ken-2,kenǝ-,keni-,kenu-; ‘kratzen, schaben, reiben’, vielfach mit kons. Erweiterungen,
kenis :konis ‘Asche’.
I. Leichte Basis: Gr. κόνις, -ιος f. ‘Staub, Asche’ (-is-St, vgl. κονίσσαλος ‘Staubwolke’, κεκόνισ-ται Theokr., κονί̄ω ‘bestäube’ aus *κονισ-ι̯ω, hom. κονίη ‘Staub, Sand, Asche’ aus κονισᾱ); ἀκονῑτί ‘unbesiegbar’ (Jüthner Gl. 29, 76);
ablaut. mit lat.cinis,-eris f. m. ‘Asche’ (aus *cenis), Dimin.cinis-culus (κόνις,cinis sind wohl ursprüngl. ein neutr.is-St. gewesen, und haben erst einzelsprachlich wegen des Nom. auf-is Geschlechtswechsel erlitten).
II. Schwere Basiskenǝ-,knē-: att. κνῆν, 3. Sg. Präs. κνῃ̃, später κνή-θω ‘schabe, kratze; jucke’, κνηθμός, κνησμός, κνησμόνη ‘das Jucken’, κνῆσις ‘das Reiben, Kratzen; Jucken’, κνῆσμα ‘Abschabsel’, κνηστήρ ‘Schabmesser’, κνῆστις ‘Schabeisen’ und ‘Rückgrat’ und ‘Brennessel’; att. Κονίσαλος ‘Dämon des Geschlechtstriebes’ (auf ein ar.*knāth- gleicher Geltung will Güntert KZ. 45, 200 av.xnaąθaitī ‘Name einer Pairika’ zurückführen).
Ahd.nuoen, mhd.nüejen ‘durch Schaben glätten, genau zusammenfügen’, ahd.hnuo,nuoa ‘Fuge, Nut’, as.hnōa ‘Fuge, Nut, schmale Ritze’, mhd.nuot ‘Zusammenfügung zweier Bretter, Fuge’, nhd.Nut, Nute.
Mir.cnáïm ‘verzehre, nage’;ēcna ‘Verzehren’ (Stokes KZ. 41, 385) ist ganz fraglich;
mir.cnāim m. ‘Knochen’ (*knō-mi-s ‘Benagtes’), cymr.cnaw, Pl.cnofein.
1.d-Erweiterungkenēd-,kenǝ-d-:
gr. κνώδων, -οντος Pl. ‘die den Schwertgriff gegen die Klinge abgrenzenden Zähne oder Haken’, Sg. ‘Schwert’, κνώδαξ, -ᾱκος m. ‘Achsenzapfen’ (‘*Zahn’), κνώδαλον ‘(bissiges =) wildes, gefährliches Tier’ (seit Hom.), schwachstufig κναδάλλεται· κνήθεται Hes., mite der ersten Silbe (wie κίναιδος, κινώπετον, s. unten) κίναδος sizil. ‘Fuchs’, att. als Schimpfwort, bei Hes., θηρίον, ὄφις’;
lit.kándu,ką́sti (*konǝd-) ‘beißen’,kándis ‘Milbe’,kañdis ‘Bissen’ (sekundärer Schleifton)ką́snis ‘Bissen’, lett.kuôžu,kuôdu, kuôst ‘beißen, scharf sein, scheiden’ (nach Persson Beitr. 808 auchkńadas ‘Nachbleibsel beim Getreidereinigen; Reizen, Necken, mit sekundärer Mouillierung);
ksl.kusъ ‘frustum’, serb.kus ‘Bissen, Stück’, ksl.kusaju,kusati, serb.kȗsām,kúsati (usw.) ‘beißen’ (schleiftonig wie von leichter Wurzelf.); abg.čęstь ‘Teil’ (*kn̥d-ti-); ohnes-Erw. poln.kądek ‘Bissen, Stück, Brocken’.
2. Labialerweiterungen:
kenē-p-: gr. κνώψ, -πός ‘bissiges Tier’, κνωπεύς· ἄρκτος Hes.; κῐνώπετον (*kenōp-) ‘Tier, bes. Schlangen und anderes giftiges Gewürm’.
kenē-bh-,kenǝ-bh-:
gr. κνήφη ‘Krätze, Räude’, mit anlaut.s- σκνήφη Hes. ‘Brennessel’; κνάπτω (γνάπτω) ‘kratze, kratze auf, walke; zerreiße, zerfleische’, κνάφος ‘Weberkarde, womit der Walker das Tuch aufkratzt; Marterwerkzeug’, κναφεύς ‘Walker, Tuchscherer’, κνάφαλον (κνέφαλλον Eur., γνόφαλλον Alkaios) ‘abgekratzte Wollflocken; Kissen’ (die Auffassung von κναφ- als Kreuzung von κνεφ- und καφ- = κn̥φ- ist unwahrscheinlich, s. Persson Beitr. 139);
gall. GNCnabetius (: run. Gen.Hnab[ī]das), air.cnai ‘vellus’ (aus dem Cymr.), cymr.cnaif ‘Fließ’,cneifio ‘tondere’, ncorn. (?)kneu, bret.kreoñ, Vanneskaneo ‘Fließ’; anders J. Loth RC 43, 408 f.;
run. Gen.Hnab(i)das (idg.*knǝbhetós ‘verstümmelt’), aisl.hnafa, Prät.hnōf ‘schneiden’,hnefi m. ‘Faust, Schwert’, mhd.neve ‘Faust’, PN ags.Hnæf, ahd.Hnabi; geminiert aschwed.nappa ‘kneifen, zerpflücken’ und diej-Verba aisl.hneppa ‘kneifen, klemmen, drücken’, ags. (einmal)hnæppan ‘schlagen, gegen etwas stoßen’;
fern bleiben jedoch ags.hnappian ‘schlummern’, ahd.hnaffezen ds., nhd. dial.na(p)fezen ds. (Wissmann Nom. postverb. 183);
lit.kniebiù, kniẽbti ‘leise kneifen’; lett.knā̀b-ju,-u,-t ‘picken, zupfen’, Iter.knābāt; lit.knab-ù,-ė́ti ‘schälen (Kartoffeln u. dgl.)’,knabùs ‘langfingerig, diebisch, geschickt’,knabénti, knebénti ‘(auf)picken’,knimbù,-aũ,knìbti ‘zupfen, klauben’, lett.knibêt,knibinât Iter. ‘klauben’ (-ni- kann Tiefstufe zu-nĕ- sein); ob die folgenden Worte erst ausknib- gefolgerten Ablaut nach deri-Reihe haben oder z. T. alte Reste deri-Variantekenei-bh- sind, ist nicht sicher; lit.knỹburiuoti ‘mit irgendeiner Hand- oder Fingerarbeit beschäftigt sein’, lett.kniêb-ju, -u, -t ‘zwicken’, Iter.knaibît.
3.s-Erweiterungkene-s-,k(e)nē-s-:
ai. redupl.ki-knasa- m. ‘Teile des zerriebenen Korns, Schrot, Grieß’;
gr. κνέωρος, -ον ‘Nesselart’ (wohl aus *κνη[σ]ορος);
got.hnasqus ‘weich, fein’ (von Kleidern; ursprüngl. entweder ‘durch Reiben oder Knistern weich gemacht’ oder ‘weich wie gekratzte Wolle’), ags.hnesce ‘zart, weich, schwach’, ahd.[h]nascōn ‘naschen (*abknipsen), Leckerbissen genießen’; lett.knùosti, knuost ‘mit dem Schnabel im Gefieder rupfen’. Vgl. von deri-Basiskenei-s-: lit.knisù usw., s. unten.
III.i-Basiskeni-,kenǝ-i:
1. Grundlage des -w-St. gr. κόνις, lat.cinis, s. oben; gr. ἀπο-, ἐκ-, δια-κναίω ‘zerschabe, zerreibe, reibe auf u. dgl.’ (scheint*knǝi̯-ṓ mit nach ἔκναι-σα, κναί-σω bewahrtemi); dazu gr. κίναιδος ‘unzüchtig’, eigentlich ‘pruriens’, erwachsen aus einem Adv. auf -δόν wie βάδος ‘Marsch’ aus βαδόν Adv.
2. Dentalerweiterungen:
k(e)nē̆i-d-:
gr. κνίζω (Fut. κνί̆δω) ‘schabe, kratze, reiae’ (*κνιδι̯ω), κνισμός ‘Jucken, Sinnenkitzel’, κνίσμα ‘das Abgeschabte, Abgekniffene, Stückchen, Brocken’; κνί̄δη ‘Brennessel’;
mir.cned ‘Wunde’ (*knidā), dazu ir. cymr.cnes ‘Haut’ (*knid-tā);
aisl.hnīta (hneit) ‘an etwas anstoßen’,hneita (*hnaitjan) ‘stoßen, beleidigen’,hnita,-aða ‘nieten’, ags.hnītan ‘stoßen, sticken’,hnitol (mnd.netel) ‘stößig, cornipetus’,gehnǣst n. ‘Zusammenstoß, Kampf’, as.of-hnītan ‘wegreißen’;
lett.kniẽdêt ‘nieten’ (wie aisl.hnita); lett.knidêt ‘jucken, kriechen, sich bewegen’; daneben von einer Wurzelf. auft: lett.knìest, 3. Präs.knìeš Prät.knìete ‘jucken’,kniẽtêt ds.
Unter der Vorstellung des kratzenden, stechenden Geruches sind anreihbar: hom. κνί̄ση ‘Opferduft, Fettdampf, Qualm’ (*κνῑδ-σ-ᾱ, vgl. lat.lixa :liquor, lit.tamsà : ai.tamas-; in die ă-Dekl. übergeführt att. κνῖσᾰ);
lat.nīdor (*cnīdōs) m. ‘Bratenduft, Brodem, Dampf, Qualm’;
aisl.hniss n. ‘Geruch, ekelhafter Geschmack beim Essen’ (:hnīta; vgl. got.stigqan ‘stoßen’: ags. ahd.stincan ‘stinken’).
3. Labialerweiterungen:
gr. κνί̄ψ, Akk. Pl. κνῖπας ‘eine Ameisenart, die Honig oder Feigen annagt; unter der Rinde lebendes Insekt’, mit anlaut.s- σκνί̄ψ ‘kleiner Holzwurm’, κνῑπός, σκνῑπός ‘knauserig’, σκνί̄πτω, σκενί̄πτω, οκηνί̄πτω ‘kneife’; κνίφεα· κνίδας Hes., κνίφων (s. dazu auch*gen-,gneibh- ‘zusammendrücken’);
mndl.nipen st. und schw. V. (ndl.nijpen) ‘kneifen, drücken, anrühren, greifen’, mengl.nīpin ‘drücken’ (germ.-p[p]-, vgl.:) aisl.hnippa ‘stoßen, stecken’,hnippask ‘zanken’, mengl.nippen ‘kneifen, klemmen’, engl.nip, nd. ndl.nippen ‘nippen’, nhd. bair.nipfen, nipfeln ‘nippen’; nd.nibbelen ‘abbeißen’; vielleicht lit.knimbù u. dgl. (s. o. unterkenē-bh-), wenn mit altemi-Vokalismus.
4.s-Erweiterung: lit.knisù, knìsti ‘wühlen, graben’, lett.knisis,knislis ‘kleine Mücke’.
IV.u-Basiskenu-,kneu-:
1. Gr. κνό(ϝ)ος, κνοῦς ‘das knarrende Reiben des Rades in der Radachse; Larm der Füße beim Marschieren’, κνύ̄ω ‘kratze leicht’, κνῦμα ‘das Kratzen, leichte Anpochen’, κνύος n. ‘Krätze’, κνύ· ἐλάχιστον Hes.;
aisl.hnøggva, hnǫgg (und schwachhnyggja) ‘stoßen’ (ursprüngl. ‘reiben, kratzen’) = ahd.hniuwan, mhd.niuwen ‘zerstoßen, zerquetschen’ (ags.hnygelan, Plur. ‘Abschnitzel’ aus*hnuvilan-?); ferner mit der Bed. ‘karg’ (vgl.schäbig :schaben) aisl.hnøggr ‘knapp, karg, sparsam’, ags.hnēaw ‘karg, knauserig’, mnd.nouwe ‘eng, schmal, knapp, gering, genau’, mhd.nou,nouwe ‘eng, genau, sorgfältig’, nhd.genau;
lett.knūdu undknūstu, Inf.knūt undknūst, Prät.knūdu ‘jucken’ (d(h)- undst-Präs., vgl. mit wurzelhaft behandeltem-d- auchknudêt ds.); poln.knować ‘zerstückeln, ästeln’,knowie ‘Strohsplitter’? (s. auch Brückner KZ. 45, 313 wegen slav.*kъnъ ‘Stamm’,*kъńiga ‘Buch’, worüber anders Berneker 663, 664).
2. Dentalerweiterungen:
Mitd: gr. κνῦζα, κνῦσα ‘Krätze’, κνυζοῦμαι ‘kratze mich’; über κόνυζα s. unten; ags.hnot ‘abgeschabt, kahl, kurzgeschoren’.
Mitdh: gr. κνύθος· ἄκανθα μικρά Hes., κνυθόν· σμικρόν Hes.;
aisl.hnjōða,hnauð ‘stoßen, schlagen, nieten’, ahd.pi-hnēotan ‘befestigen’, mhd.niet m. f. ‘breit geschlagener Nagel, Niet’,nieten ‘nieten’; aisl.hnyðia ‘Werkzeug zum Schlagen oder Klopfen’;
norw. dial.nuddast ‘abgestumpft werden’ (mits- schwed. mdartl.snudda ‘sanft berühren’, Falk-Torp u.nudd); ahd.hnotōn ‘schütteln’, mhd.notten ‘sich hin und her bewegen’, mengl.nodden, engl.nod ‘nicken’; aisl.hnoss f. ‘Kleinоd’ (‘gehämmert’), ags.hnossian ‘klopfen’. Über lett.knudêt usw. s. oben 1.
Mitt: vermutlich got.hnuþō,hnutō ‘σκόλοψ’, aisl.hnūðr ‘Stange, Pfahl’, lett.knute, knutele ‘dünne Stange’ (oder Lw. aus nhd.Knüttel?).
3.g-Erweiterungen: gr. κόνυζα, σκόνυζα, κνῦζα ‘starkriechende Pflanze, Erigeron viscosumL.’ (wenn -ζ- aus -γι̯- ; auch -δι̯- ist gleich möglich; zur Geruchsbed. vgl. oben κνῖσα,nīdor); aisl.hnykr (*hnuki-) ‘Gestank’ (danebenfnykr, snykr, knykr, nykr ds., wobl späte Anlautswechselformen).
4. Labialerweiterungen:
Mit idg.b: got.dis-hniupan ‘zerreißen’,dishnupnan ‘zerrissen werden’, aschwed.niupa ‘kneifen’, ags.ā-hnēopan ‘abpflücken’; mit intensiver Kons.-Doppelung norw. mdartl.nuppa ‘pflücken, rupfen’, ags.hnoppian ‘pflücken’, dän. mnd.noppe ‘Wollflocke, Zotte, Hechelhede’;
mit idg.bh: aisl.hnȳfill ‘kurzes, abgestumpftes Horn, Lamm mit solchen Hörnern’, ndd.nobbe, nubbe ‘Wollflocke’, mhd.noppe, nоp ‘Tuchflocke’ (eher Lw. aus mnd.noppe).
5.s-Erweiterung: lett.knaũsis ‘kleine Mücke’ (wieknisis,k̨nislis von deri-Basis).
WP. I 392 ff., WH. I 217 f., II 166 f.