gleicher als die anderen Kabinettskollegen.
Er ist Kohls mobile Eingreifreserve. Droht ein Konflikt zu eskalieren, hat sich ein Schwelbrand entzündet, rückt er als Schlichter und Feuerwehr aus. »Was Bohl anpackt«, sagt ein CDU-Minister - halb genervt und doch beeindruckt -, »das gerät automatisch zum Kompromiß.«
Bohls Machtfülle ist durch kein Gesetz beschränkt - das einzige Regulativ heißt Kohl. Das präsidiale Regierungssystem funktioniert nicht nur im Urlaub. Es ist inzwischen Regierungsalltag.
So viel Macht hat ihren Preis. Bohl entrichtet ihn. Niemals hätte der mißtrauische Kohl seinem Kanzleichef so viele Vollmachten gegeben, wenn der sich ihm nicht 150prozentig unterworfen hätte.
Bei den üblichen Loyalitätsbekundungen läßt er es nicht bewenden. Bohl steigert das Ergebenheitsritual bis zur Karikatur. Wenn Kohl in seiner Nähe erscheint, schrumpft der Minister zum Höfling.
Niemand lacht morgens, wenn das Kabinett zusammenkommt, lauter und heftiger über einen Kanzlerscherz als der Kanzleramtsminister Bohl. Ist Kohl schlecht gelaunt, trägt auch Bohl düstere Züge. Freut er sich, freut sich Bohl. Zieht er über einen Kollegen her, setzt Bohl noch einen drauf.
Ein »Nickesel« aber sei er dennoch nicht, behaupten die Getreuen, die ihn täglich in der berühmten Kanzlerlage erleben. Auch Peter Struck, SPD-Freund seit gemeinsamen Zeiten als Parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion, hat ihn »nie servil« erlebt: »Der sieht zwar aus wie ein Buchhalter, ist aber kein Aktenkofferträger.«
Niemals würde Bohl, sagt er selbst, dem Kanzler öffentlich Kontra geben. Wenn es einmal Meinungsverschiedenheiten gibt, trägt er sie unter vier Augen in Kohls Arbeitszimmer aus. »Wenn ich das Zimmer verlasse, vertrete ich nur noch die Meinung des Bundeskanzlers.«
Kadavergehorsam? Kriechertum? »Wenn ich damit nicht einverstanden wäre«, antwortet Bohl kühl, »müßte ich zurücktreten.«
Neu ist das nicht. Auch der Kanzleramtsminister Wolfgang Schäuble wußte stets, wer bei Kohl recht hat und wer nicht. »Am Ende stelle ich meine Meinung immer hintenan«, hatte Schäuble schon als Fraktionsgeschäftsführer erklärt. Aber er ließ durchblicken, daß es auch schon einmal gravierende Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und dem Allmächtigen gab. Nur hatte er »keine Lust«, darüber zu sprechen.
Tiefgreifende Differenzen sind zwischen Bohl und Kohl kaum vorstellbar. Das Weltbild des im nordhessischen Kirchhain bei Marburg als Sohn eines Landwirtschaftslehrers aufgewachsenen Juristen ist ebenso geordnet wie das des Pfälzers Kohl: Auf der guten Seite steht die CDU. Kommunisten, Sozialisten und Grüne sind die Bösen.
Als aggressiv, fies und hinterhältig haben altgediente Abgeordnete den Hinterbänkler Bohl aus den frühen achtziger Jahren in Erinnerung. Freundlich, verbindlich, zuverlässig, so lauten die Beiworte, die heute den Minister schmücken.
Der Mann war und ist vielseitig verwendbar: als Ekelpaket und Staatsmann, als Polemiker und Verfechter des Kompromisses, als Brutalo und Trostspender.
Immer noch macht es ihm »richtig Spaß«, auf alles, was ihm »links« erscheint, einzudreschen. Wenn eine Presseverlautbarung, ein Interview oder ein Fernseh-Statement die SPD richtig ärgert, »dann hat sich der Tag schon gelohnt«.
Zur Hochform lief er immer auf, wenn es galt, Kommunisten und Sozialdemokraten in einen Topf zu werfen.
Im Wahljahr 1990, nach dem Zusammenbruch der DDR, polemisierte der damalige Fraktionsgeschäftsführer Bohl lautstark gegen »Wirklichkeitsverdrehung« und »Verdrängung«. Nicht die Ost-CDU oder »eine der anderen zwangsverblockten Parteien war der Steigbügelhalter für die Machtergreifung der Kommunisten«, behauptete er, »sondern die SPD«.
Sein Gesellenstück legte der Jurist als Unionsberichterstatter jenes Ausschusses ab, der die Verfilzungen zwischen den politischen Parteien und dem Flick-Konzern zum Gegenstand hatte. Der gleiche Bohl, der jetzt als Ölkännchen-Männchen das Räderwerk des Bonner Regierungsapparates schmiert, war damals mit der Schaufel unterwegs, um Sand ins Getriebe zu streuen.
Bohl ging es nicht um Aufklärung, sondern um Schadensbegrenzung. Je offenkundiger die anrüchigen Beziehungen zwischen den Koalitionsparteien und ihren Spendern wurden, desto unentbehrlicher und ruchloser wurde Bohl.
Schlug die SPD auf Kohl oder Franz Josef Strauß ein, zauberte er Akten aus seinem Koffer, in denen die Namen von Helmut Schmidt und Willy Brandt auftauchten. Geriet der damalige Schatzmeister Walther Leisler Kiep (CDU) in Bedrängnis, sorgte Bohl dafür, daß auch dessen SPD-Kollege Friedrich Halstenberg etwas abbekam.
Als der Spendenskandal Kurs auf den Kanzler nahm, war es Bohl, der durch eine geschickt inszenierte Geschäftsordnungsdebatte in die Bresche sprang. Kohl war im Verhör durch Otto Schily - damals noch Grünen-Abgeordneter - mächtig in Bedrängnis geraten. Da beschloß die Koalitionsmehrheit auf Antrag Bohls, die Sitzung zu vertagen. Spätestens damals fiel der flinke Hesse seinem Kanzler angenehm auf.
Als der CDU-Bundestagspräsident Rainer Barzel wg. Flick in Schwierigkeiten geriet, hielt sich Bohl vornehm zurück. Barzels Rücktritt brachte jenes Personalkarussell in Gang, das aus dem einfachen Hinterbänkler Bohl einen Fraktionsgeschäftsführer machte - die erste Vorstufe zum Kanzleramt.
Alfred Dregger, der frühere Fraktionschef, hat ihn kürzlich geradezu überschwenglich als Hoffnungsträger der Union gefeiert. Vier tüchtige CDU-Politiker - Schäuble, Rudolf Seiters, Jürgen Rüttgers und Bohl - seien durch ihn, Dregger, nach oben gekommen: »Aber keiner von denen«, so Dregger, »war besser als Fritz Bohl, keiner.«
Bohl schlürft solche Elogen zwar wie Champagner. Aber er genießt das dicke Lob mit Vorsicht. Er weiß, wie gefährlich es ist, mit so viel Lorbeer behängt zu werden. Allzuviel Auf- und Ansehen schlägt bei dem mißtrauischen Kanzler schnell auf die Negativseite.
Andererseits weiß Bohl auch, daß sein politisches Schicksal derart eng mit dem des Kanzlers verwoben ist, daß er wohl aufhören müßte, wenn Kohl geht. Nicht mehr Minister? Nicht mehr graue Eminenz?
»Wenn es morgen passierte, dann würde ich daran nicht zerbrechen«, sagt er lachend. Aber die Augen flackern dabei. Y
Ist Kohl schlecht gelaunt, trägt auch Bohl düstere Züge
Elogen schlürft Bohl zwar wie Champagner, aber er genießt mit Vorsicht