Das Vorhaben »Quellen und Forschungen zur sächsischen Geschichte« an derSächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig umfasst die drei Editionsprojekte»Politische Korrespondenz des Herzogs und Kurfürsten Moritzvon Sachsen« (PKMS), »Akten und Briefe zur Kirchenpolitik Herzog Georgsvon Sachsen« (ABKG)1 sowie die »Thomas-Müntzer-Ausgabe« (ThMA). ImFolgenden sollen Ergebnisse der Forschungs- und Editionsarbeit an derKorrespondenz des Herzogs und Kurfürsten Moritz von Sachsen vorgestellt werden.2 Diese widmet sich einer der maßgeblichen Persönlichkeiten der deutschenGeschichte im 16. Jahrhundert – einer Person, der zwar kaum je ihregroße Bedeutung für die Landes- und Reichsgeschichte abgesprochen wordenist, deren Handeln aber häufig ambivalent, nicht selten auch negativ beurteiltworden ist.
Abb. 1: Lucas Cranach d. J. (1515–1586): Moritz, Kurfürstvon Sachsen. Meißen, Fürstenschule. SLUB / Deutsche Fotothek / Aufnahme: Walter MöbiusDie Moritz-Korrespondenz war eines der Gründungsprojekte der SächsischenKommission für Geschichte im Jahre 1896. Erich Brandenburg konnte 1900und 1904 die ersten beiden Bände veröffentlichen. Ein fast fertiges Manuskriptdes dritten Bandes ist dann 1945 bei der Bombardierung Dresdens verbrannt.Ab 1956 wurde bei der Sächsischen Akademie ein Neuanfang gestartet. Vorallem war es Johannes Herrmann, der die Vorarbeiten für die weiteren Bändebegann. Allerdings standen zumeist nur geringe Mittel zur Verfügung unddie Arbeiten konnten nur nebenamtlich durchgeführt werden. Band 3 der Korrespondenz– bearbeitet von Johannes Herrmann und Günther Wartenberg –konnte schließlich 1978 erscheinen. Zu einer Intensivierung der Arbeit führtedann 1992 die Begründung des Akademieunternehmens »Quellen und Forschungenzur sächsischen Geschichte« sowie die Einwerbung von Drittmittelnder Fritz-Thyssen-Stiftung. Zwischen 1992 und 2006 konnten folgerichtig dieBände 4, 5 und 6 der Korrespondenz erscheinen, bearbeitet von Johannes Herrmann,Günther Wartenberg und Christian Winter (siehe Fn. 2).
Um den großen Umfang der Korrespondenz bewältigen und drucken zukönnen, wird das Material zumeist in Form von ausführlichen Regesten ediert.4 Die wörtliche Wiedergabe ist auf persönliche Schreiben des Kurfürsten undandere entscheidende Dokumente, wie z. B. Verträge, begrenzt. Mit den Hauptdokumentenund weiteren, nach inhaltlichen Kriterien zugeordneten Regestenenthält ein Band 2 000 bis 3 000 Quellenstücke, die alle im Original eingesehenwurden. Es handelt sich um Material aus mehr als 45 Archiven in Deutschlandund dem europäischen Ausland. Der Schwerpunkt liegt bei dem SächsischenHauptstaatsarchiv in Dresden, daneben sind u. a. vertreten: Stadtarchiv Augsburg,Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin, StaatsarchivBamberg, Archives Générales du Royaume Bruxelles, Staatsarchiv Coburg,Tiroler Landesarchiv Innsbruck, Rigsarkivet Kopenhagen, LandeshauptarchivSachsen-Anhalt Magdeburg, Hessisches Staatsarchiv Marburg, Archiviodi Stato di Modena, Bayerisches Hauptstaatsarchiv München, Bibliothèquenationale de France Paris, Landeshauptarchiv Schwerin, HauptstaatsarchivStuttgart, Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Staatsarchiv Wolfenbüttel,Österreichisches Staatsarchiv – Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien. EineEinleitung sowie ein Personen- und Ortsregister erschließen die Quellenstückein jedem Band.
Moritz von Sachsen kam im Jahre 1521 als erster Sohn Herzog Heinrichs undseiner Gemahlin Katharina, einer geborenen Herzogin von Mecklenburg, inFreiberg zu Welt. Als Spross einer Nebenlinie der sächsisch-albertinischenHerzöge hatte er bei seiner Geburt wenig Aussicht darauf, ein ›Global Player‹zu werden. Da aber die Söhne seines Onkels, Georg des Bärtigen, vor ihrem Vaterstarben, übernahm dessen Bruder, Herzog Heinrich, 1539 die Regierung imalbertinischen Herzogtum, und ihm folgte zwei Jahre später sein Sohn Moritz.Doch das sollte erst der Anfang von dessen Aufstieg sein.
Um die Mitte des 16. Jahrhunderts war in den beiden sächsischen Landesteilen,dem ernestinischen Kurfürstentum und dem albertinischen Herzogtum,die Wittenberger Reformation bereits fest etabliert. Im Reich standen sichdie Religionsparteien immer unversöhnlicher gegenüber. Unabwendbar schieneine kriegerische Auseinandersetzung zwischen dem Kaiser und den altgläubigen Reichsständen auf der einen sowie dem Schmalkaldischen Bund unterFührung des sächsischen Kurfürsten Johann Friedrich und des Landgrafendes praktischen Glaubensvollznderen Seite. Sachsen unter den Wettinern wareine bedeutende Größe im Reich deutscher Nation, als Mutterland der Reformationganz besonders auch auf religionspolitischem Gebiet. Dabei war dasHaus Wettin erst im 15. Jahrhundert – vor allem durch den Reichtum aus demBergbau – in die ›Erste Liga‹ des Reichsverbandes aufgestiegen. Wie sich nunein Vertreter dieses Hauses anschickte, sogar die Wendungen der europäischenGeschichte mitzubestimmen, soll im Folgenden dargestellt werden.
Abb. 2: Stammbaum der Wettiner, Mitte 15. – Mitte 16. Jh.Moritz war persönlich durchaus evangelisch gesinnt,5 zu der politischen Vereinigungder Protestanten, dem Schmalkaldischen Bund, aber hielt er Distanz –nicht zuletzt um eine gewisse Selbständigkeit gegenüber seinem Vetter JohannFriedrich, dem Kurfürsten, zu bewahren. Damit wurde Moritz zu einemwesentlichenFaktor für die Politik Kaiser Karls V. Moritz’ Wunsch, in dem Konflikt neutral zu bleiben und vielleicht zu vermitteln, war zum Scheiternverurteilt, zumal er natürlich vor allem dem Interesse folgte, für seine eigenePosition und die seines Landes das Beste zu erreichen.
Mehr unfreiwillig wurde Moritz in ein Bündnis mit dem Kaiser gezogen.Letztlich wurde er von der kaiserlichen Politik überlistet – unter Mithilfe seineseigenen Rates Christoph von Karlowitz.6 Moritz trat damit endgültig auf dieBühne der Reichspolitik. Die mündlichen Zusagen, die Moritz letztlich bewogenhatten, im Juni 1546 den Regensburger Vertrag zu unterschreiben, erwiesensich als nicht allzu tragfähig. Durch den Vertrag mit dem Kaiser bekamMoritz wenig in die Hand, war nun jedoch fest an die habsburgische Politikgebunden. Gewiss konnte er weiter neutral bleiben, doch drohte dann im bevorstehendenKrieg die Inbesitznahme des ernestinischen Landes durch einenDritten. Es war klar, dass dies nur der Bruder des Kaisers, König Ferdinand,sein konnte, der in Böhmen und Österreich regierte. Wollte Moritz den Verlustvon wettinischem Territorium für das Haus Sachsen insgesamt verhindern,musste er sich also am Krieg gegen seinen Vetter Johann Friedrich beteiligen.
Mitte August 1546 – der Krieg war inzwischen ausgebrochen – erhielt Moritzvom Kaiser den Befehl, die Acht gegen Johann Friedrich und Landgraf Philippzu vollstrecken. Die Sache wurde noch pikanter, da sich dieser Befehl nicht nurgegen Moritz’ Vetter Johann Friedrich, sondern mit dem Landgrafen auch gegenMoritz’ Schwiegervater richtete. Der Herzog versuchte zwar, seine dilatorischeHaltung möglichst lange aufrecht zu erhalten, doch König Ferdinand in Pragdrängte auf ein aktives militärisches Handeln. Schließlich konnte Ferdinandden Herzog im Prager Vertrag vom 14. Oktober 1546 zum gemeinsamen Feldzuggegen das ernestinische Kurfürstentum verpflichten. Im Gegenzug wurde Moritzdie in Regensburg bereits in Aussicht gestellte sächsische Kurwürde nun festzugesagt, daneben ein erheblicher Gebietszuwachs. Kurz darauf rückten böhmischeTruppen in Sachsen ein und, wie abgesprochen, folgte darauf die Kriegserklärungvon Moritz gegen den Kurfürsten – weil er verhindern müsse, dassdessen Land in fremde Hände falle. Dieses Motiv ist von Moritz gewiss nicht nurvorgeschoben, sondern entspricht seinen tatsächlichen Befürchtungen. Binnenweniger Wochen konnte Moritz nahezu alle ernestinischenGebiete besetzen, daJohann Friedrich mit seinen Truppen in Süddeutschland stand. Beinahe ebensoschnell erfolgte dann allerdings auch die Rückeroberung, nachdem JohannFriedrich nach Sachsen zurückgekehrt war. Moritz geriet – von den böhmischenVerbündeten weitgehend verlassen – vorübergehend in große Not. Für den Ausgang des Schmalkaldischen Krieges war Moritz’ militärischer Beitrag allerdingsnicht ausschlaggebend. Erst im April 1547 wurde durch den Kaiser der entscheidendeSchlag geführt, der schließlich zur Niederlage Johann Friedrichs in derSchlacht von Mühlberg führte.7
Abb. 3: Tizian, eigentl. Tiziano Vecellio (1477–1576): KaiserKarl V. im Lehnstuhl. München: Alte Pinakothek. SLUB /Deutsche Fotothek / Aufnahme: Martin WürkerDie Ergebnisse des Schmalkaldischen Krieges brachten Moritz einen ungeheurenMachtgewinn. Sein Vetter Johann Friedrich geriet in die Gefangenschaftdes Kaisers. Moritz hingegen erhielt die sächsische Kurwürde mit dem Kurkreisum Wittenberg und nahezu alle ernestinischen Gebiete östlich der Saale.
Das Verhalten des Moritz von Sachsen bei der Übernahme der Kur ist imallgemeinen wie auch im wissenschaftlichen Urteil sehr widersprüchlich interpretiertworden: Schon zeitgenössisch ist der Vorwurf des Verrats – Moritz alsder »Judas von Meißen« ist ein vor allem von den theologischen Gegnern des Albertiners verbreitetes, auch heute noch geläufiges Verdikt.8 Auf der anderenSeite gilt Moritz als Retter der evangelischen Universität Wittenberg und desevangelischen Glaubens in Sachsen insgesamt. Auch ist er als Vorkämpfer füreine historisch notwendige Einheit der sächsischen Länder, eine Einheit Mitteldeutschlandsgesehen worden.9 Es ist Aufgabe einer historisch-kritischenEdition, hier zumindest die Basis für ein ausgewogenes Bild auf Grundlage derhistorischen Quellen zu liefern. Die Moritzedition bietet dafür neben den Quellenvon Moritz selbst ein vielschichtiges Quellenkorpus: Briefe von Fürsten undihren Räten ebenso wie Korrespondenz von Stadträten, Kundschaftsberichte,Verhandlungsprotokolle und -instruktionen.
Mit dem Ende des Schmalkaldischen Krieges 1547 waren zahlreiche künftigeKonflikte angelegt. Für Moritz waren mit der Position als Kurfürst auch komplizierteneue Gefährdungslagen verbunden. Er musste die neue Situation imSpannungsfeld zwischen Kaiser und evangelischen Reichsständen, zwischenLoyalität zum Reichsoberhaupt und persönlichem Bekenntnis gestalten. Dochdas Verhältnis zu Karl V. war gestört. Der Kaiser kannte nach dem Sieg überden Schmalkaldischen Bund keine Rücksicht oder Mäßigung. Für Moritzwurde die unerwartete Gefangennahme seines Schwiegervaters Landgraf Philippvon Hessen durch den Kaiser zu einer demütigenden Erfahrung, bei derdie kaiserliche Diplomatie mit zweideutigen Aussagen, wenn nicht sogar mitdem Bruch von Zusagen operierte.10 Moritz jedenfalls fühlte sich vom Kaiserbetrogen und in seiner Ehre verletzt. Zudem vergrößerte Karl V. mit dem AugsburgerInterim die Schwierigkeiten für Moritz auf kirchenpolitischem Gebiet.Das 1548 erlassene Interim sollte für eine Übergangszeit bis zu einem Konzildie kirchlichen Verhältnisse regeln.11 Karls V. wieder. Die Überlassung der lothringiugs, wie Zeremonien, wurde in zentralen theologischen Streitfragenletztlich eine Rückkehr zur altgläubigen Positionen verlangt, was zu scharferAblehnung auf protestantischer Seite führte. Kam Moritz dem kaiserlichen Befehlzur Einführung des Interims nach, hatte er seine Untertanen gegen sich,führte er es nicht ein, drohten Sanktionen des Kaisers.
In diesen vielschichtigen Kalamitäten entschied sich Moritz dafür, eigenepolitische Ziele gegen die Ansprüche Karls V. zu behaupten. Der junge Kurfürstbegann etwa 1549, unterstützt durch seine Räte, eine weitreichende Bündnispolitikaufzubauen. Daneben steht – ebenso bedeutsam – die Vollendung einesumfangreichen Reformwerks im Inneren, einer tiefgreifenden Modernisierungder Staats- und Finanzverwaltung, des Gerichtswesens und nicht zuletzt desBildungswesens.12
Außenpolitisch suchte Moritz zunächst eine Annäherung an König Ferdinand,den in Böhmen und Österreich herrschenden Bruder Karls V. Der Kurfürstwusste inzwischen um die Konflikte zwischen den Habsburger Brüdern.Durch gegenseitige Besuche im Sommer 1549 wuchs ein Vertrauensverhältniszwischen Moritz und Ferdinand, das an das traditionell von guter Nachbarschaftgeprägte sächsisch-böhmische Verhältnis anknüpfte. Trotz konfessionellerGegensätzebegann sich eine enge Zusammenarbeit in der Reichspolitikzu entwickeln, die schließlich zu einer politischen Partnerschaft geworden ist.
Als besonders einflussreich sollte sich die Reise des jungen Kurfürsten nachItalien Anfang 1549 erweisen.13 Sie war einerseits für die kulturelle Prägung deskursächsischen Hofes sehr bedeutsam. Unter dem persönlichen Eindruck deritalienischen Renaissance holte Moritz Musiker, Maler und Baumeister aus Italien nach Dresden. In Trient machte ihm Kardinal Cristoforo Madruzzo einegroße Freude mit 20 neapolitanischen Stuten, mit denen wohl das kurfürstlicheGestüt in Graditz begründet wurde. Doch auch die politische Bedeutung derItalienreise ist groß: In Ferrara lernte Moritz mit Herzog Ercole d’Este einenwichtigen Parteigänger Frankreichs kennen. Vielleicht reifte am Hofe der Esteder Entschluss, den habsburgisch-französischen Gegensatz für seine weiterenZiele zu nutzen.
Abb. 4: Barthel Beham (1502–1540): Ferdinand l. Dresden. Kupferstich-Kabinett. SLUB / Deutsche Fotothek /Aufnahme: Regine RichteUm politische Kontakte bemühte man sich auch in Polen und in England.Eine enge Verbindung wurde mit Dänemark geschaffen, als Herzog August, derBruder von Moritz, im Oktober 1548 die dänische Prinzessin Anna heiratete.
Ging es Moritz in den bisher genannten Beziehungen eher um Sicherheitund Rückhalt, so trat daneben zunehmend die Offensivoption gegen denKaiser in den Vordergrund. Zunächst suchte Moritz die Annäherung an dieevangelischen Fürsten in Norddeutschland, vor allem an Markgraf Johannvon Brandenburg-Küstrin, Herzog Albrecht von Preußen und Herzog JohannAlbrecht von Mecklenburg, die sich im Königsberger Bund gegenseitige Hilfe zur Wahrung ihrer evangelischen Religion zugesagt hatten. Als besondererSchachzug erwies sich zudem Moritz’ Taktieren mit der Stadt Magdeburg,die sich in der Reichsacht befand, weil sie sich dem Kaiser nicht unterwerfenwollte. Moritz wurde vom Kaiser mit der Führung der Belagerung Magdeburgsbetraut. Es gelang ihm, diesen Befehl in einer solchen Weise auszuführen, dasses nicht nur zu einer gewaltlosen, vertraglichen Regelung mit der Stadt Magdeburgkam. Mit den Belagerungstruppen in seiner Hand und einem entschlossenenVerhandlungsgeschick schuf sich Moritz zugleich die machtpolitischeund militärischeBasis, um an die Spitze der gegen den Kaiser opponierendenevangelischen Fürsten zu treten.14
Auf diese Weise wurde Moritz 1551 zum Haupt der antikaiserlichen Oppositionin Deutschland. Die vorhandene Machtbasis allerdings – das sah errealistisch – war eher gering. Sie bezog sich neben Kursachsen fast nur auf Hessen,Mecklenburg und Teile Brandenburgs. Um dem Kaiser tatsächlich Parolibieten zu können, musste Moritz den Schritt auf die internationale Bühne wagen,er musste die Verbindung mit Frankreich suchen, der einzigen Macht, diees mit den Habsburgern aufnehmen konnte. Der Gedanke eines Bündnisseszwischen protestantischen Fürsten und Frankreich war an sich nichts Neues,doch war es bis dahin wegen religiöser und landsmannschaftlicher Vorbehaltenoch zu keinem Bundesschluss gekommen. Mit König Heinrich II. von Frankreichund Kurfürst Moritz standen sich nun zwei fast gleichaltrige Herrschergegenüber, die aufgeschlossener für Zugeständnisse waren als ihre Vorgänger.Unterschiedliche Religionszugehörigkeit war für sie kein Hinderungsgrundmehr für politische Bündnisse.15
Doch obwohl beide Seiten an einem Zusammenwirken interessiert waren,erwiesen sich die Verhandlungen mit Frankreich als langwierig und schwierig.Streitpunkt waren vor allem die Finanzen – die Nerva belli –, die Frankreichden Fürsten als Subsidien für den geplanten Angriff gegen den Kaiserzahlen sollte. Schließlich verließ auch noch Markgraf Johann von Brandenburgim Streit mit Moritz den Bund. Dennoch kam es Anfang 1552 doch zum Vertragsschluss.Moritz, Herzog Johann Albrecht von Mecklenburg und LandgrafWilhelm von Hessen, der Sohn des gefangenen Landgrafen Philipp, schlossenam 15. Januar 1552 mit dem französischen König den Vertrag von Chambord.
König Heinrich II. verpflichtete sich zur Zahlung von 100 000 Kronenim ersten und 70 000 Kronen in den Folgemonaten sowie zum Angriff in Lothringen.Die Fürsten sagten gleichfalls den Angriff gegen den Kaiser mitfestgelegtenTruppenkontingenten zu. Frankreich sollte – als Gegenleistung –die zum Reich gehörenden, aber französischsprachigen Städte Cambrai, Toul,Metz und Verdun einnehmen. Die Fürsten wollten dem König dann zu einemReichsvikariat,also zu einem Rechtstitel für deren Besitz, verhelfen. Obwohles nicht zu einer Okkupation, sondern zu einer rechtlich sanktionierten Herrschaftkommen sollte, entwickelte sich daraus de facto doch eine Ablösung derStädte vom Reich. Die national gesinnte Geschichtsschreibung des 19. Jahrhundertshat Moritz und seinen Verbündeten dafür scharf ›Verrat an der deutschenSache‹ vorgeworfen.16 Zeitgenössisch wurde aber von Moritz und seinen Verbündetender Kampf gegen den Kaiser als Kampf gegen die spanische Fremdherrschaft,die »unerträgliche, viehische, spanische Servitut«, wie es in denQuellen heißt, interpretiert, was durchaus auch auf Anklang stieß.17 Moritzwurde in diesem Kontext zum Retter des Protestantismus vor dem Kaiser stilisiert.Das Schlagwort von der deutschen Libertät war einerseits eine immer wiederkehrendeParole in der Auseinandersetzung der Reichsstände mit dem Kaiser,andererseits spiegelt es aber die ehrlich empfundene Bedrohung durch eine»Monarchia unversalis« Karls V. wieder. Die Überlassung der lothringischenStädte war im Übrigen vor allem strategisch gedacht, um die habsburgischenNiederlande von den habsburgischen Besitzungen im Reich zu trennen. Sie warzudem die einzige wirkliche Gegenleistung für die französischen Zahlungen,eine allerdings, deren geschichtliche Wirkung von Dauer sein sollte.
In dem geplanten Feldzug verfolgte Moritz keine Eroberungsziele. Anlasswar auch nicht allein die Sicherung seiner Kurwürde. Hauptmotiv war – nebender Freilassung seines Schwiegervaters Landgraf Philipp – im weiteren Sinneder Wunsch nach stabilen Verhältnissen, die den Status quo im Reich machtundreligionspolitisch sicherten. Dieses Ziel konnte der Kurfürst nur gegen denKaiser erreichen. Zugleich blieb Moritz flexibel und suchte nicht unbedingt denvollständigen Sieg, sondern orientierte auf die Möglichkeit, aus guter Positionzu verhandeln. Ende Februar 1552 waren die Vorbereitungen des Feldzugesgegen den Kaiser abgeschlossen. Doch Moritz verfolgte eine Doppelstrategie.Parallel beschritt er den Weg der Verhandlung mit König Ferdinand. So kam es zu der ungewöhnlichen Situation, dass die Friedensverhandlungen bereitsvor dem eigentlichen Kriegsausbruch begonnen wurden. Als Moritz bereits imAufbruch zum Feldzug war, wartete er noch einen Tag auf den Unterhändlerdes Königs. Mit diesem, dem Burggrafen Heinrich IV. von Meißen,18 legteMoritzvor Beginn des Feldzuges bereits Ort und Zeitpunkt der Friedensverhandlungin Linz fest.
Währenddessen waren die Truppen seit dem 17. März von Leipzig über denThüringer Wald nach Franken gezogen. Anfang April erreichte man Augsburg.Die Stadt, eine der mächtigsten Reichsstädte, konnte nach drei Tagen kampfloseingenommen werden. Diese erhebliche Machtdemonstration verbesserte dieVerhandlungsposition gegenüber König und Kaiser wesentlich.
Am 18. April traf Moritz per Schiff auf der Donau in Linz bei KönigFerdinandein. Die Bedeutung dieses Treffens lag weniger in unmittelbarenErgebnissen,als in den Gesprächen an sich, in denen Ferdinand und Moritz dieKompromissbereitschaft des jeweils anderen erkannten. Man einigte sich, dieVerhandlung vom 26. Mai an in Passau fortzuführen. Von diesem Tag an sollteauch ein Waffenstillstand gelten. Die Zeit, die bis dahin blieb, nutzten Moritzund seine Verbündeten für eine Fortsetzung des Feldzugs nach Oberdeutschlandund Tirol. Der Kaiser sollte gehindert werden, neue Truppen aus Italienheranzuführen. Zudem sollte eine weitere Machtdemonstration die KompromissbereitschaftKarls V. erzwingen und diesem den Nimbus des Unbesiegbarennehmen.
Am 12. Mai brach man in Richtung Alpen auf. Am 18. Mai war man inFüssen und rückte weiter in Richtung der von kaiserlichen Truppen stark befestigtenEhrenberger Klause, einer der massivsten Festungen im Alpenraum, dieden Weg zum Fernpass in das Inntal sperrte. In der folgenden Nacht verändertedie verwegene Aktion eines Truppenführers der Verbündeten, Herzog Georgsvon Mecklenburg, die Lage völlig – »wie ein gems« sei er des Nachts »vber diefelsen geklettert«, berichten die Quellen.19 Von wenigen Kriegsleuten begleitet,stieß er in den Rücken der Klause, die nun von beiden Seiten eingeschlossenwar und in kurzer Zeit erobert wurde. Damit war der Weg nach Innsbruckfrei. Dort – 90 km entfernt – traf einige Stunden später völlig unerwartet dieNachricht vom Fall der Klause ein. Panik machte sich breit. Karl V. und KönigFerdinand beschlossen, die Stadt unverzüglich in Richtung Brenner zu verlassen. Abends halb 9 Uhr verließen sie Innsbruck bei strömendem Regen mitihrem Gefolge.
Die demütigende Flucht endete für Karl V. erst in Villach. Ferdinand zogzur Verhandlung nach Passau. Denn Moritz hatte trotz der Eroberung derKlause seine Verhandlungsbereitschaft erneut bekräftigt.
Abb. 5: Darstellung der Flucht Kaiser Karls V. aus Innsbruck vor den anrückendenTruppen der Bundesfürsten, aus: Neu-eröffneter Historischer Bilder-Saal, Das ist:Kurtze, deutliche und unpassionierteBeschreibung der Historiae universalis. Bd. 4:Die Geschichte vom Kayser Carolo IV. an, biß auf die Regierung Kaysers Leopoldi […].Nürnberg 1733, S. 377.Die Truppen der Bundesfürsten trafen erst vier Tage später in Innsbruck ein.Man hatte dem Kaiser also Zeit gelassen, seine Gefangennahme war nichtbeabsichtigt. Moritz suchte nicht unbedingt den vollständigen Sieg, sonderndie Möglichkeit, aus guter Position zu verhandeln. Dazu reiste er sofort weiternach Passau. Neben ihm und König Ferdinand erschienen dort auch Gesandtschaftenaller Kurfürsten und der wichtigsten weltlichen und geistlichen Reichsfürsten, daneben auch ein französischer Gesandter. Es war also eineansehnliche Ständeversammlung, allerdings ohne den Kaiser und ohne diekleineren Reichsstände. In zweiwöchigen Verhandlungen einigten sich Ferdinandund Moritz sowie die Vertreter der Reichsstände auf einen Vertragstextzur Beilegung zahlreicher Konflikte im Reich. Vor allem war eine rechtlicheLösung der Religionsfrage vorgesehen, die vom Grundsatz des Gewaltverzichtsund der gegenseitigen Anerkennung der Religionsparteien ausging und aufeinenimmerwährenden Frieden zielte. Der Religionsfrieden sollte unabhängigvon einer Religionseinigung unbefristet gelten. Die Trennung des Religionsstreitsvom allgemeinen Friedensproblem wurde von allen an der VerhandlungBeteiligten als notwendig erkannt. König Ferdinand und Kurfürst Moritz, diewesentlichen Akteure in Passau, hatten beide großes Interesse am Gelingen desVertrages. Beide brauchten einen dauerhaften Frieden im Reich, der nur durcheine reichsrechtliche Kompromisslösung der Religionsfrage zu erzielen war.Erst dann konnte der König eine wirksame Hilfe gegen die Osmanen erwarten,und Moritz konnte nur so auf die Sicherung der evangelischen Reichsständeund seiner eigenen Position als sächsischer Kurfürst rechnen.
In Passau hatte man sich im Juni 1552 zwar geeinigt. Als schwierig erwieses sich jedoch, die Ergebnisse einerseits dem Kaiser – der in Villach gebliebenwar – und andererseits den Verbündeten des Kurfürsten – die noch imFeldlager standen – zu vermitteln. Moritz erreichte – mit erheblicher Mühe –die Zustimmung seiner Verbündeten. Der Kaiser wollte eigentlich völligablehnen,doch rang ihm sein Bruder zumindest eine bedingte Zustimmungab, allerdings mit entscheidenden Änderungen, vor allem mit einer Befristungdes Religionsfriedens bis zum nächsten Reichstag. Trotz dieser Einschränkungenunterzeichnete Moritz – mit dem Blick für das politisch Erreich-bare – den Passauer Vertrag am 2. August 1552. Der Vertrag ist dann auch dreiJahre später zur Grundlage des Augsburger Religionsfriedens geworden.20
Trotz des Erfolges blieb Moritz in einer gefährdeten Situation. Gegen dievon Karl V. drohende und auch vorbereitete Revanche konnte nur König FerdinandSchutz bieten. Dementsprechend bemühte sich der Kurfürst um einenfesten Bundesschluss mit dem König. Doch nie verließ sich Moritz nur auf eineSeite. So ließ er im Frühjahr 1553 auch wieder mit Frankreich über ein neuesBündnis verhandeln.21
Als sehr bedrohlich erschien für Moritz das Agieren des aus kaiserlicherGefangenschaft zurückgekehrten Johann Friedrich. Der Ernestiner, der sichanmaßend ›Geborener Kurfürst‹ nannte und das Kurwappen führte, ließ dieFestung Gotha ausbauen. Noch größere Gefahr, ja offene Gewalt drohte durchden unberechenbaren Markgrafen Albrecht Alkibiades von Brandenburg-Kulmbach. Dieser hatte Moritz ursprünglich im Fürstenkrieg unterstützt, wardann aber auf die Seite des Kaisers gewechselt und hatte schließlich in Frankeneinen Krieg gegen die Bischöfe von Bamberg und Würzburg angezettelt, dersich auszuweiten drohte. Karl V. taktierte dabei im Hintergrund sehr undurchsichtig.Die im Passauer Vertrag mühsam gewonnene Sicherheit drohte zerstörtzu werden. Kurfürst Moritz und König Ferdinand entschlossen sich gemeinsamzur Gegenrüstung und schließlich zum Angriff gegen den Unruhestifter.Der Konflikt mit Markgraf Albrecht führte Moritz am Ende in die Schlacht vonSievershausen am 9. Juli 1553. Deren Ausgang war tragisch: In der blutigstenSchlacht der Reformationszeit blieben die sächsischen Truppen zwar siegreich,Kurfürst Moritz aber erlitt eine Schussverletzung im Rücken, an welcher erzwei Tage nach der Schlacht starb. So war es Moritz nicht vergönnt, die Früchteseiner Politik zu genießen.
Wenn wir auf die Frage im Titel des Beitrages zurückkommen, so können wirgewiss die europäische Dimension des politischen Wirkens von Moritz festhalten,unter dessen Regierung das – im internationalen Maßstab – eher kleineKurfürstentum am Tisch der Großmächte Habsburg und Frankreich saß undzwischen Italien, Polen und Skandinavien handelte. Die etwas provokativgestellte Frage »Sachsen als europäische Großmacht?« muss dann aber wohldoch mit Nein beantwortet werden, wenn man nicht die Beurteilung allein aufwenigeJahre stützen will. Für die langfristige Durchsetzung einer so ambitioniertenRolle fehlte es dem Land der Wettiner sowohl an Landmasse wieauch und nicht zuletzt an der fiskalischen Basis.22 Auch reichten die familiärenVerbindungen und Vernetzungen der Wettiner nicht im Entferntesten an dieder Habsburger heran. Im Reichsgebiet selbst nahm Sachsen zwar eine Spitzenstellungein. Doch fehlten die Grundlagen, um für längere Zeit im Konzert dereuropäischen Großmächte mitzuspielen.
Moritz’ Nachfolger, Kurfürst August, hat dann auch folgerichtig die ambitionierte,risikofreudige Politik seines Bruders zugunsten einer Reichspolitikaufgegeben, die Kursachsen vor allem als starken Partner und Gegenüberzum Kaiser im Reich etablierte. Andererseits waren zu diesem Zeitpunkt diegroßen reichspolitischen Ziele auch bereits – durch Moritz – verwirklicht: DasAugsburger Interim war aufgehoben, der hessische Landgraf frei, die Sicherheitfür die Anhänger der Augsburgischen Konfession in einer bikonfessionellenReichsordnung angelegt, eine Universalmonarchie Karls V. verhindert. DieEinsicht, dass mit Gewalt in der Religionsfrage nichts mehr zu ändern war,hatte sich durchgesetzt. Das Wirken von Moritz sowohl im reichspolitischenund wie auch im europäischen Rahmen hat daran entscheidenden Anteil.
Sächsische Akademie
der Wissenschaften
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